{"id":2470,"date":"2016-11-17T09:14:45","date_gmt":"2016-11-17T09:14:45","guid":{"rendered":"http:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=2470"},"modified":"2017-07-12T20:47:09","modified_gmt":"2017-07-12T20:47:09","slug":"predigttext-in-niesky","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=2470","title":{"rendered":"Predigttext in Niesky"},"content":{"rendered":"<p class=\"p1\"><strong><span class=\"s1\">Predigttext vom 09.10.2016 in Niesky<\/span><\/strong><\/p>\n<p><em>Und sie brachen von Sukkot auf und schlugen ihr Lager in Etam am Rand der W\u00fcste auf. Und der Herr zog vor ihnen her, bei Tag in einer Wolkens\u00e4ule, um ihnen den Weg zu zeigen, bei Nacht in einer Feuers\u00e4ule, um ihnen zu leuchten. Sie konnten sie Tag und Nacht unterwegs sein. Die Wolkens\u00e4ule wich bei Tage nicht von der Spitze des Volkes und die Feuers\u00e4ule nicht bei der Nacht.<\/em> (<em>2. Mose 13, 20ff.)<\/em><\/p>\n<p>Die Amerikanerin Veronika Scott hat einen Mantelschlafsack erfunden, der Obdachlosen im Winter W\u00e4rme und auch ein St\u00fcck W\u00fcrde gibt. Der Schlafsack ist wasserdicht und l\u00e4sst sich im Sommer zu einer Umh\u00e4ngetasche zusammenfalten. Die 100 Dollar, die ein Mantel kostet, werden durch Spenden finanziert. 15.000 M\u00e4ntel konnten inzwischen hergestellt werden. Und die Produktion gibt wohnungslosen Frauen Jobs, damit sie sich eine Wohnung mieten und ihre Kinder wieder zur Schule schicken k\u00f6nnen. Veronika Scott wei\u00df, was das bedeutet, sie lebte selbst eine Zeit lang mit ihrer Mutter auf der Stra\u00dfe. Sie kann sich erinnern, wie es sich anf\u00fchlt, kein Zuhause zu haben, und sie wei\u00df auch: das kann schnell gehen, wenn man seinen Job verliert. Zumal in einem Land, in dem das Sozialsystem nicht so ausgebaut ist wie bei uns. Aber auch in Deutschland kann eine fehlende Qualifikation dazu f\u00fchren, dass Menschen von Gelegenheitsjob zu Gelegenheitsjob wandern und schlie\u00dflich in der Obdachlosigkeit landen. Und auch hierzulande passiert es, dass Beziehungskrisen, Gewalterfahrungen oder chronische Erkrankungen Menschen die Kraft nehmen, sich aufrecht zu halten.<\/p>\n<p>Es ist alles andere als selbstverst\u00e4ndlich, dass wir unseren Blick \u201enach unten\u201c richten, auf die, die abgest\u00fcrzt sind oder nie eine Chance bekommen haben. Viele haben Angst davor; Angst selbst zu fallen. Sie schauen lieber stur gerade aus \u2013 und manche treten auch nach unten. Wer sein Herz \u00f6ffnet, macht sich auch verwundbar.<\/p>\n<p>Aber Gott sei Dank gibt es auch Menschen, die bereit sind, sich ber\u00fchren zu lassen. F\u00fcr sie hat der Berliner Jesuitenpartner Christian Herwartz die Stadtexerzitien entwickelt. In kleinen Gruppen kann man Pilgerwege in der Stadt entdecken \u2013 Stra\u00dfen und Pl\u00e4tze, die ihnen im Alltag verschlossen bleiben.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\"><sup><sup>[1]<\/sup><\/sup><\/a> Es geht darum, wahrzunehmen, wo es brennt. Mit Rucksack und Turnschuhen, manchmal angeleitet von wohnungslosen Stadtf\u00fchrern, ziehen sie los, am Gef\u00e4ngnis oder an der Notunterkunft vorbei. Die Teilnehmer nehmen sich Zeit, gehen in den Schuhen der anderen, folgen ihrem Gef\u00fchl, versch\u00fctteten Erinnerungen. Vielleicht, sagt Christian Herwartz, vielleicht entdeckt einer den brennenden Dornbusch auf dem Weg, den Ort der Gotteserkenntnis mitten in der W\u00fcste der Stadt. An der Notaufnahme des Krankenhauses , in der Fl\u00fcchtlingsunterkunft. Oder auf dem Spielplatz, auf dem noch Bierflaschen und Kondome vom Vorabend liegen. Manchmal beginnt ein Bild, eine Geschichte zu sprechen. Wer sp\u00fcrt, wie sein Herz brennt, bleibt stehen, zieht die Schuhe aus und h\u00f6rt auf die Stimme.<\/p>\n<p><em>\u201eZieh Deine Schuhe aus<\/em>. <em>Denn der Boden auf dem Du stehst, ist heiliges Land<\/em>\u201c. Das waren die Worte, die Mose aus dem brennenden Dornbusch h\u00f6rte. Dass ein Dornbusch in der W\u00fcste Feuer f\u00e4ngt, ist so ungew\u00f6hnlich nicht. Aber diese Stimme brannte sich in sein Herz. Jemand rief ihn bei seinem Namen und er f\u00fchlte sich wie magisch angezogen. Die Bibel erz\u00e4hlt, dass Mose der Stimme folgt, dass er die Schuhe auszieht und sein Angesicht verh\u00fcllt. Am liebsten w\u00fcrde er sich wohl verkriechen. Er geh\u00f6rt ohnehin zu denen, mit denen man lieber nicht zu tun hat. Er ist ein Randsiedler, ein Rebell. Dass er hier in der W\u00fcste die Schafe h\u00fctet, das hat mit seiner Vergangenheit zu tun \u2013 beim Bau der Pyramiden hat er einen der Aufseher des Pharao erschlagen. Er konnte einfach nicht ertragen, wie man mit den hebr\u00e4ischen Sklaven umging. Schlie\u00dflich war er selbst Hebr\u00e4er, auch wenn nur wenige das wussten. Und nun, mitten in der W\u00fcste, wo er sich eigentlich in Sicherheit w\u00e4hnte, war diese Vergangenheit pl\u00f6tzlich wieder da. \u201eIch habe das Schreien der Israeliten geh\u00f6rt und ich habe gesehen, wie sie von den \u00c4gyptern unterdr\u00fcckt werden\u201c, sagt die Stimme. \u201eGeh, denn ich sende dich zum Pharao. Du sollst mein Volk, die Israeliten, aus \u00c4gypten f\u00fchren.\u201c Es wirft ihn fast um \u2013\u00a0es muss ihm \u00e4hnlich gegangen sein wie Veronika Scott, als sie eines Tages ein kleines M\u00e4dchen mit ihrer Mutter auf der Stra\u00dfe schlafen sah. Einer solchen Berufung kann keiner ausweichen.<\/p>\n<p>Es geht um jene Augenblicke, in denen der Schutzfilter weggerissen wird, der uns normalerweise von der Wirklichkeit trennt. Eine schwere Krankheit, eine berufliche Katastrophe, ein Todesfall in der Familie \u2013 oder ein politisches Ereignis wie der Mauerfall oder die ersten Fl\u00fcchtlinge, die vor Lampedusa ertranken: pl\u00f6tzlich sp\u00fcren wir, dass wir nicht so sicher und nicht so unverwundbar sind, dass die Welt nicht so stabil ist, wie wir glaubten. Und pl\u00f6tzlich nehmen wir unsere Umgebung ganz anders wahr: direkter, tiefer. Der Sozialpsychologe Campbell vergleicht diese Situation mit einem Erweckungserlebnis. \u201eWenn das Selbst aus dem Bild der Welt verschwindet, wird die Welt pl\u00f6tzlich sehr m\u00e4chtig, sehr wunderbar. Es ist, als \u00f6ffne sich ein anderer Horizont &#8211; wir h\u00f6ren auf, uns um uns selbst zu drehen, lassen uns ein, lassen uns vielleicht auch verst\u00f6ren.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\"><sup><sup>[2]<\/sup><\/sup><\/a><\/p>\n<p>\u201eDu wirst gebraucht\u201c, sagt Gott \u201e genau Du\u201c. Mit deiner ganzen Wut. Mit deinem weichen Herzen. Mit deiner schwierigen Lebensgeschichte und mit allem, was daran schief gelaufen ist. Du wirst gebraucht, um mein Volk \u2013 und Dein Volk \u2013\u00a0aus \u00c4gypten zu f\u00fchren. \u201eIch?\u201c. \u201eWieso ich?\u201c fragt Mose. <em>\u201eWer bin ich denn, dass ich zum Pharao gehen sollte?<\/em>\u201c Mose verkriecht sich, er macht sich klein \u2013 zum Pharao gehen: ich kann ja nicht einmal richtig reden?<\/p>\n<p>Als ob Gott nicht bedacht h\u00e4tte, wer da vor ihm steht<em>. \u201eHabe nicht ich, der Herr, den Menschen einen Mund gegeben? Kann ich sie nicht stumm oder taub, sehend oder blind machen?\u201c<\/em> Nein, bei Gott hat jeder und jede einen Auftrag, eine Berufung \u2013\u00a0auch und vielleicht gerade, wer Wohnungslosigkeit, Flucht oder Mobbing kennt und wer wei\u00df, wie Menschen Menschen behindern k\u00f6nnen. So wie wir sind, werden wir gebraucht: stumm oder taub, sehend oder blind, querschnittsgel\u00e4hmt, auf einen Rolli angewiesen und mit unserer ganzen Verletzungsgeschichte. \u201eGo down, Moses, go down to Egypts Land&#8230;\u201c. Die schwarzen Sklaven in Amerika haben sich davon \u00fcberzeugen lassen und machten einander Mut mit Stampfen und Klatschen und Spirituals. Ich kann nur hoffen, dass wir das auch lernen.<\/p>\n<p>So wie vor 150 Jahren Hermann Plitt, der Gr\u00fcnder von Emmaus. Ich wei\u00df nicht, was ihn bewogen hat, seinen Dienst in Gnadenfeld, in Oberschlesien zu beginnen. Aber ich wei\u00df, er wusste sich zum Dienst an den Kranken berufen. Und das hat ihm geholfen, auch schwierige Phasen und Br\u00fcche durchzustehen &#8211; und weiter zu arbeiten, ob er an einem Ort gefragt war oder nicht. So ging er mit den beiden Diakonissen, die er gewinnen konnte, von Gnadenfeld nach Graz, wieder zur\u00fcck nach Gnadenfeld und schlie\u00dflich hierher nach Niesky. Denn die Berufung ist das eine \u2013 das andere aber ist das Durchhalten und Weitergehen in den Zeiten, in denen wir keine Resonanz mehr sp\u00fcren. Der Vorhang schlie\u00dft sich wieder, der uns eine andere Wirklichkeit erschlossen hat. Das Engagement, das gestern noch so wichtig schien, ist pl\u00f6tzlich nicht mehr gefragt. In solchen Zeiten ist es, als ob auch Gott schweigt. Als gingen wir in die Irre. Graue Tage \u2013 kein Feuer brennt.<\/p>\n<p>Den J\u00fcngern aus Emmaus ist es so gegangen, als sie nach der Kreuzigung Jesu zur\u00fcck gingen in ihr Heimatdorf. Alles schien umsonst gewesen zu sein &#8211; als w\u00e4ren sie einer falschen Hoffnung gefolgt. Immerhin erz\u00e4hlen sie dem Fremden davon auf dem Weg, im Gehen reden sie \u00fcber das, was sie umtreibt. Aber es braucht Zeit, bis sie begreifen, was da geschieht \u2013 und sie begreifen es erst, als sie das Brot in der Hand halten, das der Fremde f\u00fcr sie gebrochen hat. Da pl\u00f6tzlich rei\u00dft der Vorhang wieder auf, die Erinnerung leuchtet, hinter dem Fremden, in dem Fremden erscheint ihnen Jesus, wie er das Brot bricht. Mein Leib f\u00fcr Euch gegeben. Und dann ist alles vorbei \u2013 aber das Leuchten bleibt. \u201eBrannte nicht unser Herz in uns?\u201c, sagen sie zueinander. Wir brauchen wohl immer wieder solche Erfahrungen des Neuanfangs, damit wir unserer Berufung folgen k\u00f6nnen. Augenblicke der Erweckung, in denen alles noch einmal in neuem Licht erscheint. So wird es Ihnen hier in Niesky auch gehen \u2013 150 Jahre nach der Gr\u00fcndung von Emmaus. In den Umbr\u00fcchen von heute.<\/p>\n<p>Es ist nicht einfach, Gottes Ruf durch die Zeiten zu folgen. Mose wusste das, als er z\u00f6gerte. Er hatte Angst davor, zu verbrennen, sich zu \u00fcbernehmen, allein gelassen zu werden. Und auch die J\u00fcnger Jesu haben erlebt, wie das ist. Sie kannten die Zweifel, die Einsamkeit auf dem Weg. Sie brauchten Zeit, um nach der gro\u00dfen Entt\u00e4uschung wieder aufzubrechen. Worauf also k\u00f6nnen wir uns verlassen, wenn wir an die n\u00e4chsten Jahre und Jahrzehnte denken? Die Bibel gibt drei Hinweise:<\/p>\n<p>Keiner muss allein gehen. Jesus schickt die J\u00fcnger zu zweit aus &#8211; auch die beiden, die nach Emmaus zur\u00fcck gingen, waren zu zweit. Und auch Mose, der am Anfang so z\u00f6gerte, musste nicht allein gehen \u2013\u00a0er bekam seinen Bruder Aaron an die Seite.<\/p>\n<p>Wie Gott dabei mitgeht &#8211; und er geht mit, das bleibt ein Geheimnis. Wir k\u00f6nnen und sollen damit rechnen, dass er uns immer neu und auch anders begegnet. Vielleicht gerade dann, wenn wir ihn nicht verstehen und wenn wir aufgeben wollen. Die Stimme, die Mose h\u00f6rt, verspricht nur eins: Gott wird da sein. \u201eIch bin, der ich bin\u201c ist sein Name. \u201eIch werde sein, der ich sein werde.\u201c<\/p>\n<p>Es kommt also darauf an, wach zu bleiben und die Augen offen zu halten. Denn Gott gibt seinen Leuten Zeichen auf dem Weg. Brot und Wein, aber auch Wolke und Feuers\u00e4ule sind solche Zeichen. In der Wolke bleibt Gottes Gegenwart Geheimnis, aber in der Feuers\u00e4ule geht das Leuchten mit \u2013 und erleuchtet auch unbekannte Wege.<\/p>\n<p>An solchen Zeichen k\u00f6nnen wir uns festhalten \u2013\u00a0und wir sollten sie festhalten, erinnern und nicht vergessen. Darum feiern wir hier heute das Jubil\u00e4um. Und deswegen soll am Ende meiner Predigt noch eine andere Mantelgeschichte stehen: Als der Philosoph und Mathematiker Blaise Pascal gestorben war, fand man in seinen Mantel eingen\u00e4ht einen Zettel. Auf dem kleinen Papierstreifen stand: \u201eJahr der Gnade 1654 am 23. November: Gott Abrahams, Isaak und Jakobs, nicht der Philosophen und Gelehrten Gott. Gewissheit- Freude- Friede- Feuer\u201c! Es war eine Erinnerung an sein Erweckungserlebnis, an seinen brennenden Dornbusch. Ich glaube, viele von uns haben eine solche Erfahrung schon gemacht \u2013 wir m\u00fcssen sie nur verstehen. Und all den anderen w\u00fcnsche ich, dass er kommt \u2013 der Augenblick, in dem sie erfahren: Du wirst gebraucht.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h5><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Ursula Richard, Stille in der Stadt, M\u00fcnchen 2011, S. 106 ff.<\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Vgl. Die lebensver\u00e4ndernde Kraft von Krisen, Kathleen Mc Gowan, Psychologie heute &#8211;<\/h5>\n<h5>Kompakt &#8211; ziemlich stark. S. 18 ff.<\/h5>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigttext vom 09.10.2016 in Niesky Und sie brachen von Sukkot auf und schlugen ihr Lager in Etam am Rand der&#8230; <a href=\"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=2470\">read more<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":457,"menu_order":93,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-2470","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/2470"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2470"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/2470\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2471,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/2470\/revisions\/2471"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/457"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2470"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}