{"id":2403,"date":"2016-11-14T11:14:47","date_gmt":"2016-11-14T11:14:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=2403"},"modified":"2017-07-12T21:45:16","modified_gmt":"2017-07-12T21:45:16","slug":"gott-neu-denken-und-neu-sprechen-7-thesen-mir-kurzen-erlaeuterungen","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=2403","title":{"rendered":"Gott neu denken und neu sprechen \u2013 7 Thesen mir kurzen Erl\u00e4uterungen"},"content":{"rendered":"<p><strong><span class=\"s1\">Kaiserswerth Frauenmahl, 04.11.2016<\/span><\/strong><\/p>\n<p>Gott denken, von Gott sprechen \u2013\u00a0das ist meine Leidenschaft und mein Beruf. Und manchmal kommt sich beides in die Quere. Beruflich bem\u00fchen wir uns um Leistung und Meisterschaft, wir organisieren und schaffen Routinen \u2013\u00a0beruflich wird die Rede von Gott funktional. Und wenn das nicht funktioniert? Verstummen wir dann?<\/p>\n<p>Manchmal ist das nicht das Schlechteste. Ich bin den Augenblicken nachgegangen, in denen ich Neues gelernt habe \u00fcber Gott \u2013 im Gespr\u00e4ch mit Gott und den Menschen<strong>.<\/strong><\/p>\n<ol>\n<li><strong>Runter von der Kanzel, raus ins Freie: Ohne Schutzraum Neues wagen!<br \/>\n<\/strong><em>Wie wichtig das ist, wurde mir in der Gemeindepraxis klar. Denn<\/em> <em>der Kontext der Rede von Gott ist nicht die Kirche, sondern der Alltag und besonders die R\u00e4ume, in denen dem \u201eunbekannten Gott\u201c gehuldigt wird: Wellnesshotel und Sportstudio, Sternerestaurants und Tafeln, Reproduktionsberatung und Palliativstation, Kreuzfahrtschiffe und Quartiersb\u00fcros, Notariate und Bankschalter, Schulen, B\u00fcros und Parlamente. \u00dcber das, was unbedingt wichtig, zentral und \u201eheilig\u201c ist, wird in sehr verschiedenen Sprachen gesprochen, gestritten und geschwiegen. Wer sich auf das Unbekannte einlassen und den Unbekannten entdecken will, muss die alte Heimat Kirche verlassen und damit rechnen, dass Gott im Offenen wartet. In der Vielfalt der Milieus, Erfahrungen, Werte sind Konflikte \u2013\u00a0auch in der Kirche \u2013\u00a0unvermeidlich. Die abgeschliffene Rede trifft niemanden neu, das Immer-richtige hat sein Geheimnis verloren.<\/em><\/li>\n<\/ol>\n<ol start=\"2\">\n<li><strong>Gott kann auch Allah hei\u00dfen: Andere Gotteserfahrungen ernst nehmen<br \/>\n<\/strong><em>Gott hat viele Namen &#8211; in unterschiedlichen Sprachen, in unterschiedlichen Kontexten. Das gilt schon in der Bibel selbst: Gott ist Adler und Henne, T\u00f6pfer und Hausfrau, Allm\u00e4chtiger und Verachteter, Bauherr und Eckstein. Und es gilt auch in den verschiedenen Kulturen: Christen im Nahen Osten nennen Gott Allah wie die Musliminnen und Muslime, die der Tradition nach 99 Namen Gottes kennen. Das habe ich in meiner Nahostarbeit gelernt. Das Judentum spricht den Gottesnamen nicht aus. Globalisierung und Migration bieten die gro\u00dfe Chance, mit Menschen aus anderen Kulturen und Religionen \u00fcber Gott ins Gespr\u00e4ch zu kommen. Das gelingt nur, wenn wir Fremdes zun\u00e4chst einmal aushalten und damit rechnen, dass unser eigenes Gottesbild im Austausch reicher und klarer wird. Das wir dem n\u00e4her kommen, der uns im Wandel voraus ist und sich selbst wandelt (\u201eIch werde sein, der ich sein werde\u201c.)<\/em><\/li>\n<\/ol>\n<ol start=\"3\">\n<li><strong>Woher wissen Sie, was Gott will? Wir m\u00fcssen Ungewissheit aushalten<br \/>\n<\/strong><em>Das habe ich in der Rundfunkarbeit gelernt. Meine Erfahrung mit Rundfunk-H\u00f6rerinnen und H\u00f6rern zeigt: Steile Thesen werden auf pers\u00f6nliche Erfahrungen abgeklopft. Wei\u00df ich \u201eaus der Bibel\u201c, was Gott will \u2013 oder wei\u00df ich es auch aus meinem eigenen Leben? Es ist die Situation, die den Text auslegt \u2013\u00a0so ging es mir in Kaiserswerth mit den Immobilien und Arbeitstexten, so ging es anderen in der Fl\u00fcchtlingskrise mit der Weihnachtsgeschichte. Grunds\u00e4tzlich gilt: Manches habe ich selbst erfahren, mit manchem kann ich (noch) nichts anfangen, anderes glaube ich oder ich hoffe darauf, ohne es noch erlebt zu haben, und hier und da ist mir ein Licht aufgegangen, weil ein Versprechen sich erf\u00fcllte oder weil meine Erfahrung einen alten Text neu auslegte. Wenn ich von Gott spreche, m\u00f6chte ich diese Perspektiven deutlich unterscheiden. Nur so bleibt meine Rede von Gott befragbar und bezweifelbar. Denn \u201edie Worte, die Leben spenden\u201c wie Gnade oder Erl\u00f6sung begegnen uns in einer fremden Sprache, die schwer zu \u00fcbersetzen ist (Bruno Latour). Wir geben Hilfe beim \u00dcber-setzen, indem wir von eigenen \u201e\u00dcberfahrten\u201c erz\u00e4hlen.<\/em><\/li>\n<\/ol>\n<ol start=\"4\">\n<li><strong>Wir d\u00fcrfen keine Angst vor Zumutungen haben:<\/strong> <strong>Biblische Erfahrungen ernst nehmen<br \/>\n<\/strong><em>Wir lesen biblische Texte auf dem Hintergrund der eigenen Erfahrung und blenden dabei Fremdes aus oder schleifen es bis zur Unkenntlichkeit ein. Das habe in der Debatte um die Familienschrift der EKD gelernt. Wir konzipieren Gottesdienste so, dass sie zum hermeneutischen Schl\u00fcssel werden \u2013\u00a0und konzentrieren uns auf das f\u00fcr uns gerade Wesentliche \u2013 genau wie vorige Generationen auch. Meine Erfahrungen mit der \u201eFamilienschrift\u201c zeigen aber: Fremdheit, Widerspr\u00fcchlichkeit, Buntheit biblischer Erfahrungen und Texte und deren verschiedenen, jeweils zeitgem\u00e4\u00dfen (oder eben auch unzeitgem\u00e4\u00dfen) Interpretationen lassen sich nicht auf Dauer ausblenden. Pure Legitimation greift zu kurz. Kritik ist n\u00f6tig, um Vielfalt zu erschlie\u00dfen und die eigene Position zu verorten<\/em>.<\/li>\n<\/ol>\n<ol start=\"5\">\n<li><strong>Bitte keine Floskeln: Zweifel nicht verstecken, Schweigen aushalten<br \/>\n<\/strong><em>Das habe ich in der Arbeit mit Kammer und Kommissionen und Synodalaussch\u00fcssen gelernt. Kritiker haben Recht: es gibt zu viele Worte, zu viele Stellungnahmen, zu wenig Glaubw\u00fcrdigkeit im kirchlichen Handeln. Besonders problematisch: die Verk\u00fcrzung komplexer Zusammenh\u00e4nge auf anschlussf\u00e4hige Floskeln. In den letzten Jahren wurde immer wieder einmal ein \u201eKirchenschweigen\u201c vorgeschlagen. Wichtiger scheint mir: runter vom \u201eAllgemeing\u00fcltigkeitsanspruch\u201c, rein in die immer widerspr\u00fcchlichen Kontexte, Transparenz und Selbstkritik im kirchlichen Handeln wagen. Und wo es (noch) nichts zu sagen gibt: Schweigen aushalten und Zweifel nicht verstecken. Der Dienst von Notfallseelsorger\/innen oder Hospizmitarbeiterinnen, die das k\u00f6nnen, wird selten kritisiert!<\/em><\/li>\n<\/ol>\n<ol start=\"6\">\n<li><strong>Gott ist per Du \u2013 Wir m\u00fcssen Unmittelbarkeit wagen<br \/>\n<\/strong><em>Das habe ich in der Arbeit mit Ehrenamtlichen gelernt. Erik Fl\u00fcgge (\u201eWie die Kirche an ihrer Sprache verreckt\u201c) spricht von der Per-Sie-Kirche (Institution, Amt und Struktur) und der Per-Du-Kirche (Freundschaft und Netzwerk). Mit Gott wollen wir per Du sein. Von ihm\/ihr sprechen, hei\u00dft deshalb, Unmittelbarkeit wagen und die eigene Sprache finden. Pers\u00f6nlich, freundschaftlich, ungesch\u00fctzt und unvollkommen. Auch die Bibel selbst ist existenzielle Rede. Auslegung ist Vergegenw\u00e4rtigung \u2013 immer konkret, niemals harmlos. Darum eignen sich Geschichten und Gleichnisse so gut f\u00fcr Coaching und Gruppenprozesse. Alte Worte, die trotzdem unmittelbar wirken.<\/em><\/li>\n<\/ol>\n<ol start=\"7\">\n<li><strong>K\u00f6rper, Zeichen, Gesten: Alles spricht<br \/>\n<\/strong><em>Von Gott reden nicht nur Worte, sondern auch Kinderzeichnungen und Habit, eine gedeckte Tafel und ein frisch gemachtes Bett oder ein Segenszeichen. Das Diakonissendenkmal auf dem Markt in Rotenburg. Die Gr\u00fcnhelme von Rupert Neudeck, die Besatzungen der Rettungsschiffe im Mittelmeer. Deutlicher als Worte spricht oft eine Lebensgeschichte, am deutlichsten die Geschichte Jesu. Deutlicher als Predigten spricht diakonisches Handeln, der Einsatz f\u00fcr Menschenrechte. Selbst die, die nicht an ihn glauben, reden vielleicht auf diese Weise von Gott. Das wei\u00df ich aus meiner diakonischen Arbeit, nicht zuletzt in Kaiserswerth. Das bedeutet: das Wort geh\u00f6rt uns nicht. Es hat eine Geschichte, kommt auf uns zu. Und es braucht uns.<br \/>\n<\/em><em>Alles f\u00e4ngt damit an, dass wir uns darauf einlassen. Pers\u00f6nlich und ungesch\u00fctzt.<\/em><\/li>\n<\/ol>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kaiserswerth Frauenmahl, 04.11.2016 Gott denken, von Gott sprechen \u2013\u00a0das ist meine Leidenschaft und mein Beruf. 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