{"id":2405,"date":"2016-11-14T11:16:15","date_gmt":"2016-11-14T11:16:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=2405"},"modified":"2017-07-12T20:00:06","modified_gmt":"2017-07-12T20:00:06","slug":"predigt-06-11-2016-in-kaiserswerth-zum-15-jubilaeum-der-kaiserswerther-schwesternschaft","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=2405","title":{"rendered":"Predigt: 06.11.2016 in Kaiserswerth zum 15. Jubil\u00e4um der Kaiserswerther Schwesternschaft"},"content":{"rendered":"<p><strong>Phil. 4,4 und 5<\/strong><\/p>\n<p><strong><em>Freut Euch in dem Herrn alle Wege, und abermals sage ich: Freut Euch! Eure G\u00fcte und Lindigkeit lasst kund sein allen Menschen! Der Herr ist nahe.<\/em><\/strong><\/p>\n<p><em>Mir reicht\u2018s<\/em> \u2013 so hei\u00dft das Buch der schwedischen Journalistin Elizabeth Gummesson,<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\"><sup><sup>[1]<\/sup><\/sup><\/a> die einen Burnout erlitt, weil sie in Arbeit und Liebe perfekt sein wollte. \u201eTurbofrau, Turbokollegin, Turbotochter \u2013 und dabei blendend aussehen\u201c \u2013 bis sie nichts mehr f\u00fchlte und zusammenbrach. Das Buch ist ein internationaler Bestseller. Es hat viele Frauen angesprochen, denen es privat wie beruflich genauso geht. Pflegende, Flugbegleiterinnen, Erzieherinnen und Friseure kennen das Gef\u00fchl, sie m\u00fcssten eigentlich ihr Herz verkaufen, damit der Betrieb funktioniert. Weil liebevolle Zuwendung zum Beruf geh\u00f6rt. Bei den Stewardessen und Hostessen &#8211; das zeigte vor Jahren eine Untersuchung -, hat die Firma das L\u00e4cheln gleich mitgekauft. So ist das in Dienstleistungsberufen &#8211; und in mancher Hinsicht auch in diakonischen Unternehmen. Viele in dieser Branche beenden ihre Berufskarrieren vorzeitig \u2013 nicht nur wegen der schlechten Bezahlung, oft auch wegen Ersch\u00f6pfung und Erkrankungen. Sie k\u00f6nnen nicht mehr sp\u00fcren, was sie einmal begeistert und motiviert hat. Sie k\u00f6nnen sich nicht mehr einf\u00fchlen in ihre Patienten und Bewohner, sich nicht mehr freuen an gelingenden Beziehungen.<\/p>\n<p><em>\u201eDienet dem Herrn mit Freuden<\/em>\u201c, steht \u00fcber der T\u00fcr des Mutterhauses in Magdeburg. Und \u201e<em>Eure G\u00fcte und Lindigkeit lasset kund sein allen Menschen<\/em>\u201c, hei\u00dft es in unserem Schwesternschaftsmotto. \u201eUnsere Lindigkeit &#8211; <em>allen Menschen<\/em>\u201c? Ist das nicht eine totale \u00dcberforderung? Schlie\u00dflich k\u00f6nnen wir doch nicht die ganze Welt retten, diese mobile und zunehmend chaotische Welt. Mit all ihrer Mobilit\u00e4t und Migration. Ich sp\u00fcre geradezu k\u00f6rperlich, wie wir normalerweise aneinander vorbei laufen, uns kaum noch wirklich wahrnehmen. Wie die Zeit miteinander schwindet, die \u201eResonanzfl\u00e4chen\u201c geringer werden. Wie die Beziehungen selbst zu den n\u00e4chsten Menschen zerfleddern oder rei\u00dfen.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\"><sup><sup>[2]<\/sup><\/sup><\/a> Viele haben schlie\u00dflich das Gef\u00fchl, sich in diesen Zerrei\u00dfproben selbst zu verlieren &#8211; vor lauter Investition ins Au\u00dfen, vor lauter Anforderungen in Beruf, Familie, Nachbarschaft. Wir funktionieren, aber wir sp\u00fcren uns nicht mehr. Wer kennt sie nicht, diese Momente der Leere, w\u00e4hrend das Hamsterrad sich zugleich immer schneller dreht.<\/p>\n<p>Wie ein Powerpaket, ein Regenguss in der W\u00fcste kommt da gleich zweimal dieses \u201e<em>Freut Euch\u201c,<\/em> der Wahlspruch der Schwesternschaft: <em>\u201eFreut Euch in dem Herrn alle Wege, und abermals sage ich: Freuet Euch\u201c.<\/em> Ein Tag ohne L\u00e4cheln, soll Charlie Chaplin gesagt haben, ist ein verlorener Tag. Lachen entspannt und bringt unsere Energie zum Flie\u00dfen. Ganze Seminare leben davon. Kinder lachen \u00fcbrigens im Schnitt etwa 400-mal t\u00e4glich, Erwachsene nur noch 15-mal &#8211; vielleicht, weil wir uns immer ein bisschen albern vorkommen, wenn wir uns wie ein Kind \u00fcber Kleinigkeiten freuen? <em>Matthias Claudius<\/em> hat das nichts ausgemacht &#8211; er dichtet: \u201eIch bin vergn\u00fcgt und freue mich, wie\u2019s Kind zur Weihnachtsgabe, dass ich bin, bin und dass ich Dich, sch\u00f6n menschlich Antlitz habe. Dass ich die Sonne, Berg und Meer, und Laub und Gras kann sehen. Und abends unterm Sternenheer und lieben Monde gehen&#8230;\u201c.<\/p>\n<p>\u201e<em>T\u00e4glich zu singen\u201c,<\/em> hei\u00dft das Gedicht. T\u00e4glich lachen! Ich habe mir \u00fcberlegt, woran ich mich hier in Kaiserswerth gefreut habe. Das Eichh\u00f6rnchen in der Libanonzeder fiel mir gleich ein. Die Jugendmitarbeiterinnen und \u2013mitarbeiter, die im Leitbildprozess pl\u00f6tzlich entdeckten, dass der Spa\u00df im Leitbild fehlte. Die bl\u00fchenden Magnolien vorm Mutterhaus. Und die japanischen Sch\u00fclerinnen, die der Florence-Nightingale-B\u00fcste eine Blumenkette umh\u00e4ngten. Der Adventsgottesdienst, bei dem die W\u00fcnsche und Tr\u00e4ume an Luftballons an die Kirchendecke schwebten. Die wilden Brombeerhecken an den Hingbenden. Und die Hebammen, die mir zum Abschied ein \u201eMosesk\u00f6rbchen\u201c schenkten \u2013 als Dank f\u00fcr den Palliative-Care- und Ethik-Prozess. Augenblicke, in denen uns alles antwortet: Natur und Sch\u00f6pfung, aber auch die Begegnung mit anderen. Wo wir einander wahrnehmen und aufeinander h\u00f6ren mitten im Stress &#8211; als spielten wir in einem Orchester. Als tanzte das Leben nach einer unh\u00f6rbaren Melodie. Freude ist wie ein Trampolin, das uns wieder in die H\u00f6he wirft, wenn wir am Boden sind. Wir fallen nicht &#8211; wir fliegen. Freude ist die Lebenskraft in diesem Auf-und Ab.<\/p>\n<p>\u201e<em>Freut Euch nicht zu sp\u00e4t<\/em>\u201c, hei\u00dft das Buch von Janice Jakait, das mir k\u00fcrzlich in die H\u00e4nde fiel. Sie ist erste Frau, die mit einem Ruderboot den Atlantik \u00fcberquert hat, weil sie sich endlich sp\u00fcren wollte &#8211; und sie schreibt: H\u00f6rt auf, das Leben zu verschieben, denn Ihr habt kein anderes. H\u00f6rt auf, immer schneller durch Euren Alltag zu rennen &#8211; bleibt einfach mal stehen und seht, wie wunderbar die Welt ist.<\/p>\n<p>Ja, das ist sie \u2013 wunderbar, aber auch schrecklich. Sollen wir die denn Tr\u00e4nen heimlich weinen, die Wut mit der geballten Faust in der Tasche verstecken? L\u00e4cheln, wenn uns zum Heulen ist? <em>Alle Wege<\/em> l\u00e4cheln? Und allen Menschen mit Lindigkeit begegnen? Wie soll das gehen? Es stimmt ja &#8211; wer Verletzungen wahrnimmt und Wunden heilen will, der wei\u00df, wie gut es tut, wenn andere g\u00fctig sind. Und <em>Lindigkeit<\/em> \u2013 was f\u00fcr ein wunderbares Wort! Wie eine heilende Salbe, ein k\u00fchlender Wind in der Sommerhitze. Leicht wie der Duft von Magnolien im Mai. Wer m\u00f6chte anderen nicht so begegnen &#8211; mit einem L\u00e4cheln das Leben leichter machen? Aber gelingen kann das wohl nur, wenn ich mir selbst mit G\u00fcte begegne. Gegen die eigenen Traurigkeiten anzuk\u00e4mpfen, die eigene Entt\u00e4uschung herunter zu schlucken, hilft dabei nicht.<\/p>\n<p>Vor 15 Jahren hat mich die Kraft beeindruckt, die in der Trauer der Hebammen lag &#8211; \u00fcber ein tot geborenes Kind und auch \u00fcber eine Sp\u00e4tabtreibung. Das Mosesk\u00f6rbchen wurde mit Liebe gestaltet, ein Sternenfriedhof angelegt, Gebete und Bilder gesammelt und schlie\u00dflich setzte sich eine Ethikkommission mit den Rahmenbedingungen von Sp\u00e4tabtreibungen auseinander. Aber ohne die Schwester, die eines Tages in einer Gruppe ihren Tr\u00e4nen freien Lauf lie\u00df, h\u00e4tte es den Palliative-Care-Prozess wohl nicht gegeben. Wohl denen, die den Mut haben, ihre Tr\u00e4nen zu zeigen. Mit ihnen beginnt etwas Neues.<\/p>\n<p>Und wohl denen, die, noch w\u00fctend werden k\u00f6nnen. Sie sehen sch\u00e4rfer als die immer Freundlichen. Eine Pflegedienstleitung sagte mir, sie merke es an ihrer Wut, wenn die diakonische Identit\u00e4t auf dem Spiel stehe. Sie k\u00f6nnte schreien, wenn auch in Diakonie und Caritas von menschlichen Lebensprozessen in wirtschaftlicher Sprache gesprochen w\u00fcrde: wenn \u201ePatienten durchgeschleust\u201c w\u00fcrden, \u201eMindestmengen geleistet\u201c, wenn \u201ehundert Prozent Belegung in der Altenhilfe\u201c erreicht werden m\u00fcssten, wenn Geburten und Todesf\u00e4lle geplant w\u00fcrden wie Produkte. An Wut und Tr\u00e4nen sp\u00fcren wir, dass etwas nicht stimmt. Und an Menschen wie diesen wird mir klar: Freude und Klage geh\u00f6ren zusammen. \u201eDie mit Tr\u00e4nen s\u00e4en werden mit Freuden ernten\u201c, sagt die Bibel.<\/p>\n<p>Nichts ist schlimmer als Gleichg\u00fcltigkeit \u2013 Gleichg\u00fcltigkeit t\u00f6tet. Ja, wir brauchen einen k\u00fchlen Kopf. Strategie, Prozessplanung, Zeitmanagement. Und dabei lassen wir uns nicht gern von Gef\u00fchlen \u00fcberw\u00e4ltigen &#8211; schon gar nicht, wenn wir die Emotionen anderer managen m\u00fcssen. Vor einer OP, im Sterbeprozess, bei schwierigen ethischen Entscheidungen. Und trotzdem wissen wir: In den Gef\u00fchlen steckt eine Wahrheit, die wir nicht einfach \u00fcbergehen k\u00f6nnen. Unsere Werte zeigen sich in Gef\u00fchlen. Unsere Empathie versteht den anderen, bevor wir seine Situation analysieren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Deshalb ist es wichtig, Entt\u00e4uschungen, Wut und Klage beim Namen zu nennen. Unser Gottesdienst f\u00e4ngt ja sogar damit an. Erst nach dem Kyrie kommt das Gloria. Naja &#8211; ganz stimmt das nicht. Genau genommen steht am Anfang die Einstimmung auf Gottes Liebe. Am Anfang steht das Wissen, dass ich mit allem, mit Wut und Traurigkeit, mit Freude und Gl\u00fcck hierher kommen kann. Vielleicht ist ja <em>das<\/em> gemeint, wenn Paulus schreibt: Freut Euch <em>in dem Herrn! <\/em>Gott selbst ist die Kraft, die uns noch im Fallen zum Himmel fliegen l\u00e4sst \u2013 wie die Kinder auf dem Trampolin. Die Lebensfreude, die alle Traurigkeiten \u00fcbersteht. Die mich anl\u00e4chelt wenn alles in mir tot ist. Dass ich mich darauf verlassen kann, <em>das<\/em> ist meine Freude.<\/p>\n<p>Vielleicht ist es Ihnen am Anfang nicht aufgefallen. Das Pauluswort endet mit einer Zusage: \u201eDer Herr ist nahe!\u201c Am Ende wird alles gut: Gott macht das Leben neu \u2013 und zwar schon bald. Der Satz richtet sich ganz offenbar an Menschen, die davon gerade so gar nichts sp\u00fcren. Er ermuntert sie und uns, einfach einmal so zu leben &#8211; in diesem Wissen, dass alles gut wird. Dass Wunden heilen werden. Und Tr\u00e4nen getrocknet. Wer sich darauf verlassen kann, der kann auch weinen und streiten und w\u00fctend sein. Und einfach tun, was jetzt m\u00f6glich ist \u2013 nicht mehr und nicht weniger. Ohne Krampf und ohne Kampf. Denn er kann sich auch selbst mit G\u00fcte begegnen.<\/p>\n<p>\u201eFreut Euch in dem Herrn alle Wege\u2026\u201c. Uns die Lust am Leben zu erhalten \u2013 darauf kommt es an. Die Diakonissen, die den Wahlspruch gew\u00e4hlt haben, wussten sicher, dass das nicht leicht ist. Und dass es manchmal einfach reicht- wie Elisabeth Gummesson. Dass wir ab und an Zeit brauchen, um aufzutanken. \u201eEinkehrtage\u201c nannte man das fr\u00fcher. Das ist an diesem Wochenende dran. Eine festliche Tafel, sch\u00f6ne Musik. Wahrnehmen, wie der Herbst die Farben ver\u00e4ndert. Zeit f\u00fcreinander haben. Am Ende finden wir aus Belastungssituationen heraus, wenn wir uns auf das Miteinander verlassen k\u00f6nnen. Bis wir wieder sp\u00fcren, dass wir Lust und Kraft haben, uns selbst und unsere Umwelt zu ver\u00e4ndern.<\/p>\n<p>Denn da steht ja nicht: Freu Dich f\u00fcr Dich allein &#8211; und l\u00e4chle Deinem Spiegelbild zu. Sondern freut Euch &#8211; und l\u00e4chelt einander an. Aber freut Euch nicht zu sp\u00e4t.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h5><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Elizabeth Gummesson, Mir reicht\u2019s. So befreist du dich aus Perfektionismus und Burnout, aus dem Schwedischen von Kerstin Sch\u00f6ps, Weinheim 2012.<\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Vgl. die \u00dcberlegungen von Hartmut Rosa zu \u201eBeschleunigung. Ver\u00e4nderung der Zeitstrukturen in der Moderne, Berlin 2005 \u2013 und seitdem vielf\u00e4ltige Aufs\u00e4tze und Texte zu Resonanz und Beschleunigung vom gleichen Autor<\/h5>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Phil. 4,4 und 5 Freut Euch in dem Herrn alle Wege, und abermals sage ich: Freut Euch! 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