{"id":2407,"date":"2016-11-14T11:19:53","date_gmt":"2016-11-14T11:19:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=2407"},"modified":"2017-07-12T21:11:01","modified_gmt":"2017-07-12T21:11:01","slug":"alternde-gesellschaft","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=2407","title":{"rendered":"Alternde Gesellschaft"},"content":{"rendered":"<p><strong>Pfarrkonvent Moenchengladbach-Neuss im Kloster Langwaden, 07.11.2016<\/strong><\/p>\n<p>Deutschland ist ein Land des langen Lebens. Neugeborene M\u00e4dchen haben zurzeit eine Lebenserwartung von 83 Jahren, Jungen von 78 Jahren. Wer heute um die 40 ist, hat im Schnitt noch vier Jahrzehnte in der zweiten Lebensh\u00e4lfte vor sich.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich sind damit aber auch neue Fragen auf der Tagesordnung. Wie wohnen Menschen im Alter? Wie entwickeln sich die famili\u00e4ren und partnerschaftlichen Beziehungen? Wie entwickelt sich unsere Gesundheit? Wie finden wir im Alter die notwendige Unterst\u00fctzung \u2013 bzw. wie geben wir \u00c4lteren diese Unterst\u00fctzung? Und wie planen wir f\u00fcr die Zukunft Erwerbst\u00e4tigkeit?<\/p>\n<p>Seit 1996 wurden alle sechs Jahre Menschen zwischen 40 und 85 in einem repr\u00e4sentativen Querschnitt zu diesen Themen befragt \u2013 Menschen also in der sogenannten zweiten Lebensh\u00e4lfte \u2013 im Deutschen Alterssurvey der Bundesregierung. Einige dieser Daten werde ich im Vortrag referieren. Zugleich hat die Bundesregierung in diesem Jahr wiederum einen Altenbericht herausgegeben. Es ist der Versuch, politische Konsequenzen aus unserem Wissen zu ziehen. Der Siebte Altenbericht konzentriert sich auf die Situation der Kommunen und Wohnquartiere und enth\u00e4lt damit auch ganz direkte Hinweise auch f\u00fcr Kirche und Gemeinden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>1. Alter und Erwerbst\u00e4tigkeit \u2013 Arbeit anders denken<\/strong><\/p>\n<p>\u201eWie lange arbeitest du noch?\u201c Als ich zum ersten Mal mit diesem Satz konfrontiert war, wurde mir bewusst, dass ich \u00fcber meinen Ruhestand noch gar nicht nachgedacht hatte. Arbeit geh\u00f6rt f\u00fcr mich einfach dazu \u2013 sie hat f\u00fcr mich mit Energie und Lebenslust, mit interessanten Begegnungen und neuen Entdeckungen zu tun. Immerhin: Bei der Planung meines 60. Geburtstags war mir klar geworden, dass in dem neuen Jahrzehnt das Ende der Erwerbsarbeit anstand. Mehr als ein Berufswechsel, jedenfalls kein \u201eweiter so\u201c. Aber nach amtlicher Rechnung lagen ja noch f\u00fcnfeinhalb Jahre vor mir. Kurz darauf wurde ich krank \u2013 zu lange hatte ich \u00fcbersehen, dass der Wunsch nach Entschleunigung, den ich schon l\u00e4nger sp\u00fcrte, vielleicht auch mit meinem Alter zu tun hatte \u2013 mit diesen 60 plus.<\/p>\n<p>Als ich dann fr\u00fcher als geplant aus dem Amt ausschied und in die Freiberuflichkeit wechselte, holte sie mich wieder ein, die Frage, ob ich \u201enoch arbeite\u201c. \u201eOder sind Sie schon im Ruhestand\u201c? Die Briefe, Anrufe, Mails, die ich rund um diesen Wechsel bekam, haben mich bei aller Freude nachdenklich gemacht. Freunde und Bekannte schrieben von ihren Erfahrungen: Vom \u201eUnruhestand\u201c habe ich gelesen, aber auch von ganz au\u00dfergew\u00f6hnlichen Projekten und alten Tr\u00e4umen \u2013 und auch davon, dass Zeit sei, endlich die Freiheit zu genie\u00dfen. Ohne Stechuhr, Mails und Gremiensitzungen. Aber anscheinend m\u00fcsse man heute ja noch im Alter aktiv bleiben, schrieben andere \u2013 warum aber nicht einfach alt sein, lesen und Orgel spielen und das Leben feiern? Der Schritt aus dem Dienst, der Eintritt in die Rente ruft ganz offenbar die unterschiedlichsten Bilder in uns wach, von der Erwerbsarbeit, aber auch vom Alter.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst zum Wandel des Alters: Statistisch gesehen haben wir in den letzten hundert Jahren zehn gesunde Jahre dazu gewonnen. Gesunde 70-j\u00e4hrige sind heute kaum weniger leistungsf\u00e4hig als gesunde 55-j\u00e4hrige. Bei einer Tagung zum Deutschen Alterssurvey wurde k\u00fcrzlich gefragt, ob 60 die neue 40 ist. Jedenfalls 73 Prozent der Befragten ab 60 Jahren f\u00fchlen sich j\u00fcnger, als sie es vom kalendarischen Alter her sind, und zwar im Durchschnitt 5,5 Jahre. Mehr als ein Drittel der 55- bis 69-j\u00e4hrigen hat keine oder h\u00f6chstens eine Erkrankung und noch die H\u00e4lfte der 70- bis 85-j\u00e4hrigen f\u00fchlen sich trotz der einen oder anderen Krankheit funktional gesund. Das hat nicht zuletzt mit einem ver\u00e4nderten Lebensstil zu tun: mit h\u00f6herer Bildung, mehr sportlicher Bet\u00e4tigung, mit k\u00f6rperlich weniger strapazierender Arbeit. Umgekehrt hat es Konsequenzen f\u00fcr die Gestaltung unseres pers\u00f6nlichen Lebens, aber auch f\u00fcr die Sicherungssysteme und unsere Vorstellung vom Arbeiten. Schon ist mit Blick auf die 68er-Generation, die jetzt in Rente geht, von Power-Agern die Rede. Und die Vorstellung, die n\u00e4chsten 20 Jahre mit Freizeitgestaltung zu verbringen, finde ich nicht nur pers\u00f6nlich schwierig \u2013 sie ist auch gesellschaftspolitisch fragw\u00fcrdig. Das l\u00e4sst sich nicht allein mit der Rentenmathematik fassen. Aber die spielt nat\u00fcrlich auch eine Rolle.<\/p>\n<p>Regelm\u00e4\u00dfig wird uns vorgerechnet, dass immer weniger aktive Arbeitnehmer immer mehr Rentner \u201efinanzieren\u201c m\u00fcssen. Deswegen gibt es nicht nur in Deutschland heftige Debatten \u00fcber das Renteneintrittsalter. Insbesondere von Seiten der Gewerkschaften wird immer wieder Protest gegen die Rente mit 67 eingelegt mit dem Argument, dass kaum jemand diese Altersgrenze faktisch erreicht, so dass es sich im Ergebnis um eine Rentenk\u00fcrzung handele. Das stimmt. Aber vielleicht stimmt etwas nicht mit den Arbeitspl\u00e4tzen, auf denen Menschen so fr\u00fch aussortiert werden? Wer wahrnimmt, wie viele \u00c4ltere es genie\u00dfen, weiterhin in Aufgaben eingebunden zu sein, muss sich fragen, wie unsere Arbeitswelt besser auf die unterschiedlichen Lebensabschnitte reagieren kann, statt Menschen weiterhin in starre Konzepte von Zeitstrukturen und Lebensaltern zu zwingen. Noch nie in der Geschichte sind Menschen so gesund alt geworden, noch nie war die Breite der Bev\u00f6lkerung so gut ausgebildet, so kompetent und selbst\u00e4ndig wie heute, noch nie gab es auch so viele M\u00f6glichkeiten, sich zu vernetzen und gut zu organisieren. Ich hoffe auf eine Arbeitsgesellschaft, die diese Ver\u00e4nderungen ernst nimmt.<\/p>\n<p>Denn Arbeit tut dem Selbstbewusstsein gut, sie schenkt Kontakte und Verantwortung und l\u00e4sst uns an unseren Aufgaben wachsen. In einer Studie des Wiesbadener Bundesinstituts f\u00fcr Bev\u00f6lkerungsforschung haben immerhin 47 Prozent der Befragten angegeben, sie w\u00fcrden nach Erreichen des Rentenalters gern weiterarbeiten \u2013 nat\u00fcrlich bei deutlich reduzierter Arbeitszeit. Und der Alterssurvey zeigt f\u00fcr 2014 bereits 11 Prozent Rentner, die weiter erwerbst\u00e4tig sind \u2013 und zwar \u00fcber alle Schichten und keinesfalls nur aus finanziellen Gr\u00fcnden. Die Zahl derer, die mit 60 aufh\u00f6ren wollen, zu arbeiten, geht seit 1996 kontinuierlich zur\u00fcck. Wie gut es Menschen tut, im Arbeitsprozess zu bleiben, zeigt Caitrin Lynchs Buch \u00fcber die Nadelfabrik \u201eVita Needle\u201c, das im Mai 2016 unter dem Titel <em>Geht\u2019s noch? \u2013 Die Rentner-GmbH<\/em> erschien. Vita Needle stellt seit einigen Jahren gezielt \u00e4ltere Arbeitnehmer ein. Das Gesch\u00e4ftsmodell basiert darauf, dass der Staat die Anteile der Renten- und Krankenversicherung f\u00fcr die \u00e4lteren Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer \u00fcbernimmt, w\u00e4hrend das Unternehmen lediglich die anteiligen Lohnkosten nach dem Mindestlohn zahlt. Zum allgemeinen Erstaunen stellte sich heraus, dass die Produktivit\u00e4t des Unternehmens mit dem Alter seiner Mitarbeitenden nicht fiel, sondern stieg. Die \u00c4lteren liefern hochwertige Arbeit, haben Spa\u00df am Job und sind motiviert \u2013 und zudem besonders loyal ihrem Arbeitgeber gegen\u00fcber. Arbeit ist f\u00fcr sie ganz offenbar keine Last, sondern verbunden mit dem guten Gef\u00fchl, gebraucht zu werden. Das Unternehmen achtet darauf, dass die jeweiligen Arbeitspl\u00e4tze den gesundheitlichen und zeitlichen M\u00f6glichkeiten der Mitarbeitenden flexibel angepasst werden. In diesem Buch findet sich ein Interview mit Alen Lewis, einem 84-j\u00e4hrigen Amerikaner, der bei Vita Needle arbeitet und sich weigert, in ein Altenzentrum zu gehen. Er k\u00f6nnte sich anstecken, meint er. Und auf die Frage, womit denn, ist die Antwort: \u201eMit dem Alter.\u201c Denn Alter, sagt er, werde einem beigebracht. Ganz so, wie einem M\u00e4dchen das Puppenspielen beigebracht werde. \u201eMan ist umgeben von alten Leuten und so lernt man, dass man so werden wird. Das muss man aber gar nicht.\u201c Auf den Hinweis, dass er doch auch bei Vita Needle mit alten Leuten zusammenarbeitet, sagt er: \u201eDie sind nicht alt, die sind anders.\u201c<\/p>\n<p>Alen Lewis hat Recht: Alter ist auch eine soziale Konstruktion, ganz \u00e4hnlich wie das Geschlecht. Konsequenterweise reden Soziologen von \u201eDoing Aging\u201c \u2013 so wie von \u201eDoing Gender\u201c oder \u201eFamily\u201c. Nicht nur das Alter hat sich in den letzten Jahrzehnten rasant ver\u00e4ndert; auch die Alternsbilder m\u00fcssen sich \u00e4ndern. Man k\u00f6nnte sagen: Das Alter veraltet! Bis in die 60er Jahre hat man den Ruhestand ja tats\u00e4chlich als Feierabend begriffen, er war Erholung von einem aktiven Arbeitsleben. In den 70ern dann, der gro\u00dfen Zeit des Wohlfahrtsstaats, wurde die Rente zur Belohnung f\u00fcr ein aktives Leben \u2013 mit Freizeit und Reisen. Heute aber ist die nachberufliche Phase l\u00e4nger geworden und bietet damit viel mehr Chancen, den eigenen Interessen und Motiven nachzugehen, eigene Aufgaben souver\u00e4n zu gestalten. W\u00e4hrend \u00fcbrigens der Alterssurvey ganz bewusst von der ersten und zweiten Lebensphase spricht \u2013 also von den unter und den \u00fcber 40-j\u00e4hrigen \u2013, wird sonst oft von nachberuflichen Zeit als einer neuen, dritten Lebensphase gesprochen. Mir gef\u00e4llt besonders der paradoxe Ausdruck \u201edritte Lebensh\u00e4lfte\u201c. Er macht deutlich, dass es um eine historisch ganz neue Zeit geht \u2013 eine geschenkte Zeit.<\/p>\n<p>Den Umgang mit dem eigenen Alter zu gestalten, ist eine gro\u00dfe Aufgabe f\u00fcr den Einzelnen, aber Age-Management ist auch eine zentrale Herausforderung f\u00fcr Arbeitgeber wie f\u00fcr die Politik. Denn tats\u00e4chlich ist zwar das Renteneintrittsalter gestiegen, aber immer weniger Erwerbst\u00e4tigen gelingt ein nahtloser \u00dcbergang in die Rente: Seit 1996 ist ihr Anteil von 62 auf 46 Prozent zur\u00fcckgegangen. Viel h\u00e4ufiger sind \u00dcberg\u00e4nge aus der Arbeitslosigkeit oder aus der Altersteilzeit. Und das hat nicht zuletzt damit zu tun, dass die beruflichen Belastungen \u2013 die zeitlichen wie die gesundheitlichen \u2013 in den letzten Jahren wieder zugenommen haben. Es ist deshalb zu wenig, \u00fcber das Renteneintrittsalter zu diskutieren. Es geht um eine neue Flexibilit\u00e4t in den Erwerbsbiografien, um Raum f\u00fcr Bildung, f\u00fcr Familien- und Sabbatzeiten und auch um allm\u00e4hliche \u00dcberg\u00e4nge.<\/p>\n<p>Einige Unternehmen bieten inzwischen CSR-Programme und Corporate Volunteering oder Senior-Expert-Service-Programme an, die den \u00dcbergang von der Erwerbst\u00e4tigkeit in das b\u00fcrgerschaftliche Engagement gestalten helfen. Es geht eben nicht mehr um eine Schwelle, sondern um einen Prozess, um einen Br\u00fcckenschlag in die T\u00e4tigkeitsgesellschaft. Auch <em>Psychologie heute<\/em> hat im August 2016 eine Untersuchung zu diesem Thema vorgelegt. Im Ergebnis zeigen sich drei Wege f\u00fcr den \u00dcbergang in die sogenannte dritte Lebensphase. Es gibt die \u201eWeitermacher\u201c, die als Seniorberater, Freiberufliche oder Honorarkr\u00e4fte oder auch ehrenamtlich weiter in ihrem Arbeitsfeld unterwegs sind. Mit ihrer Erfahrung sind sie gefragt, solange sie nah genug dran bleiben an den innovativen Entwicklungen im Feld. Daneben gibt es die \u201eAnkn\u00fcpfer\u201c, die aus ihren bisherigen Kompetenzen etwas Neues entwickeln. Wir kennen das von Sportlerkarrieren: vom Spieler zum Manager oder zum Sportartikelhersteller. Und schlie\u00dflich die \u201eBefreiten\u201c, die froh sind, endlich raus zu kommen aus einem Job, den sie als entfremdet erlebt haben. Sie finden ihr Gl\u00fcck vielleicht auf einer Reise, beim Lesen oder bei der Gartenarbeit oder auch in einem Ehrenamt, im Sportverein oder in der Hospizarbeit.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>2. Ein neuer Aufbruch: Die dritte Lebensphase <\/strong><\/p>\n<p>Die dritte von <em>Psychologie heute <\/em>identifizierte Form des \u00dcbergangs, das Sich-befreit-F\u00fchlen, kann auch dazu f\u00fchren, dass man sich ganz neue R\u00e4ume erschlie\u00dft. Ich kenne eine \u00c4rztin, die mit Mitte 50 nach Afrika ging. Sie wollte dort ausbauen, was sie fr\u00fcher in Ferieneins\u00e4tzen bei \u00c4rzte ohne Grenzen erlebt hatte. In Ostafrika half sie, ein Krankenhaus nach westlichen Standards aufzubauen, was Labor und Operationstechnik angeht. Zugleich arbeitete sie viel mit den Frauen der Basisgesundheitsdienste zusammen. Und sie blieb verschont von diagnosebezogenen Berechnungsmodulen und Rationalisierung im Gesundheitswesen. Sie lernte ein ganz anderes Verst\u00e4ndnis von Krankheit und Heilung kennen. In charismatischen Gemeinden erlebte sie die Kraft der Gebete. Sie schrieb mir einen ermutigenden Satz: \u201eAlter ist eine einmalige und neue Form der Freiheit, die verstanden und gelebt werden will.\u201c Ein Kollege wurde im Ruhestand zusammen mit seiner Frau Pflegevater eines syrischen Fl\u00fcchtlingsjungen und erlebte Familie noch einmal ganz neu.<\/p>\n<p>\u201eViel, allzu viel Leben, das auch h\u00e4tte gelebt werden k\u00f6nnen, bleibt vielleicht in den Rumpelkammern verstaubter Erinnerungen liegen, manchmal sind es gl\u00fchende Kohlen unter der Asche\u201c, hat der Psychoanalytiker Carl Gustav Jung geschrieben. Denn das Erreichen eines Ziels, des beruflichen Aufstiegs zum Beispiel, erfolgt eben immer auch auf Kosten der Totalit\u00e4t der Pers\u00f6nlichkeit: Wir funktionieren, passen uns an, \u00fcbernehmen eine Rolle. Wenn die Kinder erwachsen sind, ein weiterer Aufstieg nicht m\u00f6glich ist, wenn wir gesundheitlich in einer Sackgasse gelandet sind, k\u00f6nnen wir endlich den sozialen Panzer ablegen und andere Aspekte der eigenen Person zum Zuge kommen lassen. \u00c4lterwerden h\u00e4lt noch einmal neue Entwicklungs- und Ver\u00e4nderungschancen bereit. Jetzt kommt es nicht mehr darauf an, sich mit den Rollen zu identifizieren, die uns andere aufdr\u00fccken, jetzt k\u00f6nnen wir wirklich Person werden, wir selbst werden.<\/p>\n<p>Noch einmal ist alles offen. Was will ich fortf\u00fchren, was noch einmal anders machen? Gibt es vielleicht noch unerledigte Gesch\u00e4fte? Oder habe ich den Mut, noch einmal in unbekanntes Gel\u00e4nde aufzubrechen, wie damals, als ich erwachsen wurde? Ein zweites \u201eComing of Age\u201c sei das \u00c4lterwerden, habe ich neulich gelesen. Wie die Forschung zeigt, die meisten Menschen assoziieren mit der dritten Lebensphase weniger ein Ende als einen Neubeginn. Was man fr\u00fcher mit dem Alter verband, Gebrechlichkeit und Pflegebed\u00fcrftigkeit, das verschieben wir gedanklich in die letzte, die vierte Lebensphase, die statistisch gesehen erst um die 80 beginnt. Auch eine Untersuchung des Sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD zeigt: Nicht Sterblichkeit, sondern \u201eGeb\u00fcrtlichkeit\u201c, wie die Philosophin Hannah Arendt es nennt, ist das vorherrschende Gef\u00fchl der dritten Lebensphase \u2013 , auch wenn das der Thema Endlichkeit wie eine gegenl\u00e4ufige Unterstr\u00f6mung sp\u00fcrbar ist. Dies hat h\u00e4ufig jedoch eine sehr konkrete und auch produktive Dimension, denn \u00c4ltere wissen: Wenn ich wirklich etwas Neues beginnen will, dann muss ich mein Leben so einrichten, dass ich den Traum auch verwirklichen kann. Der franz\u00f6sische Soziologe Roland Barthes hat sich entschieden, einen Roman zu schreiben, als seine Mutter gestorben war. Ihm wurde klar: Wenn das gelingen soll, dann muss er wirklich ein neues Leben beginnen, seine Zeit neu einteilen. Daf\u00fcr gibt es seiner Auffassung nach ein paar grundlegende Voraussetzungen: Es braucht einen bewussten Entschluss. Man muss den Alltagstrott verlassen, die eigenen Routinen und Priorit\u00e4ten \u00fcberpr\u00fcfen, \u00dcberfl\u00fcssiges sein lassen. \u201eWesentlich werden\u201c, nennt eine Freundin das. Und \u201eDurchziehen, was mir wirklich wichtig ist\u201c.<\/p>\n<p>Der Philosoph Thomas Rentsch spricht vom Altern als einem \u201eWerden zu sich selbst\u201c. \u201eIch kann als Philosoph nicht unmittelbar an positive theologische Redeweisen ankn\u00fcpfen\u201c, schreibt er, \u201eich sage jedoch: Viel w\u00e4re vom Sinn dieser Reden schon bewahrt, wenn wir das Alter als eine Lebenszeit verstehen, in der die innige Verschr\u00e4nktheit von Endlichkeit und Sinn, Begrenztheit und Erf\u00fcllung erkennbar und einsichtig werden kann.\u201c<\/p>\n<p>Es ist kein Zufall, dass viele beim \u00dcbergang in diesen neuen Lebensabschnitt eine Reise unternehmen. Das ist eine M\u00f6glichkeit, die innere Bewegung im Au\u00dfen sichtbar und greifbar zu machen. In der ersten Lebensh\u00e4lfte, sagt Carl Gustav Jung, geht es noch darum, ein Heim und eine Familie aufzubauen, ein sicheres Fundament f\u00fcr das Leben. Dann aber besteht die Herausforderung darin, das alles loszulassen und noch einmal frei zu werden. Wer jetzt noch einmal neu startet, will eine andere Produktivit\u00e4t entdecken. Ein neues Lebenstempo, eine andere Kultur, eine Kunst vielleicht, die er bisher nicht beherrscht hat. Margarete von Trottas Film \u00fcber Hildegard von Bingen erz\u00e4hlt, dass die bekannte Klostergr\u00fcnderin gegen Ende ihres Lebens eine ungew\u00f6hnliche Entscheidung trifft. Sie verl\u00e4sst das Kloster, in dessen Aufbau sie ihr ganzes Leben investiert hat, verl\u00e4sst den Konvent und ihre Rolle als \u00c4btissin und bricht zu Pferd auf eine Predigt- und Seelsorgereise auf. Allein, nur von wenigen Freunden begleitet. \u201eWir sind hier, um das, was uns gegeben wurde, vollst\u00e4ndig und freiwillig zur\u00fcck zu geben\u201c, sagt der Franziskanerpater Richard Rohr, der ein Buch \u00fcber die spirituelle Reise der zweiten Lebensh\u00e4lfte geschrieben hat.<\/p>\n<p>Dabei geht es auch um Spiritualit\u00e4t. Lars Tornstam, der in Schweden Untersuchungen zur Spiritualit\u00e4t \u00e4lterer Menschen durchgef\u00fchrt hat, spricht von Ego-Transzendenz oder auch von Gero-, also Alters-Transzendenz. Er meint: Das Alter bietet die Chance, sich selbst zu \u00fcberschreiten. Transzendenz hat es nicht nur mit dem Jenseits zu tun; vielmehr geht es darum, mich grunds\u00e4tzlich offen zu halten f\u00fcr ganz neue M\u00f6glichkeiten. Wesentlich werden \u2013 aber nicht einfach auf den bekannten Kern schrumpfen, sondern einem neuen Samen Raum zum Leben geben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>3. Familie, Freundschaft, Nachbarschaft \u2013 Beziehungsnetze<\/strong><\/p>\n<p>Die meisten von uns bleiben, was ihr biologisches Alter angeht, lange j\u00fcnger, k\u00f6rperlich leistungsf\u00e4higer und sozial aktiv. Wir d\u00fcrfen aber nicht \u00fcbersehen, dass es auch eine gro\u00dfe Gruppe gibt, die auf die Sorge anderer angewiesen ist. Denn nat\u00fcrlich w\u00e4chst mit der Zahl der Hochaltrigen auch die der pflegebed\u00fcrftigen Menschen in Deutschland weiter. Und wer in der nachfolgenden Generation keine Angeh\u00f6rigen oder Freunde hat, wird m\u00f6glicherweise einsam alt. Schon heute leben mehr als 40 Prozent der 70- bis 85-j\u00e4hrigen allein und nicht alle k\u00f6nnen auf tragf\u00e4hige Freundschaften und Nachbarschaftsnetze zur\u00fcckgreifen. Und schon jetzt wird die h\u00e4usliche Pflege in hohem Ma\u00dfe von privaten Haushaltshilfen und Pflegekr\u00e4ften aus Osteuropa gest\u00fctzt. Wir m\u00fcssen darauf achten, dass angesichts eines neuen, aktivit\u00e4ts- und entwicklungsorientierten Bildes vom Alter die \u00c4rmeren, Kranken und Gebrechlichen nicht diskriminiert werden.<\/p>\n<p>Die Zahl der Leistungsempf\u00e4nger in der Sozialen Pflegeversicherung wird bis 2040 auf mindestens 2,98 Mio. steigen \u2013 gegen\u00fcber dem Jahr 2000, als es 1,86 Mio. waren, um 61 Prozent. Das f\u00fchrt zu praktischen Herausforderungen. Meinhard Miegel hat vor einigen Jahren vorgerechnet, dass sich der Anteil der Pflegekr\u00e4fte in den kommenden 30 Jahren verdoppeln m\u00fcsste. Zurzeit sieht es nicht so aus, als sei das leicht zu stemmen \u2013 angesichts von Schichtarbeit, Zeitdruck und schlechter Bezahlung. Das Pflegesetting der Zukunft muss also aus einer guten Kooperation zwischen Pflegefachkr\u00e4ften, Angeh\u00f6rigen und Freiwilligen bestehen; die notwendigen haushaltsnahen Dienstleistungen und Pflegedienste m\u00fcssen quartiernah vorgehalten und professionelle und lebensweltliche Hilfen verschr\u00e4nkt werden. Genauso wichtig ist aber die Entwicklung von Wohnungen und Infrastruktur, von Quartieren und Stadtteilen, von Verkehr und L\u00e4den am Ort. Wo nicht mehr regelm\u00e4\u00dfig Busse fahren, wo man sich ohne Auto nicht mehr selbst versorgen kann, entscheiden sich auch Menschen, die ansonsten gut zu Hause bleiben k\u00f6nnten, f\u00fcr das Pflegeheim. Ich komme gleich noch einmal darauf zur\u00fcck. Doch es geht um weit mehr als diese praktischen Fragen.<\/p>\n<p>In ihrem Buch <em>Vita activa <\/em>betont Hannah Arendt, wie wichtig es f\u00fcr jeden Menschen ist, sich mit anderen auszutauschen und am Leben teilzuhaben. Das gilt nat\u00fcrlich auch f\u00fcr pflegebed\u00fcrftige Menschen. Das wichtigste ist der Zugang zum \u00f6ffentlichen Raum. In Kaiserswerth leben viele der \u00e4lteren Diakonissen in sogenannten Feierabendh\u00e4usern. Das Konzept gleicht dem der heutigen Mehrgenerationenh\u00e4user: offene Wohngemeinschaften mit der M\u00f6glichkeit, sich selbst zu versorgen und ambulante Pflege zu bekommen. Sch\u00f6n zu sehen, wie viele J\u00fcngere aus der Gemeinschaft, aber auch aus der Mitarbeiterschaft, dorthin zu Besuch kamen und sich Rat und Unterst\u00fctzung holten. \u201eWenn ich selbst nicht zum Einkaufen komme\u201c, sagte gestern eine j\u00fcngere, berufst\u00e4tige Schwester \u201ekaufen meine Feierabendschwestern f\u00fcr mich ein. Denn gerade am Leben der J\u00fcngeren Anteil zu nehmen, ist f\u00fcr die allermeisten alten und auch sehr alten Menschen ein zentraler Lebensinhalt. Die Hochaltrigenstudie der Universit\u00e4t Heidelberg von 2013 zeigt: 76 Prozent der befragten 80- bis 99-j\u00e4hrigen empfinden Freude und Erf\u00fcllung in emotional tieferen Begegnungen mit anderen Menschen, 61 Prozent im Engagement f\u00fcr andere Menschen und 60 Prozent haben das Bed\u00fcrfnis, \u2013 vor allem von den j\u00fcngeren Generationen \u2013 auch weiterhin gebraucht und geachtet zu werden. Diese Ergebnisse sprechen eine ganz andere Sprache als unsere \u00c4ngste und Vorurteile. W\u00e4hrend die meisten von uns das Thema Hochaltrigkeit weit weg schieben und eine Pflegesituation als \u201eAnfang vom Ende\u201c verstehen, zeigen sich in den Antworten der Befragten Lebendigkeit, Teilhabe und Engagement. Und ein gro\u00dfes Interesse an der Zukunft. Und bei mehr als Dreivierteln der Befragten zwischen 80 und 99 steht die Todesn\u00e4he nicht im Vordergrund. Die meisten freuen sich, wenn sie sich noch f\u00fcr andere Menschen engagieren k\u00f6nnen, und 85 Prozent der Befragten besch\u00e4ftigen sich intensiv mit den Lebenswegen der nachfolgenden Generation \u2013 der Enkel und Urenkel zum Beispiel.<\/p>\n<p>Generationenbeziehungen stellen \u00fcberhaupt eine wichtige Ressource f\u00fcr Autonomie und Lebensqualit\u00e4t dar und sind eine bedeutsame St\u00fctze zur \u00dcberwindung von Lebensrisiken. F\u00fcr die Mehrheit der \u00c4lteren ist die Gro\u00dfelternschaft eine Sinn gebende Altersrolle, sie verbinden damit ein hohes Ma\u00df an Wohlbefinden, Erf\u00fcllung und Zufriedenheit. Zugleich sind sie in diesen Bez\u00fcgen selbst auch Lernende. Aus dem Deutschen Alterssurveys von 2010 geht hervor, dass der Generationenvertrag in den Familien nach wie vor wirkt: Die privaten, innerfamili\u00e4ren Geld- und Sachleistungen flie\u00dfen ganz \u00fcberwiegend in entgegengesetzter Richtung zu den \u00f6ffentlichen Transferstr\u00f6men: von alt nach jung. Rund 36 Prozent der 70- bis 85-j\u00e4hrigen bedachten ihre Kinder und Enkel mit Geld- und Sachleistungen, j\u00e4hrlich 3,5 Milliarden Arbeitsstunden investierten die 60- bis 85-j\u00e4hrigen dar\u00fcber hinaus f\u00fcr die Hilfe in der Familie und die Betreuung der Enkel. Dabei hat sich die H\u00e4ufigkeit direkter materieller Transfers an Enkelkinder zwischen 1996 und 2014 fast verdoppelt. Das DZA geht davon aus, dass sich die Unterst\u00fctzungsbeziehungen zu heranwachsenden Enkeln \u00e4hnlich der zu den erwachsenen Kindern entwickeln.<\/p>\n<p>Und die praktische Unterst\u00fctzung beruht durchaus auf Gegenseitigkeit: \u00c4ltere erhalten, wenn sie hilfsbed\u00fcrftig werden, vielf\u00e4ltige Hilfen zur Bew\u00e4ltigung des Alltags, bei Einkauf, Beh\u00f6rdeng\u00e4ngen, Arztbesuchen und Instandhaltung der Wohnung bis hin zur Pflege. Allerdings hat die Wohnentfernung zwischen Eltern und erwachsenen Kindern st\u00e4ndig zugenommen. Nur noch etwa ein Viertel der Befragten geben an, dass ihre erwachsenen Kinder noch am selben Ort wohnen und bei einem weiteren Viertel sind die Wohnungen mehr als zwei Stunden voneinander entfernt. An der Verbundenheit hat das nichts ge\u00e4ndert. Immer noch haben 80 Prozent w\u00f6chentlich Kontakt zueinander \u2013 aber im Vergleich der letzten Jahre erhalten die \u00fcber 70-j\u00e4hrigen immer seltener praktische Hilfe; die Quote sank um 8 Prozentpunkte von <em>19,5 Prozent 1996<\/em> auf <em>11,7 Prozent 2014.<\/em> Zwar werden auch noch immer die meisten Pflegebed\u00fcrftigen in den Familien gepflegt \u2013 von T\u00f6chtern, Schwiegert\u00f6chtern, Ehefrauen, aber inzwischen auch zu einem Drittel von M\u00e4nnern. Die selbstverst\u00e4ndliche Teilnahme von Frauen an der Erwerbsgesellschaft, die zunehmende Mobilit\u00e4t wie auch der demografische Wandel f\u00fchren dazu, dass das sogenannte T\u00f6chter- und Schwiegert\u00f6chter-Pflegepotenzial schrumpft &#8211; nicht zuletzt, weil die, die die Carearbeit leisten, finanziell benachteiligt werden und zeitlich in Zerrei\u00dfproben stehen. Denn trotz der gestiegenen Erwerbsbeteiligung von Frauen \u00fcbernehmen sie weiterhin die Hauptverantwortung in der Haus- und Pflegearbeit. Und das Vereinbarkeitsproblem, das wir meist im Kontext von Erziehungsaufgaben denken, gilt inzwischen f\u00fcr die Altersgruppe der 40- bis 65-j\u00e4hrigen Frauen in gleicher Weise, wenn es um die Betreuung der Enkel, die Unterst\u00fctzung der betagten Eltern oder um h\u00e4usliche Pflege geht. Das bedeutet: Durch den l\u00e4ngeren Verbleib im Erwerbsleben und die steigende Zahl pflegebed\u00fcrftiger Hochaltriger wird der Anteil derer, die Berufs- und Sorget\u00e4tigkeiten vereinbaren m\u00fcssen, zunehmen. Auch deswegen ist eine neue Flexibilit\u00e4t in der Arbeitswelt, eine Ver\u00e4nderung der Rollenerwartungen sowie Unterst\u00fctzung durch Pflege- und Erziehungszeiten so wesentlich. Genauso wichtig, gerade f\u00fcr die Frauen: Mehr Anerkennung f\u00fcr die Carearbeit. Denn nur in einem guten Zusammenspiel von Familien und Dienstleistern, Arbeitgebern und Nachbarschaft, Kirche und Diakonie k\u00f6nnen die zuk\u00fcnftigen Herausforderungen gemeistert werden.<\/p>\n<p>Angesichts des wachsenden Drucks, der im Zusammenhang von Vereinbarkeitsproblemen auf den J\u00fcngeren lastet, setzt man auf die so genannten jungen Alten, die ihre Erfahrung und ihre Freiheit einbringen, um den fragilen Zusammenhalt einer mobilen Gesellschaft zu st\u00e4rken. Der ehemalige Chefredakteur von <em>Psychologie heute<\/em>, Heiko Ernst, spricht in diesem Zusammenhang von Generativit\u00e4t. Dabei geht es nicht nur um die eigenen Kinder, sondern um die Zukunft der n\u00e4chsten Generationen. Um die Zukunft unserer St\u00e4dte und D\u00f6rfer. \u201eGenerativit\u00e4t\u201c, sagt Heiko Ernst, \u201eist unser Zukunftssinn. Wir richten das Denken \u00fcber die eigene Existenz hinaus. Generativit\u00e4t ist die F\u00e4higkeit, von sich selbst abzusehen, f\u00fcr andere da zu sein, sein Wissen und seine Erfahrungen in die Gesellschaft einzubringen und etwas weiter zu geben. Generativit\u00e4t gibt Antwort auf zwei Fragen: Wie geht es mit mir weiter? Und: wie geht es mit meinem Umfeld weiter?\u201c Und sie k\u00f6nnte die Schl\u00fcsseltugend f\u00fcr das 21. Jahrhundert werden. In diesem Sinne braucht die Gesellschaft die jungen Alten \u2013 und sie bringen ihre Erfahrungen gern ein. Aber sie brauchen dann auch selbst die notwendigen sozialen und \u00f6konomischen Ressourcen, was Rente und was Infrastruktur angeht.<\/p>\n<p>Aktiv sind die \u00c4lteren und Alten auch, wo es um ihre Sorge um ihre eigenen Partnerschaften sowie Freundschaften geht. Im Zuge eines strukturellen Wandels sinkt zwar der Anteil der Verheirateten auch unter den \u00c4lteren, w\u00e4hrend der Anteil Geschiedener bzw. Getrenntlebender steigt, und auch das hat Auswirkungen auf die Rente, insbesondere bei Frauen. Insgesamt zeichnet sich eine Verlagerung der ehelichen zu den nichtehelichen Paarbeziehungen ab. Andererseits erm\u00f6glicht die steigende Lebenserwartung ein l\u00e4ngeres Zusammenleben der Paare im Alter; die Verwitwung verschiebt sich in ein h\u00f6heres Alter. (So waren bei der Untersuchung 2014 nur 24 Prozent verwitwet \u2013 im Gegensatz zu 39 Prozent 1996.) Auch wenn also traditionelle Formen der Partnerschaft abnehmen, teilen doch die meisten Menschen ihr Leben bis ins hohe Alter mit einer Partnerin oder einem Partner. Und auch Freudinnen und Freunde spielen eine immer gr\u00f6\u00dfere Rolle. Entgegen h\u00e4ufigen Bef\u00fcrchtungen, dass die Mehrzahl der \u00c4lteren einsamer w\u00fcrden, leben die allermeisten in stabilen Bezugsnetzen, auch in ihrer Nachbarschaft und immer h\u00e4ufiger auch in Wohnprojekten.<\/p>\n<p>Thomas Klie verweist auf Ergebnisse der interdisziplin\u00e4ren Forschung in der Gerontologie. Dazu geh\u00f6re \u201edie Erkenntnis, dass die Pr\u00e4diktoren f\u00fcr die fernere Lebenserwartung nicht vorrangig im Blutdruck und Cholesterinspiegel zu suchen sind, sondern in der Qualit\u00e4t sozialer Netzwerke. F\u00fcr sich zu sorgen hei\u00dft auch f\u00fcr andere Sorge zu tragen. Der Begriff der Mitverantwortung von Hannah Arendt stellt die Bez\u00fcge her: Die Daseinsthemen von \u00e4lteren Menschen beziehen sich nicht prim\u00e4r auf die Gesundheit, sondern auf das Wohlergehen anderer.\u201c<\/p>\n<p>Die Vorstellung, Alter bedeute vor allem Verlust, stimmt also nicht. Tats\u00e4chlich gibt es auch viel zu gewinnen. \u201eWas wird im Alter mehr\u201c, hat Lothar Stiegler auf seiner Internetplattform seniors4success gefragt. 1600 Antworten gingen ein. 1600 Antworten, die best\u00e4tigen, dass die meisten \u00e4lteren Menschen zufrieden sind. Befragte \u00fcber 60 bezeichnen sich in der absoluten Mehrheit als sehr zufrieden: Sie erreichen mehr als 7,5 von 10 Punkten auf einer entsprechenden Skala. Und ihre Antworten machen in jeder Hinsicht Mut. Was wird also im Alter mehr? \u201eWissen, worauf es im Leben wirklich ankommt. Gesundheitsbewusstsein. Erfahrung. Weisheit. Unabh\u00e4ngigkeit. Das Zeitbudget.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>4. Sorgende Gemeinschaften \u2013 zur\u00fcck ins Gemeinwesen<\/strong><\/p>\n<p>Ich will hier von Margarete Bellmer erz\u00e4hlen, die in unserem Dorf aufgewachsen ist und als junge Frau nach Frankfurt ging und Buchh\u00e4ndlerin wurde. Nach der Erwerbst\u00e4tigkeit kehrte sie auf den elterlichen Hof zur\u00fcck, wo sie noch immer ein paar Schafe und H\u00fchner h\u00e4lt. Und nat\u00fcrlich den gro\u00dfen Hofhund. Mittwochs nachmittags l\u00e4dt sie ihre Freundinnen zu einer gro\u00dfen Kaffeetafel in der Diele ein, Sonntags engagiert sie sich im Gottesdienst. Aber ihr wichtigster Beitrag im Ehrenamt sind die internationalen G\u00e4rten. Margarete hat als junges M\u00e4dchen erlebt, wie die Hungerm\u00e4rsche von KZ-H\u00e4ftlingen aus Bergen-Belsen durchs Dorf kamen, und sie hat daraus ihre Schl\u00fcsse gezogen. Fl\u00fcchtlingen helfen, Unterschiede anerkennen, sich an der Vielfalt freuen \u2013 das steht f\u00fcr sie ganz oben. Heute pflanzt sie diese Werte ein in die Vielfalt der G\u00e4rten. Und freut sich an den unterschiedlichen Gerichten, die reihum dort gekocht werden. So hat Margarete den Kreis ihrer Freundinnen erweitert \u2013 und h\u00e4lt mit den Ver\u00e4nderungen in unserem Dorf nicht nur Schritt, sondern gestaltet sie mit.<\/p>\n<p>Die \u00c4lteren tragen entscheidend dazu bei, dass die Wohnquartiere wirklich lebendig und lebenswert bleiben. \u00c4ltere Menschen sind st\u00e4rker ortsgebunden; sie engagieren sich in Vereinen und Verb\u00e4nden, wo junge Leute immer schwerer Anschluss finden, aber zunehmend auch in B\u00fcrgerinitiativen und Genossenschaften oder in der Kommunalpolitik Als Freiwillige in Sozial- und Diakoniestationen leisten sie Nachbarschaftshilfe, bei \u201eRent a Grant\u201c arbeiten sie als Leihomas, in Mehrgenerationenh\u00e4usern geben sie den Kindern ein St\u00fcck Kontinuit\u00e4t in wechselnden Alltagsmustern. Sie unterst\u00fctzen Fl\u00fcchtlingsfamilien beim Ankommen, werden f\u00fcr Schulabg\u00e4nger zu Mentoren auf dem Berufsweg, tragen Gemeindebriefe aus.<\/p>\n<p>\u00dcbrigens engagieren sich Freiwillige \u00fcber 65 st\u00e4rker als in anderen Bereichen in Kirche und Religion \u2013 genau sind es 22 Prozent dort gegen\u00fcber 13 Prozent in allen anderen Bereichen. Vielleicht ist noch zu sp\u00fcren, dass die Rolle der \u201e\u00c4ltesten\u201c in der Kirche eine lange Tradition hat. Fr\u00fcher wurden Kirchenvorsteher so genannt. Heute kehrt die Rolle wieder in den vielen Mentorenaufgaben, die in unserer Gesellschaft immer wichtiger werden. Ausbildungsmentoren, Lesepaten, ehrenamtliche Betreuer, Kulturpaten und Stadtteilm\u00fctter. Die Liste ist lang, es gibt unglaublich viele spannende Projekte in Kirche und Diakonie. Die Pflegebegleiter, die f\u00fcr hauswirtschaftliche und nachbarschaftliche Dienste sorgen. Oder die Jobpaten, die schwer vermittelbaren Jugendlichen durch die Ausbildung bis in ein festes Arbeitsverh\u00e4ltnis begleiten. Oder die Kindertafel \u201eBrotzeit f\u00fcr Kinder\u201c, die auch Hausaufgabenhilfe und Elterncoaching anbietet.<\/p>\n<p>Diese Verbundenheit mit dem Quartier sollte nicht aufh\u00f6ren, nur weil man nicht mehr gut gehen kann. Vor gut 20 Jahren hat der Sozialpsychiater Klaus D\u00f6rner die Einrichtungen und Verb\u00e4nde der Altenhilfe provoziert; er forderte \u2013 wie vorher schon f\u00fcr Psychiatrie und Behindertenhilfe \u2013 die Aufl\u00f6sung der Heime. \u201eIch will alt werden und sterben, wo ich gelebt habe\u201c \u2013 sein eing\u00e4ngiger Satz stand damals paradigmatisch f\u00fcr einen neuen Umgang mit Alter, Pflegebed\u00fcrftigkeit und Sterben. Seitdem haben sich die Einrichtungen der Altenhilfe differenziert; mit betreutem Wohnen und Kurzzeitpflege, ambulanter Pflege und hauswirtschaftlichen Hilfen, aber auch mit Caf\u00e9s und vielf\u00e4ltigen Kooperationen immer mehr ins Quartier ge\u00f6ffnet. Heute sollen die notwendigen Dienstleistungen zu den Menschen kommen \u2013 und nicht l\u00e4nger umgekehrt. Ja, es sind durchaus viele praktische Fragen, die es zu l\u00f6sen gilt, damit die Mauern durchl\u00e4ssig werden, die das Leben der Fitten und Leistungsstarken von dem der Hilfebed\u00fcrftigen trennen. Damit niemand in ein Heim gehen muss, nur weil er oder sie sich selbst nicht mehr versorgen kann. Damit keiner isoliert ist, wenn er stirbt. Deswegen ist es gut, dass im PSG II Pflege, Hauswirtschaft und Betreuung gleichwertig sind \u2013 schlie\u00dflich haben die Diakonischen Dienste seit langem angefangen, auch Hauswirtschaftsdienste und Pflegeberatung anzubieten. Es gibt Pflegetelefone und Nachtcaf\u00e9s und \u2013 nicht zu untersch\u00e4tzen \u2013 Mehrgenerationenh\u00e4user. Und auch Stadtplanung, Architekturb\u00fcros und Wohnungsbaugesellschaften machen inzwischen ernst damit, dass in den neuen Wohnquartieren Rollatoren wie Kinderwagen \u00fcber die Schwelle kommen und H\u00e4user so barrierefrei sein m\u00fcssen, dass auch Rollstuhl oder Krankenbett Platz finden. Aber nach wie vor leben die wenigsten \u00e4lteren Menschen in barrierearmen Wohnungen. Die Refinanzierungsstrukturen in unseren Sozialsystemen machen eine integrierte Arbeit schwer. Je nachdem, ob jemand vor allem behindert oder pflegebed\u00fcrftig, alt oder krank ist, wird er oder sie von unterschiedlichen Diensten versorgt, unterschiedlich untergebracht. So kommt es zu den bekannten \u201eVerschiebebahnh\u00f6fen\u201c zwischen Kassen, Kommunen und Einrichtungen, in denen Hilfebed\u00fcrftige einmal mehr zum Objekt der Hilfe werden. Initiativen wie das SONG-Netzwerk der Bertelsmann-Stiftung oder Wohnquartier hoch 4 hier in Rheinland-Westfalen-Lippe geben seit einigen Jahren Anst\u00f6\u00dfe, neue Netzwerke zu kn\u00fcpfen, um die entscheidenden Lebensbereiche Wohnen, Gesundheit, Bildung und Freizeit gut zu organisieren.<\/p>\n<p>Es geht \u2013 in einem sehr tiefen Sinne \u2013 darum, das alte Schubladendenken zu \u00fcberwinden. Dazu geh\u00f6rt es auch, die Zuordnung von Menschen in Kirche und Diakonie als Gemeindeglieder und als Klienten oder Kunden im Sozialsystem in Frage zu stellen. Interessanterweise haben die Kirchen sich damals nicht provoziert gef\u00fchlt durch die Thesen von Klaus D\u00f6rner. L\u00e4ngst hatten sie hilfe- und pflegebed\u00fcrftige \u00c4ltere an die Diakonie delegiert \u2013 nicht nur aus Gr\u00fcnden der Professionalit\u00e4t, sondern auch aus Refinanzierungsgr\u00fcnden \u2013 und sie damit oft exkludiert. Sich gemeinsam aufzumachen in Richtung Gemeinwesen bietet nun die Chance, die Sprachlosigkeit zu \u00fcberwinden und endlich alle \u2013 auch die Hilfebed\u00fcrftigen \u2013 zuerst als Gemeindemitglieder wahrzunehmen. Genau das will die Gemeinwesendiakonie als Teil der Quartiersbewegung: Sie f\u00fchrt vom Fall zum Feld, sie f\u00fchrt aber auch Gemeinden aus der Milieuverengung zur\u00fcck in die Parochie, Diakonie aus der Spezialisierung zur\u00fcck in die Zivilgesellschaft und Kirche und Diakonie mit Dritten zusammen.<\/p>\n<p>Es gibt inzwischen zahlreiche Projekte, in denen mit innovativen Konzepten hilfreiche Angebote im Quartier geschaffen werden. Von fr\u00fchen Hilfen \u00fcber Inklusionsnetzwerke bis zu Demenznetzwerken. B\u00fcrgerkommunen, Alternsgerechte Kommunen, Familienfreundliche St\u00e4dte. Voraussetzung ist, dass die Kommunen, die sozialen Dienste, die Wohnungswirtschaft, aber auch Verkehrsbetriebe und Einkaufszentren sowie \u00c4rzte bereit sind, sich in solchen integrativen Projekten zu engagieren und zu vernetzen. In der Regel ist f\u00fcr die Vernetzung selbst auch professionelle Unterst\u00fctzung erforderlich \u2013 etwa im Quartiersmanagement oder in einem Familienzentrum oder Mehrgenerationenhaus. Hier sind die Kommunen, aber auch Kirche, Diakonie und die anderen Tr\u00e4ger der Freien Wohlfahrtspflege besonders gefragt. Dabei geht es immer h\u00e4ufiger auch darum, \u00fcberhaupt die Eckpfeiler des \u00f6ffentlichen Raums und des nachbarschaftlichen Lebens aufrecht zu halten: eine Grundschule, einen Laden am Ort, die Praxis des Hausarztes, eine Kneipe oder ein Caf\u00e9, wo man sich ungezwungen treffen kann, regelm\u00e4\u00dfigen Nahverkehr. \u00dcber 650 ehrenamtliche B\u00fcrgerbusse sind inzwischen in Deutschland unterwegs, damit auch \u00e4ltere Menschen mobil bleiben k\u00f6nnen. An immer mehr Orten entstehen gemeinsame Mittagstische, Pfarrg\u00e4rten \u00f6ffnen als Caf\u00e9s und durch das gemeinsame Engagement f\u00fcr die Nachbarschaft entstehen die vielf\u00e4ltig propagierten \u201eSorgende Gemeinschaften\u201c mit starken Bindungen zwischen den Beteiligten, oft \u00fcber die Grenzen traditioneller kultureller oder ethnischer Milieus hinweg. Damit das nachhaltig gelingt, damit B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger einander gegenseitig helfen k\u00f6nnen- Gemeindeh\u00e4user bieten sich daf\u00fcr geradezu an.<\/p>\n<p>Viele Diakoniestationen sind schon l\u00e4ngst Teil dieses Netzwerks \u2013 sie arbeiten mit Krankenh\u00e4usern, Pflegeberatung, Kommunen zusammen. In Zukunft werden sie, so hoffe ich, eine weitergehende Funktion in einem integrativen Gesundheitsnetzwerk haben. Wenn wir wollen, dass wir alle auch im Alter m\u00f6glichst lange in ihrem Umfeld bleiben k\u00f6nnen, dann muss die selbstverst\u00e4ndliche Zusammenarbeit zwischen ambulanter Pflege, Kurzzeitpflege bis hin zum Betreuten Wohnen im Quartier auch von den F\u00f6rdert\u00f6pfen her leicht umsetzbar sein. Dann braucht es gute Pflegeberatungsangebote in jedem Kreis mit Pools von Haushaltshilfen und der Zusammenarbeit mit Ehrenamtlichen in der Nachbarschaft. Mehrgenerationenh\u00e4user, aber auch integrative Versorgungsnetze zeigen, wohin die Reise gehen kann. Dabei ist klar: Was hier zu tun ist, geht \u00fcber die M\u00f6glichkeiten der Tr\u00e4ger hinaus, es betrifft die Arbeit der Spitzenverb\u00e4nde und reicht weit hinein in die Gesundheits- und Sozialpolitik. Eine quartiersbezogene Finanzierungskomponente, eine regelhafte Planung sowie Angebote der Beratung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>5. Energien und Potenziale der Kirche und f\u00fcr die Kirche<\/strong><\/p>\n<p>Klaus D\u00f6rner wirbt mit seinem Konzept vom dritten Sozialraum f\u00fcr eine neue Wertsch\u00e4tzung der Kirchengemeinden und f\u00fcr die Wiedervereinigung von diakonischer Professionalit\u00e4t und kirchengemeindlichem B\u00fcrgerengagement. Kirchengemeinden, das ist die Hoffnung, k\u00f6nnten Caring Communitys im praktischen wie im seelisch sorgenden Sinne werden. Schon jetzt wird vielen Gemeinden neu bewusst, dass das diakonische Engagement substantiell zu ihrem Auftrag geh\u00f6rt. In Kirche und Diakonie werden deshalb gemeinsam Konzepte entwickelt f\u00fcr die Resozialisierung und Revitalisierung von Kirchengemeinden, damit sie eben nicht erst auf soziale Notlagen reagieren, sondern aktiv daran mitarbeiten, funktionierende Sozialr\u00e4ume zu gestalten und Notlagen pr\u00e4ventiv zu verhindern.<\/p>\n<p>Kirche? Da sind doch nur noch alte Menschen, sagen manche. Oder schlimmer: nur noch alte Frauen! Nun, gerade darin liegt auch eine besondere St\u00e4rke der Kirche. Fast 40 Prozent der evangelischen B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger \u00fcber 60 nehmen nach eigener Aussage in irgendeiner Weise am Gemeindeleben teil \u2013 damit liegt die Kirche weit vor anderen Organisationen. Was diese Menschen einbringen k\u00f6nnen, ist nicht nur praktische Hilfe, sondern auch das kulturelle, geistige und geistliche Erbe, aus dem auch die n\u00e4chsten Generationen noch leben. Ich denke an Kirchenkuratorinnen und ehrenamtliche Kirchenp\u00e4dagogen, an Menschen, die Friedh\u00f6fe erhalten und Ortsgeschichte schreiben, an ehrenamtliche Pr\u00e4dikantinnen und Pr\u00e4dikanten in schrumpfenden St\u00e4dten und Regionen, Stifterinnen und Stifter \u2013 materiell wie immateriell gibt es ein reiches Erbe weiterzugeben. Diese Menschen \u00e4rgern sich deshalb zu Recht, wenn sie das Gef\u00fchl bekommen, von der Kirche vor allem als potenzielle Hilfebed\u00fcrftige wahrgenommen zu werden. Gerade diejenigen, die der Kirche nahe stehen, blicken n\u00e4mlich, wie Untersuchungen zeigen, mit Zuversicht auf ihr weiteres Leben und k\u00f6nnen sich vorstellen, noch etwas Neues zu beginnen.<\/p>\n<p>Ein enormes Potenzial. Kirche lebt von den Energien, die Zuwendung und Zusammenarbeit \u00fcberhaupt m\u00f6glich machen. Und sie hat zugleich die Erfahrung gemacht, dass diese Energien \u2013 insbesondere die Empathie von Frauen \u2013 lange Zeit als selbstverst\u00e4ndlich vorausgesetzt und oft genug auch religi\u00f6s ausgebeutet worden sind. Heute sind es die jungen Alten, die f\u00fcr den Aufbau von Sorgenden Gemeinschaften gebraucht werden. Und tats\u00e4chlich sind sie es, die sich in besonderer Weise ehrenamtlich f\u00fcr das Gemeinwesen engagieren und daf\u00fcr auch Kompetenzen und Zeit mitbringen. Sie leben meist schon l\u00e4nger am Ort, haben Kontakte gekn\u00fcpft und zudem \u2013 statistisch gesehen \u2013 deutlich an Lebenszeit hinzugewonnen. Allerdings k\u00f6nnen sie es sich wegen niedriger Renten zum Teil gar nicht leisten, f\u00fcr die Ehre zu arbeiten, und bewegen sich stattdessen mit \u00dcbungsleiterpauschalen, 450-Euro-Jobs und Bundesfreiwilligendienst in der Grauzone zwischen Erwerbsarbeit und Ehrenamt. Es wird viel davon abh\u00e4ngen, wie wir mit diesem Problem umgehen. Anders als zur Zeit der Gemeindeschwestern kostet Quartiersarbeit heute. Zudem ist das Quartier wie die Pflege selbst durchaus s\u00e4kular und kulturell bunt. Werden die Gemeinden gleichwohl bereit sein, wahrzunehmen, dass Sorgearbeit eine spirituelle Dimension hat? Dass deswegen eine Zusammenarbeit \u00fcber die verschieden Organisationen hinaus sinnvoll ist? In einen Netzwerk der Sorge, das am Ende auch die Gemeinde wachsen l\u00e4sst \u2013 innerlich, und vielleicht auch \u00e4u\u00dferlich?<\/p>\n<p>In den neutestamentlichen Texten begegnen wir Christinnen und Christen, die sich mit ihrer Taufe aus den Herkunftsfamilien gel\u00f6st haben und nun in den Gemeinden eine neue Familiaritas fanden: als Br\u00fcder und Schwestern, Patinnen und Paten. Ich denke dabei an die Tischgemeinschaft der ersten Christinnen und Christen in Jerusalem. Diese Gemeinde war wahrhaftig eine \u201eCaring and enabling community\u201c, auch, was die einfachen Sorget\u00e4tigkeiten anging. G\u00fcter wurden geteilt, Kranke besucht, f\u00fcr alle gemeinsam wurde der Tisch gedeckt. Jeder sollte satt werden \u2013 auch die griechischen Witwen, die ganz unten am Tisch sa\u00dfen. Diese sorgende Gemeinschaft hatte hohe Anziehungskraft f\u00fcr Menschen aus ganz unterschiedlichen Herk\u00fcnften und Milieus. Schon bald entwickelte sich eine neue, grenz\u00fcberschreitende Gemeinde, die wuchs, in dem sie Teilhabe erm\u00f6glichte.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.seele-und-sorge.de\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/Power-Point-Kloster-Langwaden-2016-11-07.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Zum dowlnloaden: power-point-kloster-langwaden-2016-11-07<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Pfarrkonvent Moenchengladbach-Neuss im Kloster Langwaden, 07.11.2016 Deutschland ist ein Land des langen Lebens. 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