{"id":2438,"date":"2016-11-15T19:53:42","date_gmt":"2016-11-15T19:53:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=2438"},"modified":"2017-07-12T20:26:49","modified_gmt":"2017-07-12T20:26:49","slug":"caring-communities-und-stationaere-hilfe-wie-geht-das-zusammen","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=2438","title":{"rendered":"Caring Communities und station\u00e4re Hilfe \u2013 (wie) geht das zusammen?"},"content":{"rendered":"<p><strong>Fachtag der Wohnungslosenhilfe der Diakonie Schleswig-Holstein, Sch\u00e4ferhof, Appen, 09.11.2016<\/strong><\/p>\n<p><strong>1. Die himmlische Gesellschaft<\/strong><\/p>\n<p>Der syrische Fl\u00fcchtling Alex Assali wurde \u00fcber Facebook bekannt: Er ist \u201eder Fl\u00fcchtling, der auch Obdachlose bekocht\u201c. Alex war 2014 an der italienische K\u00fcste gelandet und hatte letztes Jahr das Gl\u00fcck, ein Zimmer im Sharehouse Refugio in Berlin zu finden. In dem sch\u00f6nen, hundertj\u00e4hrigen Haus in Neuk\u00f6lln leben und arbeiten auf 5 Etagen Menschen zusammen, die ihre Heimat verloren haben oder verlassen mussten, oder die nach neuem Leben in Gemeinschaft suchen. Menschen aus Syrien, Somalia, England und Deutschland, aus Schweden, Afghanistan oder der T\u00fcrkei. Das Refugio ist kein Heim, sondern eine Wohn- und Arbeitsgemeinschaft auf Zeit. Genau eineinhalb Jahre kann man jeweils hier wohnen.<\/p>\n<p>\u201eJeder Mensch ist einzigartig und kostbar, darum f\u00f6rdern wir uns gegenseitig in unseren einzigartigen F\u00e4higkeiten und Talenten. Wir helfen nicht, wir unterst\u00fctzen einander auf Augenh\u00f6he, denn keiner ist besser als der oder die andere, und nur im Teilen sind wir wirklich reich.\u201c Das ist der Sharehausgedanke, das Leitbild. In diesem Sinne kann ein Sharehaus \u00fcberall sein, wo Menschen mit Respekt und Neugier aufeinander zusammenkommen. Es geht also nicht nur um die Integration von Gefl\u00fcchteten, sondern um einen neuen Lebensstil. Das Sharehouse versteht sich als Teil eines Netzwerks, als Co-working-Space und als soziales Unternehmen &#8211; refinanziert durch Vermietung von R\u00e4umen, Catering, Konferenzen und Spenden.<\/p>\n<p>\u201eIch habe hier im Refugio gelernt, wie man tief leben kann\u201c, schreibt Esra im Sharehouse-Blog. Das bedeutet f\u00fcr mich, wie man alle akzeptieren kann. Wir haben auf dieser Welt genug Platz. Wir sollen keine Angst vor anderen haben und vor uns selbst auch nicht. Wir sind alle auf der Flucht &#8211; auf der Flucht auch vor uns selbst. Teil deine Liebe mit allen. Mach die Revolution mit dir\u201c. Was Esra hier schreibt, k\u00f6nnte auch von Luther oder Bodelschwingh kommen: \u201eWir sind Bettler, das ist wahr\u201c, sagt Luther. Und Bodelschwingh war \u00fcberzeugt: Wir sind alle unterwegs. \u201eDas ist aller Gastfreundschaft tiefster Sinn, dass wir einander Heimat geben auf dem Weg nach dem ewigen Zuhause.\u201c<\/p>\n<p>Dass Alex Assali hier ganz selbstverst\u00e4ndlich leben und mitarbeiten konnte, dass er von Anfang an dazu geh\u00f6rte, das machte ihn einfach gl\u00fccklich \u2013 und von diesem Gl\u00fcck wollte er etwas weitergeben. So machte er seine eigene kleine Revolution. Er entschied sich, eine Stra\u00dfenk\u00fcche aufzumachen. Er kochte Suppen und Eint\u00f6pfe, packte die T\u00f6pfe auf sein Fahrrad und installierte eine Warmhalteplatte auf den Stra\u00dfen Berlins. Und dann sch\u00f6pfte er aus an Fl\u00fcchtlinge und Obdachlose \u2013 und einfach an jeden, der probieren wollte. Kochen w\u00e4rmt das Herz &#8211; nicht nur die Speisen. Und auch einer wie Alex Assali w\u00e4rmt die Herzen; das ist das Geheimnis seines Erfolgs.<\/p>\n<p>\u201eEin Sharehaus ist ein Garten, in dem deine einzigartigen Talente und Tr\u00e4ume aufbl\u00fchen k\u00f6nnen, es ist eine Gemeinschaft, in der alle gleich wichtig sind, und es ist immer eine Werkstatt f\u00fcr himmlische Gesellschaft\u201c; hei\u00dft es auf der Berliner Homepage. Eine Werkstatt f\u00fcr himmlische Gesellschaft &#8211; und ganz offensichtlich ein Gegenbild zu der irdischen, die wir kennen.<\/p>\n<p>\u201eSolange Deutsche zur Tafel gehen m\u00fcssen, haben Fl\u00fcchtlinge da nichts zu suchen.\u201c Das Zitat eines erz\u00fcrnten Tafelbesuchers ist keine Einzelmeinung; Wohlfahrtsverb\u00e4nde und Presse haben sich im letzten Jahr immer wieder mit der Frage auseinandergesetzt, wie sich die gef\u00fchlte Ungerechtigkeit in ein faires Miteinander wandeln l\u00e4sst. Es geht ganz offensichtlich um eine doppelte Benachteiligungserfahrung: Um den eigenen gesellschaftlichen Abstieg und mangelnde Verteilungsgerechtigkeit im Sozialstaat, zugleich aber um die Sorge, angesichts neuer, globaler Herausforderungen und zunehmender Arbeitsmigration nun erst recht zu kurz zu kommen. Diese Angst bestimmt inzwischen auch Wahlen, wie wir nicht nur in den USA sehen. Ausgrenzungserfahrungen, die Hartz-IV-Empf\u00e4nger und Gefl\u00fcchtete verbinden k\u00f6nnten, trennen: Die Angst vor Verlusten und der Wunsch nach Zugeh\u00f6rigkeit l\u00e4sst die einen gegen\u00fcber den anderen auf \u00e4lteren Rechten beharren. \u201eDie pluralistische Gesellschaft ist in Gefahr, eine fragmentierte Gesellschaft zu werden\u201c, konstatierte Udo di Fabio schon 2012. Die sogenannte Fl\u00fcchtlingskrise hat die Br\u00fcche und Trennlinien f\u00fcr alle erkennbar gemacht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>2. Caring Communities \u2013 zur Konjunktur eines Begriffs<\/strong><\/p>\n<p>Der Begriff der \u201eCaring Community\u201c hat seit einigen Jahren Konjunktur. Und das Sharehouse ist ein gutes Beispiel f\u00fcr die Haltung und das Menschenbild, das dahinter steht. Es geht um ein neues Miteinander \u00fcber Lebensalter oder Herkunft hinweg. Um Begegnungen auf Augenh\u00f6he, wechselseitige Unterst\u00fctzung und die Bereitschaft, Verantwortung zu \u00fcbernehmen &#8211; f\u00fcr sich selbst, f\u00fcr andere und auch f\u00fcr die gesellschaftliche Entwicklung. Die \u201eCaring Community\u201c ist zu einem internationalen Leitbegriff geworden, um auf regionaler und lokaler Ebene Verantwortungsstrukturen neu zu beleben und zu gestalten. In Deutschland ist von \u201eSorgenden Gemeinschaften\u201c, von \u201eSorgenden Gemeinden\u201c oder auch von \u201eVerantwortungsgemeinschaften\u201c die Rede. Nicht nur Kommunen, auch Kirchengemeinden, Schulen und Unternehmen sind gefragt und greifen das Thema auf. Dabei sind die Handlungs- und Themenfelder, in denen sich eine Sorgende Gemeinschaft entfalten kann, ganz verschieden: Es geht um Kinder, um Menschen mit Behinderung, um \u00c4ltere und Gefl\u00fcchtete, es geht um eine nachhaltige Wirtshaft, aber auch um Sterbende und Trauernde. In diesem Zusammenhang spricht man \u00fcbrigens auch von \u201eCompassionate Communities\u201c, die vor allem die Palliative Care Diskussion aufnehmen.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\"><sup><sup>[1]<\/sup><\/sup><\/a><\/p>\n<p>Zuletzt hat der Siebte Altenbericht, der in diesem Herbst endlich erschienen ist, den Begriff und die dahinter stehende Bewegung popul\u00e4r gemacht &#8211; zumindest in der Fachszene. Im Sorgenbarometer<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\"><sup><sup>[2]<\/sup><\/sup><\/a> der B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger steht die Frage nach der Versorgung im Alter oben. Bei den J\u00fcngeren nimmt das Vertrauen in die Stabilit\u00e4t und Nachhaltigkeit der Sozialen Sicherungssysteme ab. Insbesondere f\u00fcr Frauen und Menschen im Niedriglohnbereich wird Altersarmut vorausgesagt. Wie wir zuk\u00fcnftig f\u00fcr uns selbst und f\u00fcreinander sorgen, das besch\u00e4ftigt also viele Menschen &#8211; individuell, kollektiv und auch politisch. Die Fragen der Generationensolidarit\u00e4t, die Zukunft der Pflege und die Sorge um ein Sterben in W\u00fcrde stehen auch ganz oben auf der politischen Agenda. Der hohe Anteil der B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger, die den assistierten Suizid bef\u00fcrworten, zeigt in aller Sch\u00e4rfe die Herausforderung: Die Befragten bezweifeln, dass f\u00fcr sie gesorgt sein wird, wenn sie allein nicht mehr zurechtkommen. Das Sterben in Pflegeheimen oder im Krankenhaus wurde f\u00fcr viele zum Schreckgespenst. Nur ein Prozent w\u00fcnscht sich, in einem Krankenhaus zu sterben &#8211; aber 80 Prozent sterben in Krankenh\u00e4usern und Pflegeeinrichtungen. Am Ende hilflos und existenziell auf die Hilfe anderer angewiesen zu sein, ist zudem f\u00fcr moderne Menschen eine Kr\u00e4nkung \u2013\u00a0es stellt unsere Autonomie in Frage.<\/p>\n<p>\u201eZwischen Autonomie und Angewiesenheit\u201c \u2013 das war der auch Titel der EKD-Orientierungshilfe zur Familienpolitik. In dem innerkirchlich hei\u00df diskutierten Papier, das 2013 erschien, ging es zum einen darum, die Vielfalt der Familienformen sichtbar zu machen und kirchlich anzuerkennen. Zum anderen ging es aber auch hier um Fragen der Sorge. Denn die Verteilung von Sorgeaufgaben ist weiterhin einem vormodernen Rollenmuster verhaftet &#8211; das gilt f\u00fcr Haushalt, Erziehung und Pflege gleicherma\u00dfen. Und auch der j\u00fcngste Alterssurvey der Bundesregierung zeigt, dass selbst bei gleicher Belastung mit Erwerbsarbeit noch immer der gr\u00f6\u00dfere Teil der Haus- und Familienarbeit von Frauen geleistet wird &#8211; angesichts des demographischen Wandels, der zuk\u00fcnftigen Pflegeaufgaben und zunehmenden Erwerbsbeteiligung von Frauen ist das ein wachsendes Problem. Hinzu kommt, dass die sozialen Sicherungssysteme, insbesondere die Pflegeversicherung auf diesem Rollenmuster beruhen &#8211; sie sind im Blick auf eine m\u00e4nnliche Vollzeiterwerbst\u00e4tigkeit und weibliche, private Sorge hin kalkuliert. Neue, unterbrochene Erwerbsverl\u00e4ufe, aber auch abnehmende private Zeit f\u00fcr Care-Aufgaben werden deshalb zum Problem. Das betrifft auch das soziale Ehrenamt.<\/p>\n<p>\u201eDie kulturelle Herausforderung des demografischen und sozialen Wandels\u201c, schreibt Thomas Klie, \u201eliegt deshalb in einer fairen und intelligenten Neuverteilung von Sorgeaufgaben im Gender- und im Generationenverh\u00e4ltnis; ohne R\u00fcckgriff auf einen familialen Revisionismus.\u201c \u201eSorgende Gemeinschaften\u201c k\u00f6nnten also ein spannender Auftakt sein, um die Fragen von sozialer Verantwortung und sozialer Sicherheit neu zu verhandeln, sagt er. Sie d\u00fcrften aber nicht missbraucht werden, um die Probleme lediglich abzufedern und von den notwendigen Reformen abzulenken.<\/p>\n<p>Wenn der siebte Altersbericht von \u201eSorgenden Gemeinschaften\u201c spricht, dann nimmt er aber auch eine gesellschaftliche Wirklichkeit auf: Millionen von \u00c4lteren engagieren sich in ihren Familien &#8211; mit Geld wie mit Hilfeleistungen -, aber auch in Nachbarschaften und Gemeinden. Mit Wohngemeinschaften, Telefon- und Serviceketten in der eigenen Generation, mit Besuchsdiensten bis hin zur Hilfe bei der Pflege. Aber auch als Begleiterinnen und Begleiter den n\u00e4chsten Generationen- als Lesepaten, Leih-Omas, Stadtteilm\u00fctter, Ausbildungsmentoren. In Mehrgenerationenh\u00e4usern und Stadtteilcaf\u00e9s, in Quartiersprojekten und bei Tafeln oder zuletzt in Willkommensgruppen f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge sind Sorgende Gemeinschaften entstanden. Das meiste davon geschieht ehrenamtlich. Die Freiwilligensurveys der letzten Jahre zeigen: Die Bereitschaft und das Interesse, die Gesellschaft im Kleinen mit zu gestalten, geh\u00f6ren \u00fcber alle Generationengruppen hinweg zu den ganz wesentlichen Motiven b\u00fcrgerschaftlichen Engagements. Dabei geht es keinesfalls um selbstvergessenen Altruismus. Denn wer sich engagiert, gewinnt zugleich neue Beziehungen und eigene Netzwerke, Lebensvertiefung und soziale Kompetenzen. Betont werden muss allerdings, dass dazu auch soziale Netzwerke und finanzielle Ressourcen notwendig sind.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus hat die sozialwissenschaftliche Forschung gezeigt:<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\"><sup><sup>[3]<\/sup><\/sup><\/a> Menschen, die sich in Gruppen engagieren, entwickeln ein \u00fcberdurchschnittlich hohes Vertrauen, eine positive Grundeinstellung in der Begegnung mit anderen &#8211; auch gegen\u00fcber Fremden und Menschen aus anderen gesellschaftlichen Schichten und Milieus. Engagement ist Teilhabe und st\u00e4rkt Teilhabe. Und Quartiersl\u00e4den, Freiwilligenzentren oder Mehrgenerationenh\u00e4user verankern diese Mitverantwortlichkeit in Strukturen. In der Zivilgesellschaftsbewegung sprechen wir deshalb auch von einem \u201eRecht auf Engagement\u201c &#8211; auch f\u00fcr Menschen mit Behinderung, Hartz-4-Empf\u00e4nger, Gefl\u00fcchtete oder Obdachlose.<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\"><sup><sup>[4]<\/sup><\/sup><\/a> Ich denke an \u201eKunden\u201c oder G\u00e4ste der Tafel, die zum Teil des Teams werden, oder an ein Team von Menschen mit Behinderung in Essen, aber auch an Gefl\u00fcchtete in Berlin, die zu Museumsf\u00fchrern ausgebildet wurden, und an Obdachlose als Stadtf\u00fchrer oder Autoren.<\/p>\n<p>Hannah Arendts Begriff der Mitverantwortung<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\"><sup><sup>[5]<\/sup><\/sup><\/a> stellt den Zusammenhang zwischen Selbstsorge und F\u00fcrsorge her: Unsere eigene Lebensgestaltung ist eingebettet in von Verantwortung gepr\u00e4gte Beziehungen \u2013\u00a0das beginnt in den Familien und wird in Alter und Pflegebed\u00fcrftigkeit noch einmal deutlich erkennbar. Mitverantwortlichkeit nimmt die Angewiesenheit des Menschen ernst und sucht das Gl\u00fcck des Lebens nicht nur in sich selbst &#8211; sie bleibt auf Andere und den \u00f6ffentlichen Raum ausgerichtet und ist insofern immer auch politisch.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>3. Sorge- F\u00fcrsorge- Care: Zur politischen Bedeutung der Begriffe<\/strong><\/p>\n<p>Der neue Begriff der Caring Communities hat bereits jetzt Wichtiges geleistet: Er hat die vielf\u00e4ltigen Formen der Sorge sichtbar gemacht und gibt Anreiz, ihre Voraussetzungen und Bedeutungen zu reflektieren. Dazu geh\u00f6ren auch die kritischen Beobachtungen. Manche sehen in der Idee der \u201eSorgenden Gemeinschaften\u201c das Signal f\u00fcr einen weiteren R\u00fcckzug des Staates und die Ausbeutung ehrenamtlicher Ressourcen oder schlicht ein Sparprogramm. Angesichts der leerer werdenden \u00f6ffentlichen Kassen ist der Einsatz von Ehrenamtlichen etwa in der Tafel-, Hospiz- und Fl\u00fcchtlingsarbeit gesellschaftlich hoch willkommen. Gerade in der so genannten Fl\u00fcchtlingskrise ist aber auch deutlich geworden, wie problematisch die Ausd\u00fcnnung von Sozialverwaltungen und Polizeidienststellen oder auch die Privatisierung des ehemals \u00f6ffentlichen Wohnraums tats\u00e4chlich sind. Ehrenamtlich Engagierte, die auf 450-Euro-Basis z.B. die Koordination von Fl\u00fcchtlingsunterk\u00fcnften \u00fcbernahmen, weil Stadtverwaltungen personell \u00fcberfordert waren, haben sich dazu entsprechend kritisch \u00f6ffentlich ge\u00e4u\u00dfert. Damit ist aber f\u00fcr die Mehrheit deutlich geworden, dass b\u00fcrgerschaftliches Engagement auf staatliche Strukturen, Ehrenamt auf Hauptamt und Sorgende Gemeinschaften auf Sorgestrukturen angewiesen sind. Der siebte Altenbericht nimmt genau diesen Gedanken auf und macht deutlich, dass Seniorennetzwerke und Sorgende Gemeinschaften f\u00fcr Menschen mit Alzheimererkrankungen oder in der h\u00e4uslichen Pflege auf eine gut ausgebaute Infrastruktur angewiesen sind \u2013 auf R\u00e4ume wie auf Hauptamtliche, auf Beratung wie auf \u00d6ffentlichkeitsarbeit. Denn wenn sich der Staat seiner Verantwortung entzieht, schreibt Thomas Klie, \u201ewerden klassische Frauenrollen\u201c- und ich erg\u00e4nze: klassische Gro\u00dfelternrollen &#8211; \u201ereaktiviert<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\"><sup><sup>[6]<\/sup><\/sup><\/a>. Dann gibt es einen \u201eR\u00fcckschritt\u201c in Richtung Deprofessionalisierung und Romantisierung gegenseitiger Solidarit\u00e4t.\u201c Und auch das Engagement der jungen Alten, die im Augenblick einen gro\u00dfen Teil des sozialen Ehrenamts leisten, erf\u00e4hrt oft zu wenig Unterst\u00fctzung. Das gilt vor allem f\u00fcr diejenigen, die eine geringe Altersrente haben und es sich eigentlich nicht leisten k\u00f6nnen, nur f\u00fcr die Ehre zu arbeiten.<\/p>\n<p>Wo immer ich in der letzten Zeit \u00fcber den Sorgebegriff diskutiert habe, gab es Irritation schon wegen der Begrifflichkeit selbst. (Das erlebe ich \u00fcbrigens auch im Blick auf meine kleine Firma \u201eSeele und Sorge\u201c- die f\u00fcr mich eigentlich nur ein Hinweis auf die notwendige Verbindung von Kirche und Diakonie ist.) Der Begriff Sorge ist dabei nichts anderes als eine \u00dcbersetzung von Care &#8211; das im englischen f\u00fcr alle Beziehungs- und Zuwendungsarbeit privater wie professioneller Natur steht. Die feministische Theorie hat den Begriff neu entdeckt und problematisiert damit die Dominanz einer \u00f6konomisierten Sichtweise im Sozial- und Gesundheitswesen, die den Menschen zum blo\u00dfen Kunden und Empf\u00e4nger von Dienstleistungen macht. Nun ist allerdings der Sorgebegriff in Deutschland traditionell mit einem patriarchalen und autorit\u00e4ren F\u00fcrsorgeverst\u00e4ndnis gekoppelt, das bis Ende der 60er Jahre pr\u00e4gend war, als die Angeh\u00f6rigen- und Quartiersbewegung mit der \u00d6ffnung der station\u00e4ren Einrichtungen begann. Heute ist es wesentlich, das Gegen\u00fcber von kontrollierender staatlicher F\u00fcrsorge und kostenloser Wohlfahrtsproduktion von Frauen und Ehrenamtlichen kritisch zu befragen. Klar ist: Care-Arbeit in Familien, Sorgenden Gemeinschaften wie im B\u00fcrgerschaftlichen Engagement kann nur nachhaltig sein, wenn die finanziellen Ressourcen gegeben sind &#8211; eine sichere Rente zum Beispiel und eine tragf\u00e4hige Infrastruktur.<\/p>\n<p>Es geht also um das produktive Zusammenwirken von Staat, marktorientierten Dienstleistern und Nachbarschaften in \u201egeteilter Verantwortung\u201c im Sinne eines Wohlfahrtsmix. Gemeinschaft bedeutet aber mehr \u2013\u00a0sie sind gepr\u00e4gt durch Zugeh\u00f6rigkeit, gemeinsame Werte und Verantwortungsbeziehungen, wie wir sie aus Familien, Nachbarschaften, Freundeskreisen oder Wohngemeinschaften kennen \u2013\u00a0und nicht zuletzt aus Glaubensgemeinschaften mit ihrer spirituellen Qualit\u00e4t.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong><strong>4.<\/strong><b>\u00a0<\/b><a name=\"_Toc382467096\"><\/a>Tr\u00e4ger, Orte, Kommunen: Entwicklung einer Verantwortungsgesellschaft \u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Die Mitverantwortung, die Hannah Arendt beschreibt, ist auf den \u00f6ffentlichen Raum ausgerichtet. Quartier, Gemeinde und Kommune bilden den r\u00e4umlichen Zusammenhang, in dem soziales Miteinander einge\u00fcbt und gelebt wird. Sorgende Gemeinschaften haben einen Ort in Kirchengemeinden oder Mehrgenerationenh\u00e4usern, in Familienzentren und Quartiersb\u00fcros. Solange wir einigerma\u00dfen mobil sind &#8211; k\u00f6rperlich, aber auch geistig und sozial &#8211; k\u00f6nnen wir w\u00e4hlen, wo wir uns besonders zugeh\u00f6rig f\u00fchlen, k\u00f6nnen alte Bindungen l\u00f6sen und neue begr\u00fcnden. An die Stelle von Familien k\u00f6nnen Wahlfamilien treten, wir k\u00f6nnen umziehen und neue Nachbarschaften suchen, uns einer Kirchengemeinde anschlie\u00dfen oder sie verlassen. Wir k\u00f6nnen mobil leben, selbst in unserer Arbeit dauernd unterwegs wie moderne Nomaden &#8211; mit dem Risiko allerdings, dass unsere verl\u00e4ssliche Freundschaft oder Wahlverwandtschaft auf einige wenige Menschen schrumpft. Wenn Menschen aber hilfe- oder pflegebed\u00fcrftig in einem Heim leben \u2013\u00a0und das gilt auch f\u00fcr \u00e4ltere Wohnungslose &#8211; dann sind die Wahlm\u00f6glichkeiten geringer, auch was die Zugeh\u00f6rigkeit angeht. Bindungen aufzubauen und aufrecht zu erhalten, geh\u00f6rt aber trotzdem zentral zu unserem Menschensein. Wir brauchen das grundlegende Gef\u00fchl der Zugeh\u00f6rigkeit zu einer Gemeinschaft, um uns in ihrem Schutz \u00f6ffnen zu k\u00f6nnen. Martha Nussbaum hat das sehr deutlich gemacht; sie zeigt aber auch, welchen Paradigmenwechsel es bedeutet, Bewohnerinnen und Bewohner als Gegen\u00fcber in ihrer W\u00fcrde und als Teil der Gemeinschaft ernst zu nehmen und ihre Freiheit, ihre Selbstbestimmung und ihre Erfahrungen zu respektieren. Projekte wie das Sharehouse in Berlin zeigen, wie die gemeinsame partnerschaftliche Sorge eine Gemeinschaft konstituieren kann. Damit das gelingt, braucht es eine grundlegende Offenheit der Gemeinschaft: das gilt f\u00fcr eine station\u00e4re Wohngruppe genauso wie f\u00fcr eine Nachbarschaft oder eine Kirchengemeinde. Quartierscaf\u00e9s und auch Kooperationen mit Schulen und Jugendgruppen in Altenzentren zeigen die Richtung.<\/p>\n<p>Wenn wir von \u201esorgenden Gemeinschaften\u201c reden, geht es immer auch um Orte und Tr\u00e4ger der Verantwortung. Um Wohlfahrtsverb\u00e4nde und Kirchengemeinden, um Wohnungsbaugesellschaften, Sportvereine und Kommunen, um Krankenh\u00e4user oder station\u00e4re Einrichtungen. Ohne Frage ist es vor allem in station\u00e4ren Einrichtungen nicht einfach, wirklich eine geteilte Verantwortung zwischen Organisation und Sorgender Gemeinschaft zu organisieren. Mir ist das am Beispiel der Gr\u00fcnen Damen im Krankenhaus oder der Ehrenamtlichen in Altenhilfeeinrichtungen deutlich geworden. Entscheidend ist, dass sie sich nicht nur als Helferinnen und Helfer empfinden, sondern sich an der Organisationsentwicklung und den notwendigen Entscheidungen beteiligen k\u00f6nnen. Erfolgreiche Alten- und Pflegezentren in den Niederlanden zeigen den Weg: die meisten Ehrenamtlichen engagieren sich, wenn Bewohner wie Ehrenamtliche \u00fcber alle Ebenen im Trialog mit den Hauptamtlichen zusammenarbeiten &#8211; in Projekten, Stationsleitungen und auch in der Leitung der Einrichtung.<\/p>\n<p>Und auch die Verantwortung der Kommunen muss im Blick sein. Denn wenn wir Kommunen nicht nur als Wirtschaftsstandorte, sondern als Ort des guten Lebens begreifen wollen \u2013 wenn es um soziales Wohnen, Inklusion und Engagementf\u00f6rderung geht \u2013\u00a0dann sind sie auf soziale Investitionen angewiesen. Der Streit um die kommunale Refinanzierung hat \u00fcbrigens auch daf\u00fcr gesorgt, dass der Siebte Altenbericht erst einige Monate sp\u00e4ter ver\u00f6ffentlicht wurde als erwartet.<\/p>\n<p>In der Enzyklika \u201eLaudato si\u201c, die sich mit der Entwurzelung in den St\u00e4dten besch\u00e4ftigt, fordert Franziskus, die urbanen Bezugspunkte und die \u00f6ffentlichen Orte zu pflegen, die Parks, die Pl\u00e4tze und die Flussufer. Und eine \u00f6ffentliche Infrastruktur bereit zu stellen, damit Menschen sich frei in der Stadt bewegen und Anlaufstellen f\u00fcr ihre wichtigsten Bedarfe finden k\u00f6nnen. Mit einem solchen Verst\u00e4ndnis gehen eine ganze Reihe von Herausforderungen einher. Dazu geh\u00f6ren<\/p>\n<ul>\n<li>die \u00dcberwindung einer Logik der \u00d6konomisierung aller Lebensbereiche,<\/li>\n<li>die \u00dcberwindung eines anachronistisch-romantischen Familialismus,<\/li>\n<li>die Praxis einer neuen Gastfreundschaft<\/li>\n<li>die Offenheit f\u00fcr genossenschaftliche Antworten.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Die F\u00f6rderung \u201eSorgender Gemeinschaften\u201c muss also eingebettet sein in ein breit angelegtes Kommunalentwicklungsprogramm in Richtung B\u00fcrgerkommune<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\"><sup><sup>[7]<\/sup><\/sup><\/a>. Auch das Programm soziale Stadt unterst\u00fctzt seit langem Innovationskulturen in vielen Quartieren: \u201edas Ineinandergreifen von bundespolitischen Anreizstrukturen mit \u00f6rtlichen Entwicklungspotenzialen wird zum wesentlichen Erfolgsindikator f\u00fcr eine Politik, die sich dem Leitbild \u201eSorgender Gesellschaft\u201c verschreibt\u201c, schreibt Thomas Klie.<\/p>\n<p>Sorgende Gemeinschaften brauchen Orte. Das gilt auch und erst Recht im Blick auf die, die tats\u00e4chlich an keinem Ort (mehr) zu Hause und oft nicht willkommen sind. Die traditionellen Herbergen zur Heimat, die Bahnhofsmissionen und landwirtschaftlichen Betriebe, aber auch eine station\u00e4re Einrichtung wie der Sch\u00e4ferhof k\u00f6nnen solche Orte sein, an denen Gemeinschaften auf Zeit entstehen k\u00f6nnen, wenn Hauptamtliche, Ehrenamtliche und Betroffene gut zusammenarbeiten.<\/p>\n<p>Dabei denke ich noch einmal an das Refugio in Berlin, in dem eine Sorgende Gemeinschaft entstanden ist. Der Begriff Refugio an den Namen der alten Pilgerherbergen auf dem spanischen Jakobsweg. Diese Pilgerherbergen sind eine christliche Tradition, die weit hinter die Pilgerreise nach Santiago de Compostella zur\u00fcckgeht. Sie stammen aus der gleichen Wurzel wie die Hospize, in denen schon in der fr\u00fchen Kirche Pilger wie Arme und Fremde in gleicher Weise Gastfreundschaft erfahren. Kein Fremder sollte drau\u00dfen zur Nacht bleiben. Das hebr\u00e4ische Wort guer f\u00fcr Fremder bedeutet w\u00f6rtlich: \u201eDer gekommen ist, (mit Euch) zu leben.\u201c<\/p>\n<p>Einmal im Jahr, am Gr\u00fcndonnerstag, macht Papst Franziskus mit einer biblischen Geste deutlich, was sein Motto und Programm ist: Er steht f\u00fcr eine Kirche, die an die R\u00e4nder geht. Eine Kirche, die die Vergessenen wahrnimmt. Er zelebriert die Fu\u00dfwaschung, das zentrale Symbol des Gr\u00fcndonnerstags, nicht mit den Kardin\u00e4len im Vatikan, sondern in Fl\u00fcchtlingsheimen mit Menschen, die sich um Asyl bewerben. Und er geht auch zu Inhaftierten in Gef\u00e4ngnissen \u2013 und schlie\u00dft dabei auch Musliminnen und Muslime ein.<\/p>\n<p>Im Jahr der Barmherzigkeit hat Franziskus eine der \u201eHeiligen Pforten\u201c im Hauptbahnhof von Rom ge\u00f6ffnet; es war die T\u00fcr zu einer Notunterkunft. Am Vatikan lie\u00df er Duschen f\u00fcr Obdachlose aufstellen. Die Gastgeschenke, die er auf seinen Reisen erh\u00e4lt, werden im Internet f\u00fcr die Arbeit mit Wohnungslosen versteigert und seine erste Dienstreise f\u00fchrte gleich zu Beginn der Fl\u00fcchtlingskrise nach Lampedusa. Nur auf diesem Hintergrund kann er es wagen, ohne Zynismus, aber voll Bitterkeit und Klage davon zu sprechen, dass die Globalisierungs- und auch Rationalisierungsverlierer zum \u201eM\u00fcll\u201c unserer Zeit geworden sind. Und man sieht sie vor sich, die Menschen, sich aus den M\u00fclltonnen ern\u00e4hren. Papst Franziskus sorgt mit seiner Gegenwart bewusst daf\u00fcr, dass das Licht der Fernsehteams auf diese Menschen f\u00e4llt. Und er tut es in dieser Woche wieder mit der Pilgerreise f\u00fcr Obdachlose, an denen auch Menschen aus unseren Einrichtungen, Diensten und Kirchengemeinden teilnehmen. Sonst sind es ja immer nur die aktuelle Notlagen, die unseren Blick auf die Stigmatisierten richten. Ein Obdachloser erfriert im Winter, weil die Notunterk\u00fcnfte \u00fcberf\u00fcllt sind. Die Tafeln haben immer mehr \u201eKunden\u201c zu versorgen. Entscheidend ist nat\u00fcrlich, dass diese Orte der Verantwortlichkeit auch sichtbar und damit politisch werden. Denn der gesellschaftliche Druck, der Standortwettbewerb, vor allem der \u00d6konomisierungsdruck l\u00e4uft ganz sicher in gegenl\u00e4ufiger Richtung zu Papst Franziskus &#8211; das Andere und Fremde soll unsichtbar gemacht werden, es sei denn, es w\u00e4re exotisch. Der Kampf um die R\u00e4umung der Domplatte in K\u00f6ln wurde j\u00fcngst zum Symbol daf\u00fcr. Deshalb sollte nicht nur der Papst, auch wir selbst sollten andere Signale setzen: vielleicht mit einem Schal gegen die K\u00e4lte im Winter, ganz \u00e4hnlich wie der Fl\u00fcchtlingsschal. Oder so wie der K\u00f6lner, der k\u00fcrzlich die Wohnbox erfand und verteilte und damit viel mediale Aufmerksamkeit gewann \u2013 allerdings auch Probleme mit der B\u00fcrokratie.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>5. \u201eSeht der Mensch\u201c: Netzwerke der Aufmerksamkeit<\/strong><\/p>\n<p>Die Amerikanerin Veronika Scott hat einen Mantelschlafsack erfunden, der Obdachlosen im Winter W\u00e4rme und auch ein St\u00fcck W\u00fcrde gibt. Der Schlafsack ist wasserdicht und l\u00e4sst sich im Sommer zu einer Umh\u00e4ngetasche zusammenfalten. Die 100 Dollar, die ein Mantel kostet, werden durch Spenden finanziert. 15.000 M\u00e4ntel konnten inzwischen hergestellt werden. Und die Produktion gibt wohnungslosen Frauen Jobs, damit sie sich eine Wohnung mieten und ihre Kinder wieder zur Schule schicken k\u00f6nnen. Veronika Scott wei\u00df, was das bedeutet, sie lebte selbst eine Zeit lang mit ihrer Mutter auf der Stra\u00dfe. Sie kann sich erinnern, wie es sich anf\u00fchlt, kein Zuhause zu haben, und sie wei\u00df auch: das kann schnell gehen, wenn man seinen Job verliert. Zumal in einem Land, in dem das Sozialsystem nicht so ausgebaut ist wie bei uns. Die alte Fabrik, in der die Mantelschlafs\u00e4cke produziert werden, ist inzwischen selbst eine sorgende Gemeinschaft \u2013\u00a0genauso wie die vielen N\u00e4hwerkst\u00e4tten und Second-Handshops. Es sind Orte der Teilhabe.<\/p>\n<p>Dass das auch und gerade das Leben der Sorgenden \u00e4ndert, daf\u00fcr gibt es gute Beispiele im Neuen Testament. Dort sagt Jesus, der Wanderprediger, er habe eigentlich keinen Platz in der Welt: \u201eDie F\u00fcchse haben Gruben und die V\u00f6gel haben Nester, aber der Menschensohn hat nicht, wo er sein Haupt hinlege.\u201c Kein Zimmer f\u00fcr sich allein, nicht mal ein Dach \u00fcber dem Kopf. Wie ein Obdachloser war er auf den \u00f6ffentlichen Raum angewiesen, um zu ruhen, zu essen, zu sich selbst zu finden. Und darauf angewiesen, dass andere ihm Gastfreundschaft anboten und f\u00fcr ihn sorgten. So wie Maria und Martha. Oder wie Zach\u00e4us, der Zolleintreiber. Tats\u00e4chlich gab es eine solche Sorgende Gemeinschaft um Jesus, die f\u00fcr seinen Lebensunterhalt sorgte &#8211; und nat\u00fcrlich waren schon damals viele davon Frauen. Immerhin: die Bibel findet das einer Erw\u00e4hnung wert. Und sie macht deutlich, wie diese Sorgegemeinschaften zu Glaubensgemeinschaften werden. Und umgekehrt: durch die Sorge bezeugen Menschen ihren Glauben. Bis hin zu Josef von Arimathia, der am Ende das Grab f\u00fcr Jesus kauft bzw. ihm sein eigenes Grab \u00fcberl\u00e4sst.<\/p>\n<p>Eine Sorgende Gemeinschaft bis zum Tod ist auch die Bahnhofsmission in Berlin. Dieter Puhl nutzt daf\u00fcr nicht zuletzt das Netz; da fragt er, ob jemand Lust hat f\u00fcr den K\u00e4ltebus etwas zu kochen und zu backen. Und regelm\u00e4\u00dfig postet er, wenn einer, der auf der Stra\u00dfe gelebt hat, gestorben ist. Und erinnert an sein Leben und seine Pers\u00f6nlichkeit. Aber nicht nur im Netz, sondern auch in den Kommunen entstehen auf diese Weise Netzwerke der Sorge entstehen \u2013\u00a0von den Tafeln bis zu den Bistros, vom K\u00e4ltebus \u00fcber die Medizin und den Obdachlosenchor bis zu den station\u00e4ren Einrichtungen und der Sorge um eine w\u00fcrdige Bestattung und Erinnerung. Alles Werke der Barmherzigkeit \u2013\u00a0von Speisen und Getr\u00e4nken bis zu aufsuchender Hilfe und menschenw\u00fcrdiger Bestattung. Wenn sie neu verkn\u00fcpft werden, k\u00f6nnen sie auch politisch erkennbar werden. Denn am Ende geht es nicht nur um die Soziale Stadt, sondern vor allem um das Einstehen f\u00fcr Menschenw\u00fcrde.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.seele-und-sorge.de\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/Power-Point-Appen-2016-11-09.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Informationen zum download<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Kellehear, Allan (2005): Compassionate Cities: Public Health an End of Life Care London: Routledge.<\/p>\n<h5><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Schneyink, Doris (2012): stern-Sorgenbarometer Die R\u00fcckkehr der &#8222;German Angst&#8220;. Online im Internet: URL: http:\/\/www.stern.de\/politik\/deutschland\/stern-sorgenbarometer-die-rueckkehr-der-german-angst-1907249.html [Stand 21.07.2014].<\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Robert D. Putnam (Hrsg.), Gesellschaft und Gemeinsinn. Sozialkapital im internationalen Vergleich, G\u00fctersloh 2001<\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Michael B\u00fcrsch \u201eRecht auf Engagement\u201c<\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> Arendt, Hannah (2013): Vita activa oder Vom t\u00e4tigen Leben. 13. Aufl. M\u00fcnchen, Z\u00fcrich: Piper.<\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> Klie, Thomas (2014): Wen k\u00fcmmern die Alten? Auf dem Weg in eine sorgende Gesellschaft. M\u00fcnchen:<\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> Kommunale Gemeinschaftsstelle f\u00fcr Verwaltungsmanagement (2014): Leitbild B\u00fcrgerkommune. Entwicklungschancen und Umsetzungsstrategie. KGSt-Bericht Nr. 3\/2014. K\u00f6ln.<\/h5>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fachtag der Wohnungslosenhilfe der Diakonie Schleswig-Holstein, Sch\u00e4ferhof, Appen, 09.11.2016 1. 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