{"id":2410,"date":"2016-11-14T11:25:24","date_gmt":"2016-11-14T11:25:24","guid":{"rendered":"http:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=2410"},"modified":"2017-07-12T21:17:03","modified_gmt":"2017-07-12T21:17:03","slug":"zwischen-stress-selbstsorge-und-sinnsuche-wofuer-arbeiten-wir-eigentlich","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=2410","title":{"rendered":"Zwischen Stress, Selbstsorge und Sinnsuche \u2013 Wof\u00fcr arbeiten wir eigentlich?"},"content":{"rendered":"<p><strong><span class=\"s1\">Vortrag am 31.10.2016 beim Mitarbeiter-und Schwesterntag in Speyer<\/span><\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>1. Und was ist Ihre Berufung \u2013\u00a0oder die Suche nach Sinn<\/strong><\/p>\n<p>\u201eWann haben Sie das letzte Mal dieses Funkeln in den Augen eines Kollegen gesehen? Wann haben Sie zuletzt aus tiefster \u00dcberzeugung heraus geliebt, was Sie tun? Kompromisslos, begeistert, enthusiastisch?\u201c Das fragen Anja F\u00f6rster und Peter Kreuz in ihrem Buch \u201e<em>H\u00f6rt auf zu arbeiten! Eine Anstiftung zu tun, was wirklich z\u00e4hlt\u201c<\/em><em>.<\/em> Dabei geht es nicht um den Ruhestand, auch nicht um die vielbeschworene Work-Life-Balance, sondern um eine lohnende Aufgabe, die Freude macht, unsere besten Kr\u00e4fte herausfordert und unserer Berufung entspricht.<\/p>\n<p>In den letzten Jahren ist das Thema Berufung wieder wichtiger geworden. In einer Welt, in der wir Jobs und Positionen, Wohnorte, Familien und Freundeskreise oft mehrfach im Leben wechseln, in der Freiheit und Wahlm\u00f6glichkeiten immer mehr zunehmen, fragen sich offenbar viele, was der Sinn ihres Lebens ist, was sie an Unverwechselbarem einzubringen haben und wof\u00fcr sie gebraucht werden. \u201e<em>Viva\u201c<\/em><em>, eine Zeitschrift f\u00fcr Leute um die F\u00fcnfzig, erz\u00e4hlt am Anfang eines jeden Hefts von Menschen, die ihren Platz gefunden haben<\/em>: Da wird aus dem Banker ein Lehrer, aus dem Anwalt ein Spieleunternehmer, aus der Sekret\u00e4rin die Fotografin. Manche lassen sich auf einer Reise inspirieren und bewegen, andere durchleben eine Krankheit, landen in einer Sackgasse und entdecken dann einen alten Traum, einen neuen Lebenssinn. Die Arbeit, sagen sie, sollte auch die eigene Seele f\u00fcttern. Es geht darum, etwas zu finden, was unseren Einsatz und unsere Hingabe lohnt. Gl\u00fcck erleben wir wie nebenbei, wenn wir tun, was uns begeistert.<\/p>\n<p><em>Arbeit ist nicht nur Broterwerb. Sie ist wesentlich f\u00fcr unsere Selbstverwirklichung, sie kann Anerkennung bringen, sie verbindet uns mit anderen Menschen &#8211; aber sie ist f\u00fcr viele mit steigendem Druck verbunden.<\/em> Das gilt f\u00fcr die Industrie wie f\u00fcr den Dienstleistungsbereich und auch f\u00fcr die Sozialwirtschaft. Wir erleben eine Ausweitung der Betriebs- und Laden\u00f6ffnungszeiten bis hin zum Rund-um-die-Uhr-Betrieb in Fabriken und Callcentern und nat\u00fcrlich auch in Krankenh\u00e4usern und OPs. Der moderne Arbeitnehmer soll flexibel, mobil und jederzeit verf\u00fcgbar sein wie seine Produkte. Das ist in Diakonie und Kirche nicht anders als in Banken und anderen Dienstleistungsunternehmen. Auch wir fragen nach Input und Output, nach Effektivit\u00e4t und Effizienz, machen Gewinn- und Verlustrechnungen auf. In der Diakonie ist das seit den siebziger Jahren selbstverst\u00e4ndlich, in den 80ern wurden die alten Werke zu Unternehmen \u2013 wohl nicht zuf\u00e4llig mit dem Verschwinden der meisten Diakonissen aus dem aktiven Dienst. Professionalit\u00e4t und Qualit\u00e4t der Dienstleistung galten jetzt als h\u00f6chster Wert, professionelle Distanz und Qualit\u00e4tskontrolle dienten als Schutz vor Selbstausbeutung. So haben die allermeisten gelernt, das professionelle Handeln von ihrer Motivation und auch von ihren Gef\u00fchlen abzuspalten.<\/p>\n<p><em>Mein Eindruck ist, dass es inzwischen viele gibt, denen diese Abspaltung zu weit geht. \u201eProfessionalisierung, Effektivit\u00e4t und Effizienz hei\u00dft immer auch Vereisung\u201c, sagt der Ethiker <\/em><em>Andreas Heller<\/em>. Wo dauernd Budgets und Ziele verglichen werden, z\u00e4hlt am Ende Konkurrenz mehr als Kooperation. Und wer nicht mehr mit einem festen Einkommen rechnen kann, weil er von Zeitvertrag zu Zeitvertrag lebt, l\u00e4sst sich m\u00f6glicherweise nicht mehr wirklich ein \u2013 auf einen beruflichen Kontext ebenso wenig wie auf einen Wohnort. Vielleicht stehen Familie und Freundschaft, aber auch freiwilliges Engagement und Gemeinwohl gerade deshalb so hoch im Kurs, weil wir sp\u00fcren, wie viel K\u00e4lte in der Funktionalisierung steckt, wie wenig Nachhaltigkeit in der blo\u00dfen Marktlogik. <em>Kein Wunder also, dass wieder nach Berufung gefragt wird.<\/em> Es geht um die Frage, was wir anderen Menschen bedeuten k\u00f6nnen und welchen unverwechselbaren Beitrag wir f\u00fcr diese Welt leisten k\u00f6nnen \u2013 mit unseren Gaben, mit unserem K\u00f6nnen, aber auch einfach mit dem, was wir sind.<\/p>\n<p>Den Zusammenhang zwischen Beruf und Berufung hat vor allem Martin Luther hervorgehoben. Er sah in den unterschiedlichsten T\u00e4tigkeiten &#8211; vom Bauer bis zum Handwerker, von der Hausfrau bis zum Soldaten &#8211; \u201eBerufe\u201c, weil er Menschen Mut machen wollte , Ihre \u201eBerufung\u201c zu sehen, einen tieferen Sinn in ihrer Arbeit zu finden und so dem Ganzen zu dienen. Vielleicht ist das schwieriger geworden in unserer Welt, in der viele mehrere Berufe und Jobs in ihrem Leben haben. Vielleicht aber auch einfacher. Denn kein Mann muss mehr den Beruf seines Vaters ergreifen und die Firma seiner Eltern fortf\u00fchren. Und Frauen k\u00f6nnen auch ohne Mutterschaft ein erf\u00fclltes Leben f\u00fchren. Wir sind frei, unsere ganz eigene Berufung zu entdecken, einen eigenen Weg zu gehen &#8211; auch Scheitern und Neuanf\u00e4ngen und unterschiedlichen Lebensabschnitten. Es geht nur um eins: dass wir mit unseren Gaben dem Leben dienen. Ganz unabh\u00e4ngig von elterlichen Auftr\u00e4gen, gesellschaftlichen Erwartungen, von Einkommen, Status und Hierarchien. In reformatorischer Perspektive sind alle Formen der Arbeit in gleicher Weise zu w\u00fcrdigen: Haus- und Familienarbeit wie Erwerbsarbeit, ehrenamtliche T\u00e4tigkeit wie politisches Engagement oder Gartenarbeit.<\/p>\n<p>Wer keine Chance mehr sieht, den eigenen Anspruch im Berufsalltag zu verwirklichen, wer sich nicht gew\u00fcrdigt sieht mit seiner Biographie, mit dem, was er einzubringen hat, geht vielleicht in die \u201einnere Emigration\u201c, die innere K\u00fcndigung. Besser: er oder sie macht sich \u00e4u\u00dferlich auf den Weg &#8211; wechselt die Stelle, bildet sich weiter, spezialisiert sich. Das gilt auch und erst Recht in der Sozialen Arbeit und in der Gesundheitsbranche: die verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig geringe Verweildauer in Pflegeberufen, die Zahl der \u00c4rztinnen und \u00c4rzte, die in Forschung oder Versicherungswirtschaft arbeiten, ja &#8211; auch die der Pflegekr\u00e4fte und \u00c4rzte, die nach Skandinavien auswandern, sprechen eine klare Sprache. Andere reduzieren die Erwerbsarbeit, um mehr Zeit f\u00fcr die Familie zu haben, oder machen sich selbst\u00e4ndig &#8211; mit einem Kinderhospiz, einem Jugendhilfeprojekt oder auch in der privaten Krankenpflege. So gr\u00fcndete eine Krankenschwester in M\u00f6ssingen eine Wohngemeinschaft f\u00fcr Wachkomapatienten und eine Berliner Lehrerin gr\u00fcndete ein Theaterprojekt mit Migrantinnen und Migranten. Andere suchen neben dem Beruf ein ehrenamtliches Standbein, einen Ort, an dem sie ihre Berufung leben k\u00f6nnen: eine Imkerei vielleicht, ein Theaterprojekt, eine Yogaschule.<\/p>\n<p>Wenn die Bibel von Berufungen erz\u00e4hlt, berichtet sie von solchen Ver\u00e4nderungsprozessen: Paulus wurde vom Christenverfolger zum Missionar, Martha von der Hausfrau zur Predigerin, Petrus vom Fischer zum Gemeindeleiter, Matth\u00e4us vom Outcast zum Gastgeber. Es ist diese Erfahrung, gebraucht zu werden, nach der sich heute viele Menschen sehnen \u2013 Fr\u00fchrentner wie Hartz-IV-Empf\u00e4ngerinnen, abgeh\u00e4ngte Jugendliche und die vielen, die nicht mehr mithalten k\u00f6nnen in der beschleunigten Arbeitswelt, aber auch die, die ihrem ertr\u00e4umten Beruf nachgehen und sich dabei v\u00f6llig entfremdet und vereist f\u00fchlen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>2. Arbeit und Liebe oder das Puzzle der Moderne?<\/strong><\/p>\n<p><em>Dis-embedding ist eine Schl\u00fcsselkategorie der Moderne.<\/em> Der klar und verl\u00e4sslich gezeichnete Rahmen, in dem Menschen \u00fcber Jahrhunderte gelebt haben, hat sich aufgel\u00f6st \u2013 das gilt f\u00fcr Geschlechterrollen wie f\u00fcr Familienbilder, f\u00fcr Biographien wie f\u00fcr Berufswege. Die Wurzeln dieser Entwicklung liegen \u00fcbrigens schon am Beginn der Neuzeit \u2013 die Reformation antwortet darauf. Und es gilt auch f\u00fcr die Beschreibung gesellschaftlicher Funktionen. Aus der Wohlfahrtspflege ist die Sozialbranche geworden. Aus dem diakonischen Dienst eine Dienstleistung wie andere auch. Und wie andere Dienstleistungsbereiche leidet die Branche in besonderer Weise unter Kosten- und Arbeitsdruck. Hier werden keine \u00dcbersch\u00fcsse erwirtschaftet, die sich an Mitarbeitende verteilen lie\u00dfen. Dass allerdings gerade die Mitarbeitenden in der Pflege so schlecht bezahlt werden &#8211; Heinz Bude spricht inzwischen von dem neuen Dienstleistungsproletariat &#8211; <em>das hat auch mit unserem diakonischen Erbe zu tun. Denn als in der industriellen Revolution Familien wie Arbeitsverh\u00e4ltnisse unter Druck gerieten, da wurden alleinstehende Frauen zu Diakonissen ausgebildet, um sich um die Kinder und die Pflegebed\u00fcrftigen zu k\u00fcmmern. <\/em>Dass sie daf\u00fcr gar nicht oder mit Versorgung und einem Taschengeld entlohnt wurden, entsprach dem Geist der Zeit. Ihre Aufgabe war ja nicht grunds\u00e4tzlich anders als die der b\u00fcrgerlichen Hausfrauen und M\u00fctter; entsprechend lebten sie auch in familien\u00e4hnlichen Gemeinschaften. <em>Und schlie\u00dflich war man \u00fcberzeugt, dass Frauen zur N\u00e4chstenliebe geboren waren.<\/em><\/p>\n<p>Ja, es hat auch mit der damals biblisch begr\u00fcndeten Geschlechterhierarchie zu tun, dass so genannte Frauenberufe bis heute schlechter bezahlt werden als M\u00e4nnerberufe und dass <em>\u201eBeziehungs- und Zuwendungsarbeit\u201c noch immer <\/em><em>grunds\u00e4tzlich niedriger bewertet <\/em>wird als wissenschaftliche und technische Arbeit oder Managementaufgaben &#8211; \u00fcbrigens bis hinein in die verschiedenen Fachrichtungen der Medizin. Dabei wachsen aber auch in der Pflege die Anforderungen an interdisziplin\u00e4res Arbeiten, an Effektivit\u00e4t und Wirtschaftlichkeit, die Ausbildungsanforderungen \u2013 und damit die Einkommenserwartungen. Auf diesem Hintergrund kommt es zu einer zunehmenden Spreizung von Qualifikationen und Einkommen: einfache T\u00e4tigkeiten werden outgesourcet, Fachdienste oft teuer eingekauft und Mitarbeiter ohne weitere Zusatzqualifikationen m\u00f6glichst flexibel eingesetzt. Teams werden immer neu gemischt, Patienten \u201edurchgeschleust\u201c, einzelne Module und Dienstleistungen in einer Kette aneinandergereiht \u2013 <em>l\u00e4ngst wird auch Pflege gemanagt und effektiviert.<\/em><\/p>\n<p><em>Aber soziale Arbeit ist eben nicht nur Handwerk und Management, sondern immer auch Beziehungsarbeit<\/em>. Sie kann nur gelingen, wenn die Mitarbeitenden sich mit ihrer Person einlassen k\u00f6nnen, ihre Sensibilit\u00e4t und Professionalit\u00e4t, ihre Menschlichkeit und Fachlichkeit, die eigenen Grenzen und Widerspr\u00fcche einbringen in ihren Dienst. Dass sie mit allen Sinnen, mit ihrer ganzen Erfahrung aufmerksam im Augenblick sind, ist eine wesentliche die Voraussetzung des Gelingens. In anderen Worten: diakonische Arbeit eben nicht einfach Dienstleistung, sondern immer Koproduktion ist. <em>Gesundheit kann man nicht verordnen und auch nicht kaufen.<\/em><\/p>\n<p><em>Aber Zeit wird gekauft und verkauft; denn Dienstleistung wird nach Zeit berechnet. Deshalb ist Zeit in den sozialen Diensten das teuerste Gut &#8211; und so<\/em><em> wird, wo immer m\u00f6glich, an Zeit gespart. Damit <\/em><em>werden die \u201eResonanzfl\u00e4chen\u201c geringer<\/em> und die M\u00f6glichkeiten, sich einzuf\u00fchlen und Feedback im Alltag aufzunehmen, schwinden.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\"><sup><sup>[1]<\/sup><\/sup><\/a> Vor Jahren hat mich eine Untersuchung \u00fcber den Schritt in der Altenpflege beeindruckt, die deutlich machten, wie schnell die Mitarbeiterinnen \u00fcber die Flure gehen mussten, wie langsam dagegen die Bewohnerinnen vorankamen &#8211; beide konnten einander so wenig auf Augenh\u00f6he begegnen wie die Menschen im durchfahrenden Zug den Wartenden auf dem Bahnsteig. Zielvereinbarungen, Nutzerfrageb\u00f6gen, Regelgespr\u00e4che k\u00f6nnen zwar daf\u00fcr sorgen, dass Feedback organisiert wird, sie bleiben aber letztlich Managementinstrumente. So beschweren sich viele Mitarbeiterinnen wie Nutzerinnen \u00fcber den wachsenden b\u00fcrokratischen Aufwand. Immer h\u00e4ufiger verzichtet man auf Stationsbesprechungen beim Schichtwechsel &#8211; aber \u00dcbergabeb\u00f6gen und Internet k\u00f6nnen das kollegiale Gespr\u00e4ch nicht ersetzen. <em>Wer Hilfebed\u00fcrftige nur noch ein kleines St\u00fcck auf dem Weg begleiten kann und nicht mehr sieht, wie es bei den Kollegen mit ihnen<\/em><em> weiter geht, wer sich immer neu einlassen und schnell wieder abgeben muss, verliert das Kostbarste, was diese Berufe ausmacht &#8211; das Gef\u00fchl von<\/em><em> Resonanz.<\/em><\/p>\n<p>Dass Arbeit mehr ist als nur ein Job, dass sie mit Passion, Begegnung, Kreativit\u00e4t &#8211; eben mit Sinnsuche &#8211; zu tun hat, das wird zurzeit vor allem in der Szene der Gr\u00fcnder, Freiberuflichen und K\u00fcnstler neu entdeckt<em>. \u201eWork is not a job\u201c, hei\u00dft ein k\u00fcrzlich erschienenes Buch von Catharina Bruns. Sie versteht Arbeit als Umwandlung von Energie, als unseren Selbstausdruck in der Welt, ein Gestaltungselement mit pers\u00f6nlicher, aber auch mit gesellschaftlicher Dimension<\/em>. Ihr geht es um neue Formen des selbstbestimmten Arbeitens und der Kooperation, wie sie sich im Zeitalter der Digitalisierung, des Crowdfunding und der Social Entrepreneurs entwickeln. Nicht die Karriere steht hier im Mittelpunkt, sondern die pers\u00f6nliche Entfaltung. \u201eIst es zu viel verlangt, sich in dem, was man den ganzen Tag tut, wiederfinden zu wollen\u201c fragt sie. Wer seine Arbeit nur als Job verstehe, der sortiere am Ende alles nach Arbeitszeiten und Zust\u00e4ndigkeiten. Und suche dann die Work-Life-Balance in dem, was vom Leben \u00fcbrig bleibt. Wer aber seine Arbeit als Berufung verstehe, der engagiere sich f\u00fcr die Rahmenbedingungen und k\u00e4mpfe darum, dass die eigene Arbeit im Einklang mit den pers\u00f6nlichen Begabungen und Interessen bleibe.<\/p>\n<p><em>\u201eArbeit ist sichtbar gemachte Liebe<\/em>\u201c meint Catharina Bruns. <em>Damit sind wir sehr nah an den Motiven, die den Aufbruch der Diakonie im 19. Jahrhundert kennzeichnen. Es ging um N\u00e4chstenliebe \u2013 um die Liebe zu den Schwachen in den Zeiten der ersten Globalisierung und Industrialisierung; es ging darum, den Ausgeschlossenen zu zeigen, dass sie gebraucht wurden<\/em>. All die Kinderg\u00e4rten, Kranken- und Rettungsh\u00e4user entstanden aus den Initiativen ehrenamtlich Engagierter \u2013 von Unternehmern, Kommunalbeamten, gut ausgebildeten Frauen ohne Beruf. Es waren Menschen, die von ihrer Sache begeistert waren: Fromme, erweckte Christen, die sich engagieren wollten, Pfarrerinnen und Pfarrer, die ihre Kirche ver\u00e4ndern wollten. Aus diesen Initiativen entstanden die diakonischen Gemeinschaften, die Kraftorte der Diakonie an den Brennpunkten ihrer Zeit und auch ganz neue Berufe f\u00fcr die, die sich abgeh\u00e4ngt und nutzlos f\u00fchlten. Arbeitslose junge M\u00e4nner wurden Handwerker und Diakone, alleinstehende Frauen, die eine Aufgabe suchten, wurden Diakonissen, Erzieherin oder Krankenschwester.<\/p>\n<p><em>Im Laufe des 19. Jahrhunderts wurden dann aus freiwilligem Engagement bezahlte Berufe. \u201eNicht dienen, um zu verdienen\u201c, wollte man &#8211; wie Friedrich Zimmer gegen Ende des Jahrhunderts sagte, wohl aber \u201everdienen, um dienen zu k\u00f6nnen<\/em>\u201c. Die Gr\u00fcnderinnen und Gr\u00fcnder der neuzeitlichen Diakonie schmiedeten mit ihren Diensten Ketten der Hilfe als Alternative zu den Vertriebsketten auf den neuen globalen M\u00e4rkten der Industrialisierungszeit. In einer Zeit, in der Menschen auf der Suche nach Jobs vom Land in die St\u00e4dte zogen und oft genug ihren Halt verloren, schufen sie Haltepunkte, H\u00e4user und Gemeinschaften, die Menschen stark machten und eine ungeheure Anziehungskraft hatten. Florence Nightingale, die Gr\u00fcnderin der Krankenpflegeschulen in England, kam als junges M\u00e4dchen nach Kaiserswerth, weil sie so begeistert war von den neuen Ideen. Ein ganzes Jahr lang hatte sie mit dem Jahresbericht der Diakonissenanstalt unter dem Kopfkissen geschlafen; \u201eLiebesanstalt\u201c hatten Fliedner sie genannt. Hier sollte Arbeit tats\u00e4chlich sichtbar gemachte Liebe sein &#8211; und Florence erlebte das auch so: in Kaiserswerther Krankenhaus, schrieb sie, w\u00fcrden \u201ePflegende wie Gepflegte Gewinn davon tragen\u201c.<\/p>\n<p><em>Dass die Frage nach der Berufung heute wieder eine zentrale Rolle spielt, hat auch damit zu tun, dass wir erneut in einer globalen Transformation leben<\/em> \u2013 diesmal von der Dienstleistungs- zur Wissensgesellschaft. Mit wachsenden Erwartungen an Mobilit\u00e4t und Verf\u00fcgbarkeit, neuen Abh\u00e4ngigkeiten, Verdichtungen und \u00dcberforderungen. Die Wachstumsgesellschaft scheint an eine Grenze zu sto\u00dfen, die Wohlfahrtindustrie steht unter erheblichem Druck, die versprochene Vereinbarkeit von Beruf und Familie gelingt so nicht. F\u00fcr, die, die darunter leiden, geht es nicht mehr um Karriere &#8211; es geht um ein gutes und stimmiges Leben. <em>Viele wechseln aus ganz anderen Branchen in Kirche oder Diakonie, weil sie nach einer sinnvollen Arbeit suchen \u2013 um dann zu erleben, dass die Sozialbranche heute nach denselben Gesetzen gesteuert wird, wie andere auch<\/em>. Unsere Unternehmen sind nur noch selten die gro\u00dfe Alternative \u2013 eher schon die kleinen ehrenamtlichen Initiativen und Start-Ups.<\/p>\n<p><em>Denn die Ganzheitlichkeit, nach der viele suchen, ist eben auch bei uns zerbrochen<\/em>. Als wir k\u00fcrzlich in einer Steuerungsgruppe der Zehlendorfer Diakonie dar\u00fcber sprachen, wie sich die Schwesternschaft ver\u00e4ndern muss und weiterentwickelt kann, sagte jemand, <em>die Gemeinschaft sei ja eben nur noch ein kleiner Teil des eigenen Lebens. Vielleicht nur ein Achtel oder Sechzehntel der Torte, die ansonsten aus Beziehung, Kindern, Beruf und Haushalt, Pflege der Eltern, Freundeskreis besteht<\/em>. Die Pflegenden von heute sind keine Diakonissen mehr, bei denen vieles in der Gemeinschaft aufging: Beruf und Wohngemeinschaft, Beziehungen und Freundeskreis, Haushalt und Spiritualit\u00e4t. Oder mit den Worten der Tradition: Glaubens- , Lebens-, Dienstgemeinschaft. Wenn wir in Kaiserswerth Einf\u00fchrungstage halten und eine alte Diakonisse erz\u00e4hlte, dass die Mittagstische und Andachten, die Stunden an einem Sterbebett Teil des Dienstes waren &#8211; dann leuchteten die Augen der Jungen. Sie wussten, wir wissen alle \u2013 es gibt keinen Weg zur\u00fcck und niemand m\u00f6chte mehr auf der Station wohnen. Aber zugleich sahen sie vor ihrem inneren Auge die Puzzleteile ihres Lebens, die kaum noch zusammen zu f\u00fchren waren.<\/p>\n<p>Und es ist klar: <em>was wir im Au\u00dfen erleben: das Zerbrechen der alten Ordnung in einzelne Vollz\u00fcge \u2013 das findet eben auch im Leben der Einzelnen statt &#8211; und es spiegelt sich in unserem Inneren wieder<\/em>. Auch unsere pers\u00f6nlichen Werte und unsere eigene Spiritualit\u00e4t sind nicht mehr unbedingt deckungsgleich mit denen am Arbeitsplatz oder mit denen unserer Partner. <em>Wir leben in einer Gesellschaft, in der die Funktionsbereiche strikt getrennt sind<\/em>. Arbeit und Wirtschaft, Familie und Nachbarschaft, Spiritualit\u00e4t und Religion geh\u00f6ren zu unterschiedlichen Lebensbereichen. Aus den Krankenh\u00e4usern und Pflegediensten, die einst von diakonischen Gemeinschaften getragen wurden, wurden diakonische Unternehmen. Und aus der diakonischen Dienstgemeinschaft wurde ein arbeitsrechtlicher Begriff, der inzwischen l\u00e4ngst unter Druck steht, weil viele Mitarbeitende ohnehin keiner Kirche mehr angeh\u00f6ren. Normalerweise empfinden wir Religion als Privatsache &#8211; jedenfalls war es so, bis die neuen muslimischen Kolleginnen und Kollegen kamen. <em>Glaube, Gemeinschaft und Dienst, \u201eBelieving\u201c und \u201eBelonging\u201c, sind in einem diakonischen Unternehmen kaum noch zur Deckung zu bringen<\/em>. Es fehlt der gemeinsame Rahmen \u2013 das meint ja Dis-embedding.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>3. Was uns heilig ist \u2013 Werte teilen<\/strong><\/p>\n<p>\u201eDie Arbeit ist f\u00fcr viele Menschen der Ort, an dem sie sich selbst verwirklichen m\u00f6chten &#8211; und zugleich der Ort, an dem die Auswirkungen von Beschleunigung, Rationalisierung und Globalisierung gro\u00dfen Druck aus\u00fcben. Die Anpassung an diese Bedingungen fordert Reflexion und Verantwortung. <em>(Wir m\u00fcssen) unseren Referenzwert, die Orientierungskoordinaten f\u00fcr unser Leben st\u00e4ndig \u00fcberpr\u00fcfen, (und wir) m\u00fcssen Aufmerksamkeit f\u00fcr die Gefahr der Ersch\u00f6pfung entwickeln\u201c,<\/em> schreiben Unger und Kleinschmidt in ihrem Buch \u201eBevor der Job krank macht\u201c.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\"><sup><sup>[2]<\/sup><\/sup><\/a> <em>Das gilt f\u00fcr Mitarbeitende in der Diakonie in besonderer Weise<\/em>. Denn die Referenzwerte des Unternehmens sind meist auch die, die unsere eigene Motivation beschreiben: es geht um N\u00e4chstenliebe; wir wollen sie leben, wir werden daran gemessen, wir wollen sie aber auch selbst erfahren. Wenn wir nicht mehr im Einklang mit unserer Berufung stehen oder wenn bestimmte Aspekte der Organisation mit diesen Referenzwerten nicht mehr \u00fcbereinstimmen, ist das purer Stress. Und kann zu Ersch\u00f6pfung und Entfremdung f\u00fchren.<\/p>\n<p><em>Ich denke an ein Schaubild, dass Studentinnen der Pflegewissenschaft in einem Ethikseminar entwickelt hatten. Es ging um die Werte der Organisation und die Werte der Personen.<\/em> Auf dem Plakat sah man oben die Leitung mit ihren Erwartungen an die Mitarbeitenden \u2013 Leistung, Einsatz, Qualit\u00e4tsmanagement, Loyalit\u00e4tserwartungen. Unten die Kunden mit ihren Erwartungen an gute Pflege, Akzeptanz ihrer jeweiligen Biografie und ihrer pers\u00f6nlichen Werte. Und dazwischen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter \u2013 zwischen Kassen und Kunden. Eine meiner Studentinnen hatte das Gef\u00fchl auf der Intensivstation Handlangerin ethischer Entscheidungen zu sein, die sie selbst so gar nicht getroffen h\u00e4tte. Eine andere hatte sich komplett ohnm\u00e4chtig gef\u00fchlt, als der zust\u00e4ndige Hausarzt in der ambulanten Pflege den Missbrauch nicht anzeigen wollte, den sie zur Sprache gebracht hatte.<\/p>\n<p><em>Meine Ruhrgebietsstudentinnen kamen vielfach aus Migrantenfamilien, die meisten waren Musliminnen. Ihre Werte waren ihnen wichtig f\u00fcr die eigene Arbeit \u2013 im Blick auf Altern und Sterben, Religion und Geschlechterrollen<\/em>. Aber sie hatten bis dahin wenig Gelegenheit gehabt, aus ihrer eigenen Haltung heraus auf ihre Arbeit zu schauen und das auch zu formulieren. Meist gab es schon fertige Leitbilder und Ziele, an die sie sich anpassen sollten. Aber ohne die eigene Person einzubringen, wird man auf Dauer weder pflegen noch erziehen, weder beraten und leiten k\u00f6nnen. Darum ist es so wichtig, sich mit den eigenen Werten auseinander zu setzen, ins Gespr\u00e4ch zu kommen, notfalls sogar einen Konflikt zu riskieren, damit die Energie wieder flie\u00dft. Und immer wieder zu schauen, ob die Ausrichtung der Organisation mit der eigenen Haltung und den eigenen Werten zusammen passt.<\/p>\n<p>Unger und Kleinschmidt, die sich damit besch\u00e4ftigt haben, was gute Arbeit ausmacht, empfehlen, sich regelm\u00e4\u00dfig Auszeiten zu nehmen, um sich solche Fragen zu stellen. <em>\u201eEntspricht meine Arbeit noch meinen pers\u00f6nlichen Werten und Zielen? Achte ich gerade genug auf mich selbst, meine Rhythmen und K\u00f6rpersignale? Wie verantwortlich und wertsch\u00e4tzend bin ich mir selbst und mir wichtigen anderen Menschen gegen\u00fcber?<\/em>\u201c Es geht um eine furchtlose Inventur; ein Coaching oder eine Supervision k\u00f6nnen dabei hilfreich sein. Vielleicht auch einfach eine Zeit am Tage, in der wir die Stille auf uns wirken lassen. Ohne Selbstsorge jedenfalls kann die Sorge f\u00fcr andere auf Dauer nicht gelingen.<\/p>\n<p><em>Der Philosoph und Politikwissenschaftler Matthew Crawford, der mit den widerspr\u00fcchlichen Anforderungen in dem Thinktank, in dem er arbeitete, nicht mehr zurecht kam<\/em>, k\u00fcndigte und er\u00f6ffnete stattdessen eine Motorradwerkstatt. Er findet den Sinn seines Tuns in seinem Handeln. Aus seiner Sicht ist es entscheidend, <em>dass Arbeit uns in einer Wertegemeinschaft verankert<\/em>. Was ich tue, sagt er, muss Teil eines umfassenderen Bedeutungskreises sein \u2013 es soll dem Leben dienen. Ich arbeite nur mit Menschen, denen es genauso geht. Dieses Bewusstsein, das gar nicht ausgesprochen werden muss, <em>konstituiert unser Team. Wir stehen in einer Art \u201et\u00e4tigem Gespr\u00e4ch\u201c miteinander<\/em> &#8211; und durch dieses Gespr\u00e4ch kann die Arbeit unser Leben zu einem in sich schl\u00fcssigen Ganzen machen. Crawford versucht zu beschreiben, was gute Arbeit ausmacht: Um als Fotograf gute Arbeit zu tun, schreibt er, muss man nicht nur Fotos machen, sondern Fotograf werden &#8211; man stellt sich damit in eine lange Traditionsreihe von Menschen, denen es vor allem um eines ging: Man muss sehen lernen.<\/p>\n<p>Auch wir stehen in einer solchen Traditionskette, die \u00fcber unsere eigene Arbeit, ja, sogar \u00fcber unsere Berufung hinausreicht. <em>Wer P\u00e4dagogik, Soziale Arbeit oder Pflege studiert und gelernt hat, will vor allem eins: f\u00fcr Menschen da sein<\/em>. Dem sollten die diakonischen Einrichtungen mit ihren \u00c4mtern und Diensten, mit den Kirchen und Andachten, den G\u00e4rten und Bildungseinrichtungen dienen. <em>Wenn wir merken, dass die heutigen Rahmenbedingungen unserer Arbeit mit diesem Ziel nicht mehr \u00fcbereinstimmen, gibt es Kl\u00e4rungsbedarf.<\/em><\/p>\n<p><em>Heike Lubatsch vom Sozialwissenschaftlichen Institut der EKD hat eine Studie zu den Arbeitsbedingungen in diakonischen Krankenh\u00e4usern gemacht<\/em>. Knapp 2000 Frageb\u00f6gen wurden in diakonischen Krankenh\u00e4usern in Niedersachsen versandt, etwa ein Drittel kam zur\u00fcck und konnte ausgewertet werden. Hinzu kamen 500 Frageb\u00f6gen in den neuen Bundesl\u00e4ndern sowie als Vergleichsgr\u00f6\u00dfe knapp 300 in st\u00e4dtischen H\u00e4usern. <em>Ziel der Studie war es, mehr \u00fcber Arbeitszufriedenheit und Sinnerleben im Pflegeberuf zu erfahren. Angesichts hoher Burnout Gef\u00e4hrdung in der Pflege ging es dabei wesentlich um die Kraftquelle der Pflegenden<\/em>. Es wird niemanden \u00fcberraschen, dass sich knapp die H\u00e4lfte der Befragten mit Entlohnung und Anerkennung ihrer Leistung unzufrieden zeigten, dass 80 Prozent \u00fcber Zeitdruck klagten \u2013 und dass beim Thema Zufriedenheit die vielf\u00e4ltigen Aufgaben und vor allem die sozialen Beziehungen zu den Kollegen ganz vorn standen. An erster Stelle das Wohl der Patientinnen und Patienten &#8211; mit 80 Prozent vorn-, aber gleich danach ein gutes Team, eine sinnstiftende Tradition und schlie\u00dflich die M\u00f6glichkeit zur Selbstverwirklichung in der Arbeit. Die SI-Untersuchung zeigt: Wenn diakonischer Anspruch und gelebte Wirklichkeit in einem eklatanten Widerspruch stehen, w\u00e4chst die Burnout Gef\u00e4hrdung, steigen die Fehltage.<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\"><sup><sup>[3]<\/sup><\/sup><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>4. Zusammenarbeit : Das Ganze nicht aus dem Blick verlieren<\/strong><\/p>\n<p>In seinem Buch \u00fcber Zusammenarbeit hat der Soziologe Richard Sennett dargestellt, wie sehr dieser Blick aufs Ganze angesichts unserer oft so zerst\u00fcckelter Jobs, Zeitarbeitsverh\u00e4ltnisse und individualisierter Medien bedroht ist &#8211; <em>und wie sehr wir auf Zusammenarbeit angewiesen sind, um wenigstens eine Ahnung von dem gro\u00dfen Zusammenhang zu bekommen, in dem wir arbeiten<\/em>. Wir brauchen das t\u00e4tige Gespr\u00e4ch, das Gef\u00fchl, am guten Leben mitzuarbeiten, von dem eben schon die Rede war. <em>Wo das nicht gelingt, so Sennett, entsteht Destruktion: kleine Gruppen verteidigen das Eigene auf Kosten und in Abgrenzung zu anderen<\/em>. Ich erinnere an Lokf\u00fchrer und Piloten. In der Gewerkschaftsbewegung kann man sehen, wie der Zerfall von Solidarit\u00e4t zum Stillstand des Ganzen f\u00fchrt.<\/p>\n<p><em>Vor kurzem erz\u00e4hlten mir einige Pflegedienstleitungen vom Trend zu selbst\u00e4ndigen Pflegefachkr\u00e4ften.<\/em> Auf dem leer gefegten Markt bestimmen sie die Rahmenbedingungen ihres Einsatzes weitgehend selbst: sie kommen, wenn Personalmangel auf Station ist, aber sie machen keinen Nachtdienst, oder arbeiten nicht am Wochenende oder nur, wenn die Kinder in der Schule sind. Der Rest muss von den fest Angestellten aufgefangen werden. <em>Die selbst\u00e4ndigen Fachkr\u00e4fte sind f\u00fcr mich der konsequente Endpunkt der langen und schwierigen Entwicklung der Pflege: vom Engagement zur Beruf, vom Taschengeld zum Entgelt, von einer ordens\u00e4hnlichen Gemeinschaft zur freien Berufsausbildung, von der Institution zur Einzelnen, die nun ihren Erfolg selbst in die Hand nimmt. Dabei wird zugleich klar, wie fragil die Zusammenarbeit in einer Klinik oder einer Pflegeeinrichtung ist<\/em> \u2013 sie setzt voraus, dass Menschen bereit sind, sich f\u00fcr andere einzusetzen, sich mit anderen abzustimmen, Beruf und Familie irgendwie unter einen Hut zu kriegen. Die Organisationen leben von der Bereitschaft, sich selbst als Teil eines Ganzen zu verstehen &#8211; <em>gerade das war in den Schwesternschaften \u00fcber viele Jahrzehnte Voraussetzung. \u201e<\/em>Eigenbr\u00f6tler und Einsp\u00e4nner\u201c sind nicht gew\u00fcnscht, schreibt Ulrike Gaida in einer Studie zur Ev. Diakonie Zehlendorf.<em> Anpassung war gefordert, oder &#8211; in der Diakonissentradition &#8211; ganz ausdr\u00fccklich Gehorsam. So aber l\u00e4sst sich das Ganze nicht mehr gewinnen.<\/em><\/p>\n<p><em>Schon gar nicht in einer Sozialwirtschaft und in Unternehmen, die wesentlich \u00f6konomisch ausgerichtet sind.<\/em> Bei knappen Kassen setzen sich im Krankenhaus \u00c4rzte auf Kosten der Pflegenden durch, Pflegende auf Kosten der K\u00fcchen \u2013 und Hauswirtschaftskr\u00e4fte. Die Konkurrenz zwischen den Berufsgruppen w\u00e4chst. <em>Mit Rationalisierung, Verk\u00fcrzung der Liegezeiten, Aufl\u00f6sung der starren Fachstrukturen, Verbesserung der Behandlungspfade werden die letzten Effizienzreserven gehoben. Oft gerade dort, wo der diakonische Mehrwert liegt: in der Zeit f\u00fcr Zuwendung und Zusammenarbeit<\/em>. Fusionsprozesse und Neuaufstellungen wirbeln ganze Teams durcheinander, viele verlieren den Halt auf ihrer Station, in ihrem Haus oder Arbeitsbereich. Manche steigen aus, wechseln den Job, andere f\u00fchlen sich \u201eabgeh\u00e4ngt\u201c oder werden krank.<\/p>\n<p><em>Vielleicht liegt es an den flexiblen Arbeitsverh\u00e4ltnissen, dass Freundschaft heute wie die Frage nach der Berufung Konjunktur hat. Und die Kolleginnen und Kollegen spielen dabei eine wichtige Rolle &#8211; manche sprechen schon von Frollegen<\/em>. Es tut gut, zu wissen, wem wir vertrauen k\u00f6nnen, wohin wir geh\u00f6ren, wenn wir an die Arbeit gehen. Wir sind darauf angewiesen, dass Informationen flie\u00dfen, dass wir R\u00fcckmeldungen bekommen und geben k\u00f6nnen, dass wir uns einmischen k\u00f6nnen, wenn unsere Arbeit sich ver\u00e4ndert. Wir brauchen Besprechungen, die mehr sind als das Abhaken von to-do-Listen, Zeiten zum Austausch, Probleme zu kl\u00e4ren, einander Mut zu machen. Und eben auch Zeiten und R\u00e4ume, die aus dem Alltag herausgenommen sind. Ein Raum der Stille, ein Einf\u00fchrungskurs, ein Ethikzirkel, aber auch Feste und Fachtage geben die Chance, uns klar zu machen, wo wir stehen, wohin wir geh\u00f6ren, wohin wir unterwegs sind. In Gruppengespr\u00e4chen, beim gemeinsamen Essen, in einem gemeinsamen Abschluss entsteht ein Resonanzraum, der \u00fcber den Augenblick hinausweist, unsere Rollen \u00fcberschreitet und unsere Gef\u00fchle einbezieht. Das macht Lust, zusammen weiter zu arbeiten. Weil auch die Seele ihren Platz wieder gefunden hat.<\/p>\n<p><em>Aber \u201eentscheidend ist auf Station\u201c, sagte mir einmal eine Pflegekraft im Bewerbungsgespr\u00e4ch, als wir \u00fcber Leitbild und die Kirchenzugeh\u00f6rigkeit sprachen<\/em>. Sie hatte Recht: wenn \u00fcber die Versorgung am Lebensende entschieden wird, wenn die Demenzkranke nachts durchs Haus unterwegs ist, wenn der Jugendliche wieder mal die Ausbildung geschmissen hat, wenn einer unter die R\u00e4uber gefallen ist eben \u2013 dann geht es ums Ganze .Entscheidend ist auf Station. <em>Ob und wie gut es gelingt, gemeinsame Werte zu erarbeiten und dabei auch Ausnahmesituationen gerecht zu werden, das hat auch mit der Arbeitsorganisation zu tun. Dazu muss es R\u00e4ume des Vertrauens geben<\/em>. Dazu geh\u00f6rt die Erfahrung, dass sich die Dinge ordnen, wenn Menschen den Schw\u00e4chsten in den Mittelpunkt stellen. <em>Und wenn alle zugleich das Ganze im Blick haben. Am deutlichsten ist das f\u00fcr mich in der Begleitung Sterbender geworden.<\/em> Hier k\u00f6nnen Professionelle, Angeh\u00f6rige, Freiwillige f\u00fcr eine Weile zu einer verl\u00e4sslichen Gemeinschaft werden, sich offen austauschen, sich unterst\u00fctzen \u2013\u00a0jenseits von Rollen, Funktionen und Hierarchiestufen. Aber wie die Zeit f\u00fcr Zuwendung, steht eben auch das verl\u00e4ssliche Miteinander in der Zerrei\u00dfprobe.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>5. Leib und Seele: uns selbst nicht aus dem Blick verlieren<\/strong><\/p>\n<p>Marco von M\u00fcnchhausen, der ein Buch mit dem Titel \u201eWo die Seele auftankt\u201c<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\"><sup><sup>[4]<\/sup><\/sup><\/a> geschrieben hat, spricht \u00fcber die Momente, in denen wir eine tiefe Leere empfinden. <em>Vor lauter Investition ins Au\u00dfen, vor lauter Anforderungen in Beruf, Familie, Nachbarschaft haben wir das Gef\u00fchl, uns in den t\u00e4glichen Zerrei\u00dfproben selbst zu verlieren \u2013 unsere innere Mitte zu verlieren. Wir funktionieren, aber wir sp\u00fcren uns nicht mehr \u2013 es sei denn mit Kopf- oder R\u00fcckenschmerzen<\/em>. Wer kennt sie nicht, die Sehnsucht nach Entschleunigung, die damit einhergeht. Was dagegen hilft, hat mit unseren leiblichen und sozialen Rhythmen zu tun: mal wieder spazieren gehen statt Auto fahren, selbst kochen statt bei Mc Donalds vorbei hasten, einen langen Abend zusammen sitzen und kl\u00f6nen. Oder auch nur eine Viertelstunde auf die Matte gehen, im Atmen zur Ruhe kommen, die Mitte st\u00e4rken, die alles tragen muss.<\/p>\n<p>\u201eMan soll dem Leib etwas Gutes bieten, damit die Seele Lust hat, darin zu wohnen\u201c, steht an der Wand eines Caf\u00e9s in Erfurt. Darunter: Winston Churchill. Naja \u2013 fast richtig. Denn das Wort ist viel \u00e4lter, es stammt von Teresa von \u00c1vila und hei\u00dft w\u00f6rtlich und sehr pers\u00f6nlich und direkt: \u201eTu Deinem Leib Gutes, damit Deine Seele Lust hat, darin zu wohnen.\u201c <em>Teresa von \u00c1vila, eine spanische Mystikerin aus dem 16. Jahrhundert, verstand den Leib als Tempel der Seele. Gebaut aus dem gleichen Stoff wie die Welt, in der wir leben- und zugleich Teil unserer Person<\/em>. Aus Erde gemacht, wie die Bibel erz\u00e4hlt \u2013 und lebendig, weil der Atem Gottes auch in uns atmet und durch unserer K\u00f6rper hindurchflie\u00dft. Der mittelalterliche Theologe Thomas von Aquin spricht von der verleiblichten Seele. Heute sprechen wir von Embodiment-Erfahrungen verleiblichen sich. <em>Dass kranke und sterbende Menschen nicht nur behandelt, sondern gepflegt werden, dass wir gerade auf die letzte Lebenszeit, auf ihre Tiefe, besonders achten, das hat nat\u00fcrlich auch mit der Vorstellung des beseelten Leibes zu tun<\/em>; wer einen anderen ber\u00fchrt, r\u00fchrt damit an Erfahrungen, die sich tief in den K\u00f6rper eingepr\u00e4gt haben. Und wer die Wunden eines Menschen pflegt, sorgt damit auch f\u00fcr das Heilen der Seele. Auch das geh\u00f6rt zu unserer christlich-j\u00fcdisch-muslimischen Pflegetradition.<\/p>\n<p><em>Franziskus von Assisi spricht vom Leib als dem Bruder Esel. Und erinnert er an die alte Geschichte von Bileam<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\"><sup><strong><sup>[5]<\/sup><\/strong><\/sup><\/a>, dem Propheten, der mit seinem Esel unterwegs ist.<\/em> Pl\u00f6tzlich bleibt der Esel stehen. Bileam gibt ihm einen Klaps, er br\u00fcllt den Esel an, schlie\u00dflich pr\u00fcgelt er ihn, aber der Esel steht &#8211; alle Hufe fest am Boden. Denn im Unterschied zu Bileam sieht er den Engel, der ihnen den Weg versperrt. Ein Warnsignal \u2013 die beiden sind auf Abwegen. Bileams Esel ist nicht einfach nur st\u00f6rrisch, er nimmt mehr wahr als der Prophet selbst. So, sagt Franz von Assisi, sei es mit unserem Leib, dem Bruder Esel. Der sei oft kl\u00fcger als unser Kopf mit all seinen Pl\u00e4nen. Er sieht die Grenzen, die Gefahren auf unserem Weg. Und sendet Warnsignale. Wenn und solange unser K\u00f6rper funktioniert, solange wir uns bei einer sinnvollen Aufgabe selbst vergessen k\u00f6nnen, solange die Energie reicht, um unseren Projekten nachzugehen, denken wir nicht viel dar\u00fcber nach. Der Philosoph Hans Georg Gadamer hat von Gesundheit als dem selbstvergessenen Weggegebensein an das Leben gesprochen. Erst wenn die ersten \u201eWarnsignalen des K\u00f6rpers\u201c<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\"><sup><sup>[6]<\/sup><\/sup><\/a> sich bemerkbar machen, sp\u00fcren wir, dass unser Leib eben mehr ist als ein verf\u00fcgbares Instrument. <em>Pl\u00f6tzlich geht es wieder um uns selbst, um unseren Lebensstil, unsere Motivation und unsere Kraftquellen, um den Sinn unserer Arbeit.<\/em><\/p>\n<p>\u201eIch f\u00fcrchte, dass Du, eingekeilt in Deine zahlreichen Besch\u00e4ftigungen, keinen Ausweg mehr siehst und deshalb Deine Stirn verh\u00e4rtest; dass Du Dich nach und nach des Gesp\u00fcrs f\u00fcr einen durchaus richtigen und heilsamen Schmerz entledigst. Es ist viel kl\u00fcger, Du entziehst Dich von Zeit zu Zeit Deinen Besch\u00e4ftigungen, als dass sie Dich ziehen und Dich nach und nach an einen Punkt f\u00fchren, an dem du nicht landen willst. Du fragst an welchen Punkt? An den Punkt, wo das Herz anf\u00e4ngt, hart zu werden. Frage nicht weiter, was damit gemeint sei: wenn Du jetzt nicht erschrickst, ist Dein Herz schon so weit\u201c, hei\u00dft es in einem Brief von Bernhard von Clairvaux. Nicht an irgendwen, sondern an einen Papst, Papst Eugen III.<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\"><sup><sup>[7]<\/sup><\/sup><\/a><\/p>\n<p><em>Wir m\u00fcssen also nicht erschrecken, wenn es auch uns so geht. Deswegen sind wir ja hier. Um f\u00fcr uns zu sorgen. Auf unser eigenes Leben zu achten. Und das hei\u00dft auch: auf unseren Umgang mit Arbeit. <\/em>Abh\u00e4ngen und sich verw\u00f6hnen lassen gen\u00fcgt n\u00e4mlich auf Dauer nicht, wenn wir uns leer und kraftlos f\u00fchlen. Wenn die Lebensfreude schwindet und selbst Aufgaben, die gestern noch Spa\u00df gemacht haben, zur blo\u00dfen Pflicht werden. Es geht darum, aufzubrechen und uns auf eine innere Reise zu machen, wie es so viele tun, die auf einen Pilgerpfad gehen und mit den F\u00fc\u00dfen beten. Dabei kommt es letztlich darauf an, unseren Tag und dann auch unseren Alltag neu zu gestalten, eine neue Balance zu finden. Zwischen zielgerichtetem Handeln und einem tragf\u00e4higen Miteinander, zwischen F\u00fcrsorge und Selbstsorge. <em>Erinnern Sie sich an die Antworten der Pflegenden zur Frage nach ihren Kraftquellen? Die Resonanz ihrer Patientinnen und Patienten und ein gutes Team, hilfreiche Traditionen und eigenes Wachstum standen ganz oben. <\/em>Immer, wenn wir auf der Beziehungsebene weiter gekommen sind, wenn wir uns von einer Person oder eine Gruppe anerkannt und eingebunden f\u00fchlen, sp\u00fcren wir auch Erfolg. Wenn wir aber alle Energie aufs Funktionieren richten, dann sp\u00fcren wir am Ende m\u00f6glicherweise nicht einmal mehr die eigene Anspannung, selbst Schmerz und Entt\u00e4uschung nicht.<\/p>\n<p>Genau deshalb ist es so wichtig, inne zu halten und eben auch die Warnsignale des K\u00f6rpers ernst zu nehmen. Manchmal gen\u00fcgen viel Schlaf, eine Runde Yoga oder ein warmes Bad, manchmal muss es die Seelenspeise aus unserer Kindheit sein, damit wir rauskommen aus Rechtfertigungsdruck und guten Ratschl\u00e4gen, aus Zeitdruck und Selbst\u00fcberforderung. <em>Und auch Religion ist mit ihren Bildern und Ritualen ein Angebot, unseren Ort im Lebenslauf, \u201ezu verleiblichen und zu vergemeinschaftlichen\u201c.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>6. Rhythmen, R\u00e4ume, Rituale: Kraft tanken im Alltag<\/strong><\/p>\n<p><em>\u201eDer moderne Individualismus steht meines Erachtens nicht nur f\u00fcr einen pers\u00f6nlichen Impuls, sondern auch f\u00fcr einen sozialen Mangel, einen Mangel an Ritualen\u2026 Die moderne Gesellschaft hat die durch Rituale hergestellten Bindungen geschw\u00e4cht\u201c, schreibt Richard Sennett am Schluss seines Buches \u00fcber Zusammenarbeit<\/em>. In der Tat k\u00f6nnen Rituale in Umbr\u00fcchen das Gemeinsame sichtbar machen, eine schwierige Situation in einen neuen Rahmen stellen, die Gemeinschaft wieder an den Koordinaten auszurichten, die sie pr\u00e4gen. Sie k\u00f6nnen Komplexit\u00e4t reduzieren, Abschiedsprozesse und \u00dcberg\u00e4nge gestalten, Dankbarkeit zum Ausdruck bringen. Mit Ritualen lassen sich Erfolge feiern; wir k\u00f6nnen sie nutzen, um Feedback zu geben und ein Team zu bilden, aber auch um die Meilensteine auf einem Ver\u00e4nderungsweg zu markieren.<\/p>\n<p>Diakonie ist reich an Ritualen \u2013 mit Weihnachts- und Sommerfesten, Einf\u00fchrungen und Abschieden, Tagen der Offenen T\u00fcr, Konzerten und Jubil\u00e4en. Was das angeht, hat Diakonie unendlich viel zu bieten. Wir haben Rituale f\u00fcr Abschied und Neubeginn, f\u00fcr Geburtstage und Jubil\u00e4en. Was wir heute brauchen, ist allerdings eine interkulturelle Sensibilit\u00e4t, die auch die Traditionen der muslimischen oder nichtkirchlichen Mitarbeiter achtet. <em>Wenn Menschen das Gef\u00fchl haben, das in solchen Ritualen auch ihre pers\u00f6nlichen Motive und Wege vorkommen, sind wir auf einem guten Weg. In der nachchristlichen Gesellschaft kann ein gemeinsamer Glaube, der zum gemeinsamen Handeln f\u00fchrt, nicht mehr als tragendes Fundament vorausgesetzt werden. Die Richtung f\u00fchrt nicht mehr vom \u201eBelieving\u201c zum \u201eBelonging\u201c, sondern umgekehrt: vom Behaving zum Belonging zum Believing. \u00dcber das gemeinsame Handeln erschlie\u00dft sich die Gemeinschaft.<\/em><\/p>\n<p>Neben den eher ritualisierten Anl\u00e4ssen sind es oft genug neue Projekte, in denen Entwicklungsm\u00f6glichkeiten f\u00fcr das Ganze stecken<em>: Der Palliative-Care-und Ethik-Prozess in der Kaiserswerther Diakonie begann mit den Tr\u00e4nen einer Schwester. \u201eNach vier Jahren in der Lungenklinik kann ich meine Traurigkeit nicht mehr herunterschlucken\u201c, sagte sie<\/em>. Sie hatte zu viel Abschied erlebt \u2013 und zu wenige M\u00f6glichkeiten gehabt, ihre Gef\u00fchle wahrzunehmen und zu gestalten. Mit diesen Tr\u00e4nen begann etwas Neues \u2013\u00a0zun\u00e4chst mit einer ehrenamtlichen Hospizgruppe von Schwestern in der Rente, die sich endlich Zeit nehmen konnten, am Bett zu sitzen und ganz da zu sein. Ich habe die Anfangsschwierigkeiten nicht vergessen &#8211; zun\u00e4chst einmal st\u00f6rte sie den Betrieb. Aber dann kam der Aufbruch. Die Atemtherapeutin, die Stationsschwester, ein junger Arzt arbeiteten mit und aus der kleinen Gruppe wurde eine Bewegung, die mehr als 200 Leute in Krankenhaus und Altenhilfe erfasste. Die Schreinerei entwickelte eine kleine Schub-Lade mit Kerze, Spruchkarte, Kreuz und einem wei\u00dfen Deckchen f\u00fcr den Nachtisch \u2013 f\u00fcr jede Station, f\u00fcr jede Pflegekraft, die einen Abschied gestalten will. Und in das wei\u00dfe Tuch stickten Ehrenamtliche aus der Paramentik einen Schmetterling als Zeichen der Wandlung. Es hat mich begeistert, zu sehen, wie diese Arbeit immer neue Fr\u00fcchte trug \u2013 ganz greifbar und praktisch vom Mosesk\u00f6rbchen in der Geburtsstation bis zur Ethikberatung in der Altenhilfe \u2013 das Sch\u00f6nste war, dass Mitarbeitende sich befl\u00fcgelt f\u00fchlten, weil sie endlich wieder die eigene Berufung sp\u00fcrten. Wer in diesem Sinne bei sich selbst ist, kann auch bei anderen bleiben. Aber zu sich selbst und zu anderen kommen, die eigenen Gef\u00fchle und die der anderen wahrnehmen &#8211; das braucht Gestaltung in Zeit und Raum.<\/p>\n<p><em>Wir sind dazu ausgebildet, auf die Bed\u00fcrfnisse anderer zu achten und f\u00fcr sie zu sorgen. Vielleicht geh\u00f6rt dazu auch die Vorstellung, dass von den Menschen, f\u00fcr die wir arbeiten und mit denen wir arbeiten, etwas zur\u00fcckkommt. Wenn uns die Resonanz fehlt, f\u00fchrt das manchmal dazu, dass wir noch mehr tun und uns selbst dabei vergessen<\/em>. Bis eben nichts mehr geht. Wenn es soweit ist, dann gibt es nur eines: da anfangen, wo der Schmerz sitzt \u2013 bei der Wut, der Entt\u00e4uschung vielleicht. Sich die uneingestanden W\u00fcnsche und Bed\u00fcrfnisse bewusst zu machen. Und wirklich zu begreifen, dass F\u00fcrsorge ohne Selbstsorge nicht funktioniert. Und dann klein beginnen \u2013\u00a0einen Tag f\u00fcr sich selbst nehmen; den Arbeitsplatz neu gestalten, ein paar Blumen kaufen, einen Spaziergang machen. Es gab eine Zeit, da hatte ich 20 Ideen, wie ich mir gut sein konnte, am K\u00fchlschrank h\u00e4ngen.<\/p>\n<p>Meine Erfahrung ist, irgendwas geht immer, um zur\u00fcck in die Spur zu kommen. F\u00fcr mich am besten: Walken und Tagebuch schreiben. Bis ich den Kopf frei kriege und meine Seele auch. Und es ist gut, dabei Begleiter zu haben \u2013 Freunde, Personaltrainer, geistliche Begleiter. <em>Auch eine Erfahrung von Teresa von \u00c1vila hilft mir: die innere Burg, der Schutzraum in mir selbst. Oder \u2013 wie es die Hypnotherapeuten sagen: die innere Kapelle.<\/em> Es tut gut, in Stille und Meditation, den Ort aufzusuchen, an dem meine Seele zur Ruhe kommt. Dieser Raum ist immer da \u2013 wir tragen ihn in uns. Meiner sieht \u00fcbrigens aus wie der Chorraum der Zionskirche in Bethel: ganz ausgeschm\u00fcckt mit Sternen auf blauem Grund. So k\u00f6nnen Bruchst\u00fccke aus der Tradition zum Ganzen zur\u00fcckf\u00fchren. Wenigstens f\u00fcr eine Weile werden sie zum Haltepunkt auf dem Weg, zu einer Gelegenheit, Atem zu sch\u00f6pfen.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.seele-und-sorge.de\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/Power-Point-Speyer-2016-10-31-final.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Zum download: power-point-speyer-2016-10-31-final<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h5><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Vgl. die \u00dcberlegungen von Hartmut Rosa zu \u201eBeschleunigung. Ver\u00e4nderung der Zeitstrukturen in der Moderne, Berlin 2005 \u2013 und seitdem vielf\u00e4ltige Aufs\u00e4tze und Texte zu Resonanz und Beschleunigung vom gleichen Autor<\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Unger, Hans-Peter\/ Kleinschmidt, Carola: Bevor der Job krank macht, M\u00fcnchen 2006, S.<\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> \u201eF\u00fchrung macht den Unterschied\u201c, Heike Lubatsch, Sozialwissenschaftliches Institut der EKD, Hannover 2012<\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Marco von M\u00fcnchhausen, Wo die Seele auftankt, Frankfurt 2004<\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> 4. Mose 22, 21 ff.<\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> Vgl. z.B. Volker Fintelmann, Marcela Ullmann, Warnsignale des K\u00f6rpers, Beschwerden von K\u00f6rper und Seele ganzheitlich verstehen, M\u00fcnchen 2004<\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> Zitiert nach Anselm Gr\u00fcn, Buch der Lebenskunst, Freiburg 2002<\/h5>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vortrag am 31.10.2016 beim Mitarbeiter-und Schwesterntag in Speyer &nbsp; 1. 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