{"id":2952,"date":"2017-06-23T15:33:42","date_gmt":"2017-06-23T15:33:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=2952"},"modified":"2018-04-06T19:11:20","modified_gmt":"2018-04-06T19:11:20","slug":"der-sehnsucht-folgen-neues-wagen","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=2952","title":{"rendered":"Der Sehnsucht folgen \u2013 Neues wagen"},"content":{"rendered":"<h2><strong>Ein pfingstlicher Aufbruch im Kontext gesellschaftlicher Ver\u00e4nderungsprozesse<\/strong><\/h2>\n<p><strong><em>Tag der diakonischen Gemeinschaft in Speyer<\/em><\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>1. Leben ist Aufbruch<\/strong><\/p>\n<p>\u201eLeben ist loslassen\u201c, schrieb mir eine Freundin, als ich aus der EKD in die Selbst\u00e4ndigkeit wechselte. Einen Ort, einen Arbeitsplatz, eine gewohnte Rolle auch. Und ich erinnerte mich an eine F\u00e4hrfahrt vor einem fr\u00fcheren Wechsel. Damals machte ich eine Woche Inselurlaub, um Abschied und Neuanfang bewusst wahrzunehmen. Die Fahrt war kurz, aber sie wurde f\u00fcr mich zum Symbol der Passage. Ich konnte beobachten, wie das alte Ufer hinter mir zur\u00fcckblieb, w\u00e4hrend auf der anderen Seite das neue ganz allm\u00e4hlich Gestalt annahm. Um uns vom Gewohnten zu l\u00f6sen, brauchen wir Mut und Neugier. Es h\u00e4ngt wohl viel davon ab, wie viele Tr\u00e4ume wir noch haben, wie viel ungelebtes Leben auf Gestaltung wartet. In dem Augenblick, in dem wir uns auf das Abenteuer einlassen und ins Ungewisse aufbrechen, beginnt die wahre Glaubensreise, schreibt Richard Rohr. Wir m\u00fcssen genau hinsehen und hinh\u00f6ren, um in und hinter den Stimmen unserer Umgebung die Stimme Gottes wahrzunehmen. Dabei geht es darum, das Geheimnis des Lebens zu lernen. Das bedeutet immer auch, seine andere Seite anzunehmen: das Geheimnis des Todes und des Zweifels. [1] Angst und Zweifel, aber auch Verlusterfahrungen geh\u00f6ren zur Passage wie zu jedem Reform- und Ver\u00e4nderungsprozess. \u201eLeben ist loslassen\u201c, schrieb meine Freundin. \u201eTo de-identify ist to survive\u201c: \u2013\u00a0dazu geh\u00f6rt also auch, alte Identifikationen zur\u00fcck zu nehmen.<\/p>\n<p>Erneuert euch aber in eurem Geist und Sinn und zieht den neuen Menschen an, der nach Gott geschaffen ist\u201c, hei\u00dft es im Epheserbrief (4, 24). Wer in den fr\u00fchen Gemeinden mit der Taufe in die Gemeinschaft der Christen aufgenommen wurde, legte vor dem Wasserbad die alten Kleider ab, um danach ein neues, helles Kleid anzuziehen. Dieses Ausziehen und Anziehen, das Umkleiden ist ein Zeichen f\u00fcr eine neue Haltung, einen neuen Lebensentwurf und neue Lebensbez\u00fcge. Wir kennen das auch aus anderen Lebenszusammenh\u00e4ngen. Ich denke an den Konfirmationsanzug. Und auch an den Aufwand, den junge M\u00e4dchen heute betreiben \u2013 vom Friseur bis zur Kosmetikerin-, um am Konfirmationstag zum ersten Mal als perfekt gestylte junge Frau zu erscheinen. So wie wenig sp\u00e4ter zum Abiball. Ich denke auch an das Brautkleid, das den neuen Lebensabschnitt symbolisiert. In fr\u00fcheren Zeiten gab es unterschiedliche Trachten, Farben und Kopfbedeckungen im Leben einer Frau \u2013 f\u00fcr die M\u00e4dchen, die Jungfrauen, die Br\u00e4ute und die verheirateten Frauen und schlie\u00dflich f\u00fcr die Witwen. Schon \u00e4u\u00dferlich konnte man sofort erkennen, in welchem Status eine Frau war \u2013 was man von ihr erwarten konnte und was nicht. Und die Namens\u00e4nderung tat dann ein \u00fcbrigens dazu.<\/p>\n<p>Aus dieser Zeit stammt die Diakonissenhaube &#8211; das Zeichen der verheirateten Frau, mit der Theodor und Friederike Fliedner ihren Mitarbeiterinnen gesellschaftliches Ansehen gaben. Eine symbolische Aufwertung der Care-Arbeit au\u00dferhalb von Ehe und Familie. Sie, liebe Schwester Isabelle haben sich in den letzten Monaten entschlossen, ihre Haube abzulegen. Nein &#8211; nicht die R\u00fcschenhaube der ersten Schwestern, sondern l\u00e4ngst schon eine sp\u00e4tere Form. Denn Erneuerung hat es ja immer wieder gegeben auf dem Weg. Aber klar ist: auch das Ablegen ist ein Symbol. Es signalisiert: ich bin ans Ende eines Weges gekommen, ich stehe an der Schwelle zu etwas Neuem, wohin meine Sehnsucht mich f\u00fchrt. So sind Sie, liebe Schwester Isabelle, zugleich Teil der Tradition und Gr\u00fcnderin &#8211; nun wieder mit einer Schwester an der Seite.<\/p>\n<p>Ich erinnere mich an einen Einf\u00fchrungstag f\u00fcr neue Mitarbeitende in der Kaiserswerther Diakonie. An diesen Tagen nahm immer auch eine der \u00e4lteren Diakonissen teil und erz\u00e4hlte aus der Geschichte der Gemeinschaft. Schwestern mit oder ohne Haube. Und so oder so l\u00f6ste das Thema Tracht ein Gespr\u00e4ch aus. Damals also erkl\u00e4rte eine der Schwestern, warum sie keine Haube trug: sie habe nicht l\u00e4nger etwas Besonderes sein wollen. Nicht l\u00e4nger diejenige, die im Zweifel noch blieb, wenn alle anderen nach Hause mussten. Die den ehrenamtlichen Teil der Aufgaben erledigte. Die f\u00fcr Glaubensfragen zust\u00e4ndig war und auf alles eine Antwort hatte. Mehr und mehr h\u00e4tte sie n\u00e4mlich den Eindruck gehabt, dass sie damit aus dem Team herausfiel \u2013 und dass sie letztlich die anderen nicht nur entlastete, sondern es ihnen auch schwer machte. Weil sie eben keine Diakonissen mehr waren. Und automatisch dachte ich an den Fototermin mit den jungen Mitgliedern der Schwesternschaft \u2013 immer wurde nach den Hauben gefragt, als sei man nur so eine \u201erichtige Diakonisse\u201c. Ach, aus dem schlichten Zeichen der verheirateten Frau war DAS Symbol f\u00fcr den diakonischen Dienst geworden. Ob Theodor Fliedner das so gewollt h\u00e4tte? Seiner Frau Friederike jedenfalls ging es um mehr \u2013\u00a0oder sollte man sagen, um weniger? Es ging ihr um gute Pflege. Um Care-Arbeit und M\u00fctterlichkeit \u2013 schlie\u00dflich war sie selbst nicht nur verheiratet, sondern auch Mutter. Das mit der Zeit aus der Diakonissentracht so etwas wie ein Nonnenhabit wurde, hatte wohl eher mit Theodors Begeisterung f\u00fcr die Barmherzigen Schwestern zu tun. So standen dann auch P\u00fcnktchenkleid und Diakonissenhaube f\u00fcr Glaubens-, Lebens- und Dienstgemeinschaft mit Armut, Verzicht und Gehorsam. In den letzten Jahrzehnten sind allerdings viele katholische Orden den gleichen Weg gegangen wie unsere Schwestern in Kaiserswerth: Sie legten den Habit ab, weil sie das Schicksal ihrer Berufskolleginnen und -kollegen teilen wollten. \u201eNichts als der Glaube soll uns von der Welt trennen\u201c, hat die franz\u00f6sische Mystikerin Madeleine Debrel gesagt.<\/p>\n<p>Der Neubeginn, den wir heute feiern, ist ein Schritt hinaus \u2013 Sie legen ab auf ein neues Ufer zu \u2013 ganz so, wie ich es oben mit der Schiffspassage beschrieben habe. Lassen Sie uns heute noch einmal schauen, was wir zur\u00fcck gelassen haben, was sich an Neuem zeigt \u2013 und wohin uns die Sehnsucht treibt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>2. Unter der Asche ein heimliches Feuer<\/strong><\/p>\n<p>Dis-embedding ist eine Schl\u00fcsselkategorie der Moderne. Der klar und verl\u00e4sslich gezeichnete Rahmen, in dem Menschen \u00fcber Jahrhunderte gelebt haben, hat sich aufgel\u00f6st \u2013 das gilt f\u00fcr Geschlechterrollen wie f\u00fcr Familienbilder, f\u00fcr Biographien wie f\u00fcr Berufswege. Und es gilt auch f\u00fcr die Beschreibung gesellschaftlicher Funktionen. Die Glaubens- Lebens- und Dienstgemeinschaft ist so selten geworden wie die Lebens- und Arbeitsgemeinschaft in einem Handwerkerhaus oder auf einem Bauernhof. Die allermeisten Menschen wohnen nicht an dem Platz, an dem sie arbeiten, ja \u2013\u00a0sie wechseln Wohnort und Arbeitsplatz und auch Familienkonstellation und Lebensform oft mehrfach im Leben. Wir wechseln die Berufst\u00e4tigkeit, erleben, wie Ehen und Partnerschaften zerbrechen, wie Menschen neu zusammen finden, und wie auch der Glaube sich verfl\u00fcchtigt in unserer s\u00e4kularen, vielf\u00e4ltigen Welt.<\/p>\n<p>Das zeigt sich auch in unseren Unternehmen und Einrichtungen. Diakonie als Freie Wohlfahrtspflege wird zwar staatskirchenrechtlich als Kirche verstanden, gesellschaftlich aber in der Sozial- und Gesundheitsbranche verortet. Und in den Zeitungen findet man sie meist auf den Wirtschaftsseiten \u2013 Diakonie ist Sozialwirtschaft. Und je nach Bundesland und Landeskirche geh\u00f6rt nur noch eine Minderheit der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zur Kirche. S\u00e4kularisierung, Individualisierung, \u00d6konomisierung \u2013 an unseren Einrichtungen sind sie nicht vorbei gegangen. F\u00fcr die allermeisten Mitarbeitenden der Kaiserswerther Diakonie, der ich seit Ende der neunziger Jahre vorstand, war Religion endg\u00fcltig zur Privatsache geworden &#8211; und ihre Lebensform ohnehin. Und auch das Unternehmen war ja l\u00e4ngst unterwegs &#8211; vom Diakoniewerk mit Selbstkostendeckung zum Wettbewerber auf dem Markt. Die Schwesternschaft, die einst das Werk gepr\u00e4gt hatte, war zwar noch fester Bestandteil der Brosch\u00fcren und Leitbilder \u2013\u00a0aber die Lebensrhythmen der Gemeinschaft und der Mitarbeiterschaft \u2013 das Beten und das Arbeiten &#8211; hatten sich l\u00e4ngst auseinander entwickelt. Wenn um 8, um 12, um 6 Uhr abends die Glocken l\u00e4uteten, konnte keiner aus den Pflegeteams mehr dabei sein. Irgendwann in den 50er oder 60er Jahren war der Faden zum Alltag gerissen. Was geblieben ist, ist die Bewunderung f\u00fcr die gro\u00dfe Geschichte, eine fast schon sentimentale Erinnerung an die gepr\u00e4gte Form auf \u2013\u00a0und auf der anderen \u2013 gerade bei J\u00fcngeren \u2013 eine unbestimmte Sehnsucht nach Spiritualit\u00e4t. Unter den wirtschaftlichen Zw\u00e4ngen, die den eigentlichen Kern der Arbeit, die Zuwendung zu den Kranken und Hilfsbed\u00fcrftigen, immer schwieriger, aber auch kostbarer machen \u2013\u00a0oft habe ich die Faszination in den Gesichtern der Jungen, wenn noch einmal eine alte Schwester mit Haube erz\u00e4hlte. Von einer Zeit, in der die Tischgemeinschaft genauso selbstverst\u00e4ndlich zum Dienst geh\u00f6rte wie die Nachtwache an einem Sterbebett.<\/p>\n<p>\u201eUnter der Asche ein heimliches Feuer\u201c hei\u00dft ein Buch der amerikanischen Benediktinerin Joan Chittister, das vor mehr als 15 Jahren erschien. Die heute 80-j\u00e4hrige Joan Chittister ist Mitglieds eines Benediktinerinnen \u2013 Konvents in Pennsylvania, in den sie als ganz junges M\u00e4dchen eintrat. Zw\u00f6lf Jahre war sie dessen Priorin, eine starke, inspirierende und mutige Frau. 2001 erhielt sie den Thomas Merton Award f\u00fcr Frieden und soziale Gerechtigkeit, 2007 den Hans-K\u00fcng-Preis, 2008 trat sie in Seattle mit dem Dalai Lama auf. Es war aber Chittisters Forderung nach Frauenordination in der r\u00f6misch-katholischen Kirche, die ihrer Bekanntheit noch einmal einen Schub gegeben hat \u2013\u00a0sie geriet dar\u00fcber in Konflikt mit dem Vatikan, wie \u00fcbrigens gr\u00f6\u00dfere Teile des Reformfl\u00fcgels der amerikanischen Katholiken. Joan Chittister kann begeistern \u2013 und sie steht zu ihren Einsichten. So ist das nun mal, wenn man f\u00fcr eine Sache brennt. Ihr Buchtitel \u2013\u00a0\u201eUnter der Asche ein heimliches Feuer\u201c \u2013\u00a0hat mich vor vielen Jahren angeregt, \u00fcber die Energie nachzudenken, die Menschen dazu bringt, sich f\u00fcr andere einzusetzen. In der Kaiserswerther Diakonie, am Ursprungsort der neuzeitlichen Pflegegeschichte, waren damals die Keller voller Akten aus vielen Jahrzehnten Pflegearbeit \u2013 w\u00e4hrend die Diakonissengeschichte in der alten Form unweigerlich zu Ende ging. Das lie\u00df mich fragen, was es f\u00fcr eine Energie ist, die Menschen miteinander verbindet.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend meiner Arbeit in der EKD ist mir klar geworden, dass nicht nur Glauben, Leben und Arbeit auseinander gefallen sind, sondern dass auch jeder dieser Bereich \u2013 Beruf, Familie und Religion-, sich selbst rasant ver\u00e4ndert. Unser Land ist bunt, voller Spannungen und Br\u00fcche. Auch deswegen, weil l\u00e4ngst ganz unterschiedliche Menschen verschiedener Herkunft und Religion dazu geh\u00f6ren. Aber war es nicht genauso beim ersten Pfingstfest in Jerusalem? Und das Feuer, das damals aufflammte, ergriff sie alle \u2013\u00a0jeden und jede in der eigenen Sprache. Es breitete sich aus auf den Pl\u00e4tzen und Stra\u00dfen der Stadt &#8211; unter Menschen verschiedener Sprachen und Kulturen. So wie die J\u00fcngerinnen und J\u00fcnger herausgingen aus dem geschlossenen Raum der Angst und der Tradition.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>3. Vom Job zur\u00fcck zur Dienstgemeinschaft? <\/strong><\/p>\n<p>Vor kurzem erz\u00e4hlten mir Pflegedienstleitungen vom Trend zu selbst\u00e4ndigen Pflegefachkr\u00e4ften. Auf dem leer gefegten Markt bestimmen sie die Rahmenbedingungen ihres Einsatzes weit gehen selbst: sie kommen, wenn Personalmangel auf Station ist, aber sie machen keinen Nachtdienst, oder arbeiten nicht am Wochenende oder nur, wenn die Kinder in der Schule sind. Der Rest muss von den fest Angestellten aufgefangen werden. Und wieder einmal wird mir klar, wie wenig selbstverst\u00e4ndlich es ist, wenn der Dienst in einer Klinik oder einer Pflegeeinrichtung funktioniert \u2013 wenn Menschen bereit sind, sich f\u00fcr andere einzusetzen, sich mit anderen abzustimmen, Beruf und Familie irgendwie unter einen Hut zu kriegen. Nichts davon ist selbstverst\u00e4ndlich; alles h\u00e4ngt davon ab, dass Energie flie\u00dft, auch wenn wir sie nicht sehen.<\/p>\n<p>Selbst\u00e4ndige Pflegekr\u00e4fte sind f\u00fcr mich der konsequente Endpunkt der Entwicklung von der Institution zur Individualisierung, von der Gemeinschaftsdiakonie zum Gesundheitsmarkt. Sie vermarkten sich selbst andere Anbieter auch. Standardisierung und Modularisierung der Arbeit kommen ihnen dabei entgegen. Weil sie im Vergleich zu \u00c4rzten oder IT-Kr\u00e4ften wenig verdienen, sorgen sie vern\u00fcnftiger weise f\u00fcr ein gutes Zeitmanagement und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Wer wollte das \u00fcbel nehmen? Allerdings l\u00e4sst sich ein Krankenhaus so nicht managen &#8211; hier greift eins ins andere und alles h\u00e4ngt an einer guten Abstimmung zwischen den verschiedenen Diensten und Berufsgruppen. Die Organisationen leben von der Bereitschaft, sich einzuf\u00fcgen \u2013\u00a0gerade das war in den Schwesternschaften \u00fcber viele Jahrzehnte Voraussetzung. Industrie und IT-Unternehmen setzen heute in weit h\u00f6herem Ma\u00dfe auf Eigenst\u00e4ndigkeit und Selbststeuerung \u2013 vielleicht m\u00fcssen wir also auch in den alten Anstalten, in Schulen und Krankenh\u00e4usern umdenken? Aber Patienten \u201edurchzuschleusen\u201c oder Pflegebed\u00fcrftige in Modulen zu versorgen wie man Autos am Flie\u00dfband fertigt, ist kein Weg \u2013\u00a0das ahnen wir l\u00e4ngst.<\/p>\n<p>Wir haben neue Freiheiten gewonnen und neue Unsicherheiten eingetauscht. Wir haben Autonomie errungen, aber vergessen manchmal, wie sehr wir auf andere angewiesen sind. Aus der Diakonie ist eine Dienstleistung geworden. Wo Krankenh\u00e4user fusionieren und Kliniken schlie\u00dfen, wo Betriebsteile ausgegr\u00fcndet und die internen Abl\u00e4ufe komplett umstrukturiert werden, da wandelt sich auch der Charakter der Arbeitspl\u00e4tze und mit ihnen die Anforderungen an die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Waren beispielsweise noch vor wenigen Jahrzehnten Erfahrung und Unternehmenszugeh\u00f6rigkeit ein Qualit\u00e4tsmerkmal, wird heute nach messbaren Kompetenzen gefragt. An die Stelle der Zugeh\u00f6rigkeit zu einer Gemeinschaft sind n\u00fcchterne Dienstvertr\u00e4ge getreten, die \u2013 auch von Mitarbeitenden, die keiner christlichen Kirche angeh\u00f6ren \u2013 die Loyalit\u00e4t zu den Unternehmenszielen einfordern. Auch die Grunds\u00e4tze des kirchlichen Arbeitsrechts ver\u00e4ndern sich. Autonomie und Freiheit in der Lebensgestaltung sind selbstverst\u00e4ndlich geworden. Die Ineinssetzung von Leben und Beruf dagegen erscheint vielen nicht mehr attraktiv. Zugleich aber w\u00e4chst das Bewusstsein f\u00fcr Teamgeist und Loyalit\u00e4t und oft genug entstehen Freundschaften am Arbeitsplatz. Manche sprechen in diesem Zusammenhang schon von Frollegen \u2013\u00a0von Kollegen, die Freunde sind oder werden.<\/p>\n<p>Der Philosoph und Politikwissenschaftler Matthew Crawford, der mit den widerspr\u00fcchlichen Anforderungen in dem Thinktank, in dem er arbeitete, nicht mehr zurecht kam, k\u00fcndigte und er\u00f6ffnete stattdessen eine Motorradwerkstatt. Ein Teil der Befriedigung liegt f\u00fcr ihn darin, dass er den Sinn seines Tuns in seinem Handeln findet. Aus seiner Sicht ist es entscheidend, dass Arbeit uns in einer Wertegemeinschaft verankert. Was ich tue, sagt er, ist Teil eines umfassenderen Bedeutungskreises \u2013 es dient einer Aktivit\u00e4t, die wir als Teil des guten Lebens betrachten. Dieses Bewusstsein, das gar nicht ausgesprochen werden muss, konstituiert die Gemeinschaft, in der wir arbeiten. Wir stehen in einer Art \u201et\u00e4tigem Gespr\u00e4ch\u201c miteinander &#8211; und durch dieses Gespr\u00e4ch kann die Arbeit unser Leben zu einem in sich schl\u00fcssigen Ganzen machen.<\/p>\n<p>Gerade Menschen in sozialen, pflegerischen, medizinischen Berufen, die von ihrer inneren Motivation getragen sind, fragen nach tragf\u00e4higen Beziehungen und ethischer Orientierung. Wie in der gesamten Gesellschaft, so wird auch in der s\u00e4kularisierten Unternehmensdiakonie Religion erneut zum Thema \u2013 die Suche nach tragf\u00e4higen Ritualen ist nur ein Beispiel daf\u00fcr. Nicht zuletzt angesichts der immer komplexer werdenden ethischen Fragen, die sich mit den wachsenden medizinischen M\u00f6glichkeiten etwa in der Biogenetik oder der pr\u00e4natalen Diagnostik stellen, oder in der Debatte um die Sterbehilfe spielt die religi\u00f6se Ausrichtung wieder eine wichtige Rolle. In einer multireligi\u00f6sen Gesellschaft sind Patienten, Mitarbeitende und Tr\u00e4ger mit ihren jeweils nicht nur kulturellen, sondern eben auch religi\u00f6sen Pr\u00e4gungen zu Dialog und Diskurs herausgefordert. Ethikberatung heute muss christliche wie atheistische und auch muslimische Hintergr\u00fcnde zu Wort kommen lassen. Darin liegt eine neue und besondere Herausforderung f\u00fcr die Kirchen als Tr\u00e4ger diakonischer Einrichtungen- aber auch im Blick auf religi\u00f6se Bildungsangebote und die seelsorgliche Begleitung der Menschen, die anderswo in sozialen Diensten arbeiten.<\/p>\n<p>Taugt die Tradition der Gemeinschaftsdiakonie f\u00fcr neue Visionen? Machen wir uns nichts vor \u2013 manche w\u00fcrden entschieden den Kopf sch\u00fctteln. Denn zur Tradition der Schwesternschaften geh\u00f6rten eben auch der Anpassungsdruck, von dem ich eben gesprochen habe, die Gehorsamstradition und das Zur\u00fcckdr\u00e4ngen von Individualit\u00e4t. Zudem waren die Gr\u00fcnder wie Fliedner oder Zimmer davon \u00fcberzeugt, dass gerade Frauen nicht allein ihren Mann stehen k\u00f6nnten \u2013\u00a0sie w\u00e4ren schon von ihrer Konstitution her auf Familie und Gemeinschaft angewiesen. Als ich vorhin gesagt habe, die selbst\u00e4ndigen Pflegekr\u00e4fte seien der Endpunkt einer Entwicklung, habe ich daran gedacht, wie lange die Kirche gegen die Unabh\u00e4ngigkeit und Selbst\u00e4ndigkeit des Pflegeberufs gek\u00e4mpft hat und wie m\u00fchsam die Fortschritte errungen wurden &#8211; von Theodor Fliedners Mutterhausdiakonie \u00fcber Friedrich Zimmer, der den Schwestern nicht mehr nur Taschengeld, sondern durchaus ein Entgelt zahlte, bis zu den privaten Pflegediensten. Zugleich aber ist mir bewusst, wie wenig damit erreicht ist: Der Soziologe Heinz Bude spricht in seinem Buch \u201eGesellschaft der Angst\u201c sogar vom neuen Dienstleistungsproletariat \u2013 Hauswirtschafts- und Reinigungskr\u00e4fte und auch Pflegende z\u00e4hlen f\u00fcr ihn dazu. Die Sorgeberufe leiden unter mangelnder Wertsch\u00e4tzung. Unsere Welt ist durch Erwerbsarbeit gepr\u00e4gt &#8211; da zeigt sich Wertsch\u00e4tzung nicht zuletzt auf dem Konto. Paradoxerweise ist in dem Emanzipations- und Professionalisierungsprozess, der hinter uns liegt, nun auch die Wertsch\u00e4tzung f\u00fcr die unentgeltliche Liebest\u00e4tigkeit verloren gegangen. Mit der Haube wollte Fliedner damals der Care-Arbeit au\u00dferhalb der Familie Wertsch\u00e4tzung geben; heute steht die Wertsch\u00e4tzung der Care-Arbeit insgesamt in Frage. Was muss geschehen, um die Kunst der Pflege neu sch\u00e4tzen zu lernen? Und wie k\u00f6nnen wir daf\u00fcr zur Lobby werden?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>4. Von der Singlegesellschaft zum gemeinsamen Leben<\/strong><\/p>\n<p>Ein gl\u00fcckliches Familienleben geh\u00f6rt zu den sehnlichsten W\u00fcnschen der allermeisten Menschen. Doch eine verl\u00e4ssliche Partnerschaft zu leben, wird uns nicht einfach gemacht: nicht von den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Bedingungen und nicht von unseren eigenen Anspr\u00fcchen an das Leben. Angesichts der Beschleunigung und der Zerrei\u00dfproben, die wir heute erfahren, scheint es schwer geworden zu sein, Familie aufzubauen und zu erhalten. Wir leben in einer Singlegesellschaft. Der Anteil Singles in westlichen Gesellschaft zeigt: Autonomie und Selbstbestimmung h\u00f6chste Werte. Heute sind 28% aller US-Haushalte Single-Haushalte, verglichen mit 9% in den 50er Jahren. In Schweden sind es 47 Prozent, in Gro\u00dfbritannien 34, in Japan 31 Prozent \u2013 aber in Kenia nach wie vor nur 15, in Indien sogar nur 3 Prozent.<\/p>\n<p>Wir leben in einer Optionsgesellschaft, immer auf der Suche nach besseren M\u00f6glichkeiten. Angesichts der Mobilit\u00e4t schwindet die M\u00f6glichkeit, an einem Ort wirklich Wurzeln zu schlagen, und auch die schiere Zahl der Lebens- und Arbeitsbeziehungen bedroht die Dauer der Bindungen. Hartmut Rosa, der sich seit langem mit den strukturellen Entfremdungsprozessen in der Beschleunigungsgesellschaft besch\u00e4ftigt, zeigt dagegen, wie sehr wir auf Beziehungen, auf Verortung angewiesen sind, um Resonanz zu erfahren und \u00fcberhaupt ein stabiles Selbst zu entwickeln. Er schreibt: \u201eWenn unsere Identit\u00e4t geformt wird \u00fcber das, woran uns etwas liegt oder worum wir uns sorgen, dann wird die Unsicherheit \u00fcber das, was uns wichtig ist, und der Verlust von (sozialer Stabilit\u00e4t) notwendig zu einer St\u00f6rung unseres Selbstverh\u00e4ltnisses f\u00fchren.\u201c Dass wir uns also verorten k\u00f6nnen in den gro\u00dfen und manchmal verst\u00f6renden Transformationsprozessen, dass wir uns zu Hause f\u00fchlen k\u00f6nnen in einer Gemeinschaft, darauf richtet sich unsere Sehnsucht.<\/p>\n<p>Neunundzwanzig Jahre alt sind Frauen heute im Durchschnitt, wenn sie ihr erstes Kind zur Welt bringen. Und sechzig Prozent der Kinder werden von M\u00fcttern zwischen sechsundzwanzig und f\u00fcnfunddrei\u00dfig Jahren geboren. Lange Ausbildungszeiten und schwierige Berufseinstiege haben zur Folge, dass die Geburt von Kindern immer weiter hinausgeschoben wird \u2013 nicht selten so weit, dass es schwierig wird, \u00fcberhaupt noch ein Kind zu bekommen. Noch immer ringt die Familienpolitik um eine bessere Infrastruktur mit Tageseinrichtungen und Ganztagsschulen, um bessere Steuermodelle oder um attraktive Angebote der Familienzeit f\u00fcr V\u00e4ter. Ganz \u00e4hnlich \u2013 und vielleicht noch weniger planbar \u2013 ist die Situation, wenn jemand in der Familie pflegebed\u00fcrftig wird. Noch immer werden achtzig Prozent der \u00c4lteren zu Hause gepflegt und die durchschnittliche Pflegezeit liegt bei acht Jahren. Und zu siebzig Prozent sind es auch Frauen, die die private Pflege \u00fcbernehmen. Wie sehr sich Pflegende allein gelassen f\u00fchlen, zeigt sich an einem Buchtitel wie \u201eMutter, wann stirbst du endlich?\u201c Das Buch hat \u2013 wie die Streitschriften des Pflegekritikers Claus Fussek \u2013 mediale Debatten angesto\u00dfen und ein dr\u00e4ngendes Problem aus der Privatsph\u00e4re herausgeholt. Gott sei Dank gibt es inzwischen eine Reihe von Unternehmen, die Elder Care anbieten, wo die mittlere Generation mit der Vereinbarkeit von Beruf und Pflege \u00fcberfordert ist.<\/p>\n<p>Die Kommission f\u00fcr den Siebten Familienbericht der Bundesregierung hat, gest\u00fctzt auf eine breite Expertise, darauf aufmerksam gemacht, dass ein Caredefizit droht, wenn es uns nicht gelingt, den absoluten Vorrang \u00f6konomischen Denkens in Frage zu stellen. Nicht nur die demografischen Folgen \u2013 Geburtenr\u00fcckgang und die sogenannte \u00dcberalterung sind bedrohlich, sondern auch das Schwinden der privaten und informellen Wohlfahrts\u00f6konomie in Familie, Nachbarschaft und Gemeinden, die nach wie vor die Grundlage des professionellen Hilfesystems ist. Beides \u2013 die \u201eUnterj\u00fcngung\u201c wie die fehlende Zeit f\u00fcr Familie und Engagement k\u00f6nnen am Ende das wirtschaftliche Wachstum, die \u00f6konomische Stabilit\u00e4t gef\u00e4hrden, um derentwillen so viele Einbu\u00dfen hingenommen werden. Offensichtlich ist an dieser Bruchlinie etwas aus der Balance geraten.<\/p>\n<p>Kein Wunder, dass Sorgende Gemeinschaften wieder zum Top-Thema der Sozialpolitik geworden sind. Integrative Stadtteilarbeit und Wohnprojekte gewinnen an Bedeutung. Und auch Freundschaften stehen hoch im Kurs: Wo Partnerschaften sich \u00e4ndern und Familien verstreut leben, werden Freunde zu Wahlverwandten. Das alles wird getragen von einer breiten und zunehmend aktiven Freiwilligenbewegung: in der Hospizarbeit und in Wohngemeinschaften, in Familien- und Inklusionsnetzwerken. Darin gleicht unsere Situation der im 19. Jahrhundert. Die sorgenden Gemeinschaften von heute waren bei Wichern die \u201eNetzwerke der br\u00fcderlichen Liebe\u201c.<\/p>\n<p>Gr\u00fcnderpers\u00f6nlichkeiten wie Wichern oder die Fliedners waren innovative Geister. Mit ihrem Engagement antworteten sie auf die sozialen Missst\u00e4nde, die mit der Industrialisierung einhergingen. So gaben die Bruderh\u00e4user jungen M\u00e4nnern aus schwierigem Umfeld Ausbildung und Beruf, damit sie anderen eine Zukunft erm\u00f6glichen konnten. Und die Diakonissenmutterh\u00e4user boten Pflege f\u00fcr die Kranken, zugleich aber berufliche Perspektiven und famili\u00e4re Netzwerke f\u00fcr unverheiratete Frauen. Sie boten sinnvolle Arbeit, tragf\u00e4hige Gemeinschaften und innere Verwurzelung.<\/p>\n<p>Eine Zeit, die ihre soziale Energie nur aufs Gesch\u00e4ft und auf die Frage der N\u00fctzlichkeit reduziert, ist (&#8230;) widerw\u00e4rtig\u201c und \u201esie beraubt die ihr unbedacht Folgenden aller Erfahrungen von F\u00fcrsorge, Loyalit\u00e4t und Gro\u00dfz\u00fcgigkeit\u201c, schreibt heute Ariadne von Schirach in ihrem Buch \u201eDu sollst nicht funktionieren\u201c. Aus dieser Erfahrung heraus engagieren sich B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger f\u00fcr das Ganze. An ihrer Seite m\u00fcssen die diakonischen Gemeinschaften ihren Platz finden.<\/p>\n<p>Je mehr die Gesellschaft sich spaltet, die Exklusion w\u00e4chst, der \u00f6ffentliche Raum schwindet und Familien die Kraft zur Integration verlieren, desto wichtiger wird es, dass gerade in der Diakonie Gemeinschaft erfahrbar wird &#8211; das diakonische Tr\u00e4ger nicht nur auf Einzelne schauen, sondern Familien unterst\u00fctzen, Engagement f\u00f6rdern und junge Leute ermutigen, f\u00fcr andere da zu sein. Das ist nicht selbstverst\u00e4ndlich in einem Sozialunternehmen, dass sich als effektiver Dienstleister versteht. Darum ist es so wichtig, dass Unternehmen wieder st\u00e4rker mit Kirchengemeinden zusammenarbeiten. Denn Gemeinden haben Kontakte und Netzwerke in der Nachbarschaft, sind mit Vereinen verbunden, haben Beziehungen zu Angeh\u00f6rigen.<\/p>\n<p>\u201eDer moderne Individualismus steht nicht nur f\u00fcr einen pers\u00f6nlichen Impuls, sondern auch f\u00fcr einen sozialen Mangel, einen Mangel an Ritualen\u2026 Die moderne Gesellschaft hat die durch Rituale hergestellten Bindungen geschw\u00e4cht\u201c, schreibt Sennet am Schluss seines Buches \u00fcber Zusammenarbeit. Gemeinschaften k\u00f6nnen gegensteuern. Mit Bildung, Ethik, Spiritualit\u00e4tserfahrungen, Musik. Damit sind sie eine subversive Kraft &#8211; in Zeiten der Individualisierung k\u00f6nnen sie an Rituale und Traditionen erinnern, die Zusammenhalt stiften \u2013 und sie neu lebendig halten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>5. Ver\u00e4nderung schreibt Diakonie-Geschichte<\/strong><\/p>\n<p>G\u00e4be es die diakonischen Gemeinschaften nicht, man m\u00fcsste sie neu erfinden. Und sie werden ja gerade neu erfunden: in den Sorgenden Gemeinschaften von Ehren- und Hauptamtlichen in den Nachbarschaften. In den \u201eTischgemeinschaften\u201c der \u00c4lteren im Gemeindehaus. In den internationalen G\u00e4rten, in denen Migratinnen und Migranten miteinander kochen. An den Orten der Gastfreundschaft in den Quartiersl\u00e4den. In Selbsthilfegruppen, Trauergruppen und genossenschaftlich getragenen Dorfl\u00e4den. In den Wohngemeinschaften von Demenzkranken und ihren Angeh\u00f6rigen. Da ist eine Bewegung im Gang, die die effektiv gesteuerten Sozialunternehmen -aufs Beste erg\u00e4nzt \u2013 mit Empathie und Begeisterung und mit vielen neuen Ritualen.<\/p>\n<p>Manche diakonischen Gemeinschaften sind Teil dieser Bewegung geworden. Manchmal gerade die, die ihre Krankenh\u00e4user abgeben mussten und sich dann neu eingelassen haben auf Wohnprojekte oder Engagementf\u00f6rderung. Andere bieten Orte der Einkehr und Gastfreundschaft. Wieder andere starten Bildungsinitiativen. Und manchen f\u00e4llt es noch schwer, sich mit Initiativgruppen oder Angeh\u00f6rigengruppen zu vernetzen. Vielleicht hindern alte Traditionen und Denkmuster den Neubeginn. Welche? Das l\u00e4sst sich am besten entdecken, wenn wir auf die Zeit sehen, als die alten Werke der Mutterhausdiakonie sich in Diakoniewerke wandelten \u2013 nicht zuletzt deshalb, weil die Schwesternschaften nur noch wenig Nachwuchs hatten. Auf die 60er\/70er Jahre also, als der Faden ri\u00df. Es schauen ja gerade viele zur\u00fcck auf die 68-er; tun wir es also auch:<\/p>\n<p>Damals begann die Entwicklung zum \u201eWohlfahrtsstaat\u201c. Die Rechtsanspr\u00fcche des Einzelnen an die Sozialen Sicherungssysteme wurden formuliert \u2013\u00a0Soziale Rechte also statt Entm\u00fcndigung. Die lange tabuisierten Verbrechen des Dritten Reiches auch in unseren Einrichtungen wurden aufgearbeitet: die T-4-Aktionen in den Einrichtungen f\u00fcr Behinderte, die Zwangssterilisierungen, die Deportationen auch j\u00fcdischer Mitschwestern. F\u00fcrsorge wurde jetzt skeptisch gesehen \u2013\u00a0und mit ihr das so genannte Helfersyndrom. Soziale Einrichtungen erhielten eine ausk\u00f6mmliche Deckung der Selbstkosten. Und die soziale Arbeit wurde professionalisiert. So entstanden nicht nur in der Altenpflege und im Gesundheitssystem neue Berufe. Am Dienst der Gemeindeschwester l\u00e4sst sich diese Differenzierung besonders gut ablesen: Was heute Quartiersmanager, Sozialarbeiterin, Pflege- und Hauswirtschaftskr\u00e4fte nur noch im Team leisten k\u00f6nnen \u2013\u00a0und es ist gut, dass das Pflegest\u00e4rkungsgesetz das endlich f\u00f6rdert \u2013\u00a0das wurde bis in die 80er Jahre von den Generalistinnen in der Schwesternstation gemanaget \u2013 mit Seelsorge, Beratung und Begleitung der Familie auch in der Hauswirtschaft. Ohne Einstufung, Abrechnung und Qualit\u00e4tskontrollen \u2013\u00a0aber auch ohne Wochenende und Vertretungsm\u00f6glichkeiten.<\/p>\n<p>Vor 50 Jahren also ver\u00e4nderten die Sozialen Bewegungen Organisationen, Berufs- und Geschlechterrollen. Die so genannten Frauenberufe wurden professionalisiert, die Berufst\u00e4tigkeit von Frauen wurde selbstverst\u00e4ndlicher &#8211; die f\u00fcrsorgliche Kontrolle des Lebensstils hatte ein Ende. Und es kam verst\u00e4rkt zu Kirchenaustritten. Das alles hat Auswirkungen auf die diakonischen Schwesternschaften: Die Zahl der Probeschwestern geht zur\u00fcck. Stattdessen werden jetzt Frauen zu Diakoninnen eingesegnet, ja \u2013\u00a0sogar Frauen ordiniert. Spannend, dass diese ordinierten Pfarrerinnen und Diakoninnen heute als Leitende Schwestern in die Gemeinschaften zur\u00fcckkehren. Die Schwesternschaften aber \u00fcberaltern. So wird f\u00fcr einige Gemeinschaften Kontemplation wichtiger als Aktion. Andere wie Kaiserswerth wechseln schon in den 60ern ins Tarifsystem.<\/p>\n<p>So entsteht eine neue Vielfalt: die Gemeinschaften \u00f6ffnen sich f\u00fcr ACK-Mitglieder auch au\u00dferhalb der evangelischen Kirche, anderswo entstehen kontemplative Gemeinschaften und in den Unternehmen schlie\u00dfen sich unterschiedliche Gemeinschaften zusammen: Diakonen- und Diakonissengemeinschaften wie in Remscheid oder sp\u00e4ter dann Schwesternschaften aus Diakonissen und diakonischen Schwestern wie in Flensburg. Neue Bildungsangebote entstehen wie in Witten und Bethel. Und in Kaiserswerth entsteht schon 1964 eine Diakonissengemeinschaft neuer Form. Vielfalt und Suchbewegungen also \u00fcberall. Das \u00e4ndert aber nichts daran, dass die Bedeutung der Gemeinschaften deutlich abnahm \u2013 seit dieser Zeit war von sterbenden Gemeinschaften die Rede. Man setzte mehr und mehr auf die professionellen Unternehmen. Und die neu entstehenden Gemeinschaften stellen nicht mehr Unentgeltlichkeit und Verzicht in den Mittelpunkt, sondern Professionalit\u00e4t, Solidarit\u00e4t und Inspiration und den bewussten Umgang mit Grenzen. Es geht darum, dass \u201ePflegende wie Gepflegte Gewinn davon tragen\u201c, wie Florence Nightingale einst \u00fcber Kaiserswerth in ihr Tagebuch schrieb.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>6. Das Feuer h\u00fcten: Die Ideen des Anfangs bleiben attraktiv<\/strong><\/p>\n<p>Heute aber zeigt sich: die Ideen des Anfangs bleiben attraktiv. Am Ende des Professionalisierungswegs, unter dem \u00f6konomischen Druck in allen Berufsfeldern, w\u00e4chst der Wunsch nach Sinnerfahrung und Erf\u00fcllung im Beruf, nach freundschaftlichen Beziehungen und verl\u00e4sslicher Zusammenarbeit am Arbeitsplatz.<\/p>\n<p>Menschen suchen pers\u00f6nliche Entwicklung in Bildungs- und Sabbatzeiten \u2013 ihnen geht es um Haltung, Ethik und Spiritualit\u00e4t. Sie suchen Gleichgesinnte, vor Ort am Arbeitsplatz, aber auch in internationalen Netzwerken wie bei \u00c4rzte ohne Grenzen. Gerade in sozialen Berufen will man ernst machen mit dem Slogan, dass der Mensch im Mittelpunkt steht. Assistenzdienste, Case-Management, die Orchestrierung um die Leidenden und Sterbenden in der Palliativarbeit zeigen die Richtung.<\/p>\n<p>Die Freiwilligenbewegung w\u00e4chst \u2013 in den Quartieren und auch in den Unternehmen. Wohnprojekte, Mehrgenerationenh\u00e4user, Stadtteilarbeit und Sorgende Gemeinschaften gewinnen an Bedeutung. Supperclubs, Tischgemeinschaften, Wandergruppen entstehen- und viele neue Rituale an Lebensschwellen.<\/p>\n<p>Das alles \u00e4hnelt den Ideen der Gr\u00fcnderzeit in der Diakoniebewegung. Auch damals ging es um Bildung, Beruflichkeit und Haltung. Gemeinschaften als Wahlfamilien und integrative Quartiersarbeit waren der entscheidende Gegentrend zu Globalisierung, Gesellschaftlicher Spaltung, \u00dcberlastung von Familien und der Vernachl\u00e4ssigung von Kindern, Pflegebed\u00fcrftigen, Sterbenden. Die Gr\u00fcnderinnen und Gr\u00fcnder schufen Netzwerke der geschwisterlichen Liebe gegen die globalisierten Netzwerke der Industrie und des Handels. Umgesetzt allerdings wurden die neuen Ideen im Ger\u00fcst der damaligen Zeit: Mit patriarchaler F\u00fchrung und Geschlechterhierarchie und mit der Vorstellung, dass die unentgeltliche N\u00e4chstenliebe \u201eFrauensache\u201c sei. Davon m\u00fcssen wir uns verabschieden, wenn wir die Fragen unserer Zeit aufnehmen wollen. Wir m\u00fcssen uns verabschieden von Anpassungsdruck und Kritiklosigkeit und stattdessen Individualit\u00e4t und Vielfalt sch\u00e4tzen lernen. Die unterschiedlichen Steine im gleichen Symbol bei den Sarepta-Schwestern zeigen bildlich, was es bedeutet, Gemeinschaft in Vielfalt zu leben.<\/p>\n<p>Aber auch heute gilt: Soziale Professionalit\u00e4t braucht Empathie, Selbstreflexion, Beziehungs- und Gemeinschaftsorientierung. Und in den eigenen Leidenserfahrungen wachsen Empathie und Compassion \u2013\u00a0und Respekt auch vor den Schw\u00e4chen und St\u00e4rken anderer. Diakonische Arbeit braucht Zusammenarbeit mit Patienten bei der Heilung, Zusammenarbeit untereinander, Zusammenarbeit bei der Bew\u00e4ltigung des schwer Ertr\u00e4glichen und eine gemeinsame Suche nach spirituellen Kraftquellen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>7. Der Sehnsucht folgen \u2013\u00a0zum Aufbruch einladen<\/strong><\/p>\n<p>\u201eUnter der Asche ein heimliches Feuer\u201c: Wer noch die Kohleheizung kennt, der kennt auch die Arbeit, die am Morgen ansteht: man muss die Kohlesch\u00fctte holen, die Asche wegtragen, ein paar neue Holzscheite dazu legen und dann hineinblasen. Es ist eine m\u00fchsame, ja auch eine schmutzige Arbeit, aber nur so wird es wieder warm in der Wohnung! Also: Trennt Euch von dem, was nur noch belastet. Und seht Euch um nach dem, was wirklich gebraucht wird \u2013 was brennbar ist. Und dann: lasst die Funken spr\u00fchen. Es ist Pfingsten!<\/p>\n<p><em>26 Und ich will euch ein neues Herz und einen neuen Geist in euch geben und will das steinerne Herz aus eurem Fleisch wegnehmen und euch ein fleischernes Herz geben, hei\u00dft es bei Hesekiel.<\/em><\/p>\n<p><em>27 Und will meinen Geist in euch geben und will solche Leute aus euch machen, die in meinen Geboten wandeln und meine Rechte halten und danach tun<\/em>. Die Jahreslosung \u2013 Sie erinnern sich.<\/p>\n<p>Also: was ist der alte Geist, den wir loslassen m\u00fcssen? Was sehen sie kritisch \u2013 was liegt schon l\u00e4ngst in Tr\u00fcmmern, funktioniert nicht mehr? Und wo hat vielleicht etwas Neues begonnen? Das Ziel der Erneuerung ist klar: es geht nicht nur um uns oder unsere Gemeinschaften \u2013 es geht um andere: \u201eIch will solche Leute aus Euch machen, die meine Rechte halten und danach tun.\u201c \u2013 um Gottes willen.<\/p>\n<p>Die Kirche ist kein Museum; die Traditionsbest\u00e4nde m\u00fcssen ins Gespr\u00e4ch gebracht werden, die Rituale wollen verstanden werden, die Geb\u00e4ude fangen an zu modern, wenn nicht immer wieder der Wind der Welt hineinweht. So geht es bei der Suche nach einer erkennbaren, glaubw\u00fcrdigen und f\u00fcr die Menschen hilfreichen kirchlichen Identit\u00e4t immer um ehrliche Auseinandersetzungen mit gesellschaftlichen Ver\u00e4nderungen. F\u00fcr Gruppen und Einzelne kann es n\u00f6tig sein, sich Unterst\u00fctzung in Ver\u00e4nderungsprozessen zu suchen, damit die eigene Motivation wie die Bereitschaft, sich einzulassen und zu engagieren, erhalten bleibt. Coaches, Mentorinnen und Mentoren k\u00f6nnen helfen, bei einem Wechsel ganz bewusst aufzur\u00e4umen und abzuschlie\u00dfen \u2013 im w\u00f6rtlichen, aber auch im \u00fcbertragenen Sinne. Dieses \u201eClearing\u201c ist angewandte Lebenskunst. Dazu geh\u00f6rt es, noch einmal anzuschauen und zu sortieren, was war \u2013 sicherlich auch die alten Hoffnungen noch einmal anzuschauen \u2013\u00a0vergangene Aufbr\u00fcche und Entt\u00e4uschungen. Trauer geh\u00f6rt zum Abschied, vielleicht aber auch Ungeduld \u2013 und dann endlich Dankbarkeit. Die unerf\u00fcllten Pl\u00e4ne, die ungelebten Ideen gilt es noch einmal wahrzunehmen und dann loszulassen. Und was soll weitergehen \u2013\u00a0was tr\u00e4gt durch die Zeiten?<\/p>\n<p>Zur\u00fccklassen, was uns gefangen h\u00e4lt, durch W\u00fcsten ziehen und ein neues Leben wagen, das pr\u00e4gt die j\u00fcdisch-christliche Kultur wie die politischen Hoffnungen unterdr\u00fcckter V\u00f6lker, Klassen und Ethnien durch die Jahrhunderte. \u201eIch bin der HERR, dein Gott, der ich dich aus \u00c4gyptenland, aus der Knechtschaft, gef\u00fchrt habe\u201c, hei\u00dft es zu Beginn des Dekalogs, der Mose in der W\u00fcste offenbart wird. Die ritualisierte Erinnerung daran bildet den Mittelpunkt jedes Sederabends am j\u00fcdischen Pessachfest, wenn die Kerzen entz\u00fcndet sind und Bitterkr\u00e4uter wie Honig\u00e4pfel auf dem Tisch stehen.<\/p>\n<p>Ohne solche Vergewisserung, dass wir in einer Tradition der Aufbr\u00fcche stehen, kann Ver\u00e4nderung nicht gelingen. Ohne ein Bewusstsein f\u00fcr die Sackgassen und Irrwege besteht die Gefahr, dass wir sie wiederholen. Und ohne die Erz\u00e4hlungen von gelungenen Ver\u00e4nderungsprozessen fehlt uns die Hoffnung, dass mehr m\u00f6glich ist, als wir glauben. Das gilt im pers\u00f6nlichen Leben genauso wie im politischen Dass wir die diakonischen Aufbr\u00fcche in der Zeit der ersten Industrialisierung und gesellschaftlichen Transformation, die Anst\u00f6\u00dfe zur Entwicklung des Sozialstaats, die Vereinigung Europas oder die friedliche Revolution nicht vergessen.<\/p>\n<p>Im Umbruch von 1989, als die Mauer sich ge\u00f6ffnet hatte und wir zusammen feierten, diskutierten, versuchten Zukunft zu gestalten und auch mit unseren \u00c4ngsten umzugehen, wurde ein neues Kirchenlied aus der DDR zum Schlager: \u201eVertraut den neuen Wegen\u201c von Klaus-Peter Hertzsch. Hertzsch ist gestorben, aber sein Lied, das uns in vielen Aufbr\u00fcchen begleitet und uns Mut gemacht hat, klingt noch immer in mir nach. In diesem Sinne w\u00fcnsche ich Ihnen heute Vertrauen in Ihren neuen Aufbruch.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Cornelia Coenen-Marx, Speyer, Pfingsten 2017<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein pfingstlicher Aufbruch im Kontext gesellschaftlicher Ver\u00e4nderungsprozesse Tag der diakonischen Gemeinschaft in Speyer &nbsp; 1. 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