{"id":2361,"date":"2016-10-12T11:03:09","date_gmt":"2016-10-12T11:03:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=2361"},"modified":"2017-07-12T20:01:15","modified_gmt":"2017-07-12T20:01:15","slug":"laudatio-auf-die-frauen-in-der-diakonie-die-alten-und-neuen-heiligen","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=2361","title":{"rendered":"Laudatio auf die Frauen in der Diakonie \u2013 die alten und neuen Heiligen"},"content":{"rendered":"<h3><strong>Dem Herzen Platz schaffen<\/strong><\/h3>\n<p>Erinnern Sie sich an den Froschk\u00f6nig? Der h\u00e4ssliche gr\u00fcne Frosch tr\u00e4gt am Anfang keine Krone. Als K\u00f6nigssohn entpuppt er sich erst, als die Prinzessin ihn mit voller Wucht gegen die Wand schleudert. Aber die kleinen gr\u00fcnen Fr\u00f6sche mit goldener Krone sind im Augenblick richtig beliebt \u2013 als Kerze, als Ring oder auch als Ohrring. Eine Verhei\u00dfung f\u00fcr die, die einen realistischen Blick auf das Leben mit der Kraft zur Vision verbinden. Eine Ermutigung, die eigene Energie frei zu lassen. Im M\u00e4rchen f\u00e4ngt alles damit an, dass der Frosch der Prinzessin ihr Spielzeug wiederbringt \u2013 die goldene Kugel, die ihr in den Brunnen gefallen war. Sie nimmt sie an \u2013 und w\u00e4chst heraus aus der Spielzeugwelt. Dabei finde ich es interessant, daran zu erinnern, was die von den Br\u00fcdern Grimm weitergegebene M\u00e4rchenfassung genau erz\u00e4hlt: Die Prinzessin hatte an dem Brunnen dem Frosch leichthin versprochen, er d\u00fcrfe ihr \u201eGeselle\u201c sein, und der K\u00f6nig verlangt von seiner Tochter, ihr Versprechen zu halten. Als der Frosch nun nicht nur mit von ihrem goldenen Teller essen, sondern auch noch in ihrem Bett schlafen will, da wird sie, wie es hei\u00dft, \u201ebitterb\u00f6se\u201c. Von einem Kuss aber, wie es oft kolportiert wird, ist hier keinesfalls die Rede. Vielmehr nimmt sie das eklige Tier und wirft es eben gegen die Wand. Das M\u00e4rchen erz\u00e4hlt also von der Liebe und thematisiert, wie kompliziert es damit sein kann, dass es auch um Abgrenzung und Eigensinn geht, um Mut. Und dass damit Verwandlung m\u00f6glich wird. Anpassung und Selbst\u00fcberwindung haben ihre Grenze im Gef\u00fchl f\u00fcr sich selbst. \u2013 Dann erst gibt es das Happy End: Der K\u00f6nigssohn und die Prinzessin fahren in der Hochzeitskutsche. Vorn auf dem Kutschbock sitzt der alte Diener Heinrich, der dem verwunschenen Prinzen treu geblieben war. Und jetzt kommt der Teil des M\u00e4rchens, der weniger bekannt ist. Denn am Ende l\u00f6st sich die Spannung: Drei Mal kracht es ganz laut. \u201eHeinrich, der Wagen bricht\u201c, ruft der Prinz voller Angst. Aber der Diener antwortet: \u201eNein, mein Herr, der Wagen nicht. Es ist ein Band von meinem Herzen, das da lag in gro\u00dfen Schmerzen &#8230;\u201c.<\/p>\n<p>\u201eIch wei\u00df, was er meint\u201c, schreibt Sabine Asgodom in ihrem Buch <em>Lebe wild und uners\u00e4ttlich<\/em>. \u201eIch sp\u00fcrte diese eisernen B\u00e4nder lange Zeit auch um mein Herz.\u201c<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Sie sei ein Kopfmensch gewesen und habe nicht wirklich vertrauen k\u00f6nnen. Oft genug habe sie sich selbst nicht gesp\u00fcrt, als stecke ihr Herz in einem Panzer. Stress, Kurzatmigkeit, Abwehr seien die Folge gewesen. Wer sich selbst nicht mehr sp\u00fcrt, der kann auch kaum Empathie f\u00fcr andere entwickeln. Und keine Ideen, keine Visionen. Nur wer mit dem Herzen sieht und dabei die eigenen Gef\u00fchle nicht wegschiebt, l\u00e4sst sich ber\u00fchren und bewegen, schwingt mit in den H\u00f6hen und Tiefen des Lebens. Eigentlich sehnen wir uns danach. Aber wer sich mit Leib und Seele auf das Leben einl\u00e4sst, kann auch ausbrennen und verletzt werden. Deshalb verkriechen wir uns sicherheitshalber in einen Panzer oder wir fahren die Ellenbogen aus. Herzensh\u00e4rte nennt die Bibel das. Aber Gott verspricht immer wieder, seinem Volk ein neues, ein schlagendes Herz zu geben, ein Herz aus Fleisch.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\"><sup><sup>[2]<\/sup><\/sup><\/a> Gebrochene Herzen sollen heilen, verzagte getr\u00f6stet werden, unruhige Ruhe finden. Mehr als tausendmal finden sich solche S\u00e4tze in der Bibel, und das sind keine leeren Versprechen. Immer wieder haben sich Menschen auf die Liebe eingelassen, sind Risiken eingegangen, haben Schmerzen nicht gescheut. Haben leidenschaftlich geliebt und gelebt. Oft waren es gerade die Frauen.<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>Von Liebe und Leidenschaft \u2013\u00a0die anderen Frauengeschichten<\/strong><\/p>\n<p>Erinnern Sie sich an Elisabeth, die Prinzessin aus Ungarn, die alle Konventionen sprengte und alle Regeln brach? Auch sie hatte ihren Traumprinzen gefunden: Ludwig, der sie \u00fcber alles liebte. Nach der prunkvollen Hochzeit wich Elisabeth nicht von seiner Seite \u2013 sa\u00df neben ihm bei Tisch und begleitete ihn auf Reisen. Aber das Gl\u00fcck endete j\u00e4h. Elisabeth war noch keine zwanzig und mit dem dritten Kind schwanger, als Ludwig bei einem Kreuzzug starb. Sie versank in Verzweiflung, wollte nicht mehr weiterleben, jedenfalls nicht so weiterleben. Sie hasste das Leben am F\u00fcrstenhof, den Jahrmarkt der Eitelkeiten, die himmelweite Kluft zwischen dem Reichtum auf der Burg und der Armut unten in deren Schatten. In den letzten Jahren hatte sie manchen ihrer Pelze an einen Frierenden verschenkt. Manchmal hatte sie sich geweigert, erpresstes Gut zu essen, w\u00e4hrend die Armen hungerten. Einmal, als der Sommer fast keine Ernte brachte, hatte sie die Scheunen \u00f6ffnen lassen, um die Hungrigen zu speisen. Jetzt aber will sie so nicht weitermachen, sie will die Mauern sprengen, die Oben und Unten trennen. Verzweifelt ist sie, aber auch leidenschaftlich \u2013 und so beginnt sie noch einmal ein neues Leben. Ihr eigenes Leben.<\/p>\n<p>Niemand h\u00e4lt sie zur\u00fcck, als sie sich vom F\u00fcrstenhof verabschiedet. Als sie alle Sicherheiten hinter sich l\u00e4sst, alles, woran ihr Herz h\u00e4ngt \u2013 sogar ihre Kinder. In Marburg erf\u00fcllt sie sich einen Lebenstraum ganz anderer Art. Von ihrem Witwengut l\u00e4sst sie ein Hospital bauen. Wie eine einfache Schwester lebt sie in Armut und pflegt die Kranken und Sterbenden. Eine Mutter Teresa ihrer Zeit, die F\u00fcrstin, die in Samt und Seide geboren ist, im wollenen Gewand. Die Tochter aus dem K\u00f6nigshaus auf den Spuren des Franz von Assisi. Sie hat alles gegeben, ihren Besitz, ihre Familie, ihre Liebe, ihre Energie \u2013 ohne jede Ber\u00fchrungsangst. Mit vierundzwanzig steckt Elisabeth sich mit Typhus an und stirbt nach wenigen Tagen im Fieber. Die Energie war verbraucht \u2013 aber was hatte sie bewegt! So viele Konventionen gesprengt, so viel Schmerz und Zerrei\u00dfproben ertragen, so viel Liebe gelebt \u2013 leidenschaftlich, brennend vor Hingabe. Die ihr begegnet sind, haben erz\u00e4hlt, dass Menschen und Dinge sich in ihrer N\u00e4he wandelten: Blinde lernten zu sehen, Eltern, die ihre Kinder versto\u00dfen hatten, nahmen sie wieder an, aus dem Brot, das sie unter dem Mantel zu den Armen schmuggelte, sollen Rosen geworden sein, als jemand ihr misstrauisch den Mantel von den Schultern nahm. Ja, und in dem Leprakranken, den sie zur Pflege einmal in ihr Ehebett gelegt hatte, erkannte Ludwig Christus selbst. Elisabeth sah mit dem Herzen und lehrte andere, das Leben so wahrzunehmen. Mit einer Energie, die alle Riegel sprengte.<\/p>\n<p>Elisabeth ist eine meiner Heiligen. Eigentlich haben wir als Protestantinnen doch gar keine Heiligen, werden Sie vielleicht jetzt sagen. Aber das stimmt nicht so ganz. Wer n\u00e4mlich in eine diakonische Einrichtung kommt, wird schnell entdecken, wie viele Heilige es in der Diakonie gibt. Als ich als Vorsteherin nach Kaiserswerth kam, hing in meinem sch\u00f6nen alten B\u00fcro ein Bild von Friederike Fliedner. Und je mehr andere Einrichtungen ich besuchte, desto mehr dieser gro\u00dfen Gr\u00fcnderfrauen und Initiatorinnen habe ich kennengelernt: Amalie Sieveking und Elise Averdieck in Hamburg, Elisabeth Fry in England, Mathilda Wrede in Schweden und Finnland und Eva von Tiele-Winckler in Oberschlesien. Ida Arenhold in Hannover und Alice Salomon aus Berlin und nat\u00fcrlich Florence Nightingale, auch sie f\u00fcr eine Zeit in Kaiserswerth. Oder, heute, die Begr\u00fcnderin der Hospizbewegung Cicily Saunders aus London, die Gyn\u00e4kologin Monika Hauser, Gr\u00fcnderin von Medica Mondiale, und Schwester Lea Ackermann, Gr\u00fcnderin und Vorsitzende von SOLWODI, einem Netzwerk, das sich um Zwangsprostituierte k\u00fcmmert. Bekannte und unbekannte Namen. Krankenh\u00e4user, Hospizdienste, Schulen und Altenhilfeeinrichtungen wurden nach ihnen benannt \u2013 und hinter den Namen verbergen sich mutige und unkonventionelle Lebenswege. Ich bin sicher, Sie werden selbst noch einige hinzuf\u00fcgen k\u00f6nnen. Namen aus Sachsen, Namen, die ich nicht kenne. Ich freue mich auf die Geschichten, die dahinter stehen.<\/p>\n<p>Die moderne Krankenpflege, die Unterst\u00fctzung kinderreicher Familien, der Kampf um die Rechte der Dienstm\u00e4dchen, der Einsatz f\u00fcr Zwangsprostituierte, die Entwicklung der Hospizarbeit, die Sorge f\u00fcr Gef\u00e4ngnisinsassen \u2013 ohne diese Frauen w\u00e4re all das nicht denkbar gewesen. Dabei sind es \u2013 keineswegs nur, aber doch oft \u2013 Schwierigkeiten von Frauen und Familien, die sonst kaum beachtet wurden, f\u00fcr die diese Frauen einen Blick hatten. Mit ihrem Einsatz haben sie nicht nur pers\u00f6nlich Barmherzigkeit ge\u00fcbt \u2013 sie haben neue Wege f\u00fcr Frauen gebahnt, indem sie Organisationen gr\u00fcndeten, mit Politikern verhandelten und die n\u00e4chste T\u00f6chtergeneration fit machten f\u00fcr diese wahrhaft neuen Frauenrollen. Dabei gingen und gehen ihre Netzwerke weit \u00fcber die Kirche hinaus \u2013 seit dem 19. Jahrhundert sind die Diakonikerinnen Teil der wachsenden Zivilgesellschaft und der Frauenbewegung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>An die Grenzen gehen<\/strong><\/p>\n<p>Aber diese engagierten Frauen standen in einer Zerrei\u00dfprobe. Wo sie sich vor allem um Kindererziehung, F\u00fcrsorge und Pflege k\u00fcmmerten wie in der Diakonissenbewegung, schienen sie den konservativen Mainstream in Kirche und B\u00fcrgertum zu best\u00e4tigen \u2013 dass Frauen zu Liebe und F\u00fcrsorge geboren w\u00e4ren. Wenn sie dann aber in solchen Einrichtungen \u2013 in den Mutterh\u00e4usern und Rettungsh\u00e4usern \u2013 auch Leitungs\u00e4mter wahrnehmen oder gar eigene Dienste gr\u00fcnden wollten, fanden sie wenig Unterst\u00fctzung \u2013 von Kirchenm\u00e4nnern nicht, aber auch nicht von der b\u00fcrgerlichen Frauenbewegung. Die Lehrerinnen, \u00c4rztinnen, Physikerinnen r\u00fcckten die Eigenst\u00e4ndigkeit und Freiheit der Frau in den Mittelpunkt, Ehe und Mutterschaft aber sahen sie zeitbedingt kritisch. Und waren nicht die Schwesternschaften eine Art Gro\u00dffamilie mit den Oberinnen als Mutter? Die Frauenbewegung stand mitten in den Zerrei\u00dfproben, das ist nicht neu, und so blieben Macht und Strukturen weitgehend M\u00e4nnersache \u2013 auch und gerade in den diakonischen Einrichtungen. Und wer sich die Leitungsstatistik ansieht, wei\u00df: Das ist noch nicht vorbei. Damals sagte man \u00fcbrigens \u201eLiebesanstalten\u201c \u2013 und versuchte in diesem Wort zusammenzubinden, was doch unvereinbar schien: M\u00e4nnersachen und Frauensachen. Organisation und leidenschaftliches Engagement. Den Diakonikerinnen der ersten Stunde hat man Sentimentalit\u00e4t vorgeworfen, Naivit\u00e4t vielleicht auch \u2013 aber genau mit dieser Unmittelbarkeit und Unbedingtheit gingen sie mitten hinein in die Problemzonen der Gesellschaft, wagten das Ungew\u00f6hnliche und betraten Neuland.<\/p>\n<p>So wie Florence Nightingale, die Lady mit der Lampe, die in den Lazaretten des Krimkriegs nachts an den Sterbebetten wachte. Eine Frau unter Soldaten. Wie sie sich mit \u00c4rzten und Milit\u00e4rs auseinandersetzte, wie sie weit \u00fcber ihre Kr\u00e4fte hinaus die Verwundeten versorgte, die Verwaltung reformierte, Spenden einwarb und Briefe an die Angeh\u00f6rigen schrieb, das ist so unglaublich wie ihre ganze Lebensgeschichte. Die Diplomatentochter hatte schon fr\u00fch davon getr\u00e4umt, Kranke zu pflegen. Als Siebzehnj\u00e4hrige schlief sie mit dem Prospekt der Kaiserswerther Diakonissenanstalt unter dem Kopfkissen.<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\"><sup><sup>[3]<\/sup><\/sup><\/a> Heimlich und gegen den Willen ihrer Familie reiste sie schlie\u00dflich zu den Fliedners nach Kaiserswerth, um dort eine Pflegeausbildung zu machen. Ihre B\u00fcste steht heute im Eingang des Florence-Nightingale-Krankenhauses dort. \u201eJetzt wei\u00df ich, was es hei\u00dft, zu leben und das Leben zu lieben \u2013 und ich m\u00f6chte mir keine andere Erde w\u00fcnschen\u201c, schrieb sie damals voller Begeisterung in ihr Tagebuch. Einsegnen lie\u00df sie sich nicht \u2013 auch ohne kirchlichen Segen f\u00fchlte sie sich berufen. Als wenige Jahre sp\u00e4ter der Krimkrieg ausbrach, setzte sie alles daran, dorthin zu reisen, wo das Elend am gr\u00f6\u00dften war. Es gelang ihr tats\u00e4chlich, F\u00fcrsprecher, Geldgeber und Mitarbeiterinnen zu finden \u2013 vor allem aber Respekt und Anerkennung f\u00fcr ihre Leitungsaufgaben. Und trotzdem: Schon bald schlug ihre Begeisterung in Verzweiflung um. \u201eIch bin in einem Zustand chronischer Wut\u201c, schrieb sie im M\u00e4rz 1856 aus Scutari nach London: \u201eIch habe zugesehen, wie die M\u00e4nner, die mit nichts weiter bedeckt waren als einer schmutzigen Decke und nichts weiter am Leib trugen als ihre Uniformhosen, in diesem schrecklichen Winter auf unn\u00f6tigen Umwegen zu uns gebracht wurden \u2013 w\u00e4hrend wir doch wussten, dass die Vorratslager \u00fcberquollen mit warmer Kleidung.\u201c<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\"><sup><sup>[4]<\/sup><\/sup><\/a> Zu Tode ersch\u00f6pft und mit ohnm\u00e4chtiger Wut kam sie nach England zur\u00fcck und verkroch sich in ihrer Wohnung.<\/p>\n<p>Und dann ging sie zur\u00fcck an die Arbeit. Und sie betrieb ihre Sache nicht nur mit Leidenschaft und Hingabe, sondern auch \u00e4u\u00dferst systematisch. Sie lie\u00df Statistiken \u00fcber die Volksgesundheit erstellen, entwarf Curricula f\u00fcr Pflege- und Hebammenschulen und schrieb Eingaben an die Regierung. Sie verfasste fachlich versierte B\u00fccher \u00fcber die Krankenpflege und den sinnvollen Aufbau von Krankenh\u00e4usern die weltber\u00fchmt wurden. Und wer noch daran gezweifelt hatte, der begriff jetzt: Dieses Licht, das die Lady mit der Lampe auszeichnete, kam nicht nur aus ihrem Herzen, sondern auch aus einem klugen Kopf und einem starken Willen. \u201eWenn du dich klein machst, hilft das der Welt nicht\u201c, hat Marianne Williamson aus S\u00fcdafrika hundert Jahre sp\u00e4ter geschrieben. \u201eWir sind geboren, um den Glanz Gottes zu offenbaren, der in uns ist. Wenn wir unser eigenes Licht scheinen lassen, geben wir anderen ebenfalls die Erlaubnis, ihr Licht scheinen zu lassen.\u201c Florence hat sich nicht klein gemacht \u2013 sie ist ihren eigenen Weg gegangen: Gegen den Willen ihrer Familie ging sie nach Kaiserswerth, sie erk\u00e4mpfte sich ihre Ausbildung dort, sie entschied sich, auf die Krim zu gehen, und sie hatte auch keine Scheu, ihre Lehrer und F\u00f6rderer zu kritisieren. Sie war mutig genug, sich \u00fcber Konventionen hinwegzusetzen. Ob Kolonialpolitik oder Standesd\u00fcnkel, Geschlechterrollen oder Kirchenhierarchien \u2013 f\u00fcr sie ging es immer nur darum, den Kranken zum Leben zu helfen. Diese Energie, ihre Freiheit und Unmittelbarkeit, die alle Riegel sprengte, hatte auch mit ihrem Glauben zu tun. \u201eWo werde ich Gott finden\u201c, schrieb sie auf der Krim in ihr Tagebuch. Sie finde ihn \u201ein mir selbst. Das ist die wahre Lehre der Mystik. Aber dann muss ich bereit sein, ihn aufzunehmen und ihm eine Wohnstatt zu bieten.\u201c<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>Perfekte Frauen? Nein, Heilige.<\/strong><\/p>\n<p>Wie Elisabeth, Friederike und die anderen geh\u00f6rt auch Florence Nightingale zur Galerie meiner Glaubenszeuginnen. Und ich vermute, Sie k\u00f6nnten auch dazu geh\u00f6ren. Ich stelle mir vor, wie Sie sich einbringen \u2013 hauptamtlich oder auch ehrenamtlich. Vielleicht arbeiten Sie bei einer Tafel mit? Oder in einer Initiative f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge? Vielleicht sind Sie in der Pflege engagiert oder in einem Besuchsdienst? Sie engagieren sich in der Leitung einer Einrichtung, im Hospizdienst oder in einem Quartiersprojekt. Vielleicht haben Sie auch das Gef\u00fchl, dass die Spannungen in unserer Gesellschaft zunehmen und die Solidarit\u00e4t abnimmt. Von der Gesellschaft der Angst ist die Rede, der Ellenbogengesellschaft, vom Wolfsrudel. Und ich bin so dankbar, dass es Menschen gibt wie Sie, die etwas dagegen unternehmen. Mit ihren H\u00e4nden, mit ihren Herzen, mit ihrem Kopf. Der Papst hatte das richtige Gef\u00fchl, als er das Jahr der Barmherzigkeit ausrief. Und Mutter Teresa heilig sprach. Haben Sie es bemerkt? Wie nebenbei habe ich Sie eben als Heilige bezeichnet!<\/p>\n<p>Frauen, hatten wir festgestellt, sind streng unter Beobachtung, wenn sie etwas anpacken. Vor allem, wenn sie nach der Macht greifen und dabei Schw\u00e4che zeigen \u2013 man sieht das gerade an Hilary Clinton. Macht gilt noch immer als unweiblich, M\u00e4nnersache. Viele Frauen wollen sich daher auch nicht auf Leitungs\u00e4mter einlassen, sind frustriert von den Konkurrenzk\u00e4mpfen in gr\u00f6\u00dferen Institutionen oder Unternehmen, den oft autorit\u00e4ren Strukturen, von Intrigen und auch schlicht von der Tragweite, die Fehlentscheidungen haben k\u00f6nnen, wenn man sie nicht nur f\u00fcr sich selbst und den eigenen kleinen Kreis trifft. Die Philosophin Rebekka Reinhard hat eine <em>Kleine Philosophie der Macht<\/em> geschrieben \u2013 <em>nur f\u00fcr Frauen<\/em>. Darin setzt sie sich mit der Ohnmacht auseinander, sie empfiehlt, richtig w\u00fctend zu werden und den Nonkonformismus zu kultivieren. Ich denke, was das angeht, l\u00e4sst sich einiges bei den Diakonikerinnen lernen. Letztlich geht es ihr darum, Macht und Moral zu verbinden.<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a> Darum geht es auch in der Diakonie \u2013 noch immer. Zwischen den Leitungsorganen und den Mitarbeiterinnen, zwischen Haupt- und Ehrenamtlichen. Zwischen denen, die eine Anstellung haben oder \u00fcber politischen Einfluss verf\u00fcgen, und denen, die einfach ihre Zeit und Energie geben, weil sie ein Problem angehen wollen. So oder so \u2013 \u201eWir sind alle keine Engel\u201c, schreibt Rebekka Reinhard. \u201eKeine von uns ist schlechthin gut, keine schlechthin ohnm\u00e4chtig. Wir alle wollen respektiert, geliebt und gemocht werden. Wir alle wollen Macht.\u201c Es gibt eben keine Heiligen im Sinne von moralischer Vollkommenheit. Darum sollten wir das Feld nicht nur den M\u00e4nnern \u00fcberlassen. Denn Macht hat ja eigentlich durchaus mit <em>machen<\/em> zu tun. Und wenn Macht also hei\u00dft, etwas zu ver\u00e4ndern und zu gestalten, dann sollten wir genau das tun!<\/p>\n<p>Ob das Gute eine Vision bleiben muss, k\u00f6nnen wir nur herausfinden, wenn wir versuchen, es zu realisieren. Dazu brauchen wir eine grenz\u00fcberschreitende, eine wilde Macht, die \u00fcber die jeweiligen Ordnungsgrenzen hinaustreibt, sagt Rebekka Reinhard: Wir brauchen eine Macht, die sich weigert, sich einschr\u00e4nken zu lassen durch bestimmte Positionen, Rollen, Normen, Konventionen.<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a> Die dem eigenen Gef\u00fchl folgt wie die Prinzessin. Und die gerade daraus die F\u00e4higkeit nimmt, die anderen wahrzunehmen, Leiden zu sehen und Konflikte auszutragen. Die Liebe der Prinzessin kennt Dankbarkeit, Mitleid und Verzweiflung \u2013 vor allem aber Respekt. Das sind gute Grundlagen f\u00fcr ein ehrliches Miteinander. Was wir im Innersten brauchen, ist dieses lebendige Bezogensein, ein neues WIR in dem Spannungsfeld zwischen Vorst\u00e4nden und Mitarbeitenden, M\u00e4nnern und Frauen, Haupt- und Ehrenamtlichen, Frauen und Frauen. Vor allem aber: zwischen Ihnen als Diakonikerinnen und denen, die sich abgeh\u00e4ngt f\u00fchlen, die Ermutigung brauchen.<\/p>\n<p><strong>\u201eDenken Sie gro\u00df<\/strong>\u201c, schreibt Rebekka Reinhard, folgen Sie Ihrer Leidenschaft, setzen Sie Dinge in Bewegung. Gr\u00fcnden Sie eine Initiative, starten Sie eine Kampagne. Lassen Sie Ihre Arbeit sichtbar werden, lassen Sie sie wachsen. Und lassen Sie sich dabei inspirieren und unterst\u00fctzen von denen, die schon mal einen gro\u00dfen Weg gegangen sind, Ihre Heldinnen und Vorbilder, unsere Heiligen. Wenden Sie sich gemeinsam der Zukunft zu. F\u00fcnf Dinge m\u00f6chte ich Ihnen heute weitergeben:<\/p>\n<ol>\n<li><strong>Geben Sie Ihre Tr\u00e4ume nicht auf<\/strong>: nehmen Sie Ihr Herz in die Hand. \u201eMein Herz ist schon da, und ich hoffe, dass ich eines Tages auch dort sein kann\u201c, schrieb Florence in ihr Tagebuch. Damals ging es um Kaiserswerth. Sie hat Wege gefunden, zu erreichen, was sie wollte. Was immer Sie unter dem Kopfkissen haben \u2013 eine neue Idee, eine Fortbildung, eine Kampagne \u2013 geben Sie Ihren Traum nicht auf.<\/li>\n<li><strong>Nehmen Sie die Wirklichkeit wahr, wie sie ist<\/strong> \u2013 und wenn Sie sie unertr\u00e4glich finden, werfen Sie den Frosch an die Wand, wie es die Prinzessin getan hat. Verstecken Sie Ihre Wut und Trauer nicht. \u201eMit mir nicht\u201c zu sagen, ist nicht peinlich, sondern stark. Haben Sie Mut, Probleme anzusprechen. Wer den Reformstau aufl\u00f6sen will, muss Missst\u00e4nde benennen.<\/li>\n<li><strong>Pflegen Sie Ihre Eigenst\u00e4ndigkeit, auch wenn das den Rahmen sprengt: <\/strong>Wenn wir anderen zu ihrer W\u00fcrde helfen wollen, ist unsere ganze Person gefragt. Unsere Professionalit\u00e4t, unser Eigensinn und die Freiheit, dem eigenen Gewissen zu folgen, wenn es ums Ganze geht. Unser Herz will schlagen und f\u00fchlen, was ist \u2013 auch wenn das den Rahmen sprengt.<\/li>\n<li><strong>Pflegen Sie sich selbst und achten Sie auf Ihr inneres Licht:<\/strong> Wer sich begeistern l\u00e4sst, kennt auch das Ausbrennen. Wer mit anderen an die Grenze geht, kommt auch selbst an den Punkt, wo er nicht weiter wei\u00df. Manchmal f\u00fchrt unser Weg durch die Nacht und erhellt sich nur Schritt f\u00fcr Schritt. Dann brauchen wir Zeit f\u00fcr uns selbst, Zeit zum Gebet.<\/li>\n<li><strong>Und vergessen Sie nicht: Sie sind nicht allein.<\/strong> Sie sind von Engeln umgehen &#8211; von Ihren Heiligen in der Geschichte und Ihren Freundinnen und Freunden in der Gegenwart. Also: Schauen Sie auf Ihre Bildergalerie und vor allem: Schauen Sie sich um. Jetzt und hier im Saal. Und dann kn\u00fcpfen Sie die Netze, die Sie brauchen.<\/li>\n<\/ol>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Cornelia Coenen-Marx, 29.9.16<\/p>\n<h5><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Sabine Asgondom, Lebe wild und uners\u00e4ttlich. Zehn Freiheiten f\u00fcr Frauen, die mehr vom Leben wollen, K\u00f6ln 2007, S.\u00a0???.<\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Beispielsweise Hes 11,19.<\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Wolfgang Genschorek, Schwester Florence Nightingale, Leipzig 1920.<\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Manfred Vasold, Florence Nightingale, Eine Frau im Kampf f\u00fcr die Menschlichkeit, Regensburg 2003.<\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> Rebekka Reinhard, Kleine Philosophie der Macht \u2013 nur f\u00fcr Frauen, M\u00fcnchen, 2. Aufl. 2015, S. 186 ff.<\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> Reinhard, a.a.O., S. 189.<\/h5>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dem Herzen Platz schaffen Erinnern Sie sich an den Froschk\u00f6nig? Der h\u00e4ssliche gr\u00fcne Frosch tr\u00e4gt am Anfang keine Krone. 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