{"id":2930,"date":"2017-05-17T11:35:03","date_gmt":"2017-05-17T11:35:03","guid":{"rendered":"http:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=2930"},"modified":"2017-07-12T20:19:26","modified_gmt":"2017-07-12T20:19:26","slug":"geschenkte-zeit","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=2930","title":{"rendered":"Geschenkte Zeit"},"content":{"rendered":"<p><strong>1. Zeit zu leben: Erfahrungen am Sterbebett<\/strong><\/p>\n<p>In ihrem Buch \u201eJeder Tag ist kostbar\u201c beschreibt Daniela Tausch-Flammer, wie die Begegnung mit dem Sterben ihrer Mutter sie ver\u00e4ndert hat. \u201eIch war vorher jemand, der mit viel Angst im Leben stand. Angst vor der Dunkelheit. Angst, keinen Beruf zu bekommen. Angst keinen Ort zum Leben zu finden. Angst vor Begegnung. &#8230; Durch die Lupe des Todes weitete sich der Angstring, &#8230; hielt mich nicht l\u00e4nger gefangen. Durch das Bewusstwerden der Endlichkeit \u00f6ffnete sich eine T\u00fcr zur Spiritualit\u00e4t. In mir wuchs das Vertrauen: Das, was dir passiert, wird stimmen. Ich begann zu vertrauen, dass ich in meinem Leben gef\u00fchrt werde, von Gott begleitet bin. &#8230; Dass angesichts des Todes vor allem die Momente z\u00e4hlen, in denen ich gewagt habe, mich offen zu zeigen.\u201c Diese Erfahrung motivierte Daniela Tausch-Flammer zur Hospizarbeit. Sie fand ihre Lebensaufgabe. Bei aller Trauer gilt eben auch: Der Umgang mit dem Sterben vitalisiert, die ehrliche Auseinandersetzung, die Erfahrung der Vers\u00f6hnung und die \u00dcberwindung von Angst setzen neue Kr\u00e4fte frei.<strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Auch ich m\u00f6chte die Tage und Wochen am Sterbebett meiner Mutter nicht missen. Sie starb in ihrem kleinen Appartement in einem der nieders\u00e4chsischen Frauenkl\u00f6ster. Es war eine Zeit des Wandels und der Konzentration: Noch einmal leuchtete das Vergangene auf, noch einmal kamen Freunde und Verwandte \u2013 und ich selbst hatte die M\u00f6glichkeit, in den letzten zwei Wochen dort zu \u00fcbernachten. Selten habe ich den Augenblick so intensiv erlebt, die V\u00f6gel am Morgen selten so zwitschern geh\u00f6rt wie in dieser Zeit. Liebe und Leben werden noch einmal ganz dicht, wenn es hei\u00dft Abschied zu nehmen. Was da geschieht, betrifft nicht nur den, der geht, sondern auch die, die bleiben. Der Sterbeprozess ver\u00e4ndert auch das Leben der Angeh\u00f6rigen und Freunde. Und er kann uns alle bereichern und kl\u00fcger machen \u2013 und uns, die wir bleiben, am Ende besser leben lassen.<\/p>\n<p>\u201eMein Sterbegl\u00fcck ist, dass ich die Beziehungen zu mir nahe stehenden Menschen noch einmal ganz neu und wunderbar erlebe\u201c, sagte die Theologin Luise Schottroff kurz vor ihrem Tod in einem Interview. \u201eNie h\u00e4tte ich es f\u00fcr m\u00f6glich gehalten, dass in unserer durchgetakteten Welt so viel Zuwendung m\u00f6glich ist\u201c. In der Zeit ihrer Krankheit wurde ihr Freundesnetzwerk noch einmal dichter gekn\u00fcpft &#8211; und alle Beteiligten wuchsen so zusammen, dass sie sich auch gegenseitig im Abschiednehmen unterst\u00fctzen konnten. Ganz \u00e4hnlich habe auch ich es mit dem Freundinnennetzwerk meiner Mutter in ihren letzten Monaten im Stift erlebt.<\/p>\n<p>Nicht immer allerdings sind Abschieds- und Sterbeprozesse so vers\u00f6hnlich. Jutta Winkelmann erz\u00e4hlt in ihrem Buch \u201eMein Leben ohne mich\u201c ganz offen von den inneren und \u00e4u\u00dferen K\u00e4mpfen des Loslassens, die sie auf einer letzten, spirituellen Reise nach Indien mit Rainer Langhans und zwei Freundinnen durchgestanden hat. \u201eIm Grunde, f\u00fcrchte ich, gibt es keinen, der mich aush\u00e4lt\u201c, schreibt sie. \u201eIch darf keine negativen Gef\u00fchle haben, sie sind zu offenbar zu bedrohlich\u201c. Ob und wie es am Ende gelingt, dass die Sterbenden ruhig gehen und ob es m\u00f6glich wird, durch den Schmerz zu einem neuen Leben zu finden, das h\u00e4ngt von vielen Faktoren ab. Es hat mit den individuellen Beziehungen zu tun, aber auch mit den Strukturen der Institutionen &#8211; von Krankenh\u00e4usern und Pflegediensten. Mit finanziellen und rechtlichen Fragen, aber auch dem Gesundheitszustand der Sterbenden genauso wie mit dem der Angeh\u00f6rigen. Mit deren zeitlichen Ressourcen und ihren Verpflichtungen f\u00fcr die eigene Familie oder den Job. Und nicht zuletzt mit der Frage, ob es ein Netzwerk von Nachbarn, Freunden und Ehrenamtlichen gibt, das alle Beteiligten mittr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Wir brauchen eine Kultur der Freundschaft, sagt Andreas Heller. \u201eFreundschaft begr\u00fcndet sich in dem Wissen, dass wir wohl immer mehr empfangen, als wir zu geben in der Lage sind\u201c. (Heller\/Gronemeyer 2014). Die Sorge f\u00fcreinander kann uns helfen, reicher, lebendiger und sinnvoller zu leben. Die gro\u00dfen gesellschaftlichen Trends gehen allerdings in eine andere Richtung. Wo dauernd Zielerreichung und Abteilungsbudgets verglichen werden, z\u00e4hlt am Ende Konkurrenz mehr als Kooperation. Wo das zur Verf\u00fcgung stehende Fachwissen explosionsartig zunimmt, wird Erfahrung entwertet. Und angesichts der wachsenden Mobilit\u00e4t, der realen wie der virtuellen, bedroht die schiere Zahl der Lebens- und Arbeitsbeziehungen die Dauer der Bindungen. Unser Leben droht in einzelne, aneinander gereihte Projekte zu zerfallen: den Job, den Wohnort, den Lebensabschnittspartner. Vielleicht stehen Familie und Freundschaft, aber auch Nachbarschaft und Gemeinwohl gerade deshalb so hoch im Kurs. Dabei brauchen Angeh\u00f6rige und Freunde mehr Unterst\u00fctzung von Politik, Einrichtungen und Diensten, aber auch in Kirche und Zivilgesellschaft. Sie brauchen Informationen und Netzwerke, aber auch finanzielle Ressourcen und pflegefreie Zeit. Daf\u00fcr engagiert sich zum Beispiel Hanneli D\u00f6hner mit ihrem Verein \u201eWir pflegen\u201c.<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>2. Von Geld und Liebe \u2013\u00a0Geschenkte Zeit im Gesundheitssystem<\/strong><\/p>\n<p>\u201eBrand eins\u201c, das Wirtschaftsmagazin, hat ein ganzes Heft zum Thema \u201eLiebe\u201c herausgegeben. Darin findet sich unter dem Titel \u201eZeit zu leben, Zeit zu sterben\u201c, auch der Bericht von einer Palliativstation. Vor allem in den Antworten der \u00c4rztinnen und \u00c4rzte wird deutlich, dass die berufliche Arbeit hier immer auch eine pers\u00f6nliche Auseinandersetzung ist. \u201eEs geht auch darum, zu lernen, die Dinge, die man nicht \u00e4ndern kann, auszuhalten\u201c, sagt der Chefarzt. Und: \u201eDas System der universit\u00e4ren Medizin ist relativ festgefahren, nicht nur hierarchisch, sondern auch in den Denkstrukturen. Die Palliativmedizin betreibt Forschung auf Gebieten, die bisher nicht so ber\u00fchrt wurden. Wir interessieren uns zum Beispiel f\u00fcr die spirituelle Begleitung in der Sterbephase, f\u00fcr die klassische Medizin kein Thema, aber f\u00fcr viele Menschen ungeheuer wichtig. Oft leiden Sterbende darunter, dass sie innere Angelegenheiten kl\u00e4ren wollen \u2013 die Beziehung zu Gott und die Beziehung zu anderen Menschen.\u201c<\/p>\n<p>In einer Zeit, in der Einrichtungen wie Personal zunehmend unter Effektivit\u00e4tskriterien gesteuert werden, fehlt es oft an Zeit, den Weg eines Menschen wirklich mitzugehen und ihn bis zum Ende zu begleiten. \u00c4rzte und besonders Pflegende leiden darunter, weil es genau das w\u00e4re, worin sie den Sinn in ihrer Arbeit erfahren. Kein Wunder, dass manche ihre Berufung in der Hospizarbeit wiederfinden. Denn das heutige Gesundheitssystem ist hochgradig funktionalisiert und \u00f6konomisiert. Es setzt auf technisches Wissen und auf den eigenverantwortlichen Patienten, der in der Lage ist, die geringer werdenden Ressourcen bestm\u00f6glich zu nutzen. Zugleich aber erleben wir den demografischen Wandel und eine wachsende Spaltung der Gesellschaft in arm und reich. Wer mit der zugeschriebenen Eigenverantwortung und Selbstsorge \u00fcberfordert ist, wird mehr denn je Menschen an seiner Seite brauchen, die ihm Anwalt und St\u00fctze sind. Und einfach Zeit zum Dasein haben.<\/p>\n<p>Ehrenamtlich Engagierte erleben, dass Menschen sich entspannen, wenn jemand im Sterben ihre Hand h\u00e4lt, und noch einmal aufbl\u00fchen, wenn sie sich auf etwas oder auf jemanden freuen k\u00f6nnen. \u201eEs sind manchmal so simple, kleine Dinge\u201c; sagte mir Martin Quel, ein Ehrenamtlicher aus Wuppertal. \u201eEine Dame habe ich Erdbeeren mitgebracht, die lag mehr oder weniger im Sterben. Aber nochmal Erdbeeren zu essen, war eine ganz wichtige Geschichte. Und ich hatte den Eindruck, dass das ihr diesen letzten Weg auch erleichtert hat\u201c: Er erz\u00e4hlt aber auch, wie wichtig es sei, einfach da zu sein und es mit dem anderen auszuhalten. \u201eDass jemand wei\u00df, da sitzt jemand und der ist jetzt einfach nur da \u2013 das ist eine ganz wichtige, beruhigende Situation.\u201c Mir ist besonders wichtig, dass wir einander segnen, wenn wir loslassen m\u00fcssen. Ich meine damit nicht nur die Aussegnung Verstorbener. Ich meine \u2013 und m\u00f6chte dabei bewusst beide Richtungen ansprechen, denn es geht um das Ganze, die Generationen \u00fcbergreifende, das gr\u00f6\u00dfere Leben \u2013 ich meine also auch den Segen der Sterbenden f\u00fcr die, die bleiben. Dabei kommt es nicht auf die alten Worte an, nicht auf feste Formeln. Auch ein L\u00e4cheln kann ein Segen sein, eine kleine Blume, ein gutes Wort auf einer Postkarte.<\/p>\n<p>Der Liedermacher Martin Buchholz, der auch Konzerte in Altenheimen gibt, hat die Besucher gebeten, Augenblicke des Gl\u00fccks auf einer Postkarte aufzuschreiben und ihm zu schicken. Tausende haben das getan. In dem Buch \u201eTage mit Goldrand\u201c findet sich eine inspirierende Auswahl daraus. Neben den Karten stehen Interviews, darunter ein Gespr\u00e4ch mit Kathrin Fester, die die blinde 106-j\u00e4hrige Frieda Mayer\u2013Melikowa in einem Seniorenheim gezeichnet hat. \u201eIch empfinde meine Bilder als meine pers\u00f6nliche W\u00fcrdigung des Lebens von Frau Mayer-Melikowa\u201c, sagt Kathrin Feser, \u201eeine W\u00fcrdigung, die ihr in den langen Jahren ihres Lebens nicht zugekommen ist. (\u2026) Vielleicht wird ja eines Tages eine ganz besondere Zeichnung entstehen und man wird sagen: Das war Frau Mayer-Melikowa. Sie ist sehr alt geworden und sie hat sehr viel in ihrem Leben durchgemacht. Aber sie hat an ihrem Glauben festgehalten. Und sie war ein liebenswerter Mensch. \u201eUnser Gesundheitswesen, schreibt Andreas Heller in dem Buch \u201eIn Ruhe sterben\u201c; das er gemeinsam mit Reimer Gronemeyer verfasst hat, rechnet und plant in DRGs und Modulen \u2013 es z\u00e4hlt nur, was gez\u00e4hlt werden kann. Demgegen\u00fcber k\u00e4me es auf das an, was erz\u00e4hlt werde kann: individuelle Biographien, Lebensbr\u00fcche und Umbr\u00fcche, das Unverwechselbare.<\/p>\n<p>Ohne Nachbarn und Freunde, ohne ehrenamtliche Besuchs- und Betreuungsdienste kommen gerade \u00e4ltere Menschen in Pflegeeinrichtungen und Krankenh\u00e4usern kaum noch zurecht. Das zeigt sich besonders in der Begleitung demenzkranker \u00e4ltere Menschen. B\u00fcrgerschaftliches Engagement leistet einen bedeutsamen Beitrag f\u00fcr die Lebensqualit\u00e4t der Bewohnerinnen und Bewohner; es tr\u00e4gt dazu bei, dass sie nicht v\u00f6llig von der Institution bzw. von den professionellen Dienstleistungen abh\u00e4ngig werden. Aber die Zusammenarbeit von Profis und Freiwilligen ist leider nicht immer reibungslos. Das liegt nicht nur an der Angst der Profis um ihre Arbeitspl\u00e4tze und nicht nur daran, dass es weh tut, gerade die T\u00e4tigkeiten an Freiwillige abzugeben, um derentwillen man den Beruf gew\u00e4hlt hat. Also: Verschl\u00fcsseln, statt am Sterbebett zu sitzen. Pflege dokumentieren, statt einen alten Menschen in den Garten zu begleiten. Nein, es liegt auch daran, dass die Einrichtungen und Dienste vor allem anderen auf h\u00f6chste Funktionalit\u00e4t, nicht aber auf die individuellen Bed\u00fcrfnisse, auf Begegnung und Zuwendung ausgerichtet sind. Ehrenamtliche, die die Abl\u00e4ufe ganz anwaltlich aus der Perspektive der Betroffenen sehen, k\u00f6nnen \u201eSand im Getriebe\u201c werden. Nicht umsonst ist der Anteil der Freiwilligen im Gesundheitswesen am geringsten. Stattdessen w\u00e4chst die Zahl der Ein-Euro-Jobber und geringf\u00fcgig Besch\u00e4ftigten, die weggefallene Stellen auff\u00fcllen- und auch die der Ehrenamtlichen, die mit Aufwandsentsch\u00e4digung arbeiten. Sie sorgen daf\u00fcr, dass der Betrieb m\u00f6glichst reibungslos weiterl\u00e4uft. Oft genug allerdings empfinden sie sich als der billige Jakob eines ausblutenden Sozialstaats.<\/p>\n<p>Dabei wird doch immer beides gebraucht: Erfahrung und der Blick von au\u00dfen, verl\u00e4ssliche Professionalit\u00e4t und engagierte Innovation, Struktur und Lebensweltorientierung. In Palliativstationen und Hospizen, bei der Integration behinderter Kinder, in Wohngemeinschaften und Mehrgenerationenh\u00e4usern ist eine neue Sozialkultur entstanden, die auf einen Mix von Professionalit\u00e4t, Engagement und nachbarschaftlichen Netzen setzt. Am besten gelingt das, wenn freiwillig Engagierte ganz selbstverst\u00e4ndlich in die Organisationsstrukturen einbezogen werden: Von der Teambesprechung bis zur Fortbildung, von der Anlaufstelle im B\u00fcro bis zu den Visitenkarten. Hier und da ist das bei den traditionsreichen Gr\u00fcnen Damen und Herren der Fall. L\u00e4nder wie die USA oder die Niederlande, in denen das seit Jahrzehnten Tradition hat, tun sich auch im Gesundheitsbereich leichter, Ehrenamtliche zu gewinnen. Klar ist: Ehrenamtliche verstehen sich auch in Deutschland nicht mehr als Zuarbeiter von wohlfahrtsstaatlichen Organisationen oder als \u201eHelfer\u201c von beruflich T\u00e4tigen. Sie haben ihren eigenen Kopf, sind manchmal widerst\u00e4ndig und hell wach, wo neue Problemlagen auftauchen, b\u00fcrokratische Hemmnisse die Hilfe erschweren oder die fortschreitende \u00d6konomisierung die Schw\u00e4chsten allein l\u00e4sst. Die Wellcome-Projekte f\u00fcr Neugeborene und auch die Tafelbewegung sind aus dem Ehrenamt entstanden. Genauso wie die Seniorenwohngemeinschaften und die Wohngemeinschaften f\u00fcr Demenzkranke. Und nat\u00fcrlich die Hospizbewegung, in der heute immerhin 80.000 B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger aktiv sind. Menschen schenken Zeit f\u00fcr eine Aufgabe, die ihnen am Herzen liegt. Alle Versuche, dieses Engagement zu stark einzuhegen und zu kanalisieren, um es effektiver zu gestalten, sto\u00dfen deshalb an Grenzen. Ehrenamtlich Engagierte wollen ihre Interessen und ihre Professionalit\u00e4t einbringen, sich bilden und neue Kompetenzen entwickeln und dabei Erfahrungen machen, die ihnen auch in anderen Lebensbereichen zugutekommen.<\/p>\n<p>Und: Ehrenamtliche, die sich mit ihren Kompetenzen ernst genommen f\u00fchlen, k\u00f6nnen die professionelle Distanz und Verl\u00e4sslichkeit der beruflich Pflegenden ganz anders sch\u00e4tzen. Auf dem Hintergrund ihrer Erfahrung k\u00f6nnen die n\u00e4mlich selbstverst\u00e4ndlicher und unaufgeregter mit Tod und Sterben umgehen. Die krebskranke Teresa Altmann, die vor kurzem mit 59 Jahren starb, hat das so gespiegelt: \u201eAndi ist ein wunderbarer Mensch. Er steht mir als Pfleger sehr nah. Verwandte k\u00f6nnen das nicht, einen pflegen. Sie haben einfach nicht die richtige Distanz. Man wird immer nur als Kranke behandelt. Die Normalit\u00e4t fehlt\u201c (Christiane zu Salm, Dieser Mensch war ich).<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>3. Du sollst nicht funktionieren \u2013\u00a0Zeit f\u00fcr F\u00fcrsorge<\/strong><\/p>\n<p>\u201eDass Menschen mich nun anders wahrnehmen, weil ich nicht mehr die Gro\u00dfe, Starke, sonst was bin, sondern auch noch eine andere Seite an mir sichtbar wird. Aber auch, dass man nun hergeht und Leuten sagt, wie lieb man sie hat. Offener mit den eigenen Gef\u00fchlen zu sein oder auch mit jemandem zusammen zu weinen und mit einander da zu sein. Etwas, das man sonst nicht tut, wo wir dann doch alle irgendwie mit Funktionieren zu tun haben\u201c, sagt Andrea Feiertag, die vor kurzem mit 52 Jahren gestorben ist. Abschiedlich leben lernen &#8211; das ist eine der Grunderfahrungen der Hospizbewegung, die sich gesellschaftlich aber noch immer nicht durchgesetzt hat. Wir lernen in der N\u00e4he des Todes, wenn Freund Hein mit uns am Sterbebett sitzt: Dass jeder von uns Zugeh\u00f6rigkeit braucht, dass jede zu geben hat \u2013 vielleicht gerade am Ende. Ariadne von Schirach, die mit ihrem Buch \u201eDu sollst nicht funktionieren\u201c zu einer neuen Lebenskunst ermutigen will, schreibt: \u201eUnsere Gesellschaft toleriert keine Schw\u00e4che mehr. Eine Zeit, die den Wert eines Menschen mit seiner Leistungskraft gleichsetzt, ist eine w\u00fcrdelose Zeit. Sie diskriminiert diejenigen, die zur Verwertung entweder noch nicht oder nicht mehr tauglich sind \u2013 und damit irgendwann uns alle. Das Beharren auf die kategoriale Nutzlosigkeit des Menschen, verbunden mit dem Gebot, genau diese zu lieben und zu besch\u00fctzen, ist die Grundlage f\u00fcr alle Beziehungen, die das Reich des Widerw\u00e4rtigen zu verlassen verm\u00f6gen.\u201c Sie ist die Grundlage der Solidarit\u00e4t.<\/p>\n<p>\u00c4lterwerden und Sterben stellen unser Denken \u00fcber Leistung, Produktivit\u00e4t und Lebenssinn sehr grunds\u00e4tzlich in Frage. Denn das Bild vom immer wachen, gesunden und leistungsstarken Menschen, der nicht auf andere angewiesen ist \u2013 dieses Bild von Freiheit und Autonomie h\u00e4lt im Sterbeprozess nicht stand. Andreas Kruse und Thomas Klie schreiben: \u201eDie mit einer Gesellschaft des langen Lebens verbundenen Herausforderungen verlangen nach einer Auseinandersetzung mit Fragen des Menschseins, mit dem Verst\u00e4ndnis von W\u00fcrde und mit den Vorstellungen eines guten und sinnerf\u00fcllten Lebens unter Bedingungen der Vulnerabilit\u00e4t. Vorstellungen von Leben und Autonomie, die den Beziehungscharakter menschlichen Lebens und dessen Angewiesenheit auf andere nicht einbezieht, sind unvollst\u00e4ndig.\u201c<\/p>\n<p>Nicht h\u00f6her, schneller, weiter, sondern langsamer, bewusster und menschlicher, hat Einstein gesagt. Das Zitat ist gerade ein Renner auf Facebook. Und das verwundert nicht. \u201eHeute muss ein junger Amerikaner mit mindestens zweij\u00e4hrigem Studium damit rechnen, in 40 Arbeitsjahren wenigstens 11mal die Stelle zu wechseln und dabei sein berufliches Wissen mindestens 3mal auszutauschen.\u201c Auch an jedem einzelnen Tag versuchen wir m\u00f6glichst viel zu schaffen, m\u00f6glichst viel zu erleben. Aber die Technik und die Kommunikationsmittel, die uns so viel Zeitersparnis verhie\u00dfen, haben letztlich dazu gef\u00fchrt, dass wir eher mehr als weniger besch\u00e4ftigt sind \u2013 auch deshalb, weil das Streben nach immer mehr Wachstum und Gewinn eine wesentliche Antriebskraft des \u201eFortschritts\u201c ist. Die st\u00e4ndige Beschleunigung hat eine starke wirtschaftliche Komponente, die sich verdichtet in der Formel \u201eZeit ist Geld\u201c. Die Herrschaft \u00fcber die Zeit geht so weit, dass die scheinbar nat\u00fcrliche Ordnung der Dinge von Geburt bis zum Tod unter dem Zugriff des Menschen ver\u00e4nderbar wird: Schwangerschaften und Geburten werden so gelegt, dass sie in die Lebensplanung passen, auch der Todeszeitpunkt unterliegt mehr und mehr menschlicher Planung. Und anders als in den j\u00fcdischen und muslimischen Gesellschaften richtet sich bei uns der Zeitpunkt einer Beerdigung inzwischen nach den Terminkalendern der Angeh\u00f6rigen \u2013 und das hei\u00dft meist, nach ihren Arbeitsrhythmen. Kein Wunder, dass viele sich fremdbestimmt f\u00fchlen &#8211; obwohl wir doch in einer freien Gesellschaft leben.<\/p>\n<p>Die postmoderne Gesellschaft kennt keine autonomen Bereiche mehr: Wirtschaft, Politik, Kunst und Religion folgen nicht mehr verschiedenen, je eigenen Logiken \u2013 sie sind alle unter das Gesetz der Beschleunigung geraten, sagt der Philosoph Hartmut Rosa. Wir leben von Projekt zu Projekt und von Event zu Event und sind in Kommunikationsnetzen gefangen, ohne wirklich Resonanz zu bekommen. Alles wird dabei dem \u00f6konomischen Prinzip unterworfen \u2013 auch Freunde, Partnerschaft, Gesundheit. Und \u00fcberall geht es um Erfolg und Versagen, um Optimierung und Effektivit\u00e4t, f\u00fcr die am Ende jeder und jede Einzelne verantwortlich ist. Das hat eine furchtbare Schattenseite f\u00fcr die, die nicht oder nicht mehr mithalten k\u00f6nnen \u2013 Menschen, die aus dem Produktionsprozess herausfallen, weil sie nicht qualifiziert genug, zu alt oder chronisch krank und behindert sind. Kinder, die aus Familien mit wenig Bildungshintergrund kommen. Alte Menschen, die in schrumpfenden Regionen leben. Pflegebed\u00fcrftige, f\u00fcr die wenig Zeit bleibt. In der knapp bemessenen Pflege hat kaum jemand Zeit zu verlieren. Wir kennen die Kosten eines Feiertages, eines k\u00fcnstlichen H\u00fcftgelenks, eines Pflegetages, eines Ausbildungsplatzes \u2013 aber immer mehr Menschen sp\u00fcren, dass sich die Werte, die Gewinne, die unser Miteinander tragen, in Euro und Cent nicht umrechnen lassen. Schon ist in der Sozialpolitik von einem Care-Defizit die Rede: Es fehlt die Zeit f\u00fcr F\u00fcrsorge; gerade darum haben die neuen Nachbarschaftsprojekte, die sorgenden Gemeinschaften und mehr Generationenh\u00e4user so eine Anziehungskraft.<\/p>\n<p>Als Florence Nigthingale im Jahr 1850 die Kaiserswerther Diakonissenanstalt besuchte, schrieb sie in ihr Tagebuch: \u201eMan sagt, so eint\u00f6nige Verrichtungen wie das Verbinden absto\u00dfender Wunden k\u00f6nnten nur die \u00fcbernehmen, die darauf angewiesen sind, Geld zu verdienen. Die so denken, sollten einmal die Atmosph\u00e4re erleben, die ein Krankenhaus beseelt, das man als Schule Gottes ansehen darf, wo Patienten wie Pflegerinnen Gewinn davon tragen.\u201c Wir k\u00f6nnen das kaum noch verstehen, aber es stimmt: Wo Menschen sich Zeit nehmen f\u00fcr die, die auf Hilfe angewiesen sind, und dabei selbst anders leben lernen \u2013 mit Schw\u00e4chen umgehen, Angewiesenheit akzeptieren, Abschied nehmen \u2013, da entsteht ein Resonanzraum, der neue Erfahrungen erm\u00f6glicht. Zeit verschenken, ein anderes Leben erfahren oder erahnen, sich auch mit Grenzen auseinandersetzen und neue Perspektiven gewinnen: Das ist die Gl\u00fcckserfahrung im ehrenamtlichen Engagement- und einer der Gr\u00fcnde, warum auch Menschen, die sich f\u00fcr andere engagieren, l\u00e4nger leben.<\/p>\n<p>Ich denke an die alten Diakonissen in Kaiserswerth, deren Vorsteherin ich f\u00fcr einige Jahre war. Sie sind ein statistisches Wunder. Sie werden \u00e4lter als Ministerialbeamte oder Professoren und fallen damit aus den Sterbetafeln der Versicherungen v\u00f6llig heraus. Woran das liegt, wei\u00df keiner so genau. Es muss mit dem Lebensstil der Schwestern zu tun haben. Reich waren sie nie, gearbeitet haben sie ein Leben lang. Aber die t\u00e4glichen Morgen- und Abendandachten und der gemeinsame Mittagstisch, waren auch Gelegenheiten, die Arbeit immer wieder einmal loszulassen und miteinander zu teilen. Und die Zugeh\u00f6rigkeit zu einer lebenslangen Gemeinschaft, das gemeinsame, oft generationen\u00fcbergreifende Wohnen f\u00f6rderten den selbstverst\u00e4ndlichen Austausch. Und viele Forschungsergebnisse zeigen: Nicht nur gute Ern\u00e4hrung und Sport tragen zu einem l\u00e4ngeren Leben bei, sondern auch ein gutes soziales Netzwerk, eine Aufgabe, f\u00fcr die wir uns engagieren und sinngebende Rhythmen und Rituale.<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>4. Zeit zum Aufbruch: Engagement als Lebenskraft<\/strong><\/p>\n<p>Viva, eine Zeitschrift f\u00fcr Leute um die F\u00fcnfzig, die leider vor kurzem eingestellt wurde, erz\u00e4hlte am Anfang eines jeden Hefts von mutigen Aufbr\u00fcchen: Da wird aus dem Banker ein Lehrer, aus dem Anwalt ein Spieleunternehmer, aus der Sekret\u00e4rin die Fotografin. Manche Menschen lassen sich auf einer Reise inspirieren und bewegen, andere durchleben eine Krankheit, landen in einer Sackgasse und entdecken dann einen alten Traum, einen neuen Lebenssinn. Es geht darum, etwas zu finden, was unseren Einsatz und unsere Hingabe lohnt. Eine Aufgabe, die auch die eigene Seele f\u00fcttert \u2013 und nicht nur das Konto f\u00fcllt. Gl\u00fcck und Selbstverwirklichung kommen wie nebenbei, wenn wir tun, was uns begeistert.<\/p>\n<p>Im Jahr 2014 sind 43,6 Prozent der Wohnbev\u00f6lkerung ab 14 Jahren freiwillig engagiert \u2013 das entspricht 30,9 Millionen Menschen. In den letzten f\u00fcnfzehn Jahren ist die Engagementquote um insgesamt knapp 10 Prozentpunkte angestiegen. Einige Jahre durfte ich in der Jury des Deutschen Engagementpreises mitarbeiten: Da zeigte sich, wie reich unser Land ist. Es gibt eine F\u00fclle ideenreicher, neuer Wohlfahrtsprojekte: Tafelinitiativen und Mittagstische f\u00fcr Kinder, Mehrgenerationenh\u00e4user, Kulturzentren, und Quartiersprojekte. Wenn Preise vergeben werden, stehen einzelne Personen im Rampenlicht: Initiatoren, Gr\u00fcnderinnen und Stifter, Menschen, die etwas \u00e4ndern wollen. So hat soziale Innovation immer begonnen: mit einzelnen Menschen, die die Initiative ergriffen haben, mit Elisabeth von Th\u00fcringen, Johann Hinrich Wichern und Adolf Kolping, Friedrich von Bodelschwingh, Cecily Sounders. Erst im zweiten Schritt werden aus Bewegungen Verb\u00e4nde und Organisationen und schlie\u00dflich tragf\u00e4hige politische Strukturen. Ehrenamtliche sind die \u201eDetektoren\u201c f\u00fcr neue soziale Notlagen und offene gesellschaftliche Fragen, sie bilden die Br\u00fccke zwischen Nachbarschaft und professionellen Dienstleistern, sorgen f\u00fcr Zusammenhalt der Institutionen und Menschen im Quartier. Was w\u00e4ren die Palliativstationen und Hospize ohne die Bereitschaft von Menschen, sich Sterblichkeit aktiv zu stellen, um das Leben neu zu entdecken? Und wer w\u00fcrde die Alzheimer-Erkrankung zum gesellschaftlichen Thema machen, wenn nicht die Angeh\u00f6rigen?<\/p>\n<p>In den 80er Jahren haben wir in einer M\u00f6nchengladbacher Kirchengemeinde einen \u201eGemeindeladen\u201c gegr\u00fcndet \u2013\u00a0einen Stadtteilladen mit B\u00fccherei und Caf\u00e9, mit Kleiderkammer und Sozialberatung, der von einem gro\u00dfen ehrenamtlichen Team zusammen mit einer hauptamtlichen Sozialp\u00e4dagogin gef\u00fchrt wurde. Ich werde nicht vergessen, wie viele Menschen sich dort meldeten, um sich zu engagieren \u2013 in der Kleiderkammer, bei einer Weihnachtsfeier oder der Beratung von pflegenden Angeh\u00f6rigen. Immer wieder hatte ich die biblischen Werke der Barmherzigkeit vor Augen: Hungrige speisen, Kranke besuchen, Nackte kleiden, Durstigen zu trinken geben, G\u00e4ste beherbergen. In den Fenstern der Elisabethkirche in Marburg sind sie zu sehen \u2013 Szenen aus dem Leben dieser gro\u00dfen Frau; die von ihrer Burg herabstieg, um mit den Leidenden auf Augenh\u00f6he zu sein. Sie verschenkt einen ihrer Pelze an einen Frierenden. Sie weigert sich, erpresstes Gut zu essen, w\u00e4hrend die Armen hungern. Ja, sie l\u00e4sst ihre Scheunen \u00f6ffnen, um mit den Hungrigen zu speisen. Wer ihr begegnete, berichtet davon, dass Menschen und Dinge sich in ihrer N\u00e4he wandelten: aus Brot wurden Rosen, Blinde lernten zu sehen, Eltern, die ihre Kinder versto\u00dfen hatten, lernten sie anzunehmen. Wir w\u00fcrden uns an diese Heiligenlegende nicht erinnern, wenn nicht auch f\u00fcr uns etwas Heilsames darin steckte. Denn in diesen einfachen Handlungen der Liebe k\u00f6nnen wir religi\u00f6se Erfahrungen machen wie sonst nur in Gebet und Meditation. Diese Spiritualit\u00e4t ist uns allen zug\u00e4nglich \u2013\u00a0aus welcher Tradition wir auch immer kommen. Es geht nur darum, offen zu sein.<\/p>\n<p>Die Ersch\u00fctterung durch die Bed\u00fcrftigkeit anderer erinnert uns an die Bed\u00fcrftigkeit unserer eigenen Seele; an das innere Kind, die eigene Armut, den Bettler in uns. Wer sich darauf einl\u00e4sst, lernt, das eigene Leben mit anderen Augen zu sehen, und Belastungen ins Verh\u00e4ltnis zu den eigenen Chancen zu setzen. Er findet Zugang zu den eigenen Kraftquellen, weil er lernt, die eigenen Gaben einzubringen. Victor Frankl, ein j\u00fcdischer Psychotherapeut, hat im Konzentrationslager die Entdeckung seines Lebens gemacht. Alles h\u00e4ngt davon ab, sagt er, ob wir einen Sinn in unserem Leben finden; ob unser Leben Bedeutung f\u00fcr andere hat \u2013 und sei es nur f\u00fcr einen Menschen, den wir lieben. Es kommt darauf an, dass wir unseren Beitrag leisten \u2013 uns sei er noch so klein &#8211; damit G\u00fcte und Gerechtigkeit sich ausbreiten. Wer darauf schaut, so Frankls Erfahrung, ertr\u00e4gt auch Dem\u00fctigungen, an denen andere zerbrechen. Wer einen Menschen hatte, f\u00fcr den er sich engagierte, hatte eine h\u00f6here Wahrscheinlichkeit zu \u00fcberleben, so die Studien von Victor Frankl.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>5. Sozialkapital bilden \u2013\u00a0Zeit f\u00fcrs Gemeinwohl<\/strong><\/p>\n<p>Die drei letzten Freiwilligensurveys der Bundesregierung zeigen einen neuen Ausgleich von Ich- und Wir-Orientierung, einen Trend weg von der Geselligkeitsorientierung hin zu Gemeinwohlorientierung.<\/p>\n<p>\u201eFreiwilliges Engagement &#8230; ist die freiwillige \u00dcbernahme einer Verantwortungsrolle in einer besonderen Aufgabe, Arbeit oder Funktion, die mehr ist als nur blo\u00dfes Mittun. Freiwilliges Engagement beinhaltet ein hohes Ma\u00df an Selbstbestimmung, ist kurz oder mittelfristig ver\u00e4nderbar &#8230;, und ohne Bezahlung.\u201c Das kann allerdings nicht hei\u00dfen, das Ehrenamtliche dazu bezahlen sollten: immerhin 44% der Freiwilligen fordern eine bessere steuerliche Absetzbarkeit der Unkosten ,22% sogar eine bessere Verg\u00fctung f\u00fcrs Ehrenamt \u2013 meistens sind das Personen mit geringem Einkommen. Der gr\u00f6\u00dfte Teil der Ehrenamtlichen ist darauf nicht angewiesen: sie sind eher gut situiert und wirtschaftlich unabh\u00e4ngig. Ihnen liegt daran, dass ihre pers\u00f6nliche, intrinsische Motivation wenigstens im Ehrenamt keiner Kontrolle unterzogen, eben nicht \u00f6konomisiert wird. Ganz nach dem Motto: \u201eW\u00fcrde ich daf\u00fcr bezahlt, w\u00fcrde ich es nicht machen\u201c, ist eine typische \u00c4u\u00dferung. Ehrenamtliche folgen der \u00d6konomie der Aufmerksamkeit, nicht der des Geldes, und lassen sich f\u00fcr ihr Engagement ebenso wenig bezahlen, wie man f\u00fcr Freundschaften zahlen kann. Da passt der alte Diakonissenspruch: \u201eMein Lohn ist, dass ich darf\u201c.<\/p>\n<p>Die sozialwissenschaftliche Forschung ist der Frage nach dem Sozialkapital Engagierter nachgegangen: Menschen, die sich in Gruppen engagieren, entwickeln ein \u00fcberdurchschnittlich hohes Vertrauen, eine positive Grundeinstellung in der Begegnung mit anderen. Und das gilt nicht nur f\u00fcr die anderen in der eigenen Gruppe, sondern auch gegen\u00fcber Fremden und Andersartigen. Im Ehrenamt wird der Kitt produziert, der unsere Gesellschaft zusammenh\u00e4lt. Aber dabei gilt das Matth\u00e4usprinzip. Wer hat, kann weitergeben. Wer aber wenig Ressourcen hat, der findet oft den Einstieg nicht. Wie k\u00f6nnen wir auch diejenigen zum Engagement einzuladen, die sich bisher als Hilfeempf\u00e4nger verstanden haben? Menschen mit Behinderung zum Beispiel? Oder auch sehr alte Menschen? Die Hochaltrigenstudie von 2014 zeigt: Auch die \u00c4ltesten haben ein gro\u00dfes Interesse an der Zukunft der J\u00fcngeren; sie begleiten ihre Enkel und Nachbarn mit finanzieller Unterst\u00fctzung, Erfahrungsaustausch und Gebet. Dieser Beitrag wird oft untersch\u00e4tzt.<\/p>\n<p>Dabei verbindet sich unser Selbstbewusstsein mit der Erfahrung, etwas beitragen zu k\u00f6nnen zum Ganzen. In unserer Arbeitsgesellschaft scheint jedoch nur noch zu z\u00e4hlen, was jemand beruflich leistet und verdient. Das zeigt sich selbst im Blick auf das Ehrenamt. Arbeitslose fallen aus allen Netzen heraus, w\u00e4hrend sich Erwerbst\u00e4tige durchaus auch ehrenamtlich engagieren. Inzwischen gibt es eine Grauzone zwischen dem klassischen Ehrenamt und prek\u00e4ren Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnissen \u2013 mit \u00dcbungsleiterpauschale, B\u00fcrgerarbeit und Minijobs. Langzeitarbeitslose im Osten, die den Bundesfreiwilligendienst f\u00fcr sich entdeckt haben, geh\u00f6ren \u2013 genauso wie Rentnerinnen mit kleinen Renten zu den Ehrenamtlichen, die es sich nicht leisten k\u00f6nnen, nur f\u00fcr Ehre und Anerkennung zu arbeiten.<\/p>\n<p>Aber das Ehrenamt ver\u00e4ndert sich genauso wie die Arbeitswelt. Die wachsende Erwerbst\u00e4tigkeit von Frauen, aber auch neue Familienmodelle und die Zerrei\u00dfproben einer mangelnden Vereinbarkeit machen es n\u00f6tig, \u00fcber neue Zug\u00e4nge zum Ehrenamt nachzudenken, aber auch \u00fcber eine andere Verankerung in den Umbr\u00fcchen des Lebens und eine gerechtere Rollenteilung der Geschlechter. Wir brauchen eine neue Achtsamkeit f\u00fcr Lebens\u00fcberg\u00e4nge, die oft den Einstieg ins Ehrenamt bieten: zwischen Schule und Beruf, in der Elternzeit oder auch beim Wiedereinstieg, in Pflegezeiten, in der Trauer nach einem Verlust oder zu Beginn des Ruhestands.<\/p>\n<p>Dieser Lebensabschnitt bietet ganz neue Chancen f\u00fcr das Engagement. Jetzt ist es Zeit, die ungelebten Seiten der eigenen Biografie, die manchmal wie gl\u00fchende Kohlen unter der Asche schlummern, zum Leuchten zu bringen. Der Gerontologe Andreas Kruse hat deutlich gemacht, dass es dazu eines erweiterten Produktivit\u00e4tsbegriffes bedarf: zur Produktivit\u00e4t geh\u00f6rt dann auch die Auseinandersetzung mit Verlusten, mit Scheitern und Endlichkeit. Von einer ehrlichen Auseinandersetzung mit Grenzsituationen profitieren nicht nur die Betroffenen selbst, sondern auch ihre Angeh\u00f6rigen und Freunde \u2013 wo sie gelingt, w\u00e4chst die F\u00e4higkeit zur Selbstverantwortung und die Bereitschaft zur Mitverantwortung. Das Engagement der \u00c4lteren ist ein unverzichtbarer Schatz- nicht nur f\u00fcr die einzelnen Projekte, sondern auch f\u00fcr die Politik. Denn angesichts der Vermarktlichung und Beschleunigung unseres Alltags, auch des Sozial- und Gesundheitssystems, m\u00fcssen wir die Bereitschaft unterst\u00fctzen, Verantwortung zu \u00fcbernehmen &#8211; f\u00fcr sich selbst wie f\u00fcr andere und auch f\u00fcr die Nachbarschaftsentwicklung. Das Konzept der Sorgenden Gemeinschaften f\u00fchrt diese Gedanken zusammen. Es ist Zeit, sich in diese Richtung aufzumachen.<\/p>\n<p>Keith Campbell, Sozialpsychologe an der Universit\u00e4t von Georgia. Er hat sich mit dem Ph\u00e4nomen des \u201eIch-Schocks\u201c besch\u00e4ftigt, mit tiefgreifenden Ersch\u00fctterungen, die unser Lebensgef\u00fchl ver\u00e4ndern k\u00f6nnen. Es geht um jene Augenblicke, in denen der Schutzfilter, der uns normalerweise von der Wirklichkeit trennt, weggerissen wird. Das kann eine schwere Krankheit sein, eine berufliche Katastrophe, ein Todesfall oder eine unerwartete, harte Entscheidung \u2013 wir reagieren zun\u00e4chst wie bet\u00e4ubt. Unser Kopf ist leer und das Vertraute erscheint pl\u00f6tzlich fremd. Illusionen platzen. Eine andere Wahrheit wird sichtbar, eine tiefere. Vielleicht kennen Sie solche Erfahrungen: Wenn im Schicksal eines einzelnen Jugendlichen pl\u00f6tzlich erkennbar wird, wie verfahren die Situation f\u00fcr eine ganze Generation ist. Wenn Eltern sich gegen ein Kind mit Trisomie 21 entscheiden, obwohl andere damit gl\u00fccklich leben. Wenn jemand, f\u00fcr den wir uns verantwortlich f\u00fchlen, sich das Leben genommen hat. Pl\u00f6tzlich zerrei\u00dft ein Schleier und wir nehmen unsere Umgebung ganz anders wahr: brutaler, direkter, bunter. \u201eWenn das Selbst aus dem Bild der Welt verschwindet, wird die Welt pl\u00f6tzlich sehr m\u00e4chtig, sehr wunderbar. Es ist ein Augen \u00f6ffnendes Erlebnis: O Gott, schau Dir diese Welt an\u201c; sagt Campbell. Er vergleicht diese Situation mit einem Meditationszustand, einem spirituellen Erweckungserlebnis. Es ist, als \u00f6ffne sich ein anderer Horizont \u2013 wir h\u00f6ren auf, uns um uns selbst zu drehen, lassen uns ein, lassen uns vielleicht auch verst\u00f6ren. Wir werden weitsichtig und mutig \u2013 und sammeln Kraft f\u00fcr einen neuen Aufbruch.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Cornelia Coenen-Marx, Bremen, 13.05.2017<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h5><\/h5>\n<h5>Literatur:<\/h5>\n<ul>\n<li>\n<h5>Coenen-Marx, Cornelia: Die Seele des Sozialen. Diakonische Energien f\u00fcr den sozialen Zusammenhalt. G\u00f6ttingen, Vandenhoeck &amp; Ruprecht 2013<\/h5>\n<\/li>\n<li>\n<h5>Coenen-Marx, Cornelia: Aufbr\u00fcche in Umbr\u00fcchen. Christsein und Kirche in der Transformation. G\u00f6ttingen, Edition Ruprecht 2016<\/h5>\n<\/li>\n<li>\n<h5>Coenen-Marx, Cornelia \/ Hofmann, Beate: Symphonie \u2013 Drama \u2013 Powerplay. Zum Zusammenspiel von Haupt- und Ehrenamt in der Kirche. Stuttgart, Kohlhammer 2017<\/h5>\n<\/li>\n<li>\n<h5>Klie, Thomas: Caring Community \u2013 Verst\u00e4ndnis und Voraussetzungen von Verantwortungs\u00fcbernahme in lokalen Gemeinschaften, in: ders., Beate Hofmann, Cornelia Coenen-Marx (Hrsg.): Symphonie \u2013 Drama \u2013 Powerplay. Zum Zusammenspiel von Haupt- und Ehrenamt in der Kirche. Stuttgart, Kohlhammer 2017<\/h5>\n<\/li>\n<li>\n<h5>Und unseren kranken Nachbarn auch. Eine Orientierungshilfe des Rates der EKD zum Gesundheitssystem, Hannover 2009<\/h5>\n<\/li>\n<li>\n<h5>Bundesministerium f\u00fcr Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.): Der Siebte Altenbericht der Bundesregierung. Sorge und Mitverantwortung in der Kommune Aufbau und Sicherung zukunftsf\u00e4higer Gemeinschaften, Berlin 2016. Brosch\u00fcre zu Themen und Zielen des Siebten Altenberichts im Internet: <a href=\"https:\/\/www.siebter-altenbericht.de\/index.php?eID=tx_nawsecuredl&amp;u=0&amp;g=0&amp;t=1478256145&amp;hash=e061c4e0e9811a8655963338a9ee22eb59bb0cd7&amp;file=fileadmin\/altenbericht\/pdf\/Broschuere_Themen_Ziele_Siebter_Altenbericht.pdf\">https:\/\/www.siebter-altenbericht.de\/index.php?eID=tx_nawsecuredl&amp;u=0&amp;g=0&amp;t=1478256145&amp;hash=e061c4e0e9811a8655963338a9ee22eb59bb0cd7&amp;file=fileadmin\/altenbericht\/pdf\/Broschuere_Themen_Ziele_Siebter_Altenbericht.pdf<\/a><\/h5>\n<\/li>\n<li>\n<h5>Deutsches Zentrum f\u00fcr Altersfragen: Deutscher Alterssurvey 2014. Zentrale Befunde, Berlin 2016. Kurzfassung im Internet: <a href=\"https:\/\/www.dza.de\/fileadmin\/dza\/pdf\/DEAS2014_Kurzfassung.pdf\">https:\/\/www.dza.de\/fileadmin\/dza\/pdf\/DEAS2014_Kurzfassung.pdf<\/a><\/h5>\n<\/li>\n<li>\n<h5>Rosa, Hartmut: Beschleunigung und Entfremdung. Entwurf einer kritischen Theorie sp\u00e4tmoderner Zeitlichkeit, Berlin 2013.<\/h5>\n<\/li>\n<li>\n<h5>Schirach, Ariadne von: Du sollst nicht funktionieren. F\u00fcr eine neue Lebenskunst, Stuttgart 2014.<\/h5>\n<\/li>\n<li>\n<h5>Julia Simonson, Claudia Vogel und Clemens Tesch-R\u00f6mer (Hrsg.): Freiwilliges Engagement in Deutschland \u2013 Der Deutsche Freiwilligensurvey 2014. Bundesministerium f\u00fcr Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Berlin 2016. Kurzfassung im Internet: <a href=\"https:\/\/www.bmfsfj.de\/bmfsfj\/service\/publikationen\/freiwilliges-engagement-in-deutschland-\/96254\">https:\/\/www.bmfsfj.de\/bmfsfj\/service\/publikationen\/freiwilliges-engagement-in-deutschland-\/96254<\/a><\/h5>\n<\/li>\n<li>\n<h5>Andreas Kruse: Der \u00c4ltesten Rat. Generali Hochaltrigenstudie: Teilhabe im hohen Alter. Eine Erhebung des Instituts f\u00fcr Gerontologie der Universit\u00e4t Heidelberg mit Unterst\u00fctzung des Generali Zukunftsfonds\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0PDF im Internet: <a href=\"http:\/\/www.uni-heidelberg.de\/md\/presse\/news2014\/generali_hochaltrigenstudie.pdf\">http:\/\/www.uni-heidelberg.de\/md\/presse\/news2014\/generali_hochaltrigenstudie.pdf<\/a><\/h5>\n<\/li>\n<\/ul>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1. 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