{"id":2152,"date":"2016-08-23T10:30:19","date_gmt":"2016-08-23T10:30:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=2152"},"modified":"2017-07-12T21:26:15","modified_gmt":"2017-07-12T21:26:15","slug":"ehrenamt-als-teilhabeschluessel-der-neue-freiwilligensurvey","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=2152","title":{"rendered":"Ehrenamt als Teilhabeschl\u00fcssel \u2013 Der neue Freiwilligensurvey"},"content":{"rendered":"<p>Als im Fr\u00fchjahr dieses Jahres der neue Freiwilligensurvey erschien, war das Datenmaterial zum Teil \u00fcberholt \u2013 jedenfalls was das TOP-Thema des Jahres 2015 angeht, das freiwillige Engagement von und f\u00fcr Migranten. Denn das Material dieses 4. Surveys wurde zwischen April und November 2014 erhoben; immerhin aber zum ersten Mal auch in fremdsprachigen Interviews in englischer, t\u00fcrkischer, arabischer, polnischer und russischer Sprache. 17,4 Prozent der Befragten in den im Schnitt halbst\u00fcndigen telefonischen Interviews hatten Migrationshintergrund und immerhin 31,6 Prozent der B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger mit Migrationshintergrund sind freiwillig engagiert \u2013 nach dem Sport ganz besonders in Schulen und Kinderg\u00e4rten. Allerdings nehmen sie seltener als Menschen ohne Migrationshintergrund Leitungsaufgaben wahr. Nach der starken Zuwanderung im letzten Jahr liegt hier eine gro\u00dfe Integrationsaufgabe auch f\u00fcr kirchliche Bildungseinrichtungen: Ehrenamt ist wie Erwerbsarbeit ein Schl\u00fcssel zu Integration und Teilhabe.<\/p>\n<p>Der Freiwilligensurvey bildet nicht so sehr aktuelle Prozesse ab; er analysiert die langfristigen Ver\u00e4nderungen der ehrenamtlichen Arbeit \u2013 sowohl im Blick auf die individuellen Ressourcen, Geschlecht, Alter, Bildungs- und Erwerbsstatus als auch hinsichtlich der regionalen und kulturellen Rahmenbedingungen. Die Kontinuit\u00e4t der Fragestellungen in den vier Wellen des Surveys erm\u00f6glicht einen differenzierten Blick auf diese Themen im Zeitvergleich &#8211; und damit auf den gesellschaftlichen Wandel, der sich im Ehrenamt zeigt und auch f\u00fcr die Kirchen von gro\u00dfer Bedeutung ist. Eins der wichtigsten Ergebnisse: 31 Millionen engagieren sich; das ehrenamtliche Engagement in Deutschland ist konstant stabil, selbst wenn \u00fcber die erhobene Prozentzahl im Detail gestritten wird.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Sorgenetze und Leitungsaufgaben<\/strong><\/p>\n<p>Zum ersten Mal wurde die informelle, au\u00dferfamiliale Unterst\u00fctzung in Freundschaft und Nachbarschaft abgefragt, soweit sie eben unentgeltlich und au\u00dferhalb beruflicher T\u00e4tigkeiten erfolgt. Es geht also nicht um gering bezahlte \u201eJobs\u201c in der Pflege \u2013 auch wenn der \u00dcbergang manchmal unscharf und der gesellschaftliche Druck gerade hier immens ist. Gleichwohl wird deutlich: solche wechselseitigen Unterst\u00fctzungsleistungen verbessern die Lebensqualit\u00e4t aller Beteiligten. Immerhin 26,2 Prozent geben an, dass sie nachbarschaftliche Hilfe bei Eink\u00e4ufen, Handwerksdiensten bis Kinderbetreuung erbringen &#8211; und es sind, bis auf die Unterst\u00fctzung Pflegebed\u00fcrftiger, mehr M\u00e4nner als Frauen und eher J\u00fcngere als \u00c4ltere. Die vielen Modelle von Quartiersarbeit und Sorgenetzwerken und Diakonie und Caritas zeigen: die gleichwohl n\u00f6tigen Hintergrundstrukturen zu st\u00e4rken und Vernetzungsangebote zu schaffen, ist eine wichtige Zukunftsaufgabe der Kirchen. Das gilt besonders im l\u00e4ndlichen Raum, wo die Vereine mit ihrem Ehrenamt nach wie vor der zentrale Faktor f\u00fcr sozialen Zusammenhalt sind.<\/p>\n<p>Angesichts der Pluralisierung und Un\u00fcberschaubarkeit gesellschaftlicher Prozesse gewinnen die pers\u00f6nlichen, unterst\u00fctzenden und beratenden Hilfeleistungen auch gegen\u00fcber der eher praktischen Arbeit an Gewicht &#8211; ebenso die administrativen T\u00e4tigkeiten von der Mittelbeschaffung bis zur \u00d6ffentlichkeitsarbeit. Was aber, wenn sich nicht mehr hinreichend Vorstandsmitglieder in einem Verein oder einer Initiative finden? Der FWS zeigt deutlich, dass die Beteiligung an Leitungsfunktionen von 38,2 Prozent 1999 auf 27,5 Prozent 2014 zur\u00fcckgegangen ist \u2013 m\u00f6glicherweise die Folge einer sinkenden Bereitschaft, organisationelle Verpflichtungen zu \u00fcbernehmen. Dabei spielen allerdings auch die beruflichen Mobilit\u00e4ts- und Flexibilit\u00e4tserwartungen eine Rolle. Bei den Fusionen von Organisationen und Verb\u00e4nden wachsen gleichzeitig die Anforderungen an Leitung &#8211; und auch die vielen kleinen Initiativen k\u00f6nnten nicht funktionieren ohne ein erhebliches Ma\u00df an Professionalisierung von Fundraising bis zur Interessenvertretung. Auf diesen Zusammenhang von Organisationsentwicklung und Ehrenamtsentwicklung zu achten \u2013 und \u00fcbrigens auch Engagementforschung und Organisationsforschung neu aufeinander zu beziehen &#8211; ist eine weitere Herausforderung f\u00fcr Kirchen, Diakonie und Caritas. Noch immer ist die traditionelle Geschlechterhierarchie sp\u00fcrbar: 21,7 Prozent der Frauen und 33 Prozent der M\u00e4nner \u00fcbernehmen Leitungsfunktionen. Wie schon in den vorangegangenen Erhebungswellen zeigt sich aber: der Geschlechterunterschied spielt bei den 30- 39-j\u00e4hrigen (21,4 zu 30,9 Prozent) schon eine weit geringere Rolle als bei den \u00fcber 65-j\u00e4hrigen (19,4 zu 38,8 Prozent). Schwerer scheint zuk\u00fcnftig der Einfluss sozialer Ungleichheiten wie Gesundheit und Bildung zu wiegen. Auch hier sind die Kirchen und ihre Verb\u00e4nde gefragt: gerade in Leitungsfunktionen sind Ehrenamtliche auf Fortbildung, Austausch und Informationen, aber zunehmend auch auf organisationelle Entlastung angewiesen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Beruf, Familie, Ehrenamt<\/strong><\/p>\n<p>Dem Paradigmenwechsel zum \u201eneuen Ehrenamt\u201c zum Trotz liegt die durchschnittliche Dauer des Engagements noch immer bei 10,2 Jahren &#8211; bei M\u00e4nnern sind es sogar 11,2, bei Frauen nur 9,1 Jahre. Hier schl\u00e4gt bereits der Bildungsunterschied deutlich zu Buche: w\u00e4hrend niedriger Gebildete 15,4 Jahre lang \u201edabei bleiben\u201c, beenden h\u00f6her Gebildete ihr Engagement im Schnitt nach 9,1 Jahren. Dabei engagiert sich immerhin ein knappes Drittel t\u00e4glich oder jedenfalls mehrfach in der Woche ehrenamtlich und immer noch jeder zweite mehrmals im Monat. \u00dcber die Jahre zeigt sich allerdings: w\u00e4hrend die Vielfalt der ehrenamtlichen T\u00e4tigkeiten zunimmt, nimmt der Stundenumfang seit 2004 kontinuierlich ab. Einer der wichtigsten aufgabenbezogenen Gr\u00fcnde, ein Ehrenamt zu beenden, liegt denn auch in einem zu hohen zeitlichen Aufwand. Dabei spielt bei fast jedem zweiten die berufliche Situation eine Rolle &#8211; und mit 47,6 Prozent zeigt sich hier eine starke Steigerung von einem Drittel auf die H\u00e4lfte der Befragten. Bei einem knappen Drittel &#8211; 28,1 Prozent, nach wie vor zumeist bei Frauen &#8211; geht es um die Vereinbarkeit mit der Familie. Angesichts der zunehmend selbstverst\u00e4ndlichen Frauenerwerbst\u00e4tigkeit wird das Thema Vereinbarkeit von Beruf, Engagement und Familie, das zwischen 2009 und 2015 immer wieder Thema bei den \u00f6kumenischen Ehrenamtskongressen war, auch f\u00fcr die Kirchen wichtiger. Seit dem letzten Survey hat sich die Zahl derer verdreifacht, die angeben, dass ihre ehrenamtliche T\u00e4tigkeit von Anfang befristet war; hier zeigt sich tats\u00e4chlich der Vormarsch des neuen, projektorientierten Ehrenamts. Es lohnt sich, diese Entwicklungen mit denen auf dem Arbeitsmarkt zu vergleichen: hier wie da nehmen Aufgabenvielfalt und Arbeitsintensit\u00e4t zu, Elektronik und Rationalisierung werden immer wichtiger. Und wie auf dem Arbeitsmarkt gibt es auch im Ehrenamt einen noch wenig beachteten Trend zu kleinen Start-ups: immerhin 10 Prozent der Ehrenamtlichen sind nicht durch Einrichtungen oder Vereine \u201eorganisiert\u201c &#8211; sie vernetzen sich spontan \u00fcber soziale Netzwerke und fordern damit gerade die Verb\u00e4nde heraus.<\/p>\n<p>Nach wie vor geht es im Ehrenamt aber um andere Werte als in der Erwerbst\u00e4tigkeit. Hier z\u00e4hlen Wohlbefinden und Gemeinwohlorientierung: \u201eSpa\u00df haben (93,9 Prozent), Menschen helfen (81,9 Prozent) und Gesellschaft ver\u00e4ndern (91 Prozent) stehen im Vordergrund. Der Wunsch, Qualifikation und Einfluss zu gewinnen (51,5 bzw. 31,5 Prozent) treten deutlich dahinter zur\u00fcck. Wie weit sich allerdings die Motive bei Leitenden und anderen Ehrenamtlichen unterscheiden, ist noch zu wenig erforscht. Keinen Zweifel gibt es, wie Menschen f\u00fcr ein Ehrenamt gewonnen werden: neben den Netzwerken spielen Personen mit hoher Akzeptanz und Vertrauen vor Ort eine entscheidende Rolle. Solche haupt- wie ehrenamtlichen \u201eSchl\u00fcsselpersonen\u201c weiter zu qualifizieren, haben sich die Kirchen mit Programmen f\u00fcr Ehrenamtsmanagement und Ehrenamtskoordinatoren vorgenommen. Das gilt es in den n\u00e4chsten Jahren mit Zeit- und Mitteleinsatz fortzuf\u00fchren. Politisch aber sollten die Kirchen sich einsetzen f\u00fcr eine bessere Verkn\u00fcpfung der Erhebungen (nicht nur) im Freiwilligen- und Alterssurvey. Die Diskussion \u00fcber Unstimmigkeiten in diesem Zusammenhang hat den Blick auf wichtige gesellschaftliche Entwicklungen im Ehrenamt geschw\u00e4cht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als im Fr\u00fchjahr dieses Jahres der neue Freiwilligensurvey erschien, war das Datenmaterial zum Teil \u00fcberholt \u2013 jedenfalls was das TOP-Thema&#8230; <a href=\"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=2152\">read more<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":538,"menu_order":95,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-2152","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/2152"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2152"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/2152\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2153,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/2152\/revisions\/2153"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/538"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2152"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}