{"id":2950,"date":"2017-06-23T15:27:10","date_gmt":"2017-06-23T15:27:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=2950"},"modified":"2017-07-12T19:43:51","modified_gmt":"2017-07-12T19:43:51","slug":"aufbruch-als-geschenk-chance-und-herausforderung-zu-hes-36-26","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=2950","title":{"rendered":"Aufbruch als Geschenk, Chance und Herausforderung: zu Hes. 36, 26"},"content":{"rendered":"<p><em>1 Und du, Menschenkind, weissage den Bergen Israels und sprich: H\u00f6rt des HERRN Wort, ihr Berge Israels! Weil man euch allenthalben verw\u00fcstet und vertilgt und ihr zum Besitz der \u00fcbrig <\/em><em>gebliebenen<\/em><em> V\u00f6lker geworden und \u00fcbel ins Gerede der Leute gekommen seid, 4 darum h\u00f6rt, ihr Berge Israels, das Wort Gottes des HERRN! So spricht Gott der HERR zu den Bergen und H\u00fcgeln, zu den B\u00e4chen und T\u00e4lern, zu den \u00f6den Tr\u00fcmmern und verlassenen St\u00e4dten, die den \u00fcbrig gebliebenen V\u00f6lkern ringsumher zum Raub und Spott geworden sind, \u2013 5 darum, so spricht Gott der HERR: Ich hebe meine Hand auf zum Schwur: ihr Berge Israels sollt wieder gr\u00fcnen und eure Frucht bringen meinem Volk Israel, denn bald sollen sie heimkehren. 9 Denn siehe, ich will mich wieder zu euch kehren und euch mein Angesicht zuwenden, dass ihr angebaut und bes\u00e4t werdet. 10 Und ich will viele Menschen auf euch wohnen lassen, das ganze Haus Israel insgesamt, und die St\u00e4dte sollen wieder bewohnt und die Tr\u00fcmmer aufgebaut werden. (Hes. 36, 1, 4 und5, 9 und 10)<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Teil I Der hessische L\u00f6we<\/strong><\/p>\n<p>Im Magazin der S\u00fcddeutschen Zeitung fand ich k\u00fcrzlich eine Ansicht des unzerst\u00f6rten Aleppo \u2013 aus Pappe, von einem Fl\u00fcchtlingsjungen nachgebaut. Aus W\u00fcste wird fruchtbares Land. Aus verlassenen Regionen werden wieder lebendige St\u00e4dte. Was dem Volk Israel hier versprochen wird, das w\u00fcrde sich ganz sicher mancher Syrer w\u00fcnschen. Oder die Jesidinnen und Jesiden aus dem Irak. Die Vorstellung, einmal wieder nach Hause zur\u00fcck zu kommen &#8211; das Land wieder aufzubauen, bleibt im Augenblick ein Traum.<\/p>\n<p>Stattdessen leben noch immer viele in Fl\u00fcchtlingsheimen und \u00dcbergangswohnungen. Und die deutschen St\u00e4dte bleiben ihnen fremd, manchmal sogar feindlich. Die erste Offenheit und Begeisterung der Willkommenskultur ist abgeflaut. Wie kann es gelingen, ein freundliches Land zu gestalten, ein gutes Miteinander? Ende letzten Jahres habe ich an einer Diskussion \u00fcber das hessische Integrationsgesetz teilgenommen. Und ich war positiv \u00fcberrascht, wieviel gute Ideen, Geld und Kraft die dortige Landesregierung einsetzt, um Zuziehende zu integrieren und denen, die schon lange hier leben, die Angst zu nehmen. Dabei geht es nicht nur um neue Lehrer und zus\u00e4tzliche Kita-Pl\u00e4tze, es geht auch um Wohnungsbauprogramme und die F\u00f6rderung des Ehrenamts.<\/p>\n<p>Da haben Menschen zusammen gesessen, die nicht nur einen klaren Blick f\u00fcr die notwendigen Integrationsanstrengungen haben, sondern auch f\u00fcr die liegen gebliebenen politischen Aufgaben. Herausgekommen ist ein kluges und differenziertes Konzept. Aber letztlich wird es darauf ankommen, dass die Stimmung sich dreht, oder jedenfalls nicht kippt. Dass die B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger Vertrauen in die Zukunft und auch in ihre Institutionen haben und dass sie weiterhin bereit sind, sich zu engagieren. Kurz: politische Programme sind wichtig \u2013 aber entscheidend ist, die Herzen zu bewegen. Deswegen wird \u00fcberlegt, eine Kampagne mit dem Hessischen L\u00f6wen zu starten: der \u201eL\u00f6we im Herzen\u201c. Stark und mutig soll Hessen in die Zukunft gehen. Naja, ob ich einen L\u00f6wen im Herzen haben will, wei\u00df ich nicht so genau \u2013 aber ein lebendiges Herz, das w\u00fcnsche ich mir auch.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich ging es auch darum, was die Kirche zum Mentalit\u00e4tswandel beitragen kann. Schlie\u00dflich sollte in der Kirche ja die Erinnerung an die Zeit wach sein, als unsere eigenen St\u00e4dte verw\u00fcstet waren. Als wir in Tr\u00fcmmern spielten. Wie der Prophet in Israel haben auch damals viele wohl verstanden, dass ein Zusammenhang mit den 12 Jahren vorher bestand. \u201eWeil man Euch allenthalben verw\u00fcstet und vertilgt und Ihr ins Gerede der Leute gekommen seid\u201c, hei\u00dft es im Text.<\/p>\n<p>Was kann die Kirche zum Wandel beitragen? Der Theologe Ernst Lange hat sich in den 60er und 70er Jahren, zuletzt als Leiter der Studienabteilung der EKD mit diesen Fragen besch\u00e4ftigt. Er hat Befragungen der Kirchenmitglieder durchf\u00fchren lassen und Reformprojekten analysiert. Ver\u00e4nderungen k\u00f6nnten nur stattfinden, wenn Interessen und Konflikte transparent und tabufrei benannt werden, sagt Lange. Alles muss auf den Tisch &#8211; gerade deshalb, weil gesellschaftliche Konflikte oft Macht- und Herrschaftskonflikte zwischen Ungleichen sind. Der Weg zur Vers\u00f6hnung f\u00fchrt deshalb oft genug nur \u201e\u00fcber Krise, Polarisierung und Konfrontation\u201c. Ernst Lange spricht mit Paolo Freire von Exorzismus. Wer den Bann brechen will, wer die Verdammten erl\u00f6sen will, muss das B\u00f6se beim Namen nennen. Ich denke an den Antijudaismus der Kirche, der mitverantwortlich war f\u00fcr den menschenm\u00f6rderischen Antisemitismus. Oder an den mangelnden Schutz, den unsere Kirche im Dritten Reich Menschen mit Behinderung gegeben haben. Ver\u00e4nderung ist nur m\u00f6glich, wenn wir die eigene Verantwortung wahrnehmen. Eine selbstkritische Kirche versteckt ihre Konflikte nicht und geht ehrlich mit der eigenen Geschichte um. Genau daraus erw\u00e4chst Kraft.<\/p>\n<p>Unz\u00e4hlige Christinnen und Christen haben das in den letzten beiden Jahren gezeigt. Mit den unz\u00e4hligen Initiativen f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge haben die Kirchen bewiesen, dass sie eine wichtige gesellschaftliche Plattform sind. Dabei bringt das Engagement in Patenschaften, Kleiderkammern, Deutschkursen den Ehrenamtlichen meist selbst eine gro\u00dfe Bereicherung. Menschen, die sich in Gruppen engagieren, entwickeln ein \u00fcberdurchschnittlich hohes Vertrauen, eine positive Grundeinstellung anderen &#8211; auch Fremden gegen\u00fcber. Und das Gef\u00fchl, gebraucht zu werden, macht auch die stark, die sich sonst selbst als Hilfeempf\u00e4nger erleben &#8211; Menschen mit Behinderung zum Beispiel oder \u201eKunden\u201c der Tafeln. Es ist dieses aktive, gelebte Mit-Einander und F\u00fcr-Andere, das Kirche ausmacht. Der Einsatz und auch die F\u00fcrbitten f\u00fcr andere, aber auch gemeinsame Feste best\u00e4tigen eine Zusammengeh\u00f6rigkeit, die Grenzen \u00fcberschreitet &#8211; Milieugrenzen, Sprachgrenzen, auch kulturelle.<\/p>\n<p>Leider wirken manche Gemeinden immer noch wie eine geschlossene Gesellschaft. Man kennt sich, kommt aus \u00e4hnlichen Milieus, f\u00fchlt sich wohl im Miteinander, als sei die Kirche ein Verein. Das hat auch mit der Trennung zwischen Kirche und Diakonie zu tun.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\"><sup>[1]<\/sup><\/a> Angebote f\u00fcr Alleinerziehende, f\u00fcr Pflegebed\u00fcrftige und pflegende Angeh\u00f6rige oder Menschen mit Behinderungen gibt es bei der Diakonie, Tageseinrichtungen f\u00fcr Kinder und Seniorenclubs in der Kirche. Wir m\u00fcssen sehr konkret dar\u00fcber nachdenken, wie wir dieses Schubladendenken \u00fcberwinden. Wie unsere Nachbarschaften und Arbeitspl\u00e4tze, unsere Gemeinden und sozialen Dienste sich \u00e4ndern k\u00f6nnen, um Teilhabe zu f\u00f6rdern. In einer Welt, in der das Unterwegssein f\u00fcr viele zur Selbstverst\u00e4ndlichkeit geworden ist, wo aber auch Egoismus und Einsamkeit herrschen, f\u00fchlen sich viele wie Fremde.<\/p>\n<p>\u201eWenn ich einen Traum von der Kirche habe, so ist es der Traum von den offenen T\u00fcren gerade f\u00fcr die Fremden, die anders sprechen, essen, riechen\u201c, schreibt Dorothee S\u00f6lle. \u201eMein Haus w\u00fcnsche ich mir nicht als eine f\u00fcr andere unbetretbare Festung, sondern mit vielen T\u00fcren. Heimat, die wir nur f\u00fcr uns selbst besitzen, macht uns eng und muffig. Jeder Gast bringt etwas mit ins Haus, das wir selbst nicht haben. Heimat und Exil geh\u00f6ren zusammen, weil wir ganz zu Hause auch im sch\u00f6nsten Haus nicht sind.\u201c<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\"><sup>[2]<\/sup><\/a><\/p>\n<p>In Hannover, Berlin und an anderen Orten wurden offene Kirchen zu \u201eH\u00e4usern der Religionen\u201c<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\"><sup>[3]<\/sup><\/a>, zu Orten des Dialogs mit Angeh\u00f6rigen anderer Kulturen. Das neue Interesse an Religion ist eine gro\u00dfe Chance, gemeinsam zu diskutieren, auf welche Weise Traditionen, Kulturen, Werte aus den jeweiligen heiligen Texten abgeleitet werden k\u00f6nnen. Aber nicht nur Kirchen, auch Familienzentren, Schulen oder diakonische Einrichtungen k\u00f6nnen und m\u00fcssen Orte eines <em>bewussten interreligi\u00f6sen Dialogs<\/em> werden. In Diakonie und Caritas haben wir uns lange auf Fachlichkeit und Wirtschaftlichkeit konzentriert und \u00fcber Religion, Ethik und Spiritualit\u00e4t oft geschwiegen. Aber die Herausforderungen vor denen wir stehen, brauchen mehr als ausgekl\u00fcgelte Konzepte und ausk\u00f6mmlichen Finanzierungen. Wir brauchen Menschen, die bereit sind, sich auf andere einzulassen und ihr Herz zu \u00f6ffnen.<\/p>\n<p>Kennen Sie das M\u00e4rchen vom Froschk\u00f6nig noch? Die Geschichte von der Prinzessin, die den Frosch wider Willen von ihrem Tellerchen essen und in ihrem Bettchen schlafen l\u00e4sst, weil sie es versprochen hat und die ihn schlie\u00dflich mit Karacho gegen die Wand schleudert? \u201eAls er aber herabfiel, war er kein Frosch, sondern ein K\u00f6nigssohn mit sch\u00f6nen und freundlichen Augen. Der war nun nach ihres Vaters Willen ihr lieber Geselle und Gemahl. Da erz\u00e4hlte er ihr, er w\u00e4re von einer b\u00f6sen Hexe verw\u00fcnscht worden, und niemand h\u00e4tte ihn aus dem Brunnen erl\u00f6sen k\u00f6nnen als sie allein, und morgen wollten sie zusammen in sein Reich gehen. Dann schliefen sie ein, und am andern Morgen, als die Sonne sie aufweckte, kam ein Wagen herangefahren, mit acht wei\u00dfen Pferden bespannt, die hatten wei\u00dfe Strau\u00dffedern auf dem Kopf und gingen in goldenen Ketten, und hinten stand der Diener des jungen K\u00f6nigs, das war der treue Heinrich. Der hatte sich so betr\u00fcbt, als sein Herr war in einen Frosch verwandelt worden, dass er drei eiserne Bande hatte um sein Herz legen lassen, damit es ihm nicht vor Weh und Traurigkeit zerspr\u00e4nge. Und als sie ein St\u00fcck Wegs gefahren waren, h\u00f6rte der K\u00f6nigssohn, dass es hinter ihm krachte, als w\u00e4re etwas zerbrochen. Da drehte er sich um und rief: &#8222;Heinrich, der Wagen bricht!&#8220;<\/p>\n<p>\u201eNein, Herr, der Wagen nicht,<\/p>\n<p>Es ist ein Band von meinem Herzen,<\/p>\n<p>Das da lag in gro\u00dfen Schmerzen\u201c.<\/p>\n<p>Noch einmal und noch einmal krachte es auf dem Weg, und der K\u00f6nigssohn meinte immer, der Wagen br\u00e4che, und es waren doch nur die Bande, die vom Herzen des treuen Heinrich absprangen, weil sein Herr erl\u00f6st und gl\u00fccklich war.<\/p>\n<p>Einander mit freundlichen Augen anschauen. Einander von Verw\u00fcnschungen befreien. Und endlich frei atmen k\u00f6nnen. Was f\u00fcr sch\u00f6ne Bilder das alte M\u00e4rchen f\u00fcr das Gl\u00fcck findet, wie treffend es das Ungl\u00fcck beschreibt. Eiserne Ringe ums Herz &#8211; aus Stress und Kurzatmigkeit, aus Angst und Abwehr. Ekel vor der Welt &#8211; als ob alle nur etwas von einem wollen &#8211; von meinem Tellerchen essen, in meinem Bettchen schlafen. Wer Angst hat, wer sich fremd und unerw\u00fcnscht f\u00fchlt, verkriecht sich sicherheitshalber in einem Panzer. Die Bibel nennt das Herzensh\u00e4rte &#8211; und es f\u00fchlt sich nicht gut an. Ungl\u00fccklich, unerl\u00f6st. Aber Gott verspricht seinem Volk ein neues, ein schlagendes Herz zu geben, ein Herz aus Fleisch. Gebrochene Herzen sollen heilen, verzagte getr\u00f6stet werden, unruhige Ruhe finden. Mehr als tausendmal finden sich solche S\u00e4tze in der Bibel. Und auch die Jahreslosung f\u00fcr 2017 enth\u00e4lt diese gro\u00dfe Verhei\u00dfung. Sie ist ein Zitat des Propheten Hesekiel: <em>\u201eIch schenke Euch ein neues Herz und lege meinen neuen Geist in Euch\u201c, sagt Gott. <\/em>Normalerweise wird dieser Text \u00fcbrigens zu Pfingsten gepredigt. Denn es geht nicht nur um den Einzelnen, der ein neues Herz bekommen soll \u2013 es geht um unser Miteinander, um das ganze Volk Gottes.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Teil II Du musst Dein Leben \u00e4ndern.<\/strong><\/p>\n<p>Vor zwei Wochen bekam meine Schwester einen Herzschrittmacher. Sie ist 53 &#8211; eigentlich zu jung daf\u00fcr. Inzwischen sind wir froh, dass alles gut gegangen ist. Es ist bedrohlich, wenn das alte, vertraute Herz nicht mehr so selbstverst\u00e4ndlich schl\u00e4gt. Wie froh wir waren, als die OP gut \u00fcberstanden war: neue Sicherheit, neues Leben. In einem solchen Augenblick ist alles gut: jedes Essen schmeckt, das Wasser tut unendlich gut und nichts ist sch\u00f6ner, als mit anderen sprechen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Milton Erikson war achtzehn, als er an Kinderl\u00e4hmung erkrankte. Die Krankheit traf ihn so hart, dass er ins Koma fiel und erst nach einigen Tagen gel\u00e4hmt erwachte. Weil er ein guter Sportler war, schaffte er es, wieder auf die Beine zu kommen. Er unternahm sogar gegen den Rat der \u00c4rzte eine Kanutour auf dem Mississippi. Aber Jahre sp\u00e4ter kehrte die Krankheit zur\u00fcck. Noch einmal brachte er die Energie auf, sie zu besiegen. Beim dritten Mal blieb er auf den Rollstuhl angewiesen. Aber da war Milton Erikson schon ein weltweit anerkannter Therapeut. Denn in den Jahren der Krankheit hatte er seine Begabung entdeckt und entwickelt: Er konnte sich besonders gut in andere einf\u00fchlen. Er konnte zuh\u00f6ren, beobachten und die Gedankenwelt anderer wahrnehmen. Er hatte Bilder und Worte f\u00fcr das, was anderen Menschen zu schaffen machte. Das Fremde, das Unfassbare. Und so konnte er auch selbst seinen Patientinnen und Patienten helfen, die Kr\u00e4fte zu entdecken, die einen in Identit\u00e4tskrisen tragen und zu einem neuen Leben f\u00fchren. Ihm war es wichtig, nicht nur auf die Grenzen zu schauen, sondern auch auf die M\u00f6glichkeiten, die wir haben. Dass wir die Augen offen halten f\u00fcr das Licht, uns selbst \u00f6ffnen f\u00fcr die Lebenskraft. Der Therapeut im Rollstuhl hatte die Kraft, anderen auf die Beine zu helfen. Die Krisen, durch die er selbst gegangen ist, haben ihn zum Meister des Lebens gemacht.<\/p>\n<p>\u201eAus der Angst findet man nur durch die Angst\u201c, hei\u00dft es in einem fern\u00f6stlichen Koan. Ein Paradox, das wir kaum denken k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Auch die hebr\u00e4ische Bibel erz\u00e4hlt eine solche Geschichte: Jakob, der Stammvater Israels, muss nach einem gro\u00dfen Streit mit dem Bruder sein Elternhaus und seine Heimat verlassen (Gen 25 ff.). Aber der Onkel, zu dem er fl\u00fcchtet, betr\u00fcgt ihn \u2013 genauso wie er selbst seinen Bruder betrogen hat. Was er erlebt, hat er sich selbst zuzuschreiben: Auf die Frau, die er liebt, muss er lange warten, er heiratet zun\u00e4chst eine andere. Auch beruflich muss er immer wieder von vorne anfangen, um weiter zu kommen. Aber in allem, was er erlebt, h\u00e4lt er sich daran fest, dass ihn der Vater gesegnet hat \u2013 auch wenn er selbst diesen Segen erschlichen hatte. Er erinnert sich an eine Traumnacht auf der Flucht, in der er den Himmel offen sah. Das Bild der Himmelsleiter (Gen 28) mit den Engeln, die zu ihm unterwegs sind, bleibt die Vision, die ihn tr\u00e4gt. Am Ende hat er tats\u00e4chlich Erfolg; er ist ein reicher Mann geworden und kehrt mit seinen Herden und seiner gro\u00dfen Familie nach Hause zur\u00fcck. Dann aber, auf dem Weg, sozusagen auf der \u201eSchwelle\u201c in die Heimat, am Fluss Jabbok, kommt die Nacht, in der er alle K\u00e4mpfe seines Lebens noch einmal k\u00e4mpfen muss (Gen 32). Da ist es, als ob die Himmelsleiter bricht. Er sp\u00fcrt, wie er den Boden unter den F\u00fc\u00dfen verliert \u2013 er steht auf Treibsand mitten im Fluss. Angst \u00fcberf\u00e4llt ihn, Gott verschwindet in den dunklen Schatten. Ringt er mit dem Schicksal oder mit sich selbst, ringt er mit Gott? Wer kann das in solchen Augenblicken unterscheiden? Am n\u00e4chsten Morgen, als die Sonne aufgeht, ist er gezeichnet. Er hinkt. Aber geschlagen ist er nicht; er f\u00fchlt sich sp\u00fcrbar gesegnet. Es ist diese Krisenerfahrung, die ihm Vers\u00f6hnung und einen Neuanfang erm\u00f6glicht. Mit seinem Bruder und mit sich selbst. In dieser Nacht bekommt Jakob einen neuen Namen. Er hei\u00dft jetzt Israel und wird damit der Stammvater des Volkes Gottes. Und das Volk wird noch viele Male durch solche Krisen gehen &#8211; auch der Prophet Ezechiel erz\u00e4hlt davon.<\/p>\n<p>\u00c4u\u00dfere und innere Wege sind nicht selten zwei Seiten derselben Medaille. Sei es, wie bei Milton Erikson, dass gerade eine Krankheit oder Behinderung die Begabungen hervorlockt, die am Ende auch zum beruflichen Erfolg f\u00fchren. Oder sei es, wie bei Jakob, dass eine k\u00f6rperliche Einschr\u00e4nkung der Preis eines \u00e4u\u00dferen Erfolgs ist. \u201eDie Bew\u00e4ltigung von Krisen geschieht nicht, indem man wieder \u201aganz der Alte\u2018 wird\u201c, sagt der Analytiker Michael Mary. \u201eSie geschieht, indem man einen neuen Namen annimmt.\u201c<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\"><sup>[4]<\/sup><\/a> Aus Irrwegen und Schicksalsschl\u00e4gen kann neue Kraft erwachsen; die Schuld, die wir auf uns laden, die inneren K\u00e4mpfe, die wir erleben, k\u00f6nnen unsere Wahrnehmung sch\u00e4rfen und uns eine neue Identit\u00e4t, neue Lebendigkeit schenken.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Seit einigen Jahren h\u00e4ngt an meinem Schl\u00fcsselbund das Markenzeichen des Calvin College in Michigan. Da ist eine ausgestreckte Hand mit einem Herzen zu sehen \u2013 darum der Wahlspruch des Genfer Reformators Johannes Calvin: \u201eCor meum tibi offero domine, prompte et sincere\u201c \u2013 ich schenke Dir mein Herz Gott, ernsthaft und sofort. Tausche Angst gegen Lebendigkeit. Und riskiere den absoluten Neuanfang. Ja, ich lasse mich ein auf diesen Prozess.<\/p>\n<p>In Krisen und Lebens\u00fcberg\u00e4ngen, in pers\u00f6nlichen Ver\u00e4nderungsprozessen k\u00f6nnen die alten Gespenster noch einmal richtig munter werden. Dann ist es notwendig, sich die alten Geschichten noch einmal in Erinnerung zu rufen und anzusehen, was uns noch immer blockiert mit Bitterkeit oder einer versteckten Wut. Brigitte Hieronimus schreibt in ihrem Buch \u201eMut zum Lebenswandel\u201c, das diese alten Gef\u00fchle uns dabei helfen wollen, unsere biographischen Erfahrungen sinnvoll zu nutzen. Situationen und Menschen, die uns schwierige Erfahrungen in Erinnerung rufen, nennt sie deshalb \u201eEntwicklungshelfer\u201c, weil sie dazu beitragen, das Blockierte in uns wieder wahrzunehmen. In diesem Sinne ist auch der Unbegreifliche, mit dem Jakob ringt, ein Entwicklungshelfer. \u201eSie wollen uns keine Angst einjagen; vielmehr wollen sie endlich in Rente gehen\u201c. Vor allem im \u00c4lterwerden kommt es darauf an, uns zu vers\u00f6hnen mit alten Widersachern, uns auszus\u00f6hnen auch mit den Ecken und Kanten des eigenen Lebens. Und dann: sich neu zu \u00f6ffnen. Neue Lernprozesse stehen an, die uns letztlich helfen, Gottes Gegenwart in allen Dingen zu sp\u00fcren. Vergeben lernen, sich auss\u00f6hnen, die Dinge nun noch einmal aus der Perspektive der anderen sehen. Man kann das als eine Art psychischen Hausputz begreifen.<\/p>\n<p>Das Besondere daran: es geschieht eher mit uns, als dass wir es selbst tun m\u00fcssten. Es kommt darauf an, es zuzulassen \u2013 auch wenn dieser Prozess nicht einfach ist. Wir m\u00fcssen uns stellen, loslassen und uns \u00f6ffnen &#8211; es kommt darauf an, Gott an uns handeln zu lassen. Uns von Gott beschenken zu lassen. Viermal, eigentlich f\u00fcnfmal hei\u00dft es in unserem Text, dass Gott die Initiative ergreift: \u201eIch will\u201c:<\/p>\n<p><em>24 Denn ich will euch aus den Heiden herausholen und euch aus allen L\u00e4ndern sammeln und wieder in euer Land bringen, <\/em><\/p>\n<p><em>25 und ich will reines Wasser \u00fcber euch sprengen, dass ihr rein werdet; von all eurer Unreinheit und von allen euren G\u00f6tzen will ich euch reinigen. <\/em><\/p>\n<p><em>26 Und ich will euch ein neues Herz und einen neuen Geist in euch geben und will das steinerne Herz aus eurem Fleisch wegnehmen und euch ein fleischernes Herz geben. <\/em><\/p>\n<p><em>27 Und will meinen Geist in euch geben und will solche Leute aus euch machen, die in meinen Geboten wandeln und meine Rechte halten und danach tun.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>III \u201eHerz und Herz vereint zusammen\u201c: Gemeinschaft <\/strong><\/p>\n<p>Gottes Handeln zielt auf die Welt: \u201eDie Heiden sollen erfahren, dass ich der Herr bin, spricht Gott der Herr, wenn ich vor ihren Augen an euch zeige, dass ich heilig bin.\u201c (V6) Gott verleiht seinen Geist, damit die Kirche Ausstrahlungskraft bekommt. Ein neues Herz, das L\u00f6wenherz, ein Herz aus Fleisch statt aus Stein und einen neuen Geist sollen wir in den Leib bekommen. Und diese Operation ist von Gott aus nicht mit Risiken verbunden. Das einzige Risiko sind wir selbst, wenn wir dieses neue, fleischerne Herz, das Gott uns geben will, absto\u00dfen, wenn wir ihm keinen Raum geben wollen in unserem Leben.<\/p>\n<p>Dabei ist dieses Herz aus Fleisch pulsierend und voller Leben und geht mit dem Leben im eigenen Leib und au\u00dferhalb liebevoll um. Es kann vor Freude h\u00fcpfen, wie Paul Gerhardt singt: \u201emein Herze geht in Spr\u00fcngen und kann nicht traurig sein&#8230;\u201c und es dr\u00e4ngt auf Gemeinschaft mit anderen, wie Zinzendorf dichtet: \u201eHerz und Herz vereint zusammen sucht in Gottes Herzen Ruh.\u201c<\/p>\n<p>Aber es steht nicht so gut um das Miteinander im Land \u2013 nicht einmal in der Diakonie. Vor kurzem erz\u00e4hlten mir einige Pflegedienstleitungen vom Trend zu selbst\u00e4ndigen Pflegefachkr\u00e4ften. Auf dem leer gefegten Markt bestimmen sie die Rahmenbedingungen ihres Einsatzes weit gehen selbst: sie kommen, wenn Personalmangel auf Station ist, aber sie machen keinen Nachtdienst, oder arbeiten nicht am Wochenende oder nur, wenn die Kinder in der Schule sind. Der Rest muss von den fest Angestellten aufgefangen werden. Und wieder einmal wird mir klar, wie wenig selbstverst\u00e4ndlich es ist, wenn der Dienst in einer Klinik oder einer Pflegeeinrichtung funktioniert \u2013 wenn Menschen bereit sind, sich f\u00fcr andere einzusetzen, sich mit anderen abzustimmen, Beruf und Familie irgendwie unter einen Hut zu kriegen. Nichts davon ist selbstverst\u00e4ndlich; alles h\u00e4ngt davon ab, dass Lebensenergie flie\u00dft, auch wenn wir sie nicht sehen.<\/p>\n<p>\u201eLasset Eure Liebesflammen lodern auf den Heiland zu\u201c, dichtet Zinzendorf in seinem Lied. In meiner diakonischen Arbeit ist es mir oft so vorgekommen, als sei da nur noch Asche &#8211; nur mehr eine Erinnerung an diese starke diakonische Tradition. \u201eUnter der Asche ein heimliches Feuer\u201c hei\u00dft ein Buch der amerikanischen Benediktinerin Joan Chittister, das vor mehr als 15 Jahren erschien. Die heute 80-j\u00e4hrige Joan Chittister ist Mitglied eines Benediktinerinnen \u2013 Konvents in Pennsylvania, in den sie als ganz junges M\u00e4dchen eintrat. Zw\u00f6lf Jahre war sie dessen Priorin, eine starke, inspirierende und mutige Frau. 2001 erhielt sie den Thomas Merton Award f\u00fcr Frieden und soziale Gerechtigkeit, 2007 den Hans-K\u00fcng-Preis, 2008 trat sie in Seattle mit dem Dalai Lama auf. Es war aber Chittisters Forderung nach Frauenordination in der r\u00f6misch-katholischen Kirche, die ihrer Bekanntheit noch einmal einen Schub gegeben hat &#8211; sie geriet dar\u00fcber in Konflikt mit dem Vatikan, wie \u00fcbrigens gr\u00f6\u00dfere Teile des Reformfl\u00fcgels der amerikanischen Katholiken. Joan Chittister kann begeistern \u2013 und sie steht zu ihren Einsichten. So ist das nun mal, wenn man f\u00fcr eine Sache brennt.<\/p>\n<p>Joan Chittisters Buchtitel &#8211; \u201eUnter der Asche ein heimliches Feuer\u201c &#8211; hat mich vor vielen Jahren angeregt, mich zu fragen, was das f\u00fcr eine Energie ist, die Menschen dazu bringt, sich f\u00fcr andere einzusetzen. Ich war damals Leiterin der Kaiserswerther Diakonie, des ersten Diakonissenmutterhauses. Dort, am Ursprungsort der neuzeitlichen Pflegegeschichte, waren die Keller voller Akten aus vielen Jahrzehnten Pflegearbeit \u2013 w\u00e4hrend die Diakonissengeschichte in der alten Form unweigerlich zu Ende ging. Das lie\u00df mich fragen, was es f\u00fcr eine Energie ist, die Menschen miteinander verbindet \u2013 die unsere Herzen f\u00fcreinander schlagen l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Selbst\u00e4ndige Pflegekr\u00e4fte sind f\u00fcr mich der konsequente Endpunkt der Entwicklung von der Institution zur Individualisierung, von der Gemeinschaftsdiakonie zum Gesundheitsmarkt. Pflegende bieten ihre Dienstleistung auf dem Gesundheitsmarkt an wie jeder andere Anbieter auch. Und weil sie im Vergleich zu \u00c4rzten oder IT-Kr\u00e4ften viel zu wenig verdienen, sorgen sie vern\u00fcnftiger weise f\u00fcr ein gutes Zeitmanagement und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Allerdings l\u00e4sst sich ein Krankenhaus so nicht managen &#8211; hier greift eins ins andere und alles h\u00e4ngt an einer guten Abstimmung zwischen den verschiedenen Diensten und Berufsgruppen. Die Organisationen leben von der Bereitschaft, sich einzuf\u00fcgen &#8211; gerade das war in den Schwesternschaften \u00fcber viele Jahrzehnte Voraussetzung. Industrie und IT-Unternehmen setzen heute in weit h\u00f6herem Ma\u00dfe auf Eigenst\u00e4ndigkeit und Selbststeuerung \u2013 vielleicht m\u00fcssen wir also auch in den alten Anstalten, in Schulen und Krankenh\u00e4usern umdenken? Aber Patienten \u201edurchzuschleusen\u201c oder Pflegebed\u00fcrftige in Modulen zu versorgen wie man Autos am Flie\u00dfband fertigt, ist kein Weg &#8211; das ahnen wir l\u00e4ngst. Heilung kann ohne Zusammenarbeit nicht gelingen &#8211; Zusammenarbeit mit dem Patienten und auch untereinander.<\/p>\n<p>Taugt die Tradition der Gemeinschaftsdiakonie f\u00fcr neue Visionen? Machen wir uns nichts vor \u2013 manche w\u00fcrden entschieden den Kopf sch\u00fctteln. Denn zur Tradition der Schwesternschaften geh\u00f6rten eben auch der Anpassungsdruck, die Gehorsamstradition und das Zur\u00fcckdr\u00e4ngen von Individualit\u00e4t. Zudem waren die Gr\u00fcnder wie Fliedner oder Zimmer davon \u00fcberzeugt, dass gerade Frauen nicht allein ihren Mann stehen k\u00f6nnten &#8211; sie w\u00e4ren schon von ihrer Konstitution her auf Familie und Gemeinschaft angewiesen. Als ich vorhin gesagt habe, die selbst\u00e4ndigen Pflegekr\u00e4fte seien der Endpunkt einer Entwicklung, habe ich daran gedacht, wie lange die Kirche gegen die Unabh\u00e4ngigkeit des Pflegeberufs gek\u00e4mpft hat und wie m\u00fchsam die Fortschritte errungen wurden &#8211; von Theodor Fliedners Mutterhausdiakonie \u00fcber Friedrich Zimmer, der den Schwestern nicht mehr nur Taschengeld, sondern durchaus ein Entgelt zahlte, bis zu den privaten Pflegediensten. Zugleich aber ist mir bewusst, wie wenig damit erreicht ist: Der Soziologe Heinz Bude spricht in seinem Buch \u201eGesellschaft der Angst\u201c sogar vom neuen Dienstleistungsproletariat \u2013 Hauswirtschafts- und Reinigungskr\u00e4fte und auch Pflegende z\u00e4hlen f\u00fcr ihn dazu. Die Sorgeberufe leiden unter mangelnder Wertsch\u00e4tzung.<\/p>\n<p>Aus dem diakonischen Dienst ist eine Dienstleistung geworden wie andere auch. Wir haben neue Freiheiten gewonnen und neue Unsicherheiten eingetauscht. Wir haben Autonomie gewonnen, aber vergessen manchmal, wie sehr wir auf andere angewiesen sind. Wir leben in einer Dienstleistungs- und Konsumgesellschaft und m\u00fcssen doch neu lernen, dass Gesundheit, Bildung, Ver\u00e4nderungsprozesse nicht konsumierbar sind, sondern unsere eigene Mitarbeit und Gestaltung brauchen.<\/p>\n<p>Vielleicht haben die Ecksteine der neuzeitlichen Diakonie deshalb wieder Konjunktur: Engagement und Berufung, Spiritualit\u00e4t und Gemeinschaft sind wieder gefragt. Der Philosoph und Politikwissenschaftler Matthew Crawford, der mit den widerspr\u00fcchlichen Anforderungen in dem Thinktank, in dem er arbeitete, nicht mehr zurecht kam, k\u00fcndigte und er\u00f6ffnete stattdessen eine Motorradwerkstatt. Ein Teil der Befriedigung liegt f\u00fcr ihn darin, dass er den Sinn seines Tuns in seinem Handeln findet. Aus seiner Sicht ist es entscheidend, dass Arbeit uns in einer Wertegemeinschaft verankert. Was ich tue, sagt er, ist Teil eine umfassenderen Bedeutungskreises \u2013 es dient einer Aktivit\u00e4t, die wir als Teil des guten Lebens betrachten. Dieses Bewusstsein, das gar nicht ausgesprochen werden muss, konstituiert die Gemeinschaft, in der wir arbeiten. Wir stehen in einer Art \u201et\u00e4tigem Gespr\u00e4ch\u201c miteinander &#8211; und durch dieses Gespr\u00e4ch kann die Arbeit unser Leben zu einem in sich schl\u00fcssigen Ganzen machen.<\/p>\n<p>Eine Zeit, die ihre soziale Energie nur aufs Gesch\u00e4ft und auf die Frage der N\u00fctzlichkeit reduziert, ist (&#8230;) widerw\u00e4rtig\u201c und \u201esie beraubt die ihr unbedacht Folgenden aller Erfahrungen von F\u00fcrsorge, Loyalit\u00e4t und Gro\u00dfz\u00fcgigkeit\u201c, schreibt Ariadne von Schirach in ihrem Buch \u201eDu sollst nicht funktionieren\u201c. Aus dieser Erfahrung erw\u00e4chst eine starke Gegenbewegung in der Zivilgesellschaft. B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger engagieren sich ganz bewusst f\u00fcr das Ganze. An ihrer Seite m\u00fcssen die diakonischen Gemeinschaften ihren Platz finden. Gemeinsame Projekte, gemeinsames Kochen und Essen, Wohngemeinschaften und Mehrgenerationenh\u00e4user &#8211; all das kann die Gemeinschaft st\u00e4rken &#8211; es kann aber auch nach au\u00dfen ausstrahlen.<\/p>\n<p>Gemeinschaften halten die Berufung ihrer Mitglieder wach \u2013 mit Bildung, Ethik, Spiritualit\u00e4tserfahrungen, Musik. Damit sind sie eine subversive Kraft &#8211; in Zeiten der Individualisierung k\u00f6nnen sie an Rituale und Traditionen erinnern, die Zusammenhalt stiften \u2013 und sie neu lebendig halten.<\/p>\n<p>Was bedeutet das f\u00fcr Ihre Gemeinschaft? Wie \u00e4u\u00dfert sich die Erneuerung, wo schl\u00e4gt Ihr Herz?<\/p>\n<p><em>26 Und ich will euch ein neues Herz und einen neuen Geist in euch geben und will das steinerne Herz aus eurem Fleisch wegnehmen und euch ein fleischernes Herz geben. <\/em><\/p>\n<p><em>27 Und will meinen Geist in euch geben und will solche Leute aus euch machen, die in meinen Geboten wandeln und meine Rechte halten und danach tun.<\/em><\/p>\n<p>Es geht um Gottes Heilungsprozesse, die an uns geschehen. Auch an Ihrer Gemeinschaft. Was sehen sie kritisch \u2013 was liegt schon l\u00e4ngst in Tr\u00fcmmern, funktioniert nicht mehr? Was sind die Gespenster der Vergangenheit- und wo hat vielleicht etwas Neues begonnen?<\/p>\n<p>Das Ziel dieses Prozesses ist klar: es geht nicht nur um uns oder unsere Gemeinschaften \u2013 es geht um andere: \u201eIch will solche Leute aus Euch machen, die meine Rechte halten und danach tun.\u201c \u2013 um Gottes willen.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<p>Cornelia Coenen-Marx, Bonn- FH-Diakonieschwesternschaft<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h5><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Vgl. dazu auch \u201cPotenziale vor Ort\u201c, das Gemeindebarometer des Sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD, Hannover 2015<\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Dorothee S\u00f6lle, Mutanf\u00e4lle. Texte zum Umdenken, Hamburg 1994.<\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Die Arbeit des \u201eHauses der Religionen\u201c in Hannover hat sich \u00fcber viele Jahre entwickelt \u2013 mit Ausstellungen, Diskussionsveranstaltungen und inzwischen auch mit einer Internetpr\u00e4senz. In Berlin wird derzeit auf einem Kirchengrundst\u00fcck das \u201ehouse of one\u201c geplant.<\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Michael Mary: Das Leben l\u00e4sst fragen, wo die bleibst: Wer etwas \u00e4ndern will, braucht ein Problem, 2007, S. 45<\/h5>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1 Und du, Menschenkind, weissage den Bergen Israels und sprich: H\u00f6rt des HERRN Wort, ihr Berge Israels! 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