{"id":1602,"date":"2016-05-02T14:40:15","date_gmt":"2016-05-02T14:40:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=1602"},"modified":"2017-07-12T21:28:47","modified_gmt":"2017-07-12T21:28:47","slug":"empathie-und-solidaritaet-christsein-und-kirche-in-der-zivilgesellschaft","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=1602","title":{"rendered":"Empathie und Solidarit\u00e4t \u2013 Christsein und Kirche in der Zivilgesellschaft"},"content":{"rendered":"<h3>Vortrag bei der Er\u00f6ffnung der Ehrenamtsakademie in Frankfurt am 26.4. 16<\/h3>\n<p><strong>1. Empathisch, effizient und leise \u2013 Kirche im Spiegel<\/strong><\/p>\n<p>Empathisch, effizient und leise \u2013\u00a0so organisierten die Kirchen ihre Hilfe f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge bis in einzelne Gemeinden hinein, schrieb der \u201eFreitag\u201c in seiner Osterausgabe in einem Dossier \u00fcber soziales Engagement. Die deutsche Gesellschaft teile sich derzeit in zwei laute Gruppen und eine stille, schreibt Christian F\u00fcller. Es gebe die Hetzer von Pegida und Menschenfeinde, die selbst Frauen und Kinder angreifen. Es gebe die Helfer, die das Asyl-Chaos in Berlin und anderswo lindern helfen &#8211; auch sie seien oft laut, mitunter selbstgerecht und hysterisch. Und dann gebe es die stillen Helden in den Kirchen. Der Artikel erz\u00e4hlt von der Bedeutung der Berliner Caritas, die ein halbes Dutzend Leute der Basis-Initiative \u201eMoabit hilft\u201c eingestellt hat und damit der Arbeit, die tief im Quartier verwurzelt ist, Struktur und Stabilit\u00e4t zur Verf\u00fcgung stellt. Die Kirche und ihre Mitglieder, so F\u00fcller, wirkten als Organisatoren allt\u00e4glicher Barmherzigkeit tief in die Gesellschaft hinein und der Staat greife wie selbstverst\u00e4ndlich auf sie zur\u00fcck. So hat der Staat die Caritas gebeten, die Organisation vor Ort am Lageso zu \u00fcbernehmen \u2013 und die \u00d6ffentlichkeit akzeptiert das. Das Erzbistum hat einen Fonds aufgelegt, bietet Supervision f\u00fcr die Freiwilligen an, aber auch Deutschkurse, Patenschaften, Treffpunkte bis in die einzelnen Pfarreien. F\u00fcller erz\u00e4hlt dann weiter von der Gemeinde Potsdam, die ebenfalls eine breite Palette vom Patenschaftsprogramm, einem Caf\u00e9 und einen Kennenlern-Treff Christen und Muslime bis zum Mutter-Kind-Projekt anbietet und inzwischen an einem offenen Gemeindekonzept einer offenen Gemeinde arbeitet. Und nat\u00fcrlich k\u00f6nnte man hier hinzuf\u00fcgen, wie viele Millionen die Evangelischen Landeskirchen inzwischen in Fonds f\u00fcr diese Arbeit eingestellt haben.<\/p>\n<p>\u201eTue Gutes und schweige dar\u00fcber\u201c ist der Artikel \u00fcberschrieben &#8211; das erinnert ein wenig an das stille Ehrenamt, das in den Umbr\u00fcchen des 19. Jahrhunderts propagiert wurde. Auf diesem Hintergrund galten die Kirchen lange Zeit als verstaubte Institutionen mit einem \u201ealten\u201c Ehrenamtsbegriff \u2013 die Engagementszene setzte stattdessen auf neue Initiativen und attraktive Projekte. Dabei geh\u00f6ren die Kirchen nach dem Sport gleichauf mit der Bildung noch immer zu den drei gr\u00f6\u00dften Engagementtr\u00e4gern in unserem Land &#8211; der j\u00fcngste Freiwilligensurvey zeigt, dass die Zahl der ehrenamtlich Engagierten zwischen 1999 und 2014 sogar noch gestiegen ist, obwohl wenn die Mitgliederzahlen insgesamt zur\u00fcckgehen. Und wir d\u00fcrfen diese Tatsache als Beleg lesen, dass die Kirche nach wie vor als vertrauensw\u00fcrdige Institution gilt sowie als kompetenter Tr\u00e4ger f\u00fcr zahlreiche soziale und kulturellen Felder in unserer Gesellschaft. Und nat\u00fcrlich ist diese Beobachtung zugleich eine Aufforderung, mit diesem enormen Potenzial bewusster und wertsch\u00e4tzend umzugehen. Das beginnt bei der Wahrnehmung: Die Bezeichnung Ehrenamt klingt in manchen Ohren noch immer so, als sei das freiwillige Engagement eher ein Mittun als ein Gestalten und Entscheiden \u2013 gut gemeint und mit Herz, aber eben nicht professionell. Doch das wird den Realit\u00e4ten nicht gerecht. Gleich ob im sozialen Bereich, in Leitungsaufgaben oder kulturellen Initiativen: Ehrenamtlich Engagierte bringen durchaus hohe, zum Teil professionelle \u2013 aus ihrer Berufst\u00e4tigkeit oder Lebenserfahrung und sozialer Praxis gewonnene \u2013 Kompetenzen ein. Schlie\u00dflich gibt es einiges, was Ehrenamtliche gerade deshalb tun k\u00f6nnen, weil sie nicht die offiziellen Vertreterinnen und Vertreter kirchlicher oder staatlichen Instanzen sind.<\/p>\n<p>Es war keinesfalls selbstverst\u00e4ndlich, dass die Kirchen aktuell wieder ihre Bedeutung als gesellschaftlicher Akteur unter Beweis gestellt haben. Offenbar ist Kirche gerade dann stark und attraktiv, wenn staatliche Strukturen noch fehlen, um mit neuen Herausforderungen umzugehen, wenn Problemlagen zun\u00e4chst diffus erscheinen und alles darauf ankommt, flexibel neue Konzepte zu entwickeln &#8211; ausgehend von der unmittelbaren Wahrnehmung, Begegnung und Aktion und nicht von festgelegten Strategien und definierten Modulen. Dieser Weg der flexiblen Konzeptentwicklung braucht Strukturen, die Spielr\u00e4ume erm\u00f6glichen. Dazu eine grundlegende Verl\u00e4sslichkeit \u2013 offene R\u00e4ume und Anlaufpunkte, ein Mindestma\u00df an hauptamtlich Mitarbeitenden und eine finanzielle Grundausstattung, vor allem aber Vertrauen und Erfahrung. Das alles bringt die Kirche mit \u2013 und es wurde lange so selbstverst\u00e4ndlich genommen, dass es nicht in den Fokus trat. Im letzten Jahr aber wurde klar: die Kirchen konnten auch deswegen in der so genannten Fl\u00fcchtlingskrise so effizient helfen, weil sie Anlaufstellen an jedem Ort haben &#8211; und dar\u00fcber hinaus eine breite Erfahrung mit Quartierscaf\u00e9s, Mittagstischen und Kleiderkammern, Hausaufgabenhilfen und Arbeitsloseninitiativen, Kirchenasyl, Eine-Welt-Arbeit und Patenschaften. Jetzt war und ist nicht mehr n\u00f6tig, als diese Arbeit neu zu fokussieren und konzeptionell aufeinander zu beziehen \u2013 nicht zuletzt Missio und die Kindernothilfe sind wichtige Partner, wenn es um Deutschkurse und Integration geht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>2. Initiatoren oder Ausputzer? Ehrenamtliche in der B\u00fcrgergesellschaft<\/strong><\/p>\n<p>Es sind aber vor allem freiwillig Engagierte, die die Geflohenen willkommen hei\u00dfen, ihnen Unterkunft und Kleidung, Sprachkurse und Begleitung im Alltag anbieten und daf\u00fcr auf Strukturen und R\u00e4ume der Kirche zur\u00fcckgreifen. Diese Bewegung erinnert an die Anf\u00e4nge der Diakonie im neunzehnten Jahrhundert. Sie gingen aus ganz \u00e4hnlichen Initiativen hervor, in denen engagierte B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger sich im Namen christlicher N\u00e4chstenliebe um diejenigen k\u00fcmmerten, die bei der Industrialisierung auf der Strecke blieben \u2013 um Migranten genauso wie um unversorgte Kranke und Sterbende, \u00fcberforderte Familien oder arbeitslose Jugendliche. Ob es um Hilfen f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge, die Tafelarbeit oder die Inklusion von Menschen mit einer Behinderung oder Demenzerkrankung geht- gesellschaftlicher Zusammenhalt und soziale Innovation leben vom ehrenamtlichen Engagement. Von Amalie Sieveking im Hamburg und Theodor und Friederike Fliedner in Kaiserswerth bis zu Brigitte Schr\u00f6der, der Gr\u00fcnderin der gr\u00fcnen Damen, oder Cecily Saunders, der Initiatorin der Hospizarbeit, haben gesellschaftliche Ver\u00e4nderungen immer mit Frauen und M\u00e4nnern begonnen, die die Initiative ergriffen. So wurden im 19. Jahrhundert Vereine, Verb\u00e4nde und Genossenschaften in Diakonie, Frauen- und Jugendarbeit gegr\u00fcndet, in denen bald auch neue soziale und p\u00e4dagogische Berufe entstanden. Durch den Auf- und Ausbau des Sozialstaats, in dessen Rahmen Diakonie und Caritas heute neben vielen anderen als Tr\u00e4ger der sozialen Dienste auftreten, haben die Wohlfahrtsverb\u00e4nde in den Augen vieler einen eher \u201estaatsanalogen\u201c oder inzwischen auch marktf\u00f6rmigen Charakter bekommen \u2013 nicht mehr \u00fcberall ist die Unmittelbarkeit des Engagements sp\u00fcrbar. In j\u00fcngster Zeit haben wir aber erlebt, wie wichtig ehrenamtliches Engagement ist, um Impulse zur Erneuerung und Ver\u00e4nderung geben. Das hat positive, teilweise aber auch problematische Dimensionen:<\/p>\n<p>Angesichts der leerer werdenden \u00f6ffentlichen Kassen ist der Einsatz von Ehrenamtlichen etwa in der Tafel-, Hospiz- und Fl\u00fcchtlingsarbeit gesellschaftlich hoch willkommen. Diese Entwicklung kam man als Ergebnis eines R\u00fcckzugs des Sozialstaats verstehen &#8211; gerade in der so genannten Fl\u00fcchtlingskrise ist ja deutlich geworden, wie problematisch die Ausd\u00fcnnung von Sozialverwaltungen und Polizeidienststellen oder auch die Privatisierung des ehemals \u00f6ffentlichen Wohnraums tats\u00e4chlich sind. Ehrenamtlich Engagierte, die auf 450-Euro-Basis die Koordination von Fl\u00fcchtlingsunterk\u00fcnften \u00fcbernehmen, weil die Stadtverwaltungen \u00fcberfordert sind, haben sich dazu auch sehr klar ge\u00e4u\u00dfert. Manche haben in diesem Zusammenhang schon von den Freiwilligen als Ausputzern und billigem Jakob des Sozialstaats gesprochen. Zugleich aber sehen wir ein gewachsenes Selbstbewusstsein der Zivilgesellschaft. Die beiden letzten Freiwilligensurveys der Bundesregierung einen neuen Ausgleich von Ich- und Wir-Orientierung, weg von der Ausrichtung auf Geselligkeit hin zu Engagement f\u00fcr das Gemeinwohl: B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger nehmen gesellschaftliche Anliegen selbst in die Hand und gestalten sie auf eigene Weise. \u201eDiese Bereitschaft zu helfen, miteinander zu sprechen, sich zu informieren oder Initiativen ins Leben zu rufen, ist gro\u00dfartig. Dieses Engagement h\u00e4lt unsere Gesellschaft zusammen und ist ein zentraler Pfeiler unserer Demokratie. Es ist auch ein Zeichen f\u00fcr Integration in und Teilhabe an unserer Gesellschaft\u201c, sagte Ralf Kleindieck, Staatssekret\u00e4r im Bundesfamilienministerium, k\u00fcrzlich bei der Vorstellung des 4. Freiwilligensurveys.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\"><sup><sup>[1]<\/sup><\/sup><\/a> Klar ist: die kulturpessimistische These, das \u201ealte Ehrenamt\u201c mit seiner altruistischen Motivation sei durch das zeitlich begrenzte \u201eneue Ehrenamt\u201c mit starkem Selbstverwirklichungsinteresse abgel\u00f6st worden, trifft nicht zu. Vielmehr haben wir es mit einem Motivmix zu tun: Freiwillig Engagierte verbinden selbstbezogene und altruistische Motive.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\"><sup><sup>[2]<\/sup><\/sup><\/a> Die Norm der Wohlt\u00e4tigkeit verliert ihre Monopolstellung \u2013 ihr zur Seite tritt die Norm der Reziprozit\u00e4t, das Gleichgewicht von Geben und Nehmen.<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a>Wer sich engagiert, gewinnt neue Beziehungen, Lebensvertiefung und Lebenssinn, aber auch Kompetenzen und Qualifikation. Mit ihrer aktiven Teilhabe an gesellschaftlichen Prozessen gestalten Ehrenamtliche die B\u00fcrgergesellschaft und kn\u00fcpfen soziale Netze, von denen viele andere profitieren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>3. Selbstwirksamkeit und Solidarit\u00e4t \u2013 das Recht auf Ehrenamt<\/strong><\/p>\n<p>Es griffe also zu kurz, b\u00fcrgerschaftliches Engagement vor allem nach seinem gesellschaftlichen und sozialen Nutzen zu beurteilen<strong><em>. <\/em><\/strong>F\u00fcr die Ehrenamtlichen selbst bedeutet ihr Engagement zumeist eine gro\u00dfe Bereicherung. So hat die sozialwissenschaftliche Forschung gezeigt:<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\"><sup><sup>[4]<\/sup><\/sup><\/a> Menschen, die sich in Gruppen engagieren, entwickeln ein \u00fcberdurchschnittlich hohes Vertrauen, eine positive Grundeinstellung in der Begegnung mit anderen. Und das gilt nicht nur f\u00fcr die anderen in der eigenen Gruppe, sondern auch gegen\u00fcber Fremden und Andersartigen. Das Gef\u00fchl, gebraucht zu werden, l\u00e4sst uns stark werden. Selbstwirksamkeitserfahrungen sind die wesentliche Triebfeder des Engagements. Ehrenamtliches Engagement bedeutet gesellschaftliche Teilhabe, von der niemand ausgeschlossen sein sollte \u2013 auch Menschen mit Behinderung, Hartz-4-Empf\u00e4nger oder Migranten nicht. Hier und da k\u00f6nnen Menschen, die sich sonst selbst als Hilfeempf\u00e4nger erleben, solche Erfahrungen machen. Ich denke an \u201eKunden\u201c oder G\u00e4ste der Tafel, die zum Teil des Teams werden oder ein Team von Menschen mit Behinderung, das in Essen zu Museumsf\u00fchrern ausgebildet wurde. Selbstverst\u00e4ndlich ist das noch lange nicht &#8211; leider auch in der Kirche \u2013 auch dort stehen sich oft noch Hilfebed\u00fcrftige und Hilfeempf\u00e4nger gegen\u00fcber. Studien, die in den Blick nehmen, aus welchen Schichten und Milieus die Engagierten kommen, zeigen deutlich: Sie sind gut ausgebildet, mit gut situierter Familie und Freundeskreis, oft an vielen Stellen zugleich engagiert. Es gilt das Matth\u00e4usprinzip: Wer hat, kann weitergeben. Wer aber wenig an Ressourcen mitbekommen hat, wer wenig zu bieten hat, der findet oft auch den Einstieg ins Ehrenamt nicht. Und von den prestigetr\u00e4chtigen und in sozialer und beruflicher Hinsicht durchaus nutzbringenden Ehren\u00e4mtern in Leitungsgremien bleibt in der Regel ausgeschlossen, wer es sich nicht leisten kann, nur f\u00fcr die Ehre zu arbeiten.<\/p>\n<p>Nicht zuletzt durch engagementpolitische Initiativen und durch staatliche Gesetzgebung hat sich in den letzten Jahren eine Grauzone entwickelt zwischen dem klassischen Ehrenamt und prek\u00e4ren Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnissen. Langzeitarbeitslose oder Rentnerinnen mit kleinen Renten bekommen immer h\u00e4ufiger eine \u00dcbungsleiterpauschale oder das Minijobsal\u00e4r f\u00fcr ihren ehrenamtlichen Einsatz, den sie selbst mit so viel Ernsthaftigkeit aus\u00fcben wie andere ihren Beruf. Und in strukturschwachen Bundesl\u00e4ndern wird der Bundesfreiwilligendienst f\u00fcr manche zum Berufsersatz. Die zunehmende \u201eMonetarisierung\u201c des Ehrenamts geh\u00f6rt auch f\u00fcr die Kirche zu den Herausforderungen der Zukunft. Klar ist, dass eine Ehrenamtskirche auch ihre Budgets von Personalentwicklung und Versicherungsleistung \u00fcber Bildung, Fortbildung und Supervision auf Ehrenamtstauglichkeit \u00fcberpr\u00fcfen muss &#8211; und dass dabei auch die im Blick bleiben m\u00fcssen, die nicht zu den gut Situierten geh\u00f6ren. Solidarit\u00e4t ist nicht nur denen gegen\u00fcber gefragt, die aktuell Hilfe ben\u00f6tigen &#8211; sondern auch denen gegen\u00fcber, die Kirche mit ihrer Empathie und ihrem Engagement mit tragen wollen, denen aber das notwenige Kapital fehlt \u2013 finanziell, aber auch sozial.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>4. Engagement und Vereinbarkeit \u2013 gesellschaftliche Rahmenbedingungen<\/strong><\/p>\n<p>Nicht nur, was die gesellschaftliche Spaltung angeht, ist die Zukunft des Ehrenamts eng mit den Herausforderungen und Ver\u00e4nderungsprozessen einer modernen Gesellschaft verbunden. Das gilt auch im Blick auf die Situation von Frauen, Jugendlichen und \u00e4lteren Menschen &#8211; alle besonders engagiert im Ehrenamt. Noch immer sind etwa 70 Prozent der Ehrenamtlichen in Kirche und Diakonie Frauen. Nach wie vor setzt die Gesellschaft auf ihr unentgeltliches ehrenamtliches Engagement, w\u00e4hrend doch zugleich angesichts des Fachkr\u00e4ftemangels in der Wirtschaft oder auch auf dem Hintergrund der Altersversorgung ein berufliches Einkommen f\u00fcr M\u00e4nner wie Frauen normal und auch notwendig geworden ist. Noch st\u00fctzen Ehegattensplitting und Mitversicherung von Familienangeh\u00f6rigen auch das Ehrenamt &#8211; zugleich aber klagen immer mehr Frauen \u00fcber eine ungerechte Versorgung und die Missachtung der Care-Arbeit. Keine Frage: zuk\u00fcnftig braucht die Gesellschaft auch neue Rahmenbedingungen f\u00fcr das Engagement. Die \u201e\u00d6konomie der Aufmerksamkeit\u201c, die wertvollste Ressource f\u00fcr den gesellschaftlichen Zusammenhalt, braucht eine grundlegende \u00f6konomische Absicherung \u2013 \u00fcber die bisherigen Modelle hinaus &#8211; zum Beispiel bei der Ber\u00fccksichtigung von Versicherungszeiten oder in der Anerkennung von Engagementzeiten im Studium und Beruf. Frauenverb\u00e4nde haben dazu in den letzten zwei Jahrzehnten Kompetenznachweise entwickelt. Die so genannte Feminisierung der Arbeitswelt ver\u00e4ndert aber auch die Wirtschaft \u2013 nicht nur mit neuen Modellen zur Vereinbarkeit, sondern auch mit einem neuen Interesse an sozialer Gestaltung, an Bildung und freiwilligen Eins\u00e4tzen. Auch \u201eSeitenwechsel\u201c zwischen beruflicher und ehrenamtlicher T\u00e4tigkeiten werden normaler.<\/p>\n<p>Zwar ist das Geschlechterverh\u00e4ltnis in der Kirche bei Aufgaben wie Gemeindeleitung, Ausschusst\u00e4tigkeit, Verwaltung oder Lektorendiensten inzwischen ausgewogen &#8211; aber in j\u00fcngster Zeit nehmen auch Kirchenleitungen wahr, dass es \u2013 trotz aller Quotenregelung \u2013 nicht gelingt, hinreichend Frauen f\u00fcr leitende \u00c4mter zu finden, weil die Mehrfachbelastung in Familie, Beruf und Ehrenamt zu gro\u00df geworden ist. Es wird Zeit, \u00fcber neue Zug\u00e4nge zum Ehrenamt f\u00fcr Frauen und M\u00e4nner auch in der Berufst\u00e4tigkeit nachzudenken &#8211; und auch \u00fcber eine andere Verankerung des Ehrenamts in den Umbr\u00fcchen des Lebens. Ehrenamtliches Engagement bietet die Chance, \u00dcberg\u00e4nge zwischen Schule und Beruf, beim Wiedereinstieg nach der Elternzeit, nach einem Umzug oder am Ende der Erwerbst\u00e4tigkeit erfolgreich zu gestalten. Die entsprechenden Angebote m\u00fcssen deshalb biographisch passend und damit vielf\u00e4ltig gestaltet sein. Dabei geht es um ein sinnvolles, wie selbstbewusstes Tun, das in der Erwerbsarbeit oft vermisst wird. Das Ehrenamt soll sich also von der Fremdbestimmung und vom Konkurrenzverhalten der Arbeitswelt abheben. \u00dcbrigens zeigt der j\u00fcngste Freiwilligensurvey, dass berufliche \u00dcberlastung und Mobilit\u00e4t immer h\u00e4ufiger der Grund f\u00fcr die Beendigung des Ehrenamts ist. Dabei ist es aber inzwischen selbstverst\u00e4ndlich, dass auch Ehrenamtliche sich professionell und effektiv einbringen wollen, ihre Zeit und ihren Einsatz planen. Dass sie klare Strukturen, Respekt vor ihren Kompetenzen und Entscheidungs- und Mitgestaltungsspielr\u00e4ume bei der Planung von Projekten erwarten. Sie verstehen sich nicht mehr als Helferinnen und Helfer von Wohlfahrtsorganisationen \u2013 vielmehr gilt das Umgekehrte, wie wir am Beispiel der Caritas in Berlin gesehen haben. Und das bedeutet, auch die Kirchen m\u00fcssen sich im Sinne des \u201ePriestertums aller\u201c wieder neu als Ehrenamtsorganisationen begreifen, in denen Pfarrerinnen, Pfarrer und andere Hauptamtliche die Engagierten unterst\u00fctzen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>5. Sorgende Gemeinschaften \u2013 Ehrenamt als Politik<\/strong><\/p>\n<p>Was wird aber auf Dauer aus der \u00dcbernahme ehrenamtlicher Verantwortung in einer immer st\u00e4rker \u00f6konomisch ausgerichteten Gesellschaft? In vielen neuen Quartiersprojekten, in Familienzentren, Mehrgenerationenh\u00e4usern und Stadtteilzentren entwickelt sich zurzeit eine neue Gestalt des Sozialen: Freundschaftliche Netze, Wohngemeinschaften und Wahlfamilien entstehen. Das Private wird geteilt, Erziehung und Pflege, Beratung und Hilfe werden damit \u00f6ffentlich, ohne sofort professionalisiert zu werden. In den Nachbarschaften und Quartieren nehmen Menschen vielf\u00e4ltigen Unterst\u00fctzungsleistungen selbst in die Hand und entwickeln daraus soziale und nicht zuletzt politische Initiativen &#8211; immer h\u00e4ufiger quer zu konfessionell oder weltanschaulich gepr\u00e4gten Verbandsstrukturen. Die Hospiz- und die Tafelbewegung sind hier die besten Beispiele. Zum Teil von Sponsoren aus der Wirtschaft unterst\u00fctzt, wie bei der Tafelbewegung, fordern sie Kirche und freie Wohlfahrtspflege heraus und geben neue Anst\u00f6\u00dfe. Denn um sich heute freiwillig zu engagieren, bedarf es nicht mehr der Verbundenheit mit einer Kirche. Die christliche Begr\u00fcndung des Helfens hat ihren Monopolanspruch verloren. Und die Christinnen und Christen, die sich engagieren, sind in der Regel in mehreren Organisationen aktiv: in Schule und Sportverein, in Kirche und Nachbarschaft. Sie \u201egeh\u00f6ren\u201c keiner Organisation &#8211; im Gegenteil: sie sind es, die mit ihren Ideen Bewegungen in Gang setzen und nach unterst\u00fctzenden Strukturen fragen. Das Beispiel vom Anfang zeigt deutlich, wohin die Reise geht. Mit ihrer Freiheit und ihrer Verwurzelung im Quartier erkennen Ehrenamtliche oft schneller als soziale Profis, wo neue Problemlagen auftauchen, b\u00fcrokratische Hemmnisse die Hilfe erschweren oder die fortschreitende \u00d6konomisierung die Schw\u00e4chsten allein l\u00e4sst. Anders als Hauptamtliche, Sozialarbeiter oder Pfarrerinnen, zu deren professioneller Haltung auch eine gewisse Distanz und Abgrenzung geh\u00f6rt, bringen sie sich ganzheitlich und empathisch ein.<\/p>\n<p>Aber auch das zeigt das letzte Jahr mit dem Einsatz der vielen Fl\u00fcchtlingshelfer sehr deutlich: auch ehrenamtlich Engagierte kommen an ihre Grenzen, weil eine berufliche Freistellung nicht \u00fcber Wochen und Monate m\u00f6glich ist oder weil die Supervision fehlt. Sie d\u00fcrfen tats\u00e4chlich nicht zum \u201ebilligen Jakob\u201c eines schlank gesparten Staates werden. Was die Integration von Gefl\u00fcchteten angeht, wird nachjustiert: neue Verteilzentren werden eingerichtet, Wohnbauprogramme aufgelegt. Tats\u00e4chlich wird jedoch viel mehr gebraucht: mehr Investitionen in Tageseinrichtungen und Schulen, mehr Traumatherapeuten und Deutschlehrerinnen. Welche Rolle spielen die Engagierten nun bei dieser politischen Debatte? Sie haben die Willkommenskultur gepr\u00e4gt \u2013 werden Sie nun auch dazu beitragen, die Sozial- und Gesellschaftspolitik f\u00fcr die Einwanderungsgesellschaft zu gestalten? Und welche Rolle k\u00f6nnen dabei Mittlerorganisationen wie die Kirchen spielen? Und werden sie auch die Migrantinnen und Migranten im Blick haben, die in diesem Prozess selbst zu Ehrenamtlichen geworden sind? \u201eEs geht um ein neues Verh\u00e4ltnis von Staat und Gesellschaft, das nicht in Kategorien staatlicher Planung und Steuerung von gesellschaftlichen Prozessen definiert wird, sondern im Sinne einer neuen, kooperativen und partnerschaftlichen Verantwortungsteilung\u201c, hat der inzwischen verstorbene Michael B\u00fcrsch geschrieben, der von 1999 &#8211; 2002 der Enquetekommission des Deutschen Bundestages zur F\u00f6rderung B\u00fcrgerschaftlichen Engagements vorsa\u00df. Ihm ging es um eine bewusste \u201eEngagementpolitik\u201c in Bund und L\u00e4ndern, wie in Wirtschaft und sozialen Organisationen &#8211; um das Leitbild B\u00fcrgergesellschaft.<\/p>\n<p>Dabei geht es auch um die politischen Strukturen, die Formen der Repr\u00e4sentation und Meinungsbildung. Das neue b\u00fcrgerschaftliche Engagement ist nicht \u00fcberall stumm und effizient, es kann eben auch laut und fordernd, wie der Begriff \u201eWutb\u00fcrger\u201c zeigt. Es geht um ein verbreitetes Gef\u00fchl, der oder die Einzelne werde von \u201edenen da oben\u201c nicht mehr wahrgenommen oder gar repr\u00e4sentiert wird, dass die Strukturen von Politik, \u00f6ffentlichen Tr\u00e4gern und Medien zu starr sind, um noch auf die tats\u00e4chlichen Probleme der B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger antworten zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Vor ein paar Jahren hat Beatrice von Weizs\u00e4cker ein Buch mit dem Titel \u201eWarum ich mich nicht f\u00fcr Politik interessiere\u201c geschrieben &#8211; in dem es zugleich um ihren Weg zum zivilgesellschaftlichen Engagement geht.<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a> Es ist ein Buch gegen Bevormundung durch einen politischen Apparat und die so genannte Parteipolitik, f\u00fcr Transparenz und Einmischung, f\u00fcr Mitspracherechte und Mitbestimmung. Es ist fast schon \u201ein\u201c geworden, sich f\u00fcr andere einzusetzen, schreibt sie. Und unter der \u00dcberschrift \u201eDas scheinbar bequeme Ehrenamt\u201c schreibt sie: Der Staat muss die Zivilgesellschaft nach Kr\u00e4ften unterst\u00fctzen. Trotzdem achtet er sie zu wenig. Mal vergibt er ein Verdienstkreuz, mal lobt er das Ehrenamt\u201c, doch gleichzeitig beginnt der Staat, sich (darauf) zu verlassen, als seien die \u201eAngelegenheiten\u201c der B\u00fcrger nicht mehr seine\u2026 Der Staat weicht zur\u00fcck, er zieht sich zur\u00fcck; er verl\u00e4sst sich auf die soziale Zivilgesellschaft und verl\u00e4sst zugleich sein ureigenstes Aufgabengebiet\u201c. So also nicht &#8211; auch nicht, wenn es um die neuen Sorgenetze geht. Wir brauchen auch weiterhin eine Sorgestruktur. Eben die gute Kombination aus ehrenamtlich Engagierten und der strukturellen Stabilit\u00e4t, die Kirchen, Wohlfahrtsverb\u00e4nde und staatliche Stellen vorhalten. Daf\u00fcr zahlen wir Steuern &#8211; auch in der Kirche.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>6. Nicht stumm bleiben \u2013 auf dem Reformweg<\/strong><\/p>\n<p>Aber gerade die kirchlichen Aufbr\u00fcche, die durch Ehrenamtliche gepr\u00e4gt waren, haben tiefe Spuren hinterlassen im sozialen Engagement wie im geistlichen Leben. Jugendarbeit und Erwachsenenbildung hatten den Anspruch, sich selbstbewusst und m\u00fcndig in einer komplexen Welt zu orientieren und den eigenen Glauben verantwortlich zu leben. Aber auch in der Friedens- und \u00d6kologiebewegung haben sich Christinnen und Christen mit ihrem Engagement eingebracht und von dort eigene Impulse in die Kirche getragen, beispielsweise in Hinblick auf den Umgang mit Energie und materiellen Ressourcen. Der konziliare Prozess f\u00fcr Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Sch\u00f6pfung hat nicht unwesentlich zu Demokratisierungsprozessen auch in den Kirchen der fr\u00fcheren DDR beigetragen. Es waren und sind die ehrenamtlich Engagierten, es ist die \u201eKirche als Bewegung\u201c, die der Kirche als Institution mit ihren \u00c4mtern immer neue Impulse gibt, sie in der Zeitgenossenschaft verortet, w\u00e4hrend die Amtstr\u00e4gerinnen und Amtstr\u00e4ger f\u00fcr Kontinuit\u00e4t sorgen.<\/p>\n<p>Gerade deshalb ist es wichtig, in der Struktur der Kirche f\u00fcr Augenh\u00f6he dieser beiden Perspektiven zu sorgen. Die sogenannte Amtskirche braucht Menschen, die die Organisation von au\u00dfen sehen, andere berufliche Erfahrungen und Kompetenzen einbringen und mit ihren Fragen und ihrer Kritik \u201eden Betrieb st\u00f6ren\u201c. Die Kirchentagsbewegung ist geradezu ein Symbol f\u00fcr dieses Bem\u00fchen, die Debatten der Zeit aufzunehmen, der Kirche den Spiegel vorzuhalten, innezuhalten und die anstehenden Herausforderungen auch theologisch zu reflektieren. In unserer religions- und weltanschauungspluralen Gesellschaft, sind Ehrenamtliche vielleicht die glaubw\u00fcrdigsten Vertreterinnen und Vertreter der Kirche. \u201eKirche gewinnt an Bedeutung, wenn sie Engagierten Raum gibt und ihre Strukturen engagementfreundlich gestaltet\u201c, hei\u00dft es auf der Ehrenamtswebsite der EKD, die eine Gruppe von Vertreterinnen und Vertretern aus den Landeskirchen aufgebaut hat.<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\"><sup><sup>[6]<\/sup><\/sup><\/a> Pfarrer\/innen und andere hauptberuflich T\u00e4tige, so Eberhard Hauschildt m\u00fcssen professionelle Distanz wahren. Ehrenamtliche hingegen k\u00f6nnen sich in viel gr\u00f6\u00dferer emotionaler N\u00e4he engagieren und tun dies zugleich ganz privat. Das impliziert freilich auch eigene Schwierigkeiten, Probleme der \u00dcberforderung oder des \u201eVerwickeltwerdens\u201c. Deshalb brauchen ehrenamtlich Engagierte nicht nur fachliche Fortbildung und Informationen \u00fcber Aufbau und Entscheidungswege in der Kirche, sondern auch geistliche Begleitung, Mentoring und Supervision.<\/p>\n<p>Selbstverst\u00e4ndlich geh\u00f6ren zu diesem Reformprozess auch Ver\u00e4nderungen im Profil hauptamtlicher Arbeit. Dieser Prozess hat l\u00e4ngst begonnen: Hauptamtliche Pfarrerinnen und Pfarrer, Diakone, Gemeindep\u00e4dagoginnen und Jugendmitarbeiterinnen sehen sich immer mehr in der Rolle der Coaches, verstehen sich als Moderatoren von Ver\u00e4nderungsprozessen; dabei sorgen sie f\u00fcr eine verantwortliche Struktur, f\u00fcr Kontinuit\u00e4t der grundlegenden Aufgaben. Und da die Mehrheit der Ehrenamtlichen direkt in den Kirchengemeinden engagiert ist, brauchen schlie\u00dflich auch die Gemeinden neue Strategien und Strukturen. Ehrenamtskoordination sollte eine Funktion der Gemeindeleitung werden und eng mit den Aufgaben und Funktionen des Kirchenvorstands verbunden sein. Das kann selbst eine interessante ehrenamtliche Funktion sein \u2013 sie sollte aber in jedem Fall professionell angegangen werden; am besten in einem Team von Haupt- und Ehrenamtlichen. Die Er\u00f6ffnung der Ehrenamtsakademie ist also ein Schritt auf einem systemischen Weg, der alle Seiten betrifft &#8211; die Ehrenamtlichen wie die Hauptamtlichen und die Organisationsstruktur.<\/p>\n<p>Dabei soll deutlich werden: Evangelische Kirche ist in ihrem Kern \u201eEhrenamtskirche\u201c, denn sie ist per se auf die Gestaltung durch alle Christinnen und Christen und auf ihre Verantwortung angewiesen. Das bedeutet aber keineswegs, dass Christsein sich nur im Engagement als glaubw\u00fcrdig erweist; schlie\u00dflich betrifft das allgemeine Priestertum das ganze Leben \u2013 auch Beruf und Partnerschaft. Und selbstverst\u00e4ndlich zeigt sich christliches Engagement eben auch bei der Feuerwehr oder bei einem Trainerjob im Sportverein oder anderswo in den Vereinen und Initiativen der Zivilgesellschaft. Deshalb ist die Zusammenarbeit von Kirche und Diakonie und von beiden mit Freiwilligenagenturen und B\u00fcrgerstiftungen so wichtig. Wo erlebbar wird, dass die Kirche offen ist f\u00fcr das Engagement der Vielen in den eigenen Reihen und dass sie das b\u00fcrgerschaftliche Engagement in der gesamten Gesellschaft st\u00e4rkt und unterst\u00fctzt, da gibt es f\u00fcr alle Seiten viel zu gewinnen.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich sollten wir uns bewusst sein, dass diejenigen, die sich in den verschiedenen Arbeitsfeldern von Kirche und Diakonie engagieren \u2013 bei den Tafeln, in Hospizen, in der Gospelbewegung, als Kirchenkuratoren oder eben in der Fl\u00fcchtlingsarbeit beispielsweise \u2013, keineswegs alle engagierte Kirchenmitglieder sind. H\u00e4ufig hatten sie sich schon lange der Kirche entfremdet oder waren ohnehin nie Mitglieder. Das Ehrenamt der Zukunft hat auch die Dimension, Engagierten Herberge und Heimat zu geben \u2013 und basiert nicht mehr nur darauf, dass Menschen sich aus einem Heimatgef\u00fchl und aus Zugeh\u00f6rigkeit engagieren. Hier\u00fcber gibt es Debatten \u2013 und es muss sie geben, genauso wie in der Politik. Welche Rolle spielen dabei Taufe und Mitgliedschaft? Kann nicht gerade das Engagement in der Gemeinde den Weg zur Taufe ebnen? W\u00e4re \u2013 wie in der Schweiz angedacht \u2013 eine Kirchenmitgliedschaft auf Probe denkbar? F\u00fcr die Zukunft der Kirche wird jedenfalls entscheidend sein, wie sie Engagierte und Suchende auf ihrem Weg zum Glauben begleiten kann und welche Rolle dabei nicht nur die funktionale und fachliche, sondern eben auch die religi\u00f6se Bildung spielt. F\u00fcr offene Angebote und viel Vertrauen spricht, dass viele, die \u00fcber ihre ehrenamtliche T\u00e4tigkeit etwa im Bereich der Kinderarbeit oder der Musik die Kirche erst kennenlernen, sich sp\u00e4ter offen zeigen f\u00fcr religi\u00f6se Angebote. Dass das Engagement im kirchlichen Kontext eine Chance bietet, auch \u00fcber Glaubensfragen ins Gespr\u00e4ch zu kommen, zeigt die j\u00fcngste Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung der EKD.<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\"><sup><sup>[7]<\/sup><\/sup><\/a> Das ehrenamtliche Engagement bietet die Chance, Gemeinschaft zu erfahren und dabei Glauben ganz neu zu entdecken.<\/p>\n<p>Die heutige Er\u00f6ffnung der Ehrenamtsakademie ist ein wichtiger, ein \u00f6ffentlicher Schritt auf einem spannenden Weg. Kirche entdeckt sich neu als ein durchaus gefragter Teil einer engagierten B\u00fcrgergesellschaft. Dabei gilt es die vielen ehrenamtlichen Verantwortungs- und Entscheidungstr\u00e4ger und \u2013 in Zusammenarbeit mit der Diakonie und den Verb\u00e4nden auch die sozial Engagierten, die Initiativen und Ideentr\u00e4ger &#8211; stark zu machen und fortzubilden, ihre Mitsprache \u2013 und Entscheidungsm\u00f6glichkeiten zu entwickeln und sie auch geistlich zu begleiten. Das wird nicht nur die Kirche ver\u00e4ndern, sondern auch in die Gesellschaft ausstrahlen. Empathisch und effizient wird die Kirche sein, aber auch solidarisch und nicht immer stumm. Heute jedenfalls nicht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h5><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Bundesministerium f\u00fcr Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.), Freiwilliges Engagement in Deutschland.<\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Vgl. Paul-Stefan Ro\u00df, Demokratie weiter denken. Reflexionen zur F\u00f6rderung b\u00fcrgerschaftlichen Engagements in der B\u00fcrgerkommune, Baden-Baden 2012, sowie Serge Embacher und Susanne Lang (Hrsg.), Recht auf Engagement. Pl\u00e4doyers f\u00fcr die B\u00fcrgergesellschaft, Bonn 2015.<\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Peter Sch\u00fcll, Motive Ehrenamtlicher. Eine soziologische Studie zum freiwilligen Engagement in ausgew\u00e4hlten Ehrenamtsbereichen, Berlin 2004, S. 57<\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Robert D. Putnam (Hrsg.), Gesellschaft und Gemeinsinn. Sozialkapital im internationalen Vergleich, G\u00fctersloh 2001.<\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> Beatrice von Weizs\u00e4cker, Warum ich mich nicht engagiere, Bergisch Gladbach 2009<\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> Vgl. <a href=\"http:\/\/www.evangelisch-ehrenamt.de\">www.evangelisch-ehrenamt.de<\/a>.<\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> Evangelische Kirche in Deutschland, Engagement und Indifferenz Kirchenmitgliedschaft als soziale Praxis<\/h5>\n<ol start=\"2014\">\n<li>\n<h5>EKD-Erhebung u\u0308ber Kirchenmitgliedschaft, Hannover 2014.<\/h5>\n<\/li>\n<\/ol>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vortrag bei der Er\u00f6ffnung der Ehrenamtsakademie in Frankfurt am 26.4. 16 1. Empathisch, effizient und leise \u2013 Kirche im Spiegel&#8230; <a href=\"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=1602\">read more<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":538,"menu_order":96,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-1602","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/1602"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1602"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/1602\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1603,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/1602\/revisions\/1603"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/538"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1602"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}