{"id":235,"date":"2015-01-17T20:24:31","date_gmt":"2015-01-17T20:24:31","guid":{"rendered":"http:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=235"},"modified":"2015-07-29T10:16:46","modified_gmt":"2015-07-29T10:16:46","slug":"zwischen-autonomie-und-angewiesenheit-zur-kontroverse-um-die-orientierungshilfe-der-ekd","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=235","title":{"rendered":"Zwischen Autonomie und Angewiesenheit"},"content":{"rendered":"<h3><strong>Zur Kontroverse um die Orientierungshilfe der EKD<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>1. Was f\u00fcr eine Debatte: heftig, focussiert und nachhaltig<\/strong><\/p>\n<p>Anders als die misslungene Familienschrift, seien die Thesen zur Bedeutung der Reformation der EKD angemessen: gr\u00fcndlich und bei der eigenen Sache, konnte man dieser Tage in einem Kommentar von Reinhard Bingener in der FAZ lesen. Der Vergleich hat mich nachhaltig irritiert, weil es in meiner Perspektive um einen grundlegend anderen Texttypus ging. Gleichwohl zeigt er die Nachhaltigkeit und Heftigkeit der Debatte um die Orientierungshilfe, bei der die FAZ eine entscheidende Rolle gespielt hat.<\/p>\n<p>\u201eSind Sie nicht \u00fcberrascht \u00fcber die Diskussion?\u201c wurde ich immer wieder gefragt. Doch, zun\u00e4chst einmal war ich \u00fcberrascht. Nicht nur \u00fcber Ausma\u00df und Heftigkeit der Debatte, sondern auch und vor allem \u00fcber ihren Focus. Denn der Rat der EKD hatte im Jahr 2008 eine ad-hoc-Kommission berufen, um kirchliche Handlungsempfehlungen f\u00fcr die aktuellen familienpolitischen Herausforderungen zu formulieren. Die Kommission unter Leitung der ehemaligen Familienministerin Dr. Christine Bergmann sollte sich mit der Spannung zwischen dem offensichtlichen Wunsch nach stabilen Ehen und Familien einerseits und der gesellschaftlichen Wirklichkeit mit einer hohen Scheidungsrate und einer gro\u00dfe Zahl Alleinlebender und Alleinerziehender andererseits auseinander zu setzen. Die Zusammensetzung der Kommission &#8211; insgesamt 14 Mitglieder: Soziologinnen und Soziologen, Theologinnen und ein Theologe, Juristinnen \u2013 Menschen aus Politik und Kirche, Wissenschaft, Diakonie und Verb\u00e4nde- entsprach der anderer sozialpolitischen ad-hoc-Kommissionen und Kammern der EKD. Dass unter den 14 Personen in diesem Fall nur drei M\u00e4nner waren, gab im Nachhinein Anlass zu Fragen. Tats\u00e4chlich spiegelt sich aber in der einzigartigen Dominanz von Frauen die Realit\u00e4t in diesem Arbeitsfeld.<\/p>\n<p>Auf dem Hintergrund ihres Auftrags hat sich die ad-hoc-Kommission mit der soziologischen Wirklichkeit, den familienpolitischen Paradigmen, der Geschichte und Rechtslage besch\u00e4ftigt, hat Herausforderungen und Brennpunkte der Familienpolitik benannt und schlie\u00dflich politische wie auch praktisch-theologische Empfehlungen gegeben. Dabei ist die \u201eOrientierungshilfe\u201c in die Reihe der gesellschaftspolitischen Schriften der EKD einzuordnen- wie \u201eGerechte Teilhabe\u201c, die \u201e Unternehmerdenkschrift\u201c, oder die Orientierungshilfen zum demographischen Wandel- oder zur Gesundheitspolitik. Jeder dieser Texte hat auch ein theologisches Kapitel, die eine spezifische, kirchlich-theologische Perspektive in die Fachdebatte einbringt- und jedes hat auch ein Schlusskapitel, das die Empfehlungen auf die konkrete kirchlich-diakonische Arbeit bezieht. Gleichwohl sind die Begrifflichkeiten von den Fachwissenschaften gepr\u00e4gt &#8211; in diesem Fall also: Autonomie und Angewiesenheit, nicht Freiheit und Bindung. Es geht nicht um differenzierte innertheologische Auseinandersetzung mit Schrift und Tradition ( auch wenn auf beides Bezug genommen wird ), die Texte sind auch nicht als Grundsatz- oder \u201eKatechismustexte\u201c oder als Seelsorge f\u00fcr die Gemeinde zu lesen, sie sind das Ergebnis einer interprofessionellen Debatte von Christinnen und Christen mit ganz verschiedenen Funktionen in Kirche und \u00d6ffentlichkeit richten sich an die Verantwortlichen in einem bestimmten Arbeitsfeld von der Ebene der Politik bis zu der vor Ort..<\/p>\n<p>Nun ist es nicht das erste Mal, dass die Debatte um eine EKD-Schrift so heftig gef\u00fchrt wird. Auch in der Auseinandersetzung mit der \u201eUnternehmerdenkschrift\u201c von 2008 gab es \u00e4hnlich grunds\u00e4tzliche Kritik, wenn auch aus einem anderen politischen \u201eLager\u201c \u2013 die Schrift galt als neoliberal. Auch damals wurde beklagt, dass der theologische Teil zu \u201ed\u00fcnn\u201c sei, es gab Unterschriftenaktionen und Erkl\u00e4rungen mit dem Ziel der R\u00fccknahme des Textes, wenige Monate sp\u00e4ter erschien eine Gegenschrift, bei der dann folgenden EKD-Synode wurde demonstriert. Interessanterweise ist diese Diskussion aber weder in den Medien noch in der Kirchenkonferenz wirklich wahrgenommen worden; und ich habe mich lange gefragt, warum das beim Thema Familie anders ist:<\/p>\n<p>Zwei Antworten darauf habe ich gefunden: zum einen r\u00fchrt das Thema \u201eUnternehmen und Zukunft der Sozialen Marktwirtschaft\u201c anders als das Thema \u201eFamilie\u201c nicht ans Selbstverst\u00e4ndnis kirchlichen Handelns. Hier zeigt sich noch immer eine deutliche Spaltung zwischen der Welt von Wirtschaft und Arbeit mit ihrer \u00f6konomisch-politischen Ausrichtung auf der einen Seite und der Welt von Kirche und Familie mit ihrer Orientierung an N\u00e4chstenliebe auf der anderen. Geld oder Liebe \u2013 Politik oder Religion \u2013 Au\u00dfen und Innen \u2013 M\u00e4nner- und Frauenwelt: Dass diese Dichotomie noch immer nicht \u00fcberwunden ist, h\u00e4tte ich mir zu Beginn meiner Berufst\u00e4tigkeit nicht vorstellen k\u00f6nnen; und es ist auch deshalb problematisch, weil die so genannten \u201eweichen\u201c, die F\u00fcrsorge-Werte in Politik und Management den \u201eharten\u201c \u00f6konomischen immer noch nachgeordnet werden. Die Konsequenzen f\u00fcr Reproduktion und Wohlfahrt sind gravierend \u2013 und sich zunehmend auch \u00f6konomisch aus. Wer in den letzten Wochen Spiegel, Stern oder Brigitte gelesen, wer Talkhows zum Thema \u201e Rente\u201c gesehen hat, der hat wahrgenommen, dass viele Frauen zwischen 40 und 50 sich als betrogene Generation verstehen &#8211; die Care-Arbeit, die sie wahrgenommen haben, Teilzeitarbeit und mangelnde Aufstiegschancen werden sich in einer geringen Rente spiegeln. Zugleich macht die Debatte um die Reform der Pflegeversicherung wie um die fehlenden Erzieherinnen noch einmal deutlich, wie gering auch die professionelle Care-Arbeit in Deutschland gesch\u00e4tzt wird- dass also weder die unentgeltliche Erziehungs- und Pflegearbeit in der Familie noch die professionelle Infrastruktur so ausgestattet sind, dass sie mit dem Anspruch an die Erwerbsarbeit beider Geschlechter vereinbar w\u00e4ren.<\/p>\n<p>Zugleich allerdings, und das ist meine zweite Antwort, erf\u00e4hrt \u201e Familie\u201c als Lebensgemeinschaft im Wertesystem der B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger gerade eine enorme Aufwertung. Gerade weil die Erwerbswelt inzwischen f\u00fcr Frauen wie M\u00e4nner zentral ist und gerade weil sie in einem starken Wandel begriffen ist und enorme Herausforderungen birgt, wird Familie zu einer Art Gegenwelt, auf die sehr viele Menschen gro\u00dfe Erwartungen richten. Und dabei erhofft man sich die Unterst\u00fctzung auch der Kirchen. Ganz im Gegensatz zu der Sehnsucht nach Familie und Gemeinschaft geh\u00f6rt aber die \u201eVersingelung\u201c der westlichen Gesellschaften zu den Megatrends, die laut Time-Magazin unser Leben ver\u00e4ndern. 28% aller US-Haushalte sind heute Single-Haushalte, verglichen mit 9% in den 50er Jahren ein enormer Anstieg. In Schweden sind es \u00fcbrigens 47 Prozent, in Gro\u00dfbritannien 34, in Japan 31 Prozent \u2013 aber in Kenia nach wie vor nur 15, in Indien sogar nur 3 Prozent. Der Soziologieprofessor Eric Klinenberg kommt zu dem Ergebnis, dass Alleinleben der beste Weg ist, die modernen Werte einer individualistischen Gesellschaft zu leben: Freiheit, Selbstverwirklichung und Selbstkontrolle- eben Autonomie. Auch viele Paare kennen im \u00fcbrigen Lebensphasen, in denen sie aus beruflichen Gr\u00fcnden \u00fcber lange Zeit getrennt leben und die eigenen Spielr\u00e4ume neu ausloten. Immerhin jedes dritte Paar in den ersten Berufsjahren ist betroffen- und f\u00fcr viele ist das der selbstverst\u00e4ndliche Preis f\u00fcr berufliche Mobilit\u00e4t und Karriere. Die jungen Frauen, die in Deutschland oder Polen von Ost mit der Arbeit von Ost nach West gezogen sind, die Familienv\u00e4ter, die montags bis freitags unterwegs sind, sie gehen den M\u00e4rkten nach. Zur\u00fcck bleiben die Alten und oft genug die Kinder.<\/p>\n<p>Genau wie Unternehmen in schwankenden M\u00e4rkten, m\u00fcssen Menschen ihre Finanz- und Lebensplanung anpassen, wenn sie nicht mehr mit einer festen Arbeitsstelle oder einem festen Einkommen rechnen k\u00f6nnen &#8211; so beschreibt Markus V\u00e4th<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> die Zukunft von Arbeit und Gesellschaft. Auf den Pr\u00fcfstand kommt dann alles, was Menschen bindet &#8211; und das geht \u00fcber das Finanzielle hinaus. Ob es um Familienplanung, Haus, Karriere oder Wohnort geht: In Zukunft werden wir sehr bewusst \u00fcber die Bestandteile unseres Lebens entscheiden m\u00fcssen. Die Frage ist, so V\u00e4th, wo wir als Gesellschaft die Grenze zwischen Flexibilit\u00e4t und Selbstaufgabe ziehen. Wof\u00fcr nimmt der einzelne die Verantwortung, wof\u00fcr der Staat und was ist die Herausforderung f\u00fcr die Wirtschaft? Im Hamsterrad des Wettbewerbs, in dem viele sich verschlei\u00dfen und ausbrennen, zerf\u00e4llt der Lebenslauf in Projekte, angesichts der Mobilit\u00e4t schwindet die M\u00f6glichkeit, an einem Ort wirklich Wurzeln zu schlagen, Erfahrung wird durch Innovation entwertet und die schiere Zahl der Lebens- und Arbeitsbeziehungen bedroht die Dauer der Bindungen. Der Philosoph Hartmut Rosa beschreibt diese Prozesse als strukturelle Entfremdung und zeigt zugleich, wie sehr wir eben auf Erfahrungen und Beziehungen, auf Verortung angewiesen sind, um Resonanz zu erfahren.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a>. Das kann aber nur gelingen, wenn Politik und Wirtschaft Rahmenbedingungen schaffen, die diese Lebensform unterst\u00fctzen. Insofern ist die Frage nach der Lebensform auch in einem freiheitlichen Staat eben nicht nur eine private Frage. Und die Frage, was wir meinen, wenn wir von Familie sprechen, ist eben gesellschaftspolitisch hoch relevant. Die mediale Debatte zwischen FAZ , Welt und anderen auf der einen und TAZ , S\u00fcddeutscher und vielen regionalen Bl\u00e4ttern auf der anderen hat gezeigt, dass es dabei eben auch um \u00f6konomische Fragen ging.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>2. Zwischen Empirie, Entwicklungspfaden und Leitbildern- zur Arbeit der Kommission<\/strong><\/p>\n<p>Vielleicht geh\u00f6rt es zu den im Nachhinein nicht unproblematischen Rahmenbedingungen, dass diese politische wie die historische Rahmung famili\u00e4rer Lebensformen f\u00fcr die Kommission ganz selbstverst\u00e4ndlich war. In den ersten Sitzungen, in denen es darum ging, sich \u00fcber den eigenen Auftrag zu verst\u00e4ndigen, bestand schon bald \u00dcbereinstimmung, dass wir zun\u00e4chst eine empirische Bestandsaufnahme brauchten, dass sodann klar werden und auch beschrieben werden sollte, welche Entwicklungspfade die Familienpolitik in Deutschland genommen hatte, welche Trends erkennbar sind und wo auf diesem Hintergrund heute die Brennpunkte liegen. Dabei wurde deutlich: Die Ver\u00e4nderungsprozesse und Herausforderungen, die Familien heute kennzeichnen, haben allesamt mit Modernisierungsprozessen zu tun- mit der \u00fcberragenden Bedeutung von Bildung und Erwerbsarbeit in der Arbeitsgesellschaft, mit der Entwicklung von Autonomie, Individualit\u00e4t und Vielfalt und schlie\u00dflich mit der wachsenden Ungleichheit und der Untersch\u00e4tzung von Sorgearbeit. Vier will ich kurz heraus greifen:<\/p>\n<p>Erstens: <strong>Die Zeit f\u00fcr Familiengr\u00fcndung ist knapp geworden:<\/strong> Lange Ausbildungszeiten und schwierige Berufseinstiege haben zur Folge, dass die Geburt von Kindern im Lebenslauf immer weiter hinausgeschoben wird: Das Durchschnittsalter der Erstgeb\u00e4renden liegt gegenw\u00e4rtig bei 29 Jahren (Ostdeutschland: 27 Jahre), 60% der Kinder werden von M\u00fcttern zwischen 26-35 geboren (Statistisches Bundesamt 2012: 9f.). Und \u2013 auch daran sei hier erinnert- ein nicht kleiner Teil der betroffenen Frauen leiden darunter, dass ihr Kinderwunsch sich nicht, wie geplant erf\u00fcllt, weil die Zeit knapp geworden ist, weil sie den richtigen Partner nicht gefunden haben. Reproduktionsmedizin spielt bei der Familienplanung eine immer gr\u00f6\u00dfere Rolle. 100.000 Samenspenderkinder leben inzwischen in Deutschland.<\/p>\n<p><strong>Zweitens: Die Vielfalt des Familienlebens nimmt zu. <\/strong>Ein Drittel aller Kinder werden nichtehelich geboren. Das sind doppelt so viele, wie noch vor zwanzig Jahren .Hier besteht allerdings ein markanter deutsch-deutscher Unterschied: Im Westen sind es n\u00e4mlich nur 27% der Kinder, im Osten 61%. Hochzeiten werden gro\u00df gefeiert. Aber die Ehe ist nicht mehr Voraussetzung, sondern Folge gemeinsamer Kinder. Dabei ist der Anteil alleinerziehender Familien (19 Prozent) deutlich angestiegen- auch hier zeigt sich allerdings ein gro\u00dfer Unterschied zwischen Ost und West. In Ostdeutschland machen verheiratete Familien nur noch knapp die H\u00e4lfte aus, w\u00e4hrend jede vierte Familie eine Ein-Eltern-Familie ist. Zwar sind noch 72 Prozent der Familien Ehepaare mit Kindern (BMFSFJ 2012: 22), aber Familien auf Ehebasis sind zunehmend Patchwork-Konstellationen. Das alles bedeutet: Familie ist nicht mehr die vielbeschworene \u201e Gemeinschaft des Blutes\u201c, sie ist nicht einfach Schicksalsgemeinschaft, sondern mehr und mehr auf Entscheidungen f\u00fcreinander gegr\u00fcndet. Die Soziologie spricht von Familie als \u201eHerstellungsgemeinschaft\u201c. Das bedeutet: Familie zu leben, braucht bewusste Arbeit an einer gemeinsamen Identit\u00e4t und Kultur und Zeit f\u00fcr vielf\u00e4ltige Kontakte &#8211; und eine gute finanzielle Basis. Auch in Br\u00fcchen Zusammenhalt zu leben ist eben leichter, wenn man das Ganze finanziell abfedern kann.<\/p>\n<p><strong>Der dritte Trend zeigt aber: die w\u00e4chst gesellschaftliche und \u00f6konomische Spreizung w\u00e4chst- <\/strong>nicht nur deshalb, weil sich die sozialen Milieus in Deutschland in hohem Ma\u00dfe auseinander entwickeln. Auff\u00e4llig ist die Polarisierung sozialer Lebenslagen zwischen Ein- und Zwei-Verdiener Haushalten, vor allem aber zwischen denen, die f\u00fcr Kinder sorgen und denen, die keine Kinder zu versorgen haben. Familienarbeit wird finanziell nur honoriert, wenn sie Ehe- oder Lebenspartnerschaft basiert ist. Auch deshalb sind Alleinerziehende, die kaum in Vollzeit arbeiten k\u00f6nne, \u00fcberdurchschnittlich h\u00e4ufig von Einkommensarmut betroffen. :Mit einem Kind sind sie zu 46%, mit zwei und mehr Kindern sogar zu 62% armutsgef\u00e4hrdet. In Paarhaushalten liegt die Armutsrisikoquote dagegen je nach Kinderzahl zwischen 7 und 22 Prozent.<\/p>\n<p><strong>Und schlie\u00dflich viertens: Die Zuordnung von Familienerziehung und \u00f6ffentlicher Erziehung hat sich in Gesamtdeutschland ver\u00e4ndert<\/strong><\/p>\n<p>Der Streit um Betreuungsgeld und Krippenpl\u00e4tze dreht sich nicht zuletzt um die Frage, was n\u00f6tig ist, um die Chancen dieser Kinder zu verbessern. Aus der Geschichte der DDR bringt Deutschland nicht nur die selbstverst\u00e4ndliche Erfahrung von Krippenerziehung und Ganztagsschulen mit, dazu geh\u00f6rt auch ein anderes Miteinander von Schule und Elternhaus und nat\u00fcrlich die Sorge vor staatlichen Eingriffen und Ideologisierung im Dienst von Staat und Wirtschaft. Tats\u00e4chlich steckt diese Erfahrung all den L\u00e4ndern in Europa &#8211; von Spanien bis nach Rum\u00e4nien- in den Knochen, die totalit\u00e4re Systeme erfahren haben. Doch findet sich auch in den USA eine andere Selbstverst\u00e4ndlichkeit im Miteinander von Schule und Elternhaus.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>3. Zur Rolle der Kirche im politischen Wertesystem<\/strong><\/p>\n<p>Die wechselseitige Einflussnahme von Politik, gesellschaftlichen Entwicklungen und Kirche als Institution ist gerade auf dem Feld von Ehe und Familie in Deutschland besonders gro\u00df ist. Mit ihren biblisch begr\u00fcndeten Leitbildern haben die Kirchen immer Einfluss genommen auf die Entwicklung von Eherecht und Familienleben. \u201eKinder, K\u00fcche, Kirche\u201c waren nie unpolitisch \u2013 im Gegenteil: in diesem Feld hat sich die Kirche deutlich positioniert \u2013 ob es um Elternrechte und Kindererziehung ging, oder auch um die Verhinderung der Erwerbst\u00e4tigkeit von Frauen. Das familienpolitische Modell in Deutschland ist im Miteinander der beiden gro\u00dfen Kirchen ganz wesentlich von der christlichen Soziallehre gepr\u00e4gt. Und dieses Leitbild wirkt bis heute nach \u2013 von den Sozialsystemen bis zur Halbtagsschule. Die Mitglieder der Kommission waren sich schnell dar\u00fcber einig, dass die Kirche, die bis heute f\u00fcr die Entwicklung und Gestaltung von Erziehung und Pflege in Deutschland wesentlich Verantwortung tr\u00e4gt, nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht hat , sich auch politisch \u00fcber die Zukunft von Familien zu \u00e4u\u00dfern. Dabei ist es unverzichtbar, den Blick \u00fcber Deutschland hinaus auf Europa hin zu weiten. Denn es ist letztlich die europ\u00e4ische Rechtssitzung, die das Verh\u00e4ltnis von individueller Gleichstellung \u2013 zum Beispiel ehelicher und nichtehelicher Kinder oder homo- und heterosexueller Menschen \u2013 und dem Schutz der famili\u00e4ren Gemeinschaft auch in Deutschland ver\u00e4ndert hat. Die j\u00fcngsten Auslegungen von Artikel 6 GG durch das Bundesverfassungsgericht, die- wie sich nun an den bei uns eingegangenen Briefen zeigt, manchen in den Gemeinden ein Dorn im Augen sind, geschahen im Spannungsfeld eines neuen Verst\u00e4ndnisses von Artikel 1 und 3 auf dem Hintergrund der europ\u00e4ischen Anti-Diskriminierungsgesetzgebung.<\/p>\n<p>In der Arbeit der Kommission ist mir bewusst geworden: Das westdeutsche Modell der Familienpolitik<strong>,<\/strong> das vielen nach wie vor selbstverst\u00e4ndlich erscheint, setzt auf Subsidiarit\u00e4t: es geht in seinen Grundz\u00fcgen noch immer von der traditionellen Familie als Erwerbs- und F\u00fcrsorgegemeinschaft aus \u2013 mit vollerwerbst\u00e4tigem Familienvorstand und einer Hausfrau und Mutter, die f\u00fcr Erziehung und Pflege sorgt. Diese Gemeinschaft wird vom Staat gef\u00f6rdert und finanziell gest\u00fctzt \u2013 durch Ehegattensplitting und Mitversicherung von Frauen und Kindern \u00fcber die an der Erwerbst\u00e4tigkeit angekoppelten sozialen Sicherungssysteme. Zugleich baute das Bildungssystem von Kinderg\u00e4rten bis Halbtagsschulen darauf, dass einer der Ehepartner, in der Regel die Frauen, allenfalls halbtags arbeitete. Dieses Modell steht in Europa familienpolitisch in der Mitte \u2013 zwischen hoher Frauenerwerbst\u00e4tigkeit, Individualbesteuerung, staatlicher F\u00fcrsorge und Ganztagsschulen im staatlich-lutherischen Skandinavien oder im laizistisch-zentralistischen Frankreich einerseits und einer noch st\u00e4rkeren Privatisierung von Familien und F\u00fcrsorgeleistungen im katholischen Italien oder Spanien auf der anderen Seite. Dabei zeigt sich: es gibt keinen Zusammenhang zwischen hoher Geburtenrate und geringer Frauenerwerbst\u00e4tigkeit \u2013 im Gegenteil. Wo die Infrastrukturleistungen Erwerbst\u00e4tigkeit erm\u00f6glichen, wie in Frankreich oder Skandinavien, ist die Geburtenrate hoch, wo sie fehlen, besonders niedrig.<\/p>\n<p>Gleichwohl war unser westdeutscher Blick lange Zeit bestimmt von der Abgrenzung gegen\u00fcber der DDR. Die Gleichberechtigung in der Erwerbsarbeit, die sich die Frauenbewegung im Westen seit Ende der 60er Jahre auf die Fahnen geschrieben hatte, galt allerdings als eine der gro\u00dfen Errungenschaften der DDR. Sie wollte Frauen f\u00fcr den Arbeitsmarkt rekrutieren und zugleich den \u201aWille zum Kind\u2019 st\u00e4rken. Und tats\u00e4chlich lag die Frauenerwerbsbeteiligung im Osten 1989 bei fast 90% im Gegensatz zu 55% in Westdeutschland. Inzwischen liegt sie bei 70% in Gesamtdeutschland \u2013 gleichwohl ist die Erwerbsstundenzahl nicht gewachsen \u2013 der Normalfall ist die Teilzeit f\u00fcr Frauen. Kein Wunder, dass die Leitbilder der Familienpolitik im wieder vereinigten Deutschland von Anfang an strittig waren- und dass nun auch keinesfalls gew\u00fcrdigt wird, wenn dieses EKD-Text zum ersten Mal eine sozialpolitische Entwicklung in beiden deutschen Staaten aufzeigt.<\/p>\n<p>Dabei unterscheiden sich die politische und wirtschaftliche Zielsetzung in der heutigen Bundesrepublik kaum noch von der oben beschriebenen: angesichts der Reproduktionskrise und des demografischen Wandels geht es jetzt in ganz Deutschland um eine h\u00f6here Erwerbsbeteiligung von Frauen und zugleich um die Steigerung der Geburtenrate. Und selbst die Bertelsmann-Stiftung lobt inzwischen ostdeutsche Ganztagsschulen und Lehrerausbildung. In der Debatte um unseren Text sp\u00fcre ich eine gro\u00dfe Skepsis gegen\u00fcber familienpolitischen Leitbildern, die ganz sicher damit zusammenh\u00e4ngt, dass wir in Deutschland schlechte Erfahrungen mit den Eingriffen totalit\u00e4rer Systeme ins Private gemacht haben. Und die Vielfalt heutigen Familienlebens ist ja auch ein starkes Argument f\u00fcr die ganz pers\u00f6nliche Gestaltungsfreiheit dieses Lebensraums. Aber auch Wahlfreiheit braucht eine politische Rahmensetzung und Infrastruktur, die sie erm\u00f6glicht.<\/p>\n<p>\u201eFamilie als verl\u00e4ssliche Gemeinschaft st\u00e4rken\u201c \u2013 der Titel der EKD-Schrift ist also Programm. Es geht darum, Rahmenbedingungen zu schaffen, die Menschen erm\u00f6glichen, die Gemeinschaft zu leben, die sie leben wollen. Eine Studie des Instituts f\u00fcr Bev\u00f6lkerungsforschung, die vor einem halben Jahr erschien, zeigt: 82% w\u00fcnschen sich Kinder; und auch die Untersuchung des Wissenschaftszentrums Berlin, von Jutta Almendinger f\u00fcr die \u201eBrigitte\u201c zeigt: sie w\u00fcnschen sich nicht nur ein, sondern zwei Kinder. Der \u201eWille zum Kind\u201c ist also da \u2013 was aber den Mut sinken l\u00e4sst, sind st\u00e4rkende Strukturen und unterst\u00fctzende Hilfen. \u00dcbrigens verstehen 88% der Befragten zwischen 20 und 39 Jahren auch schwule oder lesbische Lebensgemeinschaften mit Kindern als eine Form der Familie. Und fast genau so hoch, jeweils \u00fcber 80%, ist die Zustimmung im Blick auf Patchwork-Familien und alleinerziehenden M\u00fcttern.<\/p>\n<p>Wenn , wie es inzwischen f\u00fcr Hartz-IV-Empf\u00e4nger gesetzlich geregelt ist, alle erwachsenen Erwerbst\u00e4tigen \u2013 Frauen wie M\u00e4nner, unabh\u00e4ngig von ihren familialen Verpflichtungen \u2013 dem Arbeitsmarkt zur Verf\u00fcgung stehen sollen, wenn auch das Unterhaltsrecht davon ausgeht, dass zwar die Kinder aus einer geschiedenen Ehe Unterhalt erhalten, deren M\u00fctter oder V\u00e4ter sich aber schnellstm\u00f6glich wieder selbst versorgen, wenn auch die j\u00fcngste \u201eBrigitte-Studie\u201c von Jutta Allmendinger vom Wissenschaftszentrum zeigt, dass junge Frauen wie M\u00e4nner es heute f\u00fcr selbstverst\u00e4ndlich halten, \u00f6konomisch unabh\u00e4ngig zu sein und Familie zu leben\u2013 dann haben wir es l\u00e4ngst mit neuen Leitbildern bei alten familienpolitischen Realit\u00e4ten zu tun. Dann brauchen Familien aber auch endlich Unterst\u00fctzung bei Erziehung und Bildung, bei der Pflege und in Krisensituationen. Das bedeutet auch: die professionelle Sorgearbeit muss so finanziert werden, dass diese Berufe f\u00fcr M\u00e4nner und Frauen attraktiv bleiben oder wieder werden. Die Funktionsf\u00e4higkeit unseres Sozialstaats beruht eben nicht nur auf den Leistungen der Sozialversicherung, die aus Erwerbsarbeit finanziert werden, sondern weit mehr auf der allt\u00e4glichen Haus- und Erziehungsarbeit, die in der Regel unsichtbar bleibt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>4. Zur Bedeutung von Angewiesenheit und Sorgearbeit- die \u00fcbersehene Botschaft der Orientierungshilfe<\/strong><\/p>\n<p>Sorgearbeit ist Arbeit, die schon immer im Schatten stand, und zunehmend abgewertet wurde. Zun\u00e4chst auf dem Hintergrund einer traditionellen Familienverfassung mit geschlechtshierarchischer Arbeitsteilung, dann durch die Dynamik einer berufsorientierten Emanzipationsbewegung, die die traditionelle Geschlechterhierarchie thematisierte und aufl\u00f6ste. Am Ende dieser Entwicklung steht eine \u00f6konomisierte Erwerbs- und Konsumgesellschaft, in der nichts gilt, was nichts kostet. Haus- und Familienarbeit, Erziehung und Pflege brauchen deshalb eine neue gesellschaftliche Wertsch\u00e4tzung \u2013 und zwar jenseits der geschlechterspezifischen Arbeits- und Rollenteilung. Die Zeit, die V\u00e4ter und M\u00fctter, T\u00f6chter, S\u00f6hne und Partner mit Erziehungs- und Pflegeaufgaben verbringen muss mit beruflichem Einsatz vereinbar sein und sich auch in Steuer und Sozialversicherungsrecht niederschlagen \u2013 und das bedeutet: das traditionelle Modell des Ehegattensplittings und der Mitversicherungsleistungen muss so weiter entwickelt werden, dass es auch anderen Familienformen dient.<\/p>\n<p>Die Orientierungshilfe \u201eZwischen Autonomie und Angewiesenheit deutet die Situation von Familien auf dem Hintergrund moderner Vorstellungen von Autonomie, Gleichheit und Gerechtigkeit. Individualit\u00e4t und Vielfalt moderner Gesellschaften werden deshalb akzeptiert und nicht verworfen. Das ist aber nur die eine Seite des Spannungsfeldes, sozusagen der erste Teil, der f\u00fcr die Mitglieder der Kommission selbstverst\u00e4ndlich war- in der Tat, vielleicht auch deshalb, weil die Frauen in der Mehrheit waren. Kritiker sagen, hier folge man nicht eigentlich theologischen \u00dcberzeugungen, sondern Traditionen der Aufkl\u00e4rung oder eben Gendertheorien, die alles f\u00fcr gestaltbar hielten und das Schicksal gegen\u00fcber dem Machsal abwerteten.<\/p>\n<p>Dabei wird \u00fcbersehen, dass die Orientierungshilfe sich in ihrem zweiten Teil durchaus kritisch zu den Schattenseiten der Moderne positioniert; sie macht n\u00e4mlich zugleich deutlich, dass die wechselseitige Angewiesenheit aller in den Modernisierungsprozessen untersch\u00e4tzt wurde \u2013 mit dem Ergebnis, dass die Ressourcen f\u00fcr Care-Arbeit schwinden<strong>. <\/strong>Und hier kamen nicht nur moderne Theorien der Care-Arbeit ins Spiel, sondern durchaus auch biblische \u00dcberlegungen: Dass Angewiesenheit f\u00fcr unser Menschsein konstitutiv ist, versucht das theologische Kapitel am Beispiel der Sch\u00f6pfungserz\u00e4hlung wie des Segenshandeln Gottes in den Mittelpunkt zu r\u00fccken.<\/p>\n<p>Leitlinie einer evangelisch ausgerichteten F\u00f6rderung von Familien, Ehen und Lebenspartnerschaften muss die konsequente St\u00e4rkung aller f\u00fcrsorglichen Beziehungen sein, hei\u00dft es am Ende konsequent im Text.. Wo Menschen auf Dauer und im Zusammenhang der Generationen Verantwortung f\u00fcreinander \u00fcbernehmen, sollten sie Unterst\u00fctzung in Kirchengemeinden und diakonischen Einrichtungen finden \u2013 mit praktischen Hilfen, mit gottesdienstlichen, p\u00e4dagogischen und diakonischen Angeboten. Die Form, in der Familie und Partnerschaft gelebt werden, darf dabei nicht entscheidend sein. Die Mitglieder der Kommission waren und sind \u00fcberzeugt, dass beides zusammengeh\u00f6rt: der Respekt vor der Freiheit wie die St\u00e4rkung f\u00fcrsorglicher und gerechter Beziehungen. Dass beides in unserer Geschichte unvereinbar erschien, geh\u00f6rt zu den Dilemmata, aus denen wir Auswege suchen: Autonomie musste von Frauen erk\u00e4mpft werden- viele der Rechte, die damit verbunden waren, blieben bis in die 70er Jahre M\u00e4nnersache. F\u00fcr Angewiesenheit aber waren die Frauen zust\u00e4ndig, sie waren zur Liebe geboren. Die Verweigerung dieser Zuschreibungen &#8211; \u00fcbrigens durch beide Geschlechter- kann ein produktiver Prozess sein.<\/p>\n<p>Der Rat der EKD hat die Gedanken zu F\u00fcrsorge und Angewiesenheit, die der Text sehr stark macht, immer begr\u00fc\u00dft und hervorgehoben. Genauso unstrittig war, dass die Kriterien, die eine gelungene Ehe ausmachen, auch auf andere Lebensformen Anwendung finden sollten. Strittig scheint mir bis heute, wie wichtig dabei die Vorstellung eines Leitbildes der Ehe als des traditionellen Modells f\u00fcr uns als Kirche ist. Die Pr\u00e4sentationen meiner Vorredner haben schon gezeigt, dass dabei die unterschiedlichen Perspektiven und Verortungen auch zu unterschiedlichen Auslegungen des Auftrags wie des Textes gef\u00fchrt haben. F\u00fcr die Ad-hoc-Kommission war dabei die Akzeptanz unterschiedlicher Formen bei gleichen Kriterien und die Freiheit des Menschen, die Gestaltung seines Lebens zu w\u00e4hlen, unverzichtbarer Bestandteil der Arbeit. Sie hat deshalb im Sommer 2011 dem Rat vorgeschlagen, dem Text die \u00dcberschrift \u201e Ehe, Familien und Lebenspartnerschaften st\u00e4rken\u201c zu geben. An dieser Stelle ist der Rat nicht mitgegangen und hat sich auf dem Hintergrund des familienpolitischen Auftrags entschieden, nur den Begriff Familie zu nutzen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>5. Und die Theologie?<\/strong><\/p>\n<p>Was ist Familie? \u00dcber Jahrhunderte zuerst eine Hausgemeinschaft, nicht einmal der Begriff \u201eFamilie\u201c hat eine Rolle gespielt. Und was ist Ehe? \u00dcber lange Zeit eine Rechtsbeziehung, zu der auch mehr als eine Frau geh\u00f6ren konnte<strong>.<\/strong> Die Zeit, in der Familien Eigentumsverh\u00e4ltnisse waren, ist noch nicht lange vorbei \u2013 und auch die Zeit der Geschlechterhierarchie nicht. Bis zu Beginn der 70er Jahre entschieden M\u00e4nner als Haushaltsvorstand \u00fcber die Erwerbst\u00e4tigkeit ihrer Frauen. Erst in dieser Zeit gewannen Pastorinnen in der ev. Kirche die gleichen Rechte wie ihre Kollegen. Auch ich bin deshalb \u00fcberzeugt, dass die unterschiedlichen Familienformen von heute \u2013 die so genannte klassische Familie, Patchworkfamilien, Alleinerziehende, Regenbogenfamilien \u2013 weit mehr gemeinsam haben als die traditionelle Familie mit den unterschiedlichen Formen in biblischen Zeiten, ja noch der Reformations- und Neuzeit. Was wir unter Familie verstehen, ist in einem dauernden Wandel begriffen \u2013 und der Kommission lag viel daran, deutlich zu machen, dass es viel zu kurz gegriffen w\u00e4re, diesen Wandel als Verfallsgeschichte zu verstehen.<\/p>\n<p>Angesichts der Vielfalt biblischer Bilder und der historischen Bedingtheit des famili\u00e4ren Zusammenlebens entspr\u00e4chen ein normatives Verst\u00e4ndnis der Ehe als \u201eG\u00f6ttliche Stiftung\u201c und eine Herleitung der traditionellen Geschlechterrollen aus einer vermeintlichen \u201eSch\u00f6pfungsordnung\u201c weder der Breite des biblischen Zeugnisses noch unserer Theologie, hat der Ratsvorsitzende deshalb bei der Pressekonferenz zur Orientierungshilfe. Die Schrift setze vielmehr das geschichtliche Gewordensein und den Wandel famili\u00e4rer Leitbilder voraus. Dabei k\u00f6nne sie sich auch auf Martin Luther beziehen, der bei aller Hochsch\u00e4tzung als \u201eg\u00f6ttlich Werk und Gebot\u201c die Ehe zum \u201eweltlich Ding\u201c erkl\u00e4rt, das von den Partnern gestaltbar ist und gestaltet werden m\u00fcsse \u2013 als generationen\u00fcbergreifender Lebensraum mit Verl\u00e4sslichkeit in Vielfalt, Verbindlichkeit in Verantwortung, Vertrauen und Vergebungsbereitschaft, F\u00fcrsorge und Beziehungsgerechtigkeit. Aus einem evangelischen Eheverst\u00e4ndnis kann also deshalb eine neue Freiheit auch im Umgang mit gesellschaftlichen Ver\u00e4nderungen erwachsen \u2013 gleichwohl empfiehlt der Text einen verbindlichen institutionellen Rechtsrahmen, an dem zum Beispiel auch finanzielle Entlastungen andocken k\u00f6nnen<a name=\"_Toc294178210\"><\/a><a name=\"_Toc295375912\"><\/a><a name=\"_Toc295377616\"><\/a><a name=\"_Toc295379926\"><\/a><a name=\"_Toc295380483\"><\/a><a name=\"_Toc295382483\"><\/a><a name=\"_Toc295469662\"><\/a>, und nimmt dabei ausdr\u00fccklich auf die Ehe Bezug.<\/p>\n<p>Dennoch blieben die theologischen \u00dcberlegungen des Ratsvorsitzenden von Anfang an nicht ohne Widerspruch:\u201eSch\u00f6pfungsordnung\u201c, \u201eScheidungsverbot\u201c und Ablehnung von \u201eHomosexualit\u00e4t\u201c in der Bibel, bilden die \u201eEcksteine\u201c f\u00fcr die biblisch-theologische Kritik. In all diesen F\u00e4llen enth\u00e4lt die Orientierungshilfe implizit oder explizit eine andere \u201eEinordnung\u201c. Polarit\u00e4t wird eben nicht nur als Geschlechterpolarit\u00e4t verstanden, das Scheidungsverbot wird vor allem als Schutz der Schw\u00e4cheren interpretiert, die biblische Ablehnung der Homosexualit\u00e4t wird darin begr\u00fcndet, dass ein, unserem heutigen vergleichbaren Konzept homosexueller Liebe auf Augenh\u00f6he nicht existierte. Gleichwohl wird nicht erst heute das eigene, zeitbedingte Selbstverst\u00e4ndnis in diese Texte \u201ehineingelesen\u201c, w\u00e4hrend irritierende Wahrnehmungen in biblischen Texten (gesegnete Vielehen, Rechtlosigkeit von Frauen und Kindern etc.) ausgeblendet werden. Der Versuch, die biblischen Texte einer solchen \u00dcberformung oder zeitlosen Ab-straktion zu entkleiden, um ihre befreiende Kraft wahrzunehmen, wird offenbar von vielen als \u201edesorientierend\u201c erlebt.<\/p>\n<p>Wer aber die Kirche vor allem als Normen- und Werteagentur versteht, nimmt die Breite gemeindlichen und diakonischen Handelns sowie die vielf\u00e4ltige Praxis in sozialen Projekten und Einrichtungen nicht wirklich zur Kenntnis. Gleichwohl wird die Zust\u00e4ndigkeit f\u00fcr lebensweltliche Themen seit langem an Verb\u00e4nde, insbesondere an die Diakonie \u201eausgelagert\u201c \u2013 oft gelingt es so, Konflikte zwischen Norm und Lebenswelt zu vermeiden. In der Konsequenz wurde das kirchlich so zentrale Handlungsfeld \u201eFamilie\u201c in den letzten Jahren nicht systematisch weiterentwickelt und unterliegt in Landeskirchen und Diakonischen Werken ganz unterschiedlichen Zust\u00e4ndigkeiten; eine produktive Zusammenarbeit zwischen Gemeinden und funktionalen Diensten fehlt. Dabei ist gerade in diesem Arbeitsfeld erkennbar, wie wichtig es w\u00e4re, dass Kirche und Diakonie, Orientierung und ein realistischer Blick auf die Wirklichkeit endlich zusammen kommen \u2013 und dass auch Gemeinden und Fachdienste auf Kirchenkreisebene mehr miteinander verkn\u00fcpft werden.<\/p>\n<p>Kirche lebt vom Miteinander in den Familien- gerade die j\u00fcngste Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung hat gezeigt, wie wichtig Familie als religi\u00f6se Sozialisationsagentur, als Keimzelle gesellschaftlichen und nachbarschaftlichen Zusammenhalts, als Ort ethischen Lernens ist. Oft genug bilden Familien die Mitte und das R\u00fcckgrat der Gemeinden. Aber mehr als die Kirche Familien braucht, brauchen Familien die Kirche. Acht Aspekte will ich benennen; Familien brauchen<\/p>\n<ul>\n<li><strong>Eine Kirche, die offen ist f\u00fcr Rollenver\u00e4nderungen \u2013 zwischen den Geschlechtern wie bei den Altersbildern. <\/strong>Und dabei geht es ans Eingemachte. Ehrenamt, F\u00fcrsorge und religi\u00f6se Sozialisation- das alles ist tangiert von den neuen Rollenbildern: Frauen- und M\u00e4nnergruppen, Ehrenamt und Altenarbeit in Kirche m\u00fcssen sich so \u00e4ndern, dass die Kompetenzen und Lebensschwerpunkte von Menschen, aber auch ihre Sehnsucht nach Gemeinschaft und Zuwendung und ihr Einsatz f\u00fcrs Gemeinwesen ernst genommen werden.<\/li>\n<\/ul>\n<ul>\n<li><strong>Eine Kirche, die Hochzeiten feiert und Krisen ernst nimmt:<\/strong> Kirche ist nach wie vor der Ort, wo Taufen und Konfirmationen, Weihnachten gefeiert wird, wo Beerdigungen begangen werden. Mit solchen Festzeiten verkn\u00fcpfen sich heute ganz neue Herausforderungen, Br\u00fcche ernst zu nehmen und Zusammenhalt zu gestalten. Kirche als Gemeinde kann diesen Herausforderungen nur gerecht werden, wenn sie mit Kirche als Diakonie zusammenarbeitet, Beratung ernst nimmt und Angebote an den Knoten- und Krisenpunkten des Lebens verkn\u00fcpft.<\/li>\n<\/ul>\n<ul>\n<li><strong>Gemeinden, die mit der Tr\u00e4gerschaft von Tageseinrichtungen und Familienzentren punkten:<\/strong> Dabei geht es nicht nur um den quantitativen, sondern auch um den qualitativen Ausbau der Tageseinrichtungen f\u00fcr Kinder. Denn angesichts der Schwierigkeiten der in vielen F\u00e4llen finanzschwachen Kommunen, allein das quantitative Ausbauziel zu erreichen, droht die Verbesserung der Qualit\u00e4t der angebotenen Bildungs- und Betreuungspl\u00e4tze zu kurz zu kommen. Gerade hier ist die Kirche gefragt \u2013 immerhin war sie die allererste Tr\u00e4gerin von Kinderg\u00e4rten \u2013 im 19. Jahrhundert, als Familien in der ersten Industrialisierungswelle \u00fcberfordert waren. Nicht zuletzt geht es darum, in Familienbildungsst\u00e4tten und Familienzentren die Elternarbeit zu st\u00e4rken und auch auf religi\u00f6se Bildung und Wertekompetenz zu achten.<\/li>\n<\/ul>\n<ul>\n<li><strong>Eine Kirche, die bewusst Zeitpolitik betreibt:<\/strong> Dabei geht es einerseits um die Tr\u00e4gerschaft von Einrichtungen und deren Vereinbarkeit mit der Erwerbswelt \u2013 nicht nur im Blick auf Produktion und Dienstleistung, sondern auch im Blick auf die eigene diakonische Arbeit. Pflegekr\u00e4fte in Krankenh\u00e4usern und Altenheimen z.B. k\u00f6nnten durchaus auf ein Kinderhotel angewiesen sein. Zum anderen geht es um die Zeiten der Angebote f\u00fcr Gottesdienste, Feste, Familienfr\u00fchst\u00fccke etc. Die Kirche muss hier wie bei der Gestaltung von Festen Akzente setzen, die auf die geringe Zeit von Familien R\u00fccksicht nimmt und sie gestalten.<\/li>\n<\/ul>\n<ul>\n<li><strong>Eine Familiaritas aller Generationen:<\/strong> Wenn es um die Weitergabe von Glauben und Werten, Traditionen und Erfahrungen geht, brauchen Familie und Gesellschaft alle Generationen. Das gilt auch f\u00fcr pl\u00f6tzlichen Kinderbetreuungsengp\u00e4sse oder finanziellen Notsituationen: ohne die private Solidarit\u00e4t der \u00e4lteren Generation geriete die j\u00fcngere in Schwierigkeiten \u2013 und der private \u201eAustausch\u201c von Leistungen entspricht dem sozialstaatlichen in den Sicherungssystemen durchaus. Die multilokale Mehrgenerationenfamilie funktioniert, aber sie st\u00f6\u00dft in einer mobilen Welt an Grenzen in Zeit und Raum. Die unmittelbaren, lokalen Netzwerke werden l\u00f6chriger. Hier ist Kirche gefragt. Und wo die n\u00e4chsten Verwandten fehlen, brauchen nicht nur junge Familien, sondern auch Familien mit pflegebed\u00fcrftigen Angeh\u00f6rigen nachbarschaftliche Unterst\u00fctzung f\u00fcr ihre belastende Situation. Hier kann Gemeinde mit dem Aufbau von Netzwerken viel zur Entlastung beitragen. Sie kann wieder mit Leihomas, Mentorinnen etc. Wahlfamilie werden, so wie sie es neutestamentlich war.<\/li>\n<\/ul>\n<ul>\n<li><strong>Eine gemeinwesenorientierte Kirche: <\/strong>Und nur die Pflege, auch die Hilfe bei famili\u00e4ren Krisen und Problemen wird der Diakonie zugeordnet \u2013 das gilt f\u00fcr soziale und \u00f6konomische Notlagen, genauso wie f\u00fcr die Arbeit mit Alleinerziehenden oder Adoptivfamilien. Die damit verbundene Spaltung in die klassische Familie und \u201eDefizitmodelle\u201c aller Art, verhindert den offenen Blick auf die Wirklichkeit in den Gemeinden, zu denen die Pendler-Paare genauso geh\u00f6ren wie Singles, die Familien mit behinderten Kindern und die Seniorenwohngemeinschaften genauso wie die Pflegefamilien, die Regenbogenfamilien und ambulante Wohngruppen der Einrichtungen f\u00fcr Menschen mit Behinderung. Jede Familie ist anders \u2013 und es geht darum, rund um Hochzeiten und Trennungen, Taufen und Konfirmationen, Umz\u00fcge, Krankheitserfahrungen oder diakonische Krisenintervention genau und sensibel hinzusehen, und Familien mit den passenden Angeboten anzusprechen. Das kann nur gelingen, wenn Kirchengemeinden und diakonische Einrichtungen sich noch st\u00e4rker miteinander und mit der Zivilgesellschaft vernetzen.<\/li>\n<\/ul>\n<ul>\n<li><strong>Eine moderne Arbeitgeberin:<\/strong> Auch als Arbeitgeberin ist Kirche gefragt, wenn es darum geht, Familie zu unterst\u00fctzen: Das betrifft die Tarifgestaltung in den Erziehungs- und Pflegeberufen, genauso wie die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, es betrifft aber auch die Erwartung an Pfarrerinnen und Pfarrer. Pfarrh\u00e4user bilden den Wandel ab: die wachsende Vielfalt von Familienformen hat in den letzten Jahrzehnten immer wieder zu Konflikten gef\u00fchrt \u2013 von der Berufst\u00e4tigkeit der Pfarrfrauen bis zum Zusammenleben gleichgeschlechtlicher Partner und der bireligi\u00f6sen Ehe einer Vikarin. Teilzeitbesch\u00e4ftigungen und Pendelbeziehungen gibt es inzwischen auch im Pfarrhaus, auch hier wird um eine gute Vereinbarkeit von Beruf und Familie gerungen, genauso wie um einen angemessenen Umgang mit Scheidungen und die Frage, wie Familie als Wahlverwandtschaft gelebt werden kann. Diese Erfahrung kann auch ein Schatz sein, den die Kirche in die Gesellschaft einzubringen hat.<\/li>\n<\/ul>\n<ul>\n<li><strong>Familienkompetente und politisch wache Gemeinden:<\/strong> Aus all dem resultieren neue Anforderungen f\u00fcr alle, die Verantwortung in der Gemeinde \u00fcbernehmen, die planen und gestalten. Sie sollten die Gegebenheiten und Ver\u00e4nderungen nicht nur sensibel wahrnehmen, sondern sie bei der Entwicklung von Angeboten gezielt ber\u00fccksichtigen. Sie brauchen ein Bewusstsein f\u00fcr die engen Zeitspielr\u00e4ume von Familien, wenn es um Gottesdienstzeiten oder um \u00d6ffnungszeiten von Einrichtungen geht. Sie sollten sich einbringen in kommunale Netzwerke und Prozesse und mit anderen Tr\u00e4gern und Initiativen in der Zivilgesellschaft zusammen arbeiten. Sie sollten sich politisch einmischen, wenn es um Quartiersentwicklung und Verkehrssysteme, um Schwimmb\u00e4der und die Qualit\u00e4t von Einrichtungen geht. Kirchen haben die M\u00f6glichkeit der Mitarbeit von Jugendhilfeausschuss bis zum Sozialausschuss, von der Stadtplanung bis zu den neuen Netzwerken der B\u00fcrgerbeteiligung. Sie m\u00fcssen sie nutzen.<\/li>\n<\/ul>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>6. Es gibt noch viel zu denken und zu tun- zu den Konsequenzen<\/strong><\/p>\n<p>Befreiung und Verwirrung, Irritation und neue Anf\u00e4nge geh\u00f6ren zusammen &#8211; das gilt nicht nur in unseren pers\u00f6nlichen Erfahrungen, sondern auch in unserem Denken. Ich jedenfalls erlebe, dass in der Debatte Themen aufbrechen, die f\u00fcr die Kommission selbst keine Rolle gespielt haben oder nicht zum Auftrag geh\u00f6rten: dass viel mehr Seelsorge und Gemeindep\u00e4dagogik erwartet wird &#8211; pers\u00f6nliche Unterst\u00fctzung f\u00fcr Menschen, die es schwer haben, Bindungen einzugehen und aufrecht zu erhalten, das hatten einige Ratsmitglieder schon auf dem Weg zur Ver\u00f6ffentlichung gesp\u00fcrt und artikuliert. Dass nicht nur die pastoralpsychologische, sondern auch die medizinische Seite im Text unterbelichtet ist- eben die Fragen von Sexualit\u00e4t, Generativit\u00e4t und Reproduktionsmedizin, h\u00e4ngt ebenfalls mit Auftrag und Zusammensetzung zusammen, bleibt aber ein Defizit. Das gilt vor allem, nachdem die Sexualdenkschrift nach der ersten Textfassung aufgeschoben wurde. Dass schlie\u00dflich die Frage der Institution in einer Zeit zunehmender Individualisierung und Vertraglichkeit theologisch noch einmal reflektiert werden muss- das ist einer der Auftr\u00e4ge, den der Rat an die Kammer f\u00fcr Theologie gegeben hat-, war w\u00e4hrend der Debatten in der Kommission schon sp\u00fcrbar. Und dass schlie\u00dflich die hermeneutischen Fragen und die Auseinandersetzungen mit den entscheidenden Texten von der Genesis bis zum Scheidungsverbot noch einmal auf die Tagesordnung kommen m\u00fcssen, ist gut und richtig. Fragen wie die nach der Verpflichtunung, fruchtbar zu sein und Kinder zu zeugen, wie sie vor allem im evangelikalen Denken thematisiert werden, haben f\u00fcr die Kommission keine Rolle gespielt. Generativit\u00e4t, also die Weitergabe des Erbes und die F\u00fcrsorge f\u00fcr die kommende Generation, geht f\u00fcr die Kommission \u00fcber die biologische Fragestellung hinaus.<\/p>\n<p>Die Debatten, die wir nun f\u00fchren, haben mich tats\u00e4chlich \u00fcberrascht, aber sie haben mir auch geholfen zu verstehen, dass die Themen, die im Zentrum des Auftrags standen, untersch\u00e4tzt werden. Das Care-Defizit, auf das wir zugehen, wird offenbar noch immer nicht wirklich wahrgenommen. Die familienpolitischen Herausforderungen vor denen wir stehen, werden noch immer als private und nicht als \u00f6ffentliche begriffen. Deswegen neigen wir nach wie vor dazu, in diesem Bereich eher moralisch als sozialethisch zu denken. Auch deshalb geht es um Religion, um Normen und Werte \u2013 und eben nicht um Gesellschaftspolitik. Und die familienpolitischen oder auch die kirchlich-diakonischen Handlungsfelder im Text werden so gut wie nicht diskutiert.<\/p>\n<p>Ebenso wenig wird gesehen, dass Diakonie und kirchliche Familienverb\u00e4nde das hier beschriebene erweiterte Familienbild seit langem vertreten. Hier wird die bekannte Spaltung zwischen verfasster Kirche und ihren Verb\u00e4nden sichtbar, deren politische oder familienpolitische \u00c4u\u00dferungen als nachgeordnet verstanden werden, obwohl die soziologisch-politische Expertise gerade hier vorhanden ist. Die Zust\u00e4ndigkeit f\u00fcr lebensweltliche Themen ist seit langem an Verb\u00e4nde, insbesondere an die Diakonie \u201eausgelagert\u201c \u2013 oft gelingt es so, Konflikte zwischen Norm und Lebenswelt zu vermeiden. In der Konsequenz aber wird das kirchlich so zentrale Handlungsfeld \u201eFamilie\u201c in den letzten Jahren nicht systematisch weiterentwickelt und eine produktive Zusammenarbeit zwischen Gemeinden und funktionalen Diensten fehlt.<\/p>\n<p>Deshalb bleibt es so wichtig, dar\u00fcber nachzudenken, wie Kirche f\u00fcr gelingendes Familienleben eintreten kann- in der Verbindung von Gemeinde und Diakonie, in nachbarschaftlichen Netzwerken, aber auch als Arbeitgeberin: Das betrifft die Tarifgestaltung in den Erziehungs- und Pflegeberufen, genauso wie die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, es betrifft aber auch die Erwartung an Pfarrerinnen und Pfarrer. Pfarrh\u00e4user bilden den Wandel ab: die wachsende Vielfalt von Familienformen hat in den letzten Jahrzehnten immer wieder zu Konflikten im Pfarrhaus gef\u00fchrt &#8211; und umgekehrt war es nicht zuletzt das Pfarrhaus, in dem die protestantische Vorstellung von Familie geboren wurde. Da trifft es sich gut, dass in diesem Jahr nicht nur eine Pfarrhausausstellung in Berlin zu sehen ist, sondern dass in diesem Jahr unter dem Thema Kirche und Politik auch die offenen Fragen aufgenommen werden k\u00f6nnen. Wir planen deshalb f\u00fcr den 4. Juli nach dem theologischen nun auch ein familienpolitisches Symposion in Berlin. Sie sind dazu herzlich eingeladen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Cornelia Coenen-Marx, N\u00fcrnberg, 10.5.14<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Markus V\u00e4th, Cool down, Offenbach 2013<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Hartmut Rosa, Beschleunigung und Entfremdung, Berlin 2013<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zur Kontroverse um die Orientierungshilfe der EKD &nbsp; 1. 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