{"id":1591,"date":"2016-04-22T14:24:16","date_gmt":"2016-04-22T14:24:16","guid":{"rendered":"http:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=1591"},"modified":"2017-07-12T20:30:51","modified_gmt":"2017-07-12T20:30:51","slug":"kirche-und-diakonie-als-mitgestalter-fuer-eine-sorgende-gemeinschaft","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=1591","title":{"rendered":"Familie, Freundschaft, (Kirchen-) Gemeinden \u2013 Netzwerke der Sorge zwischen Tradition und Neuentdeckung"},"content":{"rendered":"<p><strong>1. Zur\u00fcck ins Gemeinwesen: Wir sind Nachbarn alle<\/strong><\/p>\n<p>Vor gut 20 Jahren hat der Sozialpsychiater Klaus D\u00f6rner die Einrichtungen und Verb\u00e4nde der Altenhilfe provoziert; er forderte \u2013 wie vorher schon f\u00fcr Psychiatrie und Behindertenhilfe &#8211; die Aufl\u00f6sung der Heime. \u201eIch will alt werden und sterben, wo ich gelebt habe\u201c &#8211; sein eing\u00e4ngiger Satz stand paradigmatisch f\u00fcr einen neuen Umgang mit Alter, Pflegebed\u00fcrftigkeit und Sterben. Seitdem haben sich die Einrichtungen der Altenhilfe differenziert; mit betreutem Wohnen und Kurzzeitpflege, ambulanter Pflege und hauswirtschaftlichen Hilfen, aber auch mit Caf\u00e9s und vielf\u00e4ltigen Kooperationen haben sie sich immer mehr ins Quartier ge\u00f6ffnet. Es gibt Pflegetelefone und Nachtcaf\u00e9s &#8211; und nicht zu untersch\u00e4tzen Mehrgenerationenh\u00e4user. Sozial- und gesellschaftspolitisch herrscht inzwischen Einigkeit \u00fcber das Paradigma der Inklusion: die notwendigen Dienstleistungen sollen zu den Menschen kommen \u2013 und nicht l\u00e4nger umgekehrt. Niemand soll in ein Heim gehen m\u00fcssen, nur weil er oder sie sich selbst nicht mehr versorgen kann; keiner soll isoliert sein, wenn er stirbt. Und auch Stadtplanung, Architekturb\u00fcros und Wohnungsbaugesellschaften machen inzwischen ernst damit, dass in den neuen Wohnquartieren Rollatoren wie Kinderwagen \u00fcber die Schwelle kommen und H\u00e4user so barrierefrei sein m\u00fcssen, dass auch Rollstuhl oder Krankenbett Platz finden.<\/p>\n<p>Die Quartiersbewegung will die Mauern durchl\u00e4ssig machen, die das Leben der Fitten und Leistungsstarken von dem der Hilfebed\u00fcrftigen trennt. Doch die Refinanzierungsstrukturen in unseren Sozialsystemen machen eine integrierte Arbeit nach wie vor schwer. Es ist ein sp\u00e4ter Schritt in die richtige Richtung, dass im Pflegestrukturgesetz II nun Pflege, Hauswirtschaft und Betreuung gleichwertig sind &#8211; schlie\u00dflich haben die Diakonischen Dienste seit langem angefangen, auch Hauswirtschaftsdienste und Pflegeberatung anzubieten. Aber je nachdem, ob jemand vor allem pflegebed\u00fcrftig, behindert, akut krank oder demenzerkrankt ist, wird er oder sie von unterschiedlichen Diensten versorgt und unterschiedlich untergebracht. Auf dem Hintergrund der unterschiedlichen Refinanzierung von Krankenversicherung, Pflegeversicherung und Eingliederungshilfe kommt es zu den bekannten \u201eVerschiebebahnh\u00f6fen\u201c zwischen Kassen, Kommunen und Einrichtungen, in denen Hilfebed\u00fcrftige einmal mehr zum Objekt der Hilfe werden. Dabei kann nat\u00fcrlich auch f\u00fcr einen \u00e4lteren Menschen, der nach einem Schlaganfall aus der Klinik nach Hause zur\u00fcckkommt, eine neue Eingliederung anstehen; eine Quartierskomponente ist also unverzichtbar, wenn die Dienste auch dazu dienen sollen, Netzwerke in die Nachbarschaft zu kn\u00fcpfen. Initiativen wie das SONG\u2013Netzwerk der Bertelsmann-Stiftung oder Wohnquartier hoch 4, getragen von Diakonie und Erwachsenenbildung in Rheinland- Westfalen- Lippe, geben seit einigen Jahren Anst\u00f6\u00dfe, neue Netzwerke zu kn\u00fcpfen, um Wohnen, Gesundheit, Bildung und Freizeit gut zu organisieren. Hier in Hamburg ist es nun Quartier hoch 8.<\/p>\n<p>Es geht darum, das alte \u201eSchubladendenken\u201c zu \u00fcberwinden \u2013 dazu geh\u00f6rt auch die Zuordnung von Menschen in Kirche und Diakonie als Gemeindeglieder und als Klienten oder Kunden im Sozialsystemen in Frage zu stellen. Interessanterweise haben die Kirchen sich damals nicht provoziert gef\u00fchlt durch die Thesen von Klaus D\u00f6rner. L\u00e4ngst hatten sie hilfe- und pflegebed\u00fcrftige \u00c4ltere an die Diakonie delegiert &#8211; nicht nur aus Gr\u00fcnden der Professionalit\u00e4t, sondern auch aus Refinanzierungsgr\u00fcnden &#8211; und sie damit oft exkludiert. Sich gemeinsam aufzumachen in Richtung Gemeinwesen bietet nun die Chance, die Sprachlosigkeit zu \u00fcberwinden und endlich, alle \u2013 auch die Hilfebed\u00fcrftigen &#8211; zuerst als Gemeindemitglieder wahrzunehmen. Darum geht es in der Gemeinwesendiakonie als Teil der Quartiersbewegung \u2013 sie f\u00fchrt vom Fall zum Feld, sie f\u00fchrt aber auch Gemeinden aus der Milieuverengung zur\u00fcck in die Parochie, Diakonie aus der Spezialisierung zur\u00fcck in die Zivilgesellschaft und Kirche und Diakonie mit Dritten zusammen. Projekte wie \u201eKirche findet Stadt\u201c oder \u201eWir sind Nachbarn. Alle.\u201c kn\u00fcpfen diesen Faden weiter &#8211; und hier und da werden auch die guten Erfahrungen aus dem Community-Organizing aufgenommen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>2. Von der Gemeindeschwester zum Versorgungsnetzwerk<\/strong><\/p>\n<p>Vor einigen Monaten habe ich die Festrede zum 10-j\u00e4hrigen der Diakoniestation in Rotenburg\/Fulda gehalten. Dort haben die B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger \u00fcberall Bronzefiguren aufgestellt, die an die Geschichte der Stadt erinnern. Auf dem Marktplatz vor der Kirche steht eine Frau in der Tracht der alten Gemeindeschwestern. Sie erinnert daran, dass die Geschichte der Gemeindediakonie weit \u00e4lter ist als die 10 Jahre der Diakoniestation &#8211; ja, dass ihre Tradition weit zur\u00fcckreicht bis ins 19. Jahrhundert. Im Internet, wo sich das Team der heutigen Diakoniestation vorstellt, taucht, auf den \u00e4lteren Bildern, nur noch eine Frau in Tracht auf: Schwester Elfriede aus dem Diakonissenmutterhaus in Kassel. Denn die Gemeindediakonie begann mit der Mutterhausdiakonie: die Mutterh\u00e4user schickten ihre Diakonissen in die Gemeinden, wo sie im Team mit dem Pfarrer eine Netzwerkarbeit begannen: er f\u00fcr die Seele, sie f\u00fcrs Soziale &#8211; er f\u00fcr das Wort, sie f\u00fcr den Leib, er f\u00fcr die Kirche, sie f\u00fcrs Quartier.<\/p>\n<p>In meiner Kindheit kam unsere damalige Gemeindeschwester, Schwester Helene, oft zu uns zum Fr\u00fchst\u00fcck &#8211; sie hatte dann ihre erste Schicht schon hinter sich und erz\u00e4hlte von ihren Patientinnen und Patienten; genauer: sie gab meinem Vater zu verstehen, wo er dringend einen Besuch machen sollte. Ich komme also aus einer Pfarrfamilie und habe von Anfang an beides erlebt: die Trennung und das Zusammenspiel von Kirche und Diakonie. Schwester Helene kannte die Familien im Viertel und wusste, wo es welche Probleme gab. Einer ihrer Lieblingsspr\u00fcche ist mir in tiefer Erinnerung: \u201eIch mache so gerne Tote fertig\u201c &#8211; das klingt skurril, aber es erz\u00e4hlt vielleicht auch von der eigenen Sehnsucht nach Ruhe in einem turbulenten Alltag. Und von dem Bem\u00fchen um W\u00fcrde, das ihre Arbeit durchzog &#8211; ein w\u00fcrdiger, ein vers\u00f6hnter Abschied geh\u00f6rt dazu. In den letzten Jahren &#8211; unter den Rahmenbedingungen eines modernen Krankenhauses &#8211; habe ich keine der Pflegenden mehr einen solchen Satz sagen h\u00f6ren. F\u00fcr viele Menschen war Schwester Helene eben nicht nur wegen ihrer praktischen Unterst\u00fctzung hilfreich, sondern sie war, was man eine gute Seele nennt. Wie sie sich nicht f\u00fcrchtete vor dem Umgang mit Krankheit, Tod und Sterben. Und weil sie immer wusste, was in den einzelnen H\u00e4usern los war, wer was brauchte und wer was hatte, konnte sie auch in Gemeinde und Nachbarschaft Hilfe vermitteln und das Netz weiter kn\u00fcpfen. Sie war eine der letzten ihrer Tradition. Darin gab es \u2013 soweit ich es als Kind wahrgenommen habe \u2013 keine klaren Arbeitszeiten und auch keine genauen Bestimmungen dar\u00fcber, welche T\u00e4tigkeiten sie aus\u00fcben sollte und welche nicht \u2013 und schon gar nicht war vorgeschrieben, wie lange sie etwa f\u00fcrs Waschen oder Fingern\u00e4gel schneiden brauchen durfte. Ob Schwester Helene so etwas wie Freizeit und ein Privatleben hatte &#8211; ich kann mich nicht erinnern.<\/p>\n<p>Das Bild der \u201eklassischen\u201c Gemeindeschwester erscheint den meisten Menschen nicht mehr zeitgem\u00e4\u00df, angefangen vom Leben in einer christlichen Gemeinschaft mit der unklaren Trennung zwischen Arbeit und Freizeit bis hin zu der Tatsache, dass die Diakonissen unter ihnen nur Versorgung und ein Taschengeld bekamen. Gleichwohl verblasst dieses Bild nicht &#8211; im Gegenteil: das Diakonissendenkmal in Rotenburg wurde ja erst gesetzt, als es keine Pflegende mit H\u00e4ubchen mehr gab. Was eigentlich macht die Attraktivit\u00e4t aus? Ganz offenbar hat das damit zu tun, dass die Herausforderungen, vor denen wir stehen, in manchem denen des 19. Jahrhunderts \u00e4hneln &#8211; auch wenn die Menschen im Durchschnitt deutlich wohlhabender sind als damals und M\u00fcllabfuhr, flie\u00dfendes Wasser und Zentralheizungen selbstverst\u00e4ndlich sind.<\/p>\n<p>In der Zeit der Industrialisierung brachen f\u00fcr viele Menschen die sozialen Zusammenh\u00e4nge, die sie getragen hatten, zusammen. Die Schattenseite der neuen Produktivit\u00e4t, des Anwachsens der St\u00e4dte und des steigenden Wohlstandes waren Arbeitslosigkeit und Armut, Wohnungsnot und in der Folge oft Probleme mit Alkohol und Kriminalit\u00e4t, Schwangere und M\u00fctter ohne M\u00e4nner, die sie versorgt h\u00e4tten. Christen wie Wichern oder die Fliedners f\u00fchlten sich in ihrem Glauben herausgefordert, sie sahen aber auch die Glaubw\u00fcrdigkeit der Kirche herausgefordert und suchten neue, innovative Antworten. In Kaiserswerth wurden Frauen aus allen Schichten zu Krankenpflegerinnen oder Erzieherinnen und Lehrerinnen ausgebildet. Die Idee war, ledigen Frauen, eine Gemeinschaft zu bieten, in der sie Halt und Orientierung fanden, eine Wahlfamilie \u2013 und ihnen zugleich eine Aufgabe, ja eine Berufsausbildung zu bieten, die ihnen die M\u00f6glichkeit gab, an der gesellschaftlichen Entwicklung teilzuhaben \u2013 und gerade diese Koppelung war ein gro\u00dfer Erfolg. Von den sorgenden Gemeinschaften in Mutterh\u00e4usern und Bruderh\u00e4usern, die ihr christlicher Glaube, ihre Rituale und das gemeinsame Tun zusammenhielt, gingen neue Impulse in die St\u00e4dte und D\u00f6rfer aus \u2013 mit Gemeindeschwestern und Diakonen, die ihrerseits f\u00fcr die W\u00fcrde der anderen einstanden und Zusammenhalt stifteten.<\/p>\n<p>Auch die gesellschaftliche Transformation, die wir gerade erleben, f\u00fchrt dazu, dass Menschen sich abgeh\u00e4ngt und \u00fcbersehen f\u00fchlen, dass sie den Eindruck haben, auf sie k\u00e4me es nicht mehr an \u2013 Hartz IV-Empf\u00e4nger, Menschen mit kleinen Renten, Migrantinnen und Migranten. Die Abgeh\u00e4ngten sind keine Minderheit \u2013 manche reden von einem Drittel &#8211; und das Anwachsen dieser Gruppe bedroht den gesellschaftlichen Zusammenhalt, das Gef\u00fchl gerechter Teilhabe. Viele sind haltlos oder \u00fcberfordert aus den verschiedensten Gr\u00fcnden &#8211; Jugendliche ohne Abschluss und Berufsausbildung; junge Erwachsene in der Rush-Hour zwischen Karriere und Familiengr\u00fcndung, aber immer in befristeten Arbeitsverh\u00e4ltnissen; Alleinerziehende, die neben der Erwerbsarbeit noch Kinder und alte Eltern zu versorgen haben; und auch allein lebende \u00c4ltere, die hilfebed\u00fcrftige werden und mit dem t\u00e4glichen Alltag \u00fcberfordert sind. Dissozialit\u00e4t ist ein wachsendes Problem, weil Familie und Nachbarschaft in schnellem Wandel sind. Beschleunigung und dauernde Verf\u00fcgbarkeit in der Erwerbsarbeit, hohe Mobilit\u00e4tsanforderungen und Erwartungen an Flexibilit\u00e4t geh\u00f6ren zum Design unserer Gesellschaft genauso wie die Schattenseiten: mangelnde Vereinbarkeit, eine niedrige Geburtenrate, die multilokale Mehrgenerationenfamilie. Angesichts der wachsenden Zahl \u00c4lterer und Pflegebed\u00fcrftiger werden in den Nachbarschaften und Gemeinden also Menschen wie Schwester Helene gebraucht \u2013 Menschen, die zupacken, Netzwerke kn\u00fcpfen, Plattformen gr\u00fcnden und R\u00e4ume \u00f6ffnen, damit B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger einander gegenseitig helfen k\u00f6nnen. Das erkl\u00e4rt den neuen Aufbruch in Richtung \u201eSorgende Gemeinschaften\u201c.<\/p>\n<p>Es gibt inzwischen zahlreiche Konzepte, innovative Netzwerke im Quartier zu entwickeln. Von fr\u00fchen Hilfen \u00fcber Inklusionsnetzwerke bis zu Demenznetzwerken. B\u00fcrgerkommunen, Alternsgerechte Kommunen, Familienfreundliche St\u00e4dte. Voraussetzung ist, dass Kommunen, die sozialen Dienste, die Wohnungswirtschaft, aber auch Verkehrsbetriebe und Einkaufszentren, \u00c4rzte oder Nachbarschaftscaf\u00e9s bereit sind, sich in solchen integrativen Projekten zu engagieren und zu vernetzen. In der Regel ist dazu professionelle Unterst\u00fctzung erforderlich \u2013 z.B. im Quartiersmanagement oder in einem Familienzentrum oder Mehrgenerationenhaus. Hier sind die Kommunen, aber auch Kirche, Diakonie und die anderen Tr\u00e4ger der Freien Wohlfahrtspflege besonders gefragt. Dabei geht es immer h\u00e4ufiger auch darum, \u00fcberhaupt die Eckpfeiler des \u00f6ffentlichen Raums und des nachbarschaftlichen Lebens aufrecht zu halten: einen Laden am Ort, die Praxis des Hausarztes, eine Kneipe oder ein Caf\u00e9, wo man sich ungezwungen treffen kann, regelm\u00e4\u00dfigen Nahverkehr. \u00dcber 650 ehrenamtliche B\u00fcrgerbusse sind inzwischen in Deutschland unterwegs, damit auch \u00e4ltere Menschen mobil bleiben k\u00f6nnen. An immer mehr Orten entstehen gemeinsame Mittagstische, Pfarrg\u00e4rten \u00f6ffnen als Caf\u00e9s und durch das gemeinsame Engagement f\u00fcr die Nachbarschaft entstehen starke Bindungen zwischen dem Beteiligten, oft \u00fcber die Grenzen traditioneller kulturellen oder ethnischen Milieu hinweg.<\/p>\n<p>Die gelingenden Projekte und Netzwerke zeigen, wohin die Reise gehen kann &#8211; notwendig sind eine integrative Gesundheitsversorgung mit einer guten Beratung, eine Infrastruktur vor Ort mit der notwendigen Versorgung, \u00f6ffentlichem Nahverkehr und R\u00e4umen der Begegnung, aber auch: eine aktive B\u00fcrgerschaft und die Beteiligung von Zugeh\u00f6rigen und Nachbarn. Das erinnert in manchem an die sorgenden Gemeinschaften des 19. Jahrhunderts: damals entwickelte Wichern auch Ideen f\u00fcr die Quartiersgestaltung in St. Georg, die neu gegr\u00fcndeten Mutter- oder Br\u00fcderh\u00e4user gingen in die Kirchengemeinden, um gemeinsam neue Initiativen zu starten und Menschen, denen man bis dahin nicht viel zutraute, bekamen eine neuen Aufgabe. Aber nat\u00fcrlich hatte diese Entwicklung auch ihre Schattenseiten &#8211; und wenn wir die \u00fcbersehen, kann der neue Aufbruch nicht gelingen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>3. Wo dr\u00fcckt der Schuh? Vor der Behandlung die Diagnose<\/strong><\/p>\n<p>Warum eigentlich klappt es bis heute nicht mit dem Grundsatz &#8211; ambulant vor station\u00e4r? Wir sehen doch seit langem, wohin es mit der ambulanten Pflege gehen m\u00fcsste \u2013 die ambulanten Hospizdienste in der Krankenversorgung sind Vorreiter. Da gibt es n\u00e4mlich integrative Teams aus Pflegenden und \u00c4rzten, mit Sozialarbeitern, Seelsorgerinnen und Ehrenamtlichen Hospizhelfern \u2013 immer in Kontakt mit den Krankenh\u00e4usern. Aber hier geht es um die Pflegeversicherung, die eben keine Vollkasko-Versicherung ist, wie man so sch\u00f6n sagt. Im Zusammenhang der Woche f\u00fcr das Leben hat der Ratsvorsitzende der EKD \u00fcbrigens gerade gefordert, diese Deckelung aufzuheben \u2013 das r\u00fchrt an den Ursprungsstreit \u00fcber die Finanzierung und Verortung der Pflegeversicherung. Die Einf\u00fchrung der Pflegeversicherung war ja zun\u00e4chst durchaus ein Fortschritt &#8211; und dazu geh\u00f6rte auch, dass Schwester Helene und andere nicht mehr allein auf weiter Flur arbeiten mussten, sondern in ein Team eingebunden wurden, in dem sie Vertretung und fachlichen Austausch fanden. Wie kommt es also, dass sich noch immer Menschen nach der alten Gemeindeschwester zur\u00fcck sehnen? Es gibt ja sogar schon Gemeinden, die neue Modelle einer professionellen, nebenamtlichen diakonischen Mitarbeiterin, einer Gemeindeschwester neuer Form, entwickelt haben, um die Netzwerkarbeit wieder zu st\u00e4rken. Leider allerdings oft im Rahmen eines 450 Euro Nebenjobs. Mit der Professionalisierung, die das Berufsbild der generalistischen Gemeindeschwester zur Pflegekraft vorantrieb, wurde Pflege schlie\u00dflich Teil des Gesundheitssystems &#8211; abh\u00e4ngig nicht nur von den fachlichen, sondern auch von den \u00f6konomischen Standards, die dort gesetzt werden. Dementsprechend leidet sie unter dem Druck von Effektivierung und Effizienz, von Modularisierung und Dienstleistungsketten &#8211; und, angesichts der knapp gewordenen Zeit, unter der Entfremdung, die mit den Beschleunigungsprozessen einhergeht.<\/p>\n<p>Dass Pflege zudem im Verh\u00e4ltnis schlecht bezahlt wird &#8211; Heinz Bude spricht inzwischen von dem neuen Dienstleistungsproletariat &#8211; hat aber nicht nur mit einem durch demografischen Wandel und dem durch den medizinischen Fortschritt \u00fcberforderten Gesundheitssystem zu tun, sondern auch mit dem unguten Erbe der Mutterh\u00e4user und Schwesternschaften. An der Wurzel der diakonischen Pflegegeschichte steht die \u00dcberzeugung, dass Frauen zur N\u00e4chstenliebe geboren seien &#8211; und dass die Pflegeberufe eine Art Ersatz f\u00fcr die Arbeit der Ehefrau in der Familie sind. Nicht zuletzt unter dem Druck der Frauenbewegung wurde im Laufe der Jahrzehnte berufliche Professionalit\u00e4t entwickelt \u2013 die Geschichte zeigt aber, dass Professionalit\u00e4t und \u00d6konomie immer wieder, nicht erst heute, in Spannung zueinander gerieten &#8211; im Streit um den 8-Stunden-Tag, die L\u00e4nge der Ausbildungszeiten, um fachlich \u00fcberzeugende Curricula<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\"><sup><sup>[1]<\/sup><\/sup><\/a>. Gleichwohl: \u00fcber lange Zeit hatten Diakonissen und Gemeindeschwestern gesellschaftlich einen hohen Status.<\/p>\n<p>Heute fehlt der Care-Arbeit die Anerkennung \u2013 beruflich wie privat. Das zeigt sich auch bei der Polarisierung sozialer Lebenslagen \u2013 insbesondere zwischen Ein- und Zwei-Verdiener Haushalten, vor allem aber zwischen denen, die f\u00fcr Kinder oder Pflegebed\u00fcrftige sorgen und denen, die sich auf die eigene Erwerbst\u00e4tigkeit konzentrieren k\u00f6nnen. Mit der Verantwortung f\u00fcr die Erziehung von Kindern oder die Pflege von Kranken und Sterbenden in der Familie steigt das Armutsrisiko von Frauen. Die Wohlfahrts\u00f6konomie verl\u00f6re an Strahlkraft, hat der Soziologe Thomas Klie neulich gesagt \u2013 unsere Gesellschaft ist eine Erwerbsgesellschaft: Aufstiegschancen, Armutsvermeidung und Konsumm\u00f6glichkeiten f\u00fcr den Einzelnen wie eben auch die soziale Sicherung h\u00e4ngen von der Erwerbst\u00e4tigkeit ab. Das bedeutet auch, dass wenig Platz bleibt f\u00fcr diejenigen, die auf Zuwendung und Hilfe anderer angewiesen sind &#8211; allen politischen Konzepten von Inklusion zum Trotz. Der Siebte Familienbericht hat bereits von einem kommenden Care-Defizit gesprochen. Wenn Frauen wie M\u00e4nner erwerbst\u00e4tig sein sollen \u2013 und nicht nur, wie zur Zeit nach dem Ehegattensplitting-Modell mit einem Vollzeit- und einem Halbtagsjob, dann braucht es eine qualitativ hochwertige und gut ausgebaute Infrastruktur in Erziehung, Bildung, Pflege und auch eine bessere finanzielle Absicherung der Zeiten, die M\u00e4nner wie Frauen in der Familie mit Erziehung und Pflege verbringen. Noch sind wir weit davon entfernt: die meisten denken noch immer nur an Kindererziehung, wenn von Vereinbarkeit die Rede ist, Pflegeversicherung wie Pflegezeit sind beide Teilkasko-Modelle, denn sie lassen das gr\u00f6\u00dfte Risiko bei den Betroffenen, und das Ehegattensplitting ber\u00fccksichtigt l\u00e4ngst nicht mehr alle Familien. Letztlich geht es um einen Mentalit\u00e4tswandel: es geht darum, Care- und F\u00fcrsorgearbeit in den Familien, aber auch in der Zivilgesellschaft &#8211; in gleicher Weise anzuerkennen wie Erwerbsarbeit. Denn nur in einem guten Zusammenspiel von Familien und Dienstleistern, Arbeitgebern und Nachbarschaft k\u00f6nnen die zuk\u00fcnftigen Herausforderungen gemeistert werden.<\/p>\n<p>Noch aber gilt: auch Ehrenamt muss man sich leisten k\u00f6nnen. Die meisten Engagierten sind gut situiert &#8211; famili\u00e4r, finanziell und auch, was ihre Bildungsvoraussetzungen angeht. Sie verf\u00fcgen \u00fcber gute Kontakte und viele von ihnen haben auch einen offenen Blick f\u00fcr neue Herausforderungen. Sie setzen sich ein, um Notlagen zu mindern, anderen auf die Beine zu helfen und sich dabei selbst auch weiter zu entwickeln. Der Trend geht weg von der Geselligkeitsorientierung hin zur Gemeinwohlorientierung, Tafelarbeit, Fl\u00fcchtlingsinitiativen, Nachbarschaftshilfen sind wichtige ehrenamtliche Arbeitsfelder \u2013 f\u00fcr die, die es sich leisten k\u00f6nnen. Wer finanziell nicht gut abgesichert ist oder wenig Beziehungen hat, bleibt auch in der Kirche oft au\u00dfen vor. Inzwischen gibt es allerdings eine Grauzone zwischen dem klassischen Ehrenamt und prek\u00e4ren Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnissen \u2013 mit \u00dcbungsleiterpauschale, B\u00fcrgerarbeit und Minijobs. Es gibt die Langzeitarbeitslosen, die den Bundesfreiwilligendienst f\u00fcr sich entdeckt haben, und die Rentnerinnen, die ihre ehrenamtliche Aufgabe als Zusatzjob verstehen. Weil eben ihre Rente allein nicht reicht. Wer genau hinschaut entdeckt, dass gerade das soziale Ehrenamt in Deutschland in hohem Ma\u00dfe von Frauen, in der Regel von Familienfrauen und eben auch von den jungen Alten getragen wird. Dieses Potenzial erodiert mit ver\u00e4nderten Erwerbsverl\u00e4ufen \u2013 wenn wir nicht f\u00fcr eine bessere Vereinbarkeit, f\u00fcr eine finanzielle Anerkennung von Care-Arbeit und Engagement und f\u00fcr eine ausk\u00f6mmliche Grundrente sorgen. Das ist vielleicht die gr\u00f6\u00dfte Herausforderung des Konzepts von den Sorgenden Gemeinschaften.<\/p>\n<p>Und das kreuzt sich mit dem Befund, dass mit der Professionalisierung der Pflege und ihrer Einbindung ins Gesundheitswesen diejenigen Aspekte der Gemeindeschwesternarbeit weggefallen sind, die eher Sozialarbeit waren oder auch Beratungscharakter oder Seelsorgecharakter hatten. Auch deshalb, weil es daf\u00fcr keine Refinanzierung aus dem Gesundheitssystem mehr gab und weder Kommunen noch Kirchen die Notwendigkeit oder die M\u00f6glichkeit sahen, hier Ersatz zu schaffen. Inzwischen unterh\u00e4lt z.B. die Stadt Hannover Koordinationsstellen f\u00fcr Besuchsdienste, f\u00fcr Nachbarschaftshilfen und finanziert Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter die sich um Dissozialit\u00e4t k\u00fcmmern. Aber die Frage, wie es gelingen kann, die professionelle Pflege nicht nur mit Hauswirtschaft und Betreuung, sondern auch mit anderen Dienstleistungen im Quartier und mit b\u00fcrgerschaftlichem Engagement zu verkn\u00fcpfen, geht Kirche und Diakonie noch einmal in besonderer Weise an. Zum einen, weil das nur mit einem Zusammenspiel gelingen kann \u2013 wie schon das Gemeindeschwesternmodell aus einer Kooperation von Gemeinden und Mutterh\u00e4usern hervorging. In der Quartierspflege und in Netzwerken einer altengerechten Stadt geht es um Gemeinwesendiakonie. Zum anderen, weil hier die Kirche auch mit ihren R\u00e4umen und ihren hauptamtlich Mitarbeitenden \u2013 und das hei\u00dft mit ihren eigenen Ressourcen gefragt ist \u2013 es geht um die Aufgabenbeschreibungen von Gemeindep\u00e4dagogen, Diakoninnen, Sozialp\u00e4dagogen, aber auch mit K\u00fcstern oder Musikern, es geht aber auch um den Umbau von Gemeindeh\u00e4usern zu Gemeinwesenzentren. Die so verehrte Gemeindediakonisse hat aber den Kirchengemeinden bis in die 60er Jahre hinein nichts gekostet &#8211; es waren die Mutterh\u00e4user, die Spenderinnen und Spender und eben die Schwestern selbst, die bis auf ein Taschengeld auf Einkommen verzichteten. Und deshalb der dritte Grund, warum nun die Kirche gefragt ist: Sorgenetzwerken und Sorgende Gemeinschaften speisen sich aus den spirituellen Energien, die Zuwendung und Zusammenarbeit \u00fcberhaupt erst m\u00f6glich machen: N\u00e4chstenliebe, Einf\u00fchlung, Dankbarkeit, Verbundenheit und Verantwortung. Damit ist aber auch die Erfahrung ber\u00fchrt, dass diese Energien &#8211; insbesondere die Empathie von Frauen &#8211; lange Zeit als selbstverst\u00e4ndlich vorausgesetzt und oft genug auch religi\u00f6s ausgebeutet worden sind. Heute spielen die Kompetenzen, die Zeit und die Erfahrungen der jungen Alten eine wichtige Rolle, wenn es um den Aufbau von Sorgenden Gemeinschaften geht. Und tats\u00e4chlich sind sie es, die sich in besonderer Weise ehrenamtlich f\u00fcr das Gemeinwesen engagieren und daf\u00fcr auch Kompetenzen und Zeit mitbringen. Sie leben meist schon l\u00e4nger am Ort, haben Kontakte gekn\u00fcpft und zudem \u2013 statistisch gesehen &#8211; deutlich an Lebenszeit hinzugewonnen. Aber &#8211; wie gesagt &#8211; sie m\u00fcssen sich das Ehrenamt auch leisten k\u00f6nnen. Und sie brauchen und wollen Raum, es eigenst\u00e4ndig und eigensinnig zu gestalten. Wenn die Geschichte des Sorge-Engagements noch einmal neu beginnen soll, ist auf diese Herausforderungen zu achten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>4. Familien, Freundschaften, Wahlverwandtschaften<\/strong><\/p>\n<p>Heute dauert die nachberufliche Phase nicht selten 20 bis 30 Jahre. F\u00fcr die Mehrheit der \u00c4lteren ist die Gro\u00dfelternschaft eine Sinn gebende Altersrolle, sie verbinden damit ein hohes Ma\u00df an Wohlbefinden, Erf\u00fcllung und Zufriedenheit. Zugleich sind sie in diesen Bez\u00fcgen selbst auch Lernende. Aus dem letzten Deutschen Alterssurveys (2010) geht hervor, dass der Generationenvertrag in den Familien nach wie vor wirkt: Rund 36 Prozent der 70 bis 85-J\u00e4hrigen bedenken ihre Kinder und Enkel mit Geld- und Sachleistungen, j\u00e4hrlich 3,5 Milliarden Arbeitsstunden investieren die 60 \u2013 85\u2013j\u00e4hrigen dar\u00fcber hinaus f\u00fcr die Hilfe in der Familie und die Betreuung der Enkel. Umgekehrt erhalten \u00c4ltere, wenn sie hilfsbed\u00fcrftig werden, vielf\u00e4ltige praktische Hilfen zur Bew\u00e4ltigung des Alltags \u2013 bei Einkauf, Beh\u00f6rdeng\u00e4ngen, Arztbesuchen und Instandhaltung der Wohnung bis hin zur Pflege. Und tats\u00e4chlich werden noch immer die meisten Pflegebed\u00fcrftigen in den Familien gepflegt \u2013 von T\u00f6chtern, Schwiegert\u00f6chtern, Ehefrauen, aber auch inzwischen auch zu einem Drittel von M\u00e4nnern. Die selbstverst\u00e4ndliche Teilnahme von Frauen an der Erwerbsgesellschaft, die zunehmende Mobilit\u00e4t wie auch der demographische Wandel f\u00fchren allerdings dazu, dass das sogenannte T\u00f6chter- und Schwiegert\u00f6chter Pflegepotenzial schrumpft &#8211; nicht zuletzt, weil die, die f\u00fcr die Care-Arbeit sorgen, finanziell benachteiligt und zeitlich in Zerrei\u00dfproben stehen. Ehe wir allerdings die goldenen 50er verkl\u00e4ren, sollten wir uns daran erinnern, dass dieser Prozess bereits im 19. Jahrhundert begann; gerade deswegen entstand ja die neuzeitliche Diakonie mit Pflegeeinrichtungen, Krankenh\u00e4usern und Kinderg\u00e4rten und mit den diakonischen Gemeinschaften. Sie waren Wahlfamilien f\u00fcr ihre Mitglieder und zugleich Familienerg\u00e4nzung und \u2013unterst\u00fctzung f\u00fcr gro\u00dfe Teile der Bev\u00f6lkerung.<\/p>\n<p>Heute ist unsere Gesellschaft wieder im Aufbruch in Richtung Wahlfamilien. Immerhin lebt inzwischen fast die H\u00e4lfte der \u00e4lteren Menschen als Singles. Sie k\u00f6nnen \u2013 wie die ganz Jungen \u2013 Pioniere der gesellschaftlichen Auseinandersetzung um ein gutes Leben und nachhaltiges Wirtschaften sein. Auf Schloss Blumenthal in Bayern haben sich Menschen zusammengetan, um miteinander anders zu leben. Eine bunte Mischung von Individualisten vom Parkettpfleger \u00fcber den Mediziner, von der Hotelkauffrau bis zur Steuerfachangestellten oder zur Yogalehrerin. Ihre Zukunftsvision ist ein Grundeinkommen f\u00fcr jedes Mitglied aus den Gewinnen der Betriebe und eine gemeinsame Altersversorgung. Schloss Blumenthal ist eine GmbH und Co. KG; die Basis bildet ein Hotel mit 80 Betten in einem alten Herrenhaus, ein Gasthaus sowie G\u00e4rten und Parks. \u201eWir stehen hier immer vor der Frage, wie sieht unsere Balance zwischen \u00d6konomie und Gemeinschaft aus\u201c, sagt der Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer, Martin Horack, der hier einst mit 8 Familien begann und inzwischen in einem kleinen Dorf lebt &#8211; mit Kindern und \u00c4lteren und Menschen aus allen Berufsgruppen. F\u00fcr Menschen, die alleinerziehend mit Kindern leben, die in die dritte Lebensphase eintreten und damit rechnen, mehr Hilfe zu brauchen, f\u00fcr Menschen mit einer Behinderung oder f\u00fcr Singles, die einen Ort der Zugeh\u00f6rigkeit suchen, wird es wichtiger, dar\u00fcber nachzudenken, wo und wie sie leben. Und viele haben das Gef\u00fchl, dass \u00d6konomie und soziale Nachhaltigkeit aus der Balance geraten sind.<\/p>\n<p>Die Idee : starke Nachbarschaften, in denen man einander wechselseitig hilft. Es geht eben nicht nur darum, Dienstleister hineinzubringen. Es geht vielmehr darum, dass die Generationen mit wechselseitiger Unterst\u00fctzung f\u00fcreinander einstehen. In der international vergleichenden Wohlfahrtsstaatsforschung hat sich ja l\u00e4ngst die Erkenntnis durchgesetzt, dass die Funktionsf\u00e4higkeit des bisherigen wie gegenw\u00e4rtigen Sozialstaats zum gr\u00f6\u00dferen Teil auf der informellen Wohlfahrtsproduktion beruht. Erziehung und Pflege in den Familien, Engagement in Nachbarschaft, Vereinen und Gemeinden, \u00fcberhaupt jede Form sozialer Hilfeleistung und gesellschaftlicher Solidarit\u00e4t, bilden die eigentliche und unverzichtbare Grundlage und Voraussetzung unseres gesellschaftlichen Reichtums.<\/p>\n<p>Dabei spielen die Unterst\u00fctzungsleistungen bei Haushalt, W\u00e4sche, Eink\u00e4ufen eine zentrale Rolle \u2013 sie erfordern und erm\u00f6glichen Austausch und Kommunikation. Familien- und Hausarbeit, bis in die Nachkriegszeit ganz selbstverst\u00e4ndlich von Frauen erwartet, wird heute zunehmend unterbewertet. Auch wenn wir vieles davon kaufen oder delegieren k\u00f6nnen &#8211; heute an Dienstleister, fr\u00fcher an Dienstm\u00e4dchen &#8211; im Kern geht es um Beziehungen, die sich nicht delegieren lassen. Im Kochen, Pflegen, Schulaufgaben begleiten kann sich auch etwas anderes ausdr\u00fccken: Da-sein und Zeit haben, ein Sich-K\u00fcmmern um das Wohlergehen eines\/r anderen, seine Heilung, seine Zukunft. Darum st\u00f6\u00dft das \u00f6konomische Denken hier an eine Grenze &#8211; es geht um die Grundbedingungen\u201a guten Lebens, um die Weitergabe von Kultur und den gesellschaftlichen Zusammenhalt &#8211; die Einsparung von Zeit, das Schielen nach Effizienz passt nicht.<\/p>\n<p>Auch professionelles soziales Handeln ist immer Beziehungshandeln. Ob in der Pflege oder der Stadtteilarbeit, in der Fr\u00fchf\u00f6rderung oder vielleicht gerade in der Sterbebegleitung: immer geht es darum, eine tragf\u00e4hige Beziehung zwischen Hilfebed\u00fcrftigen und Helfern zu erhalten oder aufzubauen. Gesundheit l\u00e4sst sich nicht einkaufen wie ein Medikament, Erziehung nicht \u00fcberst\u00fclpen, eine Therapie h\u00e4ngt von der Bereitschaft der Betroffenen ab, sich mit sich selbst auseinander zu setzen. Mehr als in anderen Arbeitsfeldern basiert der Erfolg auf einer gelungenen Kooperation. Nat\u00fcrlich sind eine achtsame Haltung und die F\u00e4higkeit, Beziehungen aufzubauen, \u00fcber alles Expertenwissen und Handwerk hinaus Teil der Professionalit\u00e4t in sozialen, Gesundheits- und Bildungsberufen &#8211; zugleich aber kommt diese F\u00e4higkeit gerade da an ihre Grenzen, wo diese Branchen denselben Beschleunigungs\u00ad und \u00d6konomisierungsmechanismen unterliegen wie andere auch. Professionalisierung bedeute immer auch Vereisung, wie Andreas Heller sagt.<\/p>\n<p>\u201eWir brauchen Freunde und Freundinnen, eine Kultur der Freundschaft. Freundschaft begr\u00fcndet sich in dem Wissen, dass wir wohl immer mehr empfangen, als wir zu geben in der Lage sind.\u201c<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\"><sup><sup>[2]<\/sup><\/sup><\/a>, schreibt Andreas Heller. \u201eDie Sorge f\u00fcreinander kann uns helfen, reicher, lebendiger und sinnvoller zu leben &#8211; Resonanz zu erfahren. Freundschaft geht \u00fcber die berufliche Arbeit hinaus &#8211; sie l\u00e4sst sich nicht bezahlen, nicht organisieren und professionalisieren&#8230;\u201c. \u201eEin guter Freund ist jemand, der einen an einen selbst erinnert, wenn man sich aus den Augen verloren hat\u201c, schreibt Ariadne von Schirach in ihrem Buch \u201eDu sollst nicht funktionieren\u201c: \u201eDieser Blick ist unersetzlich, vor allem, weil es manchmal leichter ist, sich selbst zu t\u00e4uschen als einen Menschen, der einem nahe steht. Eine Zeit, die ihre soziale Energie auf die Fragen nach N\u00fctzlichkeit oder sexueller Attraktivit\u00e4t beziehungsweise Verf\u00fcgbarkeit reduziert, ist nicht nur widerw\u00e4rtig, sondern beraubt die ihr unbedacht Folgenden auch aller Erfahrungen von F\u00fcrsorge, Loyalit\u00e4t und Gro\u00dfz\u00fcgigkeit\u201c<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\"><sup><sup>[3]<\/sup><\/sup><\/a>.<\/p>\n<p>Wie wichtig es ist, die Gemeinschaft, aus der ein Mensch kommt, im Blick zu haben und die Beziehungen nicht einfach abzubrechen, sondern einzubeziehen und zu erg\u00e4nzen, das hat die soziale Arbeit in vielen Arbeitsfeldern durchdekliniert: in der Adoptions- und Pflegekinderarbeit, in der Hospizarbeit, in der ambulanten Suchtkrankenhilfe, der Betriebs-Sozialarbeit und nun in dem Bem\u00fchen um ein gutes Versorgungsnetz im Stadtteil. Was w\u00fcrde es nutzen, zu Hause alt zu werden und zu sterben, wenn dieses zu Hause nichts weiter ist als eine Wohnung ohne Geschichte? Wenn ich die Nachbarn kaum kenne, immer neue Dienstleister kommen, die Unterst\u00fctzung im Alltag fehlt? 33 Menschen hei\u00dft es, m\u00fcssten wir kennen, um uns an einem Ort zu Hause zu f\u00fchlen &#8211; 33 Menschen vom Arzt bis zu B\u00e4cker, von der Nachbarin bis zur alten oder neuen Freundin.<\/p>\n<p>Angesichts des wachsenden Drucks, der in der Phase von Berufseinstieg, Karriere und Familiengr\u00fcndung auf den J\u00fcngeren lastet, bringen viele \u00c4ltere heute ihre Zeit und ihre Erfahrung ein, um den fragilen Zusammenhalt einer mobilen Gesellschaft zu st\u00e4rken. Generationen\u00fcbergreifend mit sozialen Patenschaften oder im Mentoring f\u00fcr Kinder und Jugendliche, aber auch als so genannte junge Alte in sozialen Netzen f\u00fcr Hochaltrige. Mir ist dabei wichtig, dass sich zum einen nicht unter der Hand eine Vorstellung von F\u00fcr-Sorge einschleicht, die ja durchaus auch zu unserem Erbe geh\u00f6rt: es muss im Blick bleiben und vielleicht erst neu entdeckt werden, wie viele Sorgekr\u00e4fte gerade die Hochaltrigen haben. Zum anderen ist politisch darauf zu achten, dass Nachbarschaftspflege nicht zum Ersatz f\u00fcr professionelle Pflege wird. Schlie\u00dflich braucht das Engagement auch Ressourcen &#8211; neben den Finanziellen eben R\u00e4ume und Koordination. Und last but noch least geht es um eine gute Zusammenarbeit zwischen Haupt- und Ehrenamtlichen.<\/p>\n<p>Wenn die Spannung zwischen Haupt- und Ehrenamt in Kirche und Diakonie zugenommen hat, dann liegt das nicht nur an knapper werdenden Ressourcen, sondern daran, das Haupt- und Ehrenamtliche sich das gleiche w\u00fcnschen: sie wollen Menschen begleiten. Unter dem wachsenden Zeit- und Finanzdruck brauchen sie einander mehr denn je &#8211; zugleich aber wollen sich die einen nicht auf ihre Professionalit\u00e4t und Funktion reduzieren lassen und die anderen f\u00fchlen sich untersch\u00e4tzt, wenn man ihnen ihre Kompetenzen abspricht. Die einen wollen nicht nur managen, die anderen nicht nur umsetzen und ausf\u00fchren. Beiden geht es um mehr: um Sinnerfahrung und um Gemeinschaft.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>5. Die Sch\u00e4tze der Kirche \u2013 Potenzial und Herausforderung<\/strong><\/p>\n<p>Fast vierzig Prozent der evangelischen B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger \u00fcber sechzig nehmen nach eigener Aussage in irgendeiner Weise am Gemeindeleben teil \u2013 damit liegt die Kirche weit vor anderen Organisationen. Ein enormes Potenzial. Mit seinem Konzept vom dritten Sozialraum hat sich Klaus D\u00f6rner f\u00fcr eine neue Wertsch\u00e4tzung der Kirchengemeinden und f\u00fcr die Wiedervereinigung von diakonischer Professionalit\u00e4t und kirchengemeindlichem B\u00fcrgerengagement eingesetzt. Kirchengemeinden, das ist die Hoffnung, k\u00f6nnten Caring Communities werden. Und tats\u00e4chlich wird heute vielen Gemeinden neu bewusst, dass das diakonische Engagement substantiell zu ihrem Auftrag geh\u00f6rt. \u201eIn Kirche und Diakonie werden gemeinsam Konzepte entwickelt f\u00fcr die Re-Sozialisierung und Revitalisierung von Kirchengemeinden, damit sie eben nicht erst auf soziale Notlagen reagieren, sondern aktiv daran mitarbeitet, funktionierende Sozialr\u00e4ume zu gestalten und Notlagen pr\u00e4ventiv zu verhindern\u201c, hei\u00dft es in der EKD-Orientierungshilfe \u201eIm Alter neu werden k\u00f6nnen.\u201c<\/p>\n<p>Zugleich ist die Kirche allerdings selbst sehr stark vom demographischen Wandel und der Ver\u00e4nderung der Nachbarschaften betroffen. Taufen und Trauungen gehen zur\u00fcck &#8211; oft durch zwei oder drei Generationen. Kinderlose erleben nicht die Phase, in der sie ihre Kinder taufen, mit den eigenen Kindern noch einmal neu \u00fcber die Bedeutung des Glaubens nachdenken, Rituale ein\u00fcben und damit wieder mehr Bindung zur Kirche entwickeln. Und Bestattungen, die lange als kirchliche Bastion galten, ver\u00e4ndern sich &#8211; weil viele \u00c4ltere ohne Kinder und weitere Angeh\u00f6rige sterben, weil die Erinnerung nicht mehr an Familiengr\u00e4bern weitergegeben wird, das Geld f\u00fcr eine Erdbestattung und eine Feier fehlt . An den Bestattungen sp\u00fcren es die Kirchengemeinden vielleicht am deutlichsten: auch Kirche ist im Umbruch &#8211; und sie ist gerade in diesem Umbruch gefragt.<\/p>\n<p>Kirche? Da sind doch nur noch alte Menschen, h\u00f6re ich oft. Oder schlimmer: nur noch alte Frauen! Vielleicht liegt da aber auch eine besondere St\u00e4rke der Kirche. Was diese Menschen einbringen k\u00f6nnen, ist nicht nur praktische Hilfe, sondern auch das kulturelle, geistige und geistliche Erbe, aus dem auch die n\u00e4chsten Generationen noch leben. Ich denke an Kirchenkuratorinnen und ehrenamtliche Kirchenp\u00e4dagogen, an Menschen, die Friedh\u00f6fe erhalten und Ortsgeschichte schreiben, an soziale Patenschaften, Gr\u00fcnderinnen von Tafeln und Kleiderkammern f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge, an Mittagstische mit Gro\u00dfmutters Essen und an Stifterinnen und Stifter \u2013 materiell wie immateriell gibt es ein reiches Erbe weiterzugeben. Diese Menschen \u00e4rgern sich zu Recht, wenn sie das Gef\u00fchl bekommen, von der Kirche vor allem als potenzielle Hilfebed\u00fcrftige wahrgenommen zu werden. Gerade diejenigen, die der Kirche nahe stehen, k\u00f6nnen sich n\u00e4mlich, wie Untersuchungen zeigen,<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\"><sup><sup>[4]<\/sup><\/sup><\/a> durchaus vorstellen, noch etwas Neues zu beginnen.<\/p>\n<p>In den neutestamentlichen Texten begegnen wir Christinnen und Christen, die sich mit ihrer Taufe aus den Herkunftsfamilien gel\u00f6st haben und nun in den Gemeinden eine neue Familiaritas fanden &#8211; als Br\u00fcder und Schwestern, Patinnen und Paten. Ich denke dabei an die Gemeinschaft der ersten Christinnen und Christen in Jerusalem; diese Gemeinde war eine wahrhaftig eine \u201eCaring and enabling community\u201c, auch, was die einfachen Sorget\u00e4tigkeiten anging. G\u00fcter wurden geteilt, Kranke besucht, f\u00fcr alle gemeinsam wurde der Tisch gedeckt. Jeder sollte satt werden \u2013 auch die griechischen Witwen, die ganz unten am Tisch sa\u00dfen und leider entsprechend oft zu kurz kamen. Diese sorgende Gemeinschaft hatte hohe Anziehungskraft f\u00fcr Menschen aus ganz unterschiedlichen Herk\u00fcnften und Milieus, vielleicht auch deshalb, weil sie mit solchen Problemen offen umging und ihre eigene Zerrissenheit wahrnahm. Die Apostelgeschichte zeigt modellhaft: die Gemeinde w\u00e4chst, wenn sie Teilhabe erm\u00f6glicht &#8211; kultur- und generationen\u00fcberschreitend.<\/p>\n<p>Sorgearbeit hat eine spirituelle Dimension \u2013 und es wird viel davon abh\u00e4ngen, wie wir als Kirche damit umgehen. Die alte Gemeindeschwester, von der am Anfang die Rede war, hatte R\u00fcckhalt in der Gemeinde &#8211; aber sie kostete die Gemeinde nichts. Heute ist das anders: Quartiersarbeit kostet. Es geht um Zeit f\u00fcr Koordination und Begleitung, die Unterst\u00fctzung Freiwilliger, um R\u00e4ume. Kirche ist noch immer in jedem Quartier verwurzelt und sie ist \u00f6ffentlich. In der pluralen Gesellschaft muss sie es nicht sein, die steuert \u2013 manchmal ist es besser, zu Gast zu sein an den runden Tischen. Aber der Grundgedanke der Inneren Mission \u2013 dass n\u00e4mlich die Glaubw\u00fcrdigkeit von Kirche mit der Bereitschaft einhergeht, Verantwortung f\u00fcr das Quartier und seine Menschen zu \u00fcbernehmen, der ist noch nicht zu Ende gelebt. Heute geht es darum, Kirche mit anderen zu sein &#8211; in einer Gesellschaft der Vielfalt. Die Idee der Sorgenden Gemeinschaften ist eine Chance, die n\u00e4chsten Schritte auf diesem Weg zu tun.<\/p>\n<p>Cornelia Coenen-Marx<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> So der Streit mit der Kommune in Magdeburg, den Ulrike Gaida schildert.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> <a href=\"http:\/\/www.droemer-knaur.de\/autoren\/7780836\/andreas-heller\">Andreas Heller<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.droemer-knaur.de\/autoren\/7758620\/reimer-gronemeyer\">Reimer Gronemeyer<\/a><\/p>\n<p>In Ruhe sterben &#8211; Was wir uns w\u00fcnschen und was die moderne Medizin nicht leisten kann, M\u00fcnchen 2014<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Ariadne von Schirach, Du sollst nicht funktionieren, F\u00fcr eine neue Lebenskunst, M\u00fcnchen 2014, S. 148<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Petra-Angela Ahrens, \u201eUns geht\u2019s gut\u201c Generation 60 plus, Religiosit\u00e4t und kirchliche Bindung, M\u00fcnster 2011.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1. Zur\u00fcck ins Gemeinwesen: Wir sind Nachbarn alle Vor gut 20 Jahren hat der Sozialpsychiater Klaus D\u00f6rner die Einrichtungen und&#8230; <a href=\"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=1591\">read more<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":542,"menu_order":92,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-1591","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/1591"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1591"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/1591\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1596,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/1591\/revisions\/1596"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/542"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1591"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}