{"id":2791,"date":"2017-02-04T10:41:03","date_gmt":"2017-02-04T10:41:03","guid":{"rendered":"http:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=2791"},"modified":"2017-07-12T21:06:09","modified_gmt":"2017-07-12T21:06:09","slug":"gerechtigkeit-und-beteiligung-impulse-der-reformation-fuer-unseren-sozialstaat","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=2791","title":{"rendered":"Gerechtigkeit und Beteiligung: Impulse der Reformation f\u00fcr unseren Sozialstaat"},"content":{"rendered":"<p><strong>1. Sharehouse und Stra\u00dfenk\u00fcche \u2013 die himmlische Werkstatt<\/strong><\/p>\n<p>Kennen Sie Alex Assali, den \u201eFl\u00fcchtling, der auch Obdachlose bekocht\u201c? Er hat tausende Klicks auf Facebook. Alex kommt aus Syrien. Er ist 2014 an der italienischen K\u00fcste gelandet. Nach seiner langen Odyssee hatte er letztes Jahr das Gl\u00fcck, ein Zimmer im Sharehouse in Berlin zu finden. In dem sch\u00f6nen, hundertj\u00e4hrigen Haus in Neuk\u00f6lln leben und arbeiten Menschen aus aller Welt zusammen, die ihre Heimat verloren haben oder verlassen mussten, oder die nach neuem Leben in Gemeinschaft suchen. Sie kommen aus Syrien, Somalia, England und Deutschland, aus Schweden, Afghanistan oder der T\u00fcrkei. Das Sharehouse ist kein Fl\u00fcchtlingslager und kein Heim, sondern eine Wohn- und Arbeitsgemeinschaft auf Zeit.<\/p>\n<p>\u201eWir helfen nicht, wir unterst\u00fctzen einander auf Augenh\u00f6he, denn keiner ist besser als der oder die andere, und nur im Teilen sind wir wirklich reich.\u201c Das ist der Sharehausgedanke, das Leitbild. In diesem Sinne kann ein Sharehaus \u00fcberall sein, wo Menschen mit Respekt und Neugier aufeinander zusammenkommen. Auch hier in Wildeshausen. Dabei geht es nicht nur um die Integration von Gefl\u00fcchteten, es geht um einen neuen Lebensstil.<\/p>\n<p>Dass Alex Assali im Sharehouse von Anfang an dazu geh\u00f6rte, das hat ihn einfach gl\u00fccklich gemacht \u2013 und von diesem Gl\u00fcck wollte er etwas weitergeben. So entschied er sich, eine Stra\u00dfenk\u00fcche aufzumachen. Er kochte Suppen und Eint\u00f6pfe, packte die T\u00f6pfe auf sein Fahrrad und installierte eine Warmhalteplatte auf den Stra\u00dfen Berlins. Und dann sch\u00f6pfte er aus \u2013\u00a0an Fl\u00fcchtlinge und Obdachlose und einfach an jeden, der probieren wollte. Kochen und zusammen essen w\u00e4rmt das Herz &#8211; nicht nur die Speisen. Wir wissen das von Tafeln und Mittagstischen und auch vom Schulfr\u00fchst\u00fcck.<\/p>\n<p>\u201eDas Sharehaus ist ein Garten, in dem deine einzigartigen Talente und Tr\u00e4ume aufbl\u00fchen k\u00f6nnen, es ist eine Gemeinschaft, in der alle gleich wichtig sind, und es ist eine Werkstatt f\u00fcr himmlische Gesellschaft\u201c; kann man auf der Berliner Homepage lesen. \u201eEine Werkstatt f\u00fcr himmlische Gesellschaft\u201c &#8211; was f\u00fcr ein Bild! Ein Gegenbild zu der irdischen, die wir kennen.<\/p>\n<p>\u201eSolange Deutsche zur Tafel gehen m\u00fcssen, haben Fl\u00fcchtlinge da nichts zu suchen\u201c; sagte k\u00fcrzlich ein erz\u00fcrnter Tafelbesucher im Ruhrgebiet. Und das ist leider keine Einzelmeinung. Immer wieder haben sich im letzten Jahr die Tr\u00e4ger und Mitarbeiter von Tafeln, die Wohlfahrtsverb\u00e4nde und auch die Presse mit dem verbreiteten Gef\u00fchl der Ungerechtigkeit auseinander setzen m\u00fcssen. Dabei geht es ganz offensichtlich um eine doppelte Benachteiligungserfahrung: Es geht um den eigenen gesellschaftlichen Abstieg und mangelnde Verteilungsgerechtigkeit im Sozialstaat, zugleich aber auch um die Sorge, angesichts neuer, globaler Herausforderungen und zunehmender Arbeitsmigration nun erst recht zu kurz zu kommen. Diese Angst bestimmt inzwischen auch Wahlen &#8211; nicht nur in den USA. Ausgrenzungserfahrungen k\u00f6nnen Hartz-IV-Empf\u00e4nger und Gefl\u00fcchtete verbinden \u2013 meist aber spalten sie: Die Angst vor Verlusten l\u00e4sst die einen gegen\u00fcber den anderen auf \u00e4lteren Rechten beharren. \u201eDie pluralistische Gesellschaft ist in Gefahr, eine fragmentierte Gesellschaft zu werden\u201c, konstatierte Udo di Fabio schon 2012. Die sogenannte Fl\u00fcchtlingskrise hat die Risse im Gem\u00e4uer, die sich l\u00e4nger schon abzeichneten, nun f\u00fcr alle erkennbar gemacht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>2. Tafeln und Suppenk\u00fcchen \u2013 zur\u00fcck ins 19. Jahrhundert?<\/strong><\/p>\n<p>Viele haben es als zynisch empfunden, dass in der Finanzkrise 2008\/9 erhebliche Steuermittel aufgebracht wurden, um die au\u00dfer Kontrolle geratenen Finanzm\u00e4rkte zu stabilisieren, w\u00e4hrend man die Empf\u00e4nger von Transferleistungen schon seit den Hartz-Reformen zu Eigenverantwortung und Eigenvorsorge aufrief. Das \u00f6konomische und soziale Gef\u00e4lle zwischen Nord- und S\u00fcdeuropa, das in der \u201eGriechenland-Krise\u201c sichtbar wurde, hat zudem deutlich gemacht, wie sich die wirtschaftliche Entwicklung in der Eurozone von der Sozialstaatsentwicklung abgekoppelt hat. Unter dem Druck der Globalisierung gelten hohe Sozialkosten inzwischen als Standortnachteil, Arbeit wird in Niedriglohnl\u00e4nder verlagert und Standorte, an denen Konzerne wenig oder gar keine Steuern zahlen m\u00fcssen, gelten als besonders attraktiv. Die Spaltung w\u00e4chst zwischen den Globalisierungsverlierern, die die eigene soziale Sicherheit erodieren sehen, und den \u201ebeati possidentes\u201c, wie Ulrich Huster sie nennt, den Gl\u00fccklichen, die es sich leisten k\u00f6nnen, auf Privatisierung zu setzen. Und dabei geht es nicht nur um pers\u00f6nliche Interessen \u2013 auch politische Bruchlinien werden erkennbar. Die politische Landschaft formiert sich neu. Und ein entscheidender Faktor ist die Frage, wieviel Ungleichheit wir ertragen und mit welchen Konzepten wir f\u00fcr sozialen Zusammenhalt sorgen.<\/p>\n<p>Die Tafeln standen von Beginn an im Fokus einer politischen Debatte. Ja, sie wurden f\u00fcr viele zum Symbol. Kritiker sehen darin eine R\u00fcckkehr zu den \u201eSuppenk\u00fcchen\u201c des 19. Jahrhunderts. Damals, in der Industrialisierung und der damit verbundenen Verst\u00e4dterung verarmten ganze Bev\u00f6lkerungsschichten. Familien und Gemeinden waren \u00fcberfordert. Und die Zahl der verwahrlosten Kinder und der allein gelassenen Kranken wuchs. Kirche und Diakonie ergriffen die Initiative, sie schufen Genossenschaften und Vereine, Armenk\u00fcchen und Pflegeheime. Rettungsh\u00e4user f\u00fcr Jugendliche und Arbeiterkolonien wurden gegr\u00fcndet. In wenigen Jahrzehnten wuchs eine gro\u00dfe B\u00fcrgerbewegung. Aber es dauerte bis zum Ende des Jahrhunderts, bis unter Bismarck auch soziale Rechte verankert wurden. Suppenk\u00fcchen und Wohltaten gen\u00fcgten der Arbeiterbewegung nicht &#8211; sie k\u00e4mpfte um Teilhabe und Verteilung. Um Gerechtigkeit.<\/p>\n<p>Im Streit um die Tafeln geht es genau um diese Frage \u2013 es geht um das Verh\u00e4ltnis von Barmherzigkeit und Gerechtigkeit, von Wohlfahrt und Politik. Denn genau wie damals erleben wir eine gro\u00dfe Transformation. Ver\u00e4nderungsprozesse in der Weltwirtschaft, die mit Migration und neuen sozialen Ungleichheiten verbunden sind. Und tats\u00e4chlich ist in den letzten Jahren die Zahl der Tafeln in Deutschland erheblich gestiegen. Nicht wenige vermuten dahinter ein erfolgreiches \u201eGesch\u00e4ftsmodell\u201c, das Lebensmittelm\u00e4rkte, Restaurantketten und caritative Initiativen verbindet und zudem daf\u00fcr sorgt, dass \u00fcbersch\u00fcssige Lebensmittel nicht vernichtet werden m\u00fcssen. Aus der B\u00fcrgerbewegung ist eine Branche der sozialen Arbeit geworden \u2013 mit Tafell\u00e4den und Second-Hand-Laden, mit Berechtigungsscheinen, Kochkursen und der M\u00f6glichkeit, sich vom \u201eKunden\u201c zum Teamer hin zu entwickeln. Gerade darin sehen die Verteidiger eine gro\u00dfe Chance: Im Umfeld der Tafeln erhalten manche die M\u00f6glichkeit, ihr Leben neu zu ordnen und einen Job zu finden, um noch einmal neu zu starten.<\/p>\n<p>Gleichwohl geht es vielen der freiwillig Engagierten zuerst einmal um Barmherzigkeit. Die Not von Menschen ohne Obdach und Heimat, von Familien in Armut, geht zu Herzen. Dem anderen eine warme Suppe oder einen Schlafsack zur Verf\u00fcgung zu stellen, hei\u00dft zuallererst, das Gegen\u00fcber so anzusehen, als w\u00e4re es jemand aus der eigenen Familie. Es bedeutet, im \u201eanderen\u201c \u201eeinen von uns\u201c zu sehen. Das ist doch die Voraussetzung f\u00fcr alle Solidarit\u00e4t.<\/p>\n<p>Die Amerikanerin Veronika Scott hat einen Mantelschlafsack designt \u2013\u00a0ein schickes Produkt. Als Mantel gibt er denen, die ihn tragen, W\u00e4rme und auch ein St\u00fcck W\u00fcrde. Als Schlafsack ist er wasserdicht. Und im Sommer l\u00e4sst er sich zu einer Umh\u00e4ngetasche zusammenfalten. 100 Dollar kostet das gute St\u00fcck \u2013\u00a0die werden durch Spenden finanziert. Inzwischen konnten 15.000 M\u00e4ntel hergestellt werden. Und mit der Produktion gibt Veronica Scott wohnungslosen Frauen Jobs, damit sie sich eine Wohnung mieten und ihre Kinder wieder zur Schule schicken k\u00f6nnen. Denn sie wei\u00df, wie es sich anf\u00fchlt, kein Zuhause zu haben. Sie lebte selbst eine Zeitlang mit ihrer Mutter auf der Stra\u00dfe. Das kann schnell gehen, wenn man seinen Job verliert. Zumal in einem Land, in dem das Sozialsystem nicht so ausgebaut ist wie bei uns.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>3. Brot und Arbeit \u2013 Impulse der Reformation<\/strong><\/p>\n<p>Es ist alles andere als selbstverst\u00e4ndlich, dass wir unseren Blick \u201enach unten\u201c richten, auf die, die abgest\u00fcrzt sind oder nie eine Chance bekommen haben. Mit dem \u201eJahr der Barmherzigkeit\u201c hat Papst Franziskus 2016 dazu angeregt, genau hinzuschauen &#8211; und er selbst nutzt seine herausgehobene Position, um die Kameras der Welt auf die Unsichtbaren zu lenken: die Gefl\u00fcchteten auf Lampedusa, die Obdachlosen am Vatikan. Barmherzigkeit gibt der Menschenw\u00fcrde ein Gesicht, aber ohne Gerechtigkeit bleibt sie auf halbem Weg stehen. Die Debatte um die Heiligsprechung von Mutter Theresa zeigt, worum es geht: Es gen\u00fcgt nicht, die Haltung und die dem\u00fctige Arbeit der Barmherzigen Schwestern in den Mittelpunkt zu r\u00fccken, sagen die Kritiker. Letztlich muss das Sozial- und Gesundheitssystem in Indien weiter ausgebaut werden.<\/p>\n<p>2017 nun ist das Jahr der Reformation. Das lenkt unseren Blick in die Zeit, als diese Debatten nicht nur politisch, sondern auch theologisch gef\u00fchrt wurden. Auch die fr\u00fche Neuzeit war eine Zeit der gro\u00dfen Transformation. Das Aufkommen des globalen Handels nach der Entdeckung Amerikas und die Entwicklung des Bankenwesens f\u00fchrten zu erheblichen \u00f6konomischen Umbr\u00fcchen. Der Paradigmenwechsel von der Naturalien- zur Geldwirtschaft wirkte sich f\u00fcr die Landbev\u00f6lkerung dramatisch aus. Und der Preisverfall einheimischer Erze entzog den Bergleuten die Existenzgrundlage. Die Verelendung betraf also nicht nur die bekannten Randgruppen wie Arme, Alte oder Kranke, sondern auch die Angeh\u00f6rigen geachteter St\u00e4nde und Berufsgruppen wie Bauern, Bergleute oder Handwerker. Menschen aus der Mitte der Gesellschaft, die pl\u00f6tzlich zu den Randgruppen geh\u00f6rten. Die Aufl\u00f6sung der St\u00e4ndegesellschaft im Fr\u00fchkapitalismus erforderte eine neue Ethik gesellschaftlicher Verantwortung, die auch die Bed\u00fcrfnisse der Verlierer sicherte. Denn auf der einen Seite drohten Aufst\u00e4nde, auf der anderen lie\u00df die Spendenfreude der Wohlhabenderen nach \u2013 auch deshalb, weil man sich nicht mehr sicher war, ob die Gabe f\u00fcr die Armen oder f\u00fcr die Kirche das eigene Seelenheil sichern w\u00fcrde. Nur der Glaube macht gerecht, sagt Luther \u2013 und stellte damit das ganze System in Frage: die milden Gaben wie den Ablasshandel.<\/p>\n<p>Wie sollte es weitergehen? \u201eFeed the poor, get saved\u201c \u2013 das war \u00fcber Jahrhunderte die Antwort der Kirche auf Ungleichheit gewesen. \u201eGebt den Armen zu essen und es wird Euch auch selbst gut gehen\u201c. Man muss gar nicht an das ewige Leben glauben, um zu wissen, dass es uns wirklich gut tut, anderen helfen zu k\u00f6nnen. Vorgestern Abend konnte man im Auslandsjournal sehen, wie sich in Frankreich ein Hilfeprojekt unter dem Label \u201eLe Grand Efi\u201c ausbreitet. Menschen aus den Banlieus kochen f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge und verteilen Mahlzeiten \u2013 ganz \u00e4hnlich wie Alex Assali in Berlin. Mehr als 50 Orte machen schon mit und es war wunderbar zu sehen, wie die Helfer strahlten. Leute, die selbst wissen, was es hei\u00dft, diskriminiert zu werden, konnten andere vor Hunger und K\u00e4lte retten. \u201eFeed the poor, get saved\u201c \u2013 das ist auch bis heute eine Antwort \u2013 nicht nur bei den Barmherzigen Schwestern.. Auch die Bettler vor den Kirchent\u00fcren in Russland oder in Osteuropa verlassen sich darauf, dass die Gl\u00e4ubigen so denken.<\/p>\n<p>Damals aber, in der Transformation der fr\u00fchen Neuzeit, ersch\u00fctterten Armut und Ungleichheit die ganze Gesellschaft. So wie in der Industrialisierung &#8211; und wie heute im Nahen Osten und in Teilen Afrikas. Und der gesellschaftliche Umbruch forderte die Kirchen ganz grundlegend heraus. Familie, Arbeit, Bildung \u2013 und auch Orden und Priesterschaft mussten neu bedacht werden. Und eben auch Armut, Barmherzigkeit und Gerechtigkeit. Es war die Sozialethikerin Sigrun Kahl (2009), die die katholische Antwort unter dem Schlagwort \u201eFeed the poor, get saved\u201c zusammengefasst hat, um ihr die lutherische gegen\u00fcber zu stellen: \u201eBread first, work second\u201c. Das Lebensnotwendige zuerst: Nahrung und Kleidung, ein Dach \u00fcber dem Kopf &#8211; die Hungrigen sollen satt werden. Aber dann brauchen sie Arbeit, um den eigenen Unterhalt zu bestreiten. \u201eBread first, work second\u201c.<\/p>\n<p>Das \u201eerste Sozialpapier der Welt\u201c (Eichel 2015) wurde von Luther selbst entwickelt. Es ist die \u201eLeisniger Kastenordnung\u201c von 1523. Sie wurde zum Symbol f\u00fcr den Paradigmenwechsel von der Barmherzigkeit zur solidarischen Sicherung. Ja, der Kasten bekommt dabei eine neue Bedeutung. In manchen Kirchen gibt es sie ja noch, die gro\u00dfen Kollektenk\u00e4sten, in denen f\u00fcr die Armen gesammelt wird. Kein K\u00f6rbchen, kein Klingelbeutel, sondern ein Tresor aus Eisen oder aus Bronze gleich neben der Kirchent\u00fcr. Manche empfanden die Gabe f\u00fcr die Armen als eine Art Eintrittsgeld in die Gemeinschaft. Damals aber, in der Reformationszeit, gen\u00fcgten die milden Gaben nicht mehr. Um das untere Drittel der Gesellschaft abzusichern, brauchte es mehr.<\/p>\n<p>Noch war die Frage offen, was aus dem Besitz der aufgel\u00f6sten Kl\u00f6ster und der frommen Stiftungen werden sollte. So kam Luther auf den Gedanken, dass die Kirche der Reformation Kirchenverm\u00f6gen gemeinn\u00fctzig einsetzen sollte. Der Kasten wurde zum Sozialetat. Im Haushalt der Stadt Leisnig f\u00fchrte er religi\u00f6se und weltliche Verantwortung zusammen. Und l\u00f6ste damit gleich drei Probleme, wie Christine Eichel in ihrem Buch \u201eDeutschland, Lutherland\u201c schreibt: \u201eDie prek\u00e4re Lage der \u00c4rmsten, die nachlassende Spendenfreude und die gerechte Verteilung ehemals papstkirchlicher Besitzt\u00fcmer\u201c. Zu den Einnahmen der Stadt z\u00e4hlten nun die Eink\u00fcnfte aus Zinsen und die Abgaben der D\u00f6rfer genauso wie das Verm\u00f6gen der Pfarrgemeinden \u2013 und zu den Ausgaben die Hilfe f\u00fcr Waisenkinder, Arme, Alte und bed\u00fcrftige Fremde aber auch die Investitionen in Infrastruktur. Die umlagefinanzierte Kastenordnung von Leisnig ist die Wurzel einer staatlichen Solidargemeinschaft, in der die Bed\u00fcrftigen eben nicht mehr Bettler, sondern unterst\u00fctzungsberechtigte Mitb\u00fcrger sind. Und nicht mehr die Kirche verteilte jetzt die Mittel, sondern die Vertreter der unterschiedlichen St\u00e4nde. Und dabei erwartete die Solidargemeinschaft auch eine Gegenleistung: dass n\u00e4mlich jeder, der Hilfe und Zuwendung bekam, sich in dem Ma\u00dfe selbst f\u00fcr andere einbrachte, wie er dazu in der Lage war. \u201eBread first, work second.\u201c Auf dieser Linie liegen bis heute die Sozialstaaten lutherischer Pr\u00e4gung &#8211; nicht nur in Deutschland, sondern auch und gerade in Skandinavien. Sie basieren auf Verteilungsgerechtigkeit und nicht zuletzt auf einem guten Zusammenwirken von Staat und Kirche. Gerhard Wegner vom Sozialwissenschaftlichen Institut der EKD hat von einer Art lutherischem Sozialismus gesprochen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>4. Gerechte Teilhabe \u2013\u00a0was jetzt gefragt ist<\/strong><\/p>\n<p>Wie wir Gerechtigkeit heute verstehen, das hat die EKD unter dem Schlagwort \u201eGerechte Teilhabe\u201c programmatisch zusammengefasst. So lautet auch der Titel einer Denkschrift von 2006, in der es um Wege aus der Armut geht. \u201eTeilhabegerechtigkeit\u201c will zwei Ziele, die h\u00e4ufig gegeneinander ausgespielt werden, in Einklang bringen: die Verteilungsgerechtigkeit, die in Deutschland eng mit den solidarischen Sicherungssystemen verbunden ist, und die Bef\u00e4higungsgerechtigkeit, f\u00fcr die eine St\u00e4rkung der Eigenverantwortung zentral ist. Es geht um eine m\u00f6glichst umfassende Integration aller Mitglieder der Gesellschaft \u00fcber die Er\u00f6ffnung von Zug\u00e4ngen zu Bildung, Gesundheitssystem, Arbeits- und Wohnungsmarkt. Quartiersentwicklung und Nachbarschaftsprojekte, Integration in Bildung und Arbeit sind wesentliche Schritte zur Teilhabe.<\/p>\n<p>Damit wird auch die Tradition der Inneren Mission aufgenommen. Denn auch im 19. Jahrhundert standen Bildung, Arbeit und Gesundheitsversorgung im Zentrum der diakonischen Unternehmungen. Schon die Reformation hatte die allgemeine Schulpflicht eingef\u00fchrt. Und die Gr\u00fcndung von Schulen blieb kennzeichnend f\u00fcr den Protestantismus von August-Hermann Francke in Halle bis zu Johann Hinrich Wichern in Hamburg. Im 19. Jahrhundert entstanden nun auch neue soziale Berufe Diakonissen und Diakone, Erzieherinnen und Krankenpflegerinnen sollten nicht nur den Vernachl\u00e4ssigten dienen, sondern auch das Engagement in den Gemeinden st\u00e4rken.<\/p>\n<p>Einen Beruf haben, die eigene Berufung leben, das war ein wesentlicher Eckpfeiler der Reformation. Das allgemeine Priestertum der Getauften war ja nicht nur f\u00fcr den Sonntag gedacht, sondern vor allem f\u00fcr den Alltag. Der Hamburger Johann Hinrich Wichern sprach deshalb auch vom allgemeinen Diakonentum. Nicht nur die Kirchen und die St\u00e4dte sollten sich f\u00fcr den sozialen Zusammenhalt verantwortlich f\u00fchlen, sondern jeder Einzelne, ganz unabh\u00e4ngig von seinem Stand.<\/p>\n<p>Heute ist dieses Engagement erneut gefragt. Denn es geht um eine neue Balance von Sozialstaat und Zivilgesellschaft. Einerseits brauchen wir eine Weiterentwicklung der solidarischen Sicherung und eine Neudefinition sozialer Rechte \u2013\u00a0m\u00f6glichst auf europ\u00e4ischer Ebene. Denn heute wird die W\u00e4sche deutscher Krankenh\u00e4user in Polen gewaschen, w\u00e4hrend deutsche Familien osteurop\u00e4ische Pflegekr\u00e4fte nutzen, weil sie sich die Preise der sozialen Dienstleistungen in Deutschland nicht leisten k\u00f6nnen oder wollen. In Europa geht es um die Frage, wie Arbeitnehmerfreiz\u00fcgigkeit und Sozialleistungen in einen Ausgleich gebracht werden k\u00f6nnen. Nicht nur der Brexit, das Erstarken rechter Bewegungen zeigen, in welchem Ma\u00dfe das Gef\u00fchl der sozialen Sicherheit angeschlagen ist \u2013 zuletzt durch die Erfahrungen der sogenannten Fl\u00fcchtlingskrise. \u201eBread first, second work\u201c ist auf \u00fcberraschende Weise aktuell &#8211; an den Tafeln wie in den Fl\u00fcchtlingscamps: Arbeit ist der wichtigste Faktor zur Integration.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>5. Sorgende Gemeinschaften<\/strong><\/p>\n<p>\u201eWork for your own bread\u201c \u2013\u00a0so fasst Sigurd Kahl die reformierte Tradition zusammen. Denn die Reformation hat ja zwei gro\u00dfe Linien. Neben Luther, der dieses Jahr im Mittelpunkt steht, haben Johannes Calvin und Huldrych Zwingli nicht nur in Genf und Z\u00fcrich ihre Spuren hinterlassen. \u201eWork for your own bread\u201c \u2013\u00a0das klingt in unseren Ohren eher neoliberal, nach Eigenverantwortung und Nachbarschaftshilfe. Staaten in der reformierten Tradition sind bis heute eher zivilgesellschaftlich gepr\u00e4gt \u2013 wie die Schweiz, die Niederlande oder die USA. Dort finden sich starke Modelle eines solidarischen Miteinanders vor Ort. Aus Zwinglis Sicht war es aber durchaus Aufgabe der christlichen Gemeinde, sich an der Ausgestaltung von Gerechtigkeit in der Kommune zu beteiligen. Bei zentralen Themen wie Armenversorgung, der Einrichtung von Schulen oder bei der Fl\u00fcchtlingspolitik sollten die Pfarrer Rede- und Beratungsrecht im Rat der Stadt haben (Opitz 2014). Und es war klar: wo Arbeit so im Zentrum steht, muss es auch Arbeitspl\u00e4tze geben.<\/p>\n<p>Wie kann die Kirche heute in einer pluralistischen und fragmentierten Gesellschaft, f\u00fcr soziale Rechte und Zusammenhalt eintreten? Tats\u00e4chlich haben sich die Bedingungen sozialstaatlichen Handelns gravierend ver\u00e4ndert. Dabei geht es nicht nur um Globalisierung und Migration, um Fl\u00fcchtlinge und die Angst vor dem sozialen Abstieg. Auch Geschlechterrollen und Familien sehen anders aus. Die Frage nach der Gendergerechtigkeit hat zu einer neuen Debatte \u00fcber die Balance von Erwerbsarbeit und F\u00fcrsorge gef\u00fchrt. Und schlie\u00dflich stellt der demografische Wandel eine erhebliche Herausforderung dar. Rente und Pflege stehen auf dem Pr\u00fcfstand. Und wieder geht es um Teilhabe \u2013 um die Grundsicherung von Kindern, die neue Altersarmut. Und schlie\u00dflich um eine Neuaufstellung der Pflege &#8211; mit professioneller Arbeit, Familienarbeit und Nachbarschaftshilfe. Luthers Modell des \u201e Berufs\u201c der Hausfrau in der Gro\u00dffamilie ist l\u00e4ngst Geschichte. Heute hei\u00dft das Schlagwort \u201eSorgende Gemeinschaften\u201c.<\/p>\n<p>Die \u201eCaring Community\u201c ist zu einem internationalen Leitbegriff geworden, um auf regionaler und lokaler Ebene Verantwortungsstrukturen neu zu beleben und zu gestalten. Das Berliner Sharehouse, die Generationenh\u00e4user und Quartiersh\u00e4user sind ein gute Beispiele f\u00fcr die Haltung, die dahinter steht. Es geht um ein neues Miteinander \u00fcber Lebensalter oder Herkunft hinweg. Um Begegnungen auf Augenh\u00f6he, wechselseitige Unterst\u00fctzung und die Bereitschaft, Verantwortung zu \u00fcbernehmen. Nicht nur Kommunen, auch Kirchengemeinden sind gefragt. Calvin und Zwingli haben \u00fcbrigens die Abendmahlsgemeinschaft zum Symbol der Teilhabe gemacht: Wer miteinander das Brot bricht, soll auch die Sorgen teilen.<\/p>\n<p>Im Sorgenbarometer<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\"><sup>[1]<\/sup><\/a> der B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger steht die Frage nach der Versorgung im Alter oben. Bei den J\u00fcngeren nimmt das Vertrauen in die Stabilit\u00e4t und Nachhaltigkeit der Sozialen Sicherungssysteme ab. Die Fragen der Generationensolidarit\u00e4t, die Zukunft der Pflege und die Sorge um ein Sterben in W\u00fcrde stehen ganz oben auf der politischen Agenda. Nicht zuletzt deshalb nehmen auch der j\u00fcngste Altenbericht und der Ehrenamtsbericht das Thema \u201eSorgende Gemeinschaften\u201c auf. Und tats\u00e4chlich engagieren sich Millionen von \u00c4lteren ehrenamtlich in Nachbarschaften und Gemeinden. Mit Telefon- und Serviceketten in der eigenen Generation, mit Besuchsdiensten bis hin zur Hilfe bei der Pflege. In Mehrgenerationenh\u00e4usern und Stadtteilcaf\u00e9s, in Quartiersprojekten und bei Tafeln oder zuletzt in Willkommensgruppen f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge.<\/p>\n<p>Aber gerade die Fl\u00fcchtlingskrise hat auch gezeigt, wie problematisch die Ausd\u00fcnnung von Sozialverwaltungen und Polizeidienststellen sind. Ehrenamtlich Engagierte \u00fcbernahmen die Koordination von Fl\u00fcchtlingsunterk\u00fcnften, weil Stadtverwaltungen personell \u00fcberfordert waren. Dabei wurde wieder klar, was schon vergessen schien: B\u00fcrgerschaftliches Engagement ist auf staatliche Strukturen angewiesen, Ehrenamt auf Hauptamt. Sorgende Gemeinschaften brauchen Sorgestrukturen. Die wechselseitige Sorge darf nicht romantisiert werden. Wenn der Staat sich seiner Verantwortung entzieht, droht Deprofessionalisierung. Kirche und Diakonie stehen f\u00fcr ein gutes Miteinander von beiden: von Haupt- und Ehrenamt, von Nachbarschaftshilfe und Professionalit\u00e4t.<\/p>\n<p>Und damit haben wir eine lange Tradition \u2013\u00a0nicht erst seit dem 19. Jahrhundert, sondern seit der Reformation. Die verschiedenen Traditionen der Reformation mit ihren St\u00e4rken und Schw\u00e4chen sind ein Schatz f\u00fcr die Debatten, die wir heute f\u00fchren. Denn letztlich geht es in den aktuellen Transformationsprozessen darum, die unterschiedlichen Entwicklungspfade und sozialstaatlichen Traditionen aufzunehmen und neu zu gestalten:<\/p>\n<ul>\n<li>\u201eFeed the poor, get saved\u201c hie\u00df es \u00fcber Jahrhunderte. Und ja es tut gut, f\u00fcr andere zu sorgen. Engagement macht stark. Auch die, die gestern noch auf Hilfe angewiesen waren. So wie Alex Assali.<\/li>\n<li>\u201eWork for your own bread\u201c \u2013 das reformierte Motto &#8211; ist mehr als ein neoliberaler Spruch. Arbeit bleibt ein zentraler Integrationsfaktor. Auch f\u00fcr Migranten oder Menschen mit Behinderung. Und trotzdem gibt es Hilfebedarf. Darum brauchen wir einen sozialen Staat und eine engagierte Kirche.<\/li>\n<li>Der Einsatz f\u00fcr die Armen, f\u00fcr Sterbende und f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge z\u00e4hlt dabei nach wie vor zu unseren Kernaufgaben. \u201eBread first, second work\u201c. Ich meine: Das lutherische Motto bleibt auf \u00fcberraschende Weise aktuell.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Mit der himmlischen Werkstatt, dem Sharehouse in Berlin, habe ich angefangen. F\u00fcr das begonnene Jahr w\u00fcnsche ich Ihnen, dass auch diese Kirche und dieser Ort eine solche Werkstatt werden. Ganz nach dem Sharehouse\u2013Motto: \u201eJeder Mensch ist einzigartig und kostbar, darum f\u00f6rdern wir uns gegenseitig in unseren F\u00e4higkeiten und Talenten. Wir helfen nicht, wir unterst\u00fctzen einander auf Augenh\u00f6he, denn keiner ist besser als der oder die andere, und nur im Teilen sind wir wirklich reich.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Cornelia Coenen-Marx<\/p>\n<h5>Neujahrsempfang des Diakonischen Werkes Delmenhorst\/Oldenburg-Land am 27.01.2017<\/h5>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h5>Literaturangaben:<\/h5>\n<h5>Ernst-Ulric Huster: \u201eSoziale K\u00e4lte- R\u00fcckkehr zum Wolfsrudel?\u201c, Stuttgart 2016<\/h5>\n<h5>Sigrun Kahl, Religion as a Cultural Force: Social Doctrines and Poor Relief Traditions, in: Kees von Kersbergen, Philip Manow: Rligion, Class Coalitions and Welfare States, Cambridge 2009, S. 266 \u2013 294<\/h5>\n<h5>Philip Manow, Religion und Sozialstaat. Die konfessionellen Grundlagen europ\u00e4ischer Wohlfahrtsstaatregime, Frankfurt 2008<\/h5>\n<h5>Christine Eichel, Deutschland, Lutherland, Warum uns die Reformation bis heute pr\u00e4gt, M\u00fcnchen 2015, S. 183<\/h5>\n<h5>Peter Opitz, Der spezifische Beitrag der Schweizer Reformation, in; Petra Bosse-Huber, Serge Fornerod u.a.; 500 Jahre Reformation, Bedeutung und Herausforderungen, Z\u00fcrich 2014<\/h5>\n<h5><\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Schneyink, Doris (2012): stern-Sorgenbarometer Die R\u00fcckkehr der &#8222;German Angst&#8220;. Online im Internet: URL: http:\/\/www.stern.de\/politik\/deutschland\/stern-sorgenbarometer-die-rueckkehr-der-german-angst-1907249.html [Stand 21.07.2014].<\/h5>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1. Sharehouse und Stra\u00dfenk\u00fcche \u2013 die himmlische Werkstatt Kennen Sie Alex Assali, den \u201eFl\u00fcchtling, der auch Obdachlose bekocht\u201c? 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