{"id":1589,"date":"2016-04-22T14:22:21","date_gmt":"2016-04-22T14:22:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=1589"},"modified":"2018-04-06T18:52:46","modified_gmt":"2018-04-06T18:52:46","slug":"der-beitrag-der-kirche-zu-teilhabe-und-gerechtigkeit","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=1589","title":{"rendered":"Der Beitrag der Kirche zu Teilhabe und Gerechtigkeit"},"content":{"rendered":"<p>Unsere Gesellschaft differenziert sich weiter aus, sie wird bunter, aber sie spaltet sich auch \u2013 \u00f6konomisch, sozial und kulturell. Die Bedeutung von Erwerbsarbeit steigt \u2013 zugleich aber nehmen die wirtschaftlichen und sozialen Ungleichgewichte zu. Das wird sichtbar bei der Einkommens- und Verm\u00f6gensentwicklung \u2013 Erwerbseinkommen spielen dabei eine immer geringere Rolle &#8211; und geht weiter mit der Verteilungsgerechtigkeit: Eltern kleiner Kinder, Frauen und M\u00e4nner, die Angeh\u00f6rige pflegen, chronisch Kranke oder Menschen mit Behinderung arbeiten oft nur in Teilzeit oder in prek\u00e4ren Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnissen und m\u00fcssen am Ende von geringen Renten leben.<\/p>\n<p>Dass Teilhabe in unserer Gesellschaft wesentlich an Erwerbsarbeit oder eben zun\u00e4chst einmal an Schule und Bildung gekoppelt ist, ist nicht unproblematisch. F\u00fcr Arbeitslose, Rentner, Familienfrauen kann das bedeuten, sozial ins Aus zu geraten \u2013 obwohl sich gerade unter den jungen Alten und sozial engagierten Frauen viele finden, die sich f\u00fcr gesellschaftlichen Zusammenhalt engagieren k\u00f6nnen. Die Bedeutung der aktiven Teilhabe im b\u00fcrgerschaftlichen Engagement wird in j\u00fcngster Zeit politisch hervorgehoben; \u00fcbersehen wird dabei leicht, dass man sich auch ein Ehrenamt leisten k\u00f6nnen muss. Sozial Engagierte, das zeigen alle Studien, sind in der Regel gut situiert, gut gebildet und gut vernetzt \u2013 w\u00e4hrend die, die gesellschaftlich benachteiligt sind und keinen Zugang zum Arbeitsmarkt finden, auch keine M\u00f6glichkeit sehen, sich ehrenamtlich zu engagieren. Das liegt an ihrer \u00f6konomischen Situation, aber auch daran, dass man Kontakte braucht, um Zugang zum Engagement zu finden &#8211; in einem Verein, beim Sport oder auch in einer Kirchengemeinde. Auch hier gilt das \u201eMatth\u00e4usprinzip\u201c: Wer hat, dem wird gegeben. Inzwischen entwickelt sich ein neuer Graubereich zwischen Erwerbsarbeit und Ehrenamt \u2013 450-Euro-Jobs, Bundesfreiwilligendienst, B\u00fcrgerarbeit, \u00dcbungsleiterpauschale &#8211; auf den nicht zu Unrecht kritisch gesehen wird. Denn die Gefahr, dass diese kleinen \u201eJobs\u201c an die Stelle beruflicher Besch\u00e4ftigung treten, ist nicht von der Hand zu weisen. Gleichwohl bieten sie Benachteiligten derzeit eine M\u00f6glichkeit, \u00fcber das Engagement in eine Gemeinschaft und damit zur Teilhabe zu finden.<\/p>\n<p>Hartz-IV-Empf\u00e4ngern, Jugendlichen ohne Abschluss, \u00c4lteren mit geringen Renten ist eins gemeinsam: sie haben das Gef\u00fchl, dass es auf sie nicht ankommt, dass sie \u201eabgeh\u00e4ngt\u201c sind. \u00c4hnlich geht es denen, die sich im eigenen Land nicht mehr zu Hause f\u00fchlen, weil sie die gesellschaftlichen Ver\u00e4nderungsprozesse nicht nachvollziehen k\u00f6nnen &#8211; selbst wenn sie sich \u00f6konomisch nicht unmittelbar sorgen m\u00fcssen. Und wie sieht es mit denen aus, die aus hoffnungslosen Kriegs- und Armutssituationen im Nahen Osten oder in Nordafrika zu uns geflohen sind? K\u00f6nnen sie mittelfristig auf Bildung, Arbeit und Teilhabechancen hoffen? Finden sie offene T\u00fcren in der Nachbarschaft, geben Vereine oder Gemeinden ihnen das Gef\u00fchl, gebraucht zu werden? Die \u201eAbgeh\u00e4ngten\u201c zur Teilhabe zu ermutigen, ist entscheidend; wenn die gesellschaftliche Entwicklung vor allem den Interessen der Mittelschicht oder gar der privilegierten und informierten Elite folgt, wird sich die Spaltung verfestigen. Dabei haben die Kirchen eine wichtige Mittlerfunktion \u2013 schlie\u00dflich sind sie noch immer in allen Schichten und verschiedenen Milieus verankert, auch wenn sie in den Augen vieler Betroffener zu \u201edenen da oben\u201c z\u00e4hlen.<\/p>\n<p>Aber gerade darum k\u00f6nnen Kirchen auch dazu beitragen, die notwendigen Prozesse der gesellschaftlichen Integration, besser noch der Inklusion mit zu gestalten: Wir m\u00fcssen lernen, Vielfalt zu akzeptieren, nicht nur zu tolerieren. Gleich ob es um die soziale, ethnische oder nationale Herkunft geht, um verschiedene Bildungskarrieren oder Lebenslagen \u2013 wir m\u00fcssen Schwellen\u00e4ngste abbauen und Gleichg\u00fcltigkeit \u00fcberwinden, respektvoll miteinander umgehen. Es geht darum, miteinander zu wohnen, zu arbeiten, Sport zu treiben &#8211; und auch Gottesdienst zu feiern, statt Parallelstrukturen zu entwickeln. Denn nicht nur die Integration in die Erwerbsarbeit ist ja eine entscheidende Frage, auch die Segregation der Wohnquartiere erschwert das Zusammenleben. Und selbstverst\u00e4ndlich sind auch Kirchengemeinden von der zunehmenden Spaltung betroffen: Kulturkirchen mit zahlreichen interessanten Events stehen Gemeinden gegen\u00fcber, die kaum noch Mittel f\u00fcr hauptberufliche Arbeit haben, zugleich aber in Wohnquartieren leben, in denen besonders viele Menschen auf Hilfe angewiesen sind. Dass es hier einen Ausgleich braucht, eine bessere Zusammenarbeit auch von Kirche, Diakonie und Caritas mit anderen Tr\u00e4gern und Initiativen, scheint selbstverst\u00e4ndlich. Das \u00f6kumenische Projekt \u201eKirche findet Stadt\u201c, das genau solche Modelle f\u00f6rdert, zeigt allerdings, wie m\u00fchsam dieser Weg ist.<\/p>\n<p>Dabei geh\u00f6ren die Bilder und Geschichten vom Miteinander der Verschiedenen, von grenz\u00fcberschreitender Barmherzigkeit, wechselseitiger Sorge und geschwisterlicher Teilhabe zu den grundlegenden und modellhaften Erz\u00e4hlungen des Neuen Testaments. Die erste Gemeinde in Jerusalem teilt ihre G\u00fcter und h\u00e4lt t\u00e4glich Tischgemeinschaft &#8211; mit M\u00e4nnern und Frauen, Juden und Griechen, Einheimischen und Zugereisten. Denn \u201esie sind alle eins in Christus\u201c. Trotzdem ist es bei uns keinesfalls selbstverst\u00e4ndlich, dass einheimische und Migrantengemeinden zusammen Gottesdienst feiern oder dass Menschen mit Behinderung in einem Kirchenvorstand sitzen &#8211; und auch wer zur\u00fcckschaut, wird sich eingestehen m\u00fcssen, dass zur Kirchengeschichte immer neue Exklusions- und Abgrenzungsmechanismen geh\u00f6ren. Und dass das schon in der \u201eUrgemeinde\u201c anf\u00e4ngt &#8211; mit den griechischen Witwen, die am gemeinsamen Tisch in Jerusalem zu kurz kommen und zun\u00e4chst keine Lobby haben. Auch die gro\u00dfe und ermutigende Geschichte von Diakonie und Caritas im 19. Jahrhundert ist janusk\u00f6pfig: einerseits innovativ, was die Wertsch\u00e4tzung von Menschen mit Behinderung, Pflegebed\u00fcrftigen oder \u00fcberforderten Familien angeht, andererseits aber exkludierend &#8211; mit Anstaltsgr\u00fcndungen, in denen sich \u201eSonderwelten\u201c entwickelten &#8211; Parallelgesellschaften, um den heutigen Sprachgebrauch aufzugreifen.<\/p>\n<p>Heute geht es darum, die Bewegung umzukehren und die sozialen Dienstleistungen zur\u00fcck zu bringen in die Nachbarschaften und Quartiere, in die Regelschulen und Firmen, Begegnungsplattformen zur Verf\u00fcgung zu stellen \u2013 ohne allerdings das Fachwissen zu verlieren und die Qualit\u00e4t der professionellen Arbeit zu senken. Diese Prozesse sind ohne zivilgesellschaftliche Initiativen und gut genkn\u00fcpfte Netzwerke zwischen den unterschiedlichen Organisationen kaum m\u00f6glich &#8211; zugleich aber sind die \u201eSorgenden Gemeinschaften\u201c der B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger auf professionelle Koordination und auf \u00f6ffentliche R\u00e4ume der Begegnung angewiesen. In der Fl\u00fcchtlingsarbeit wird das zurzeit besonders deutlich. Hier k\u00f6nnen die Kirchen mit ihren Gemeindezentren, ihren beruflich Mitarbeitenden und der Vernetzung im Quartier einen wesentlichen Beitrag leisten, um die meist nur kurzfristig finanzierten Projekte zu stabilisieren.<\/p>\n<p>Mit ihrer N\u00e4he zu den Menschen im Wohnquartier &#8211; auch und gerade zu \u00c4lteren, Familien, Kranken &#8211; lebt Kirche in einem anderen \u201eZeitregime\u201c als Unternehmen und Dienstleister &#8211; besser gesagt: Kirchengemeinden leben in einem anderen Zeitrhythmus auch als ihre diakonischen oder caritativen Unternehmen, die von der Refinanzierung aus Sozialkassen oder Kommunen abh\u00e4ngen. Klar ist: die Sorge f\u00fcr andere \u2013 Care-Arbeit also &#8211; braucht einen langen Atem genauso wie gesellschaftliche und politische Teilhabeprozesse. In unserer auf Effektivit\u00e4t und Effizienz ausgerichteten Arbeit wird es zunehmend schwieriger, die daf\u00fcr notwendige Zeit zur Verf\u00fcgung zu stellen. Das gilt leider auch f\u00fcr die Kirche selbst. W\u00e4hrend die Strategie- und Reformprozesse professioneller werden, die Angebote besser auf den Markt abgestimmt, nehmen oft die Mitbestimmungsm\u00f6glichkeiten von Engagierten bei der Entwicklung von Gemeindeprofilen, bei Kirchenumbauten oder bei der Bildung von pastoralen Gro\u00dfr\u00e4umen ab. Ob es gelingt, die Spannung zwischen Strategie und Teilhabe zu halten, wird eine entscheidende Zukunftsfrage sein.<\/p>\n<p>Christinnen und Christen sind stark darin, immer wieder neue, heterope und unangepasste Modelle des Miteinanders zu entwickeln: in den Arche-Gemeinschaften, in Hospizen, im Sharehouse, in einer Fl\u00fcchtlingskirche. In allen diesen Projekten geht es um die \u00dcberschreitung traditioneller Grenzen und die Teilhabe Exkludierter. Sie machen die Idee der ersten Jerusalemer Gemeinde in aller Frische sichtbar &#8211; wie eben aus der Taufe gehoben. Aber auch in der t\u00e4glichen Arbeit mit Familien, Migranten, Demenzkranken im Quartier kann deutlich werden: dass Menschen sich wieder aufrichten k\u00f6nnen und ihren Platz finden, hat mit dem Glutkern der Spiritualit\u00e4t zu tun. Und was f\u00fcr das Christentum zentral ist, findet Entsprechungen zum Beispiel auch im Islam. Kirchen sind Tr\u00e4ger des religi\u00f6sen Ged\u00e4chtnisses wie der interreligi\u00f6sen Kompetenz und stehen f\u00fcr die Verankerung sozialer Grundwerte im Narrativ unseres Landes &#8211; sie sind ein Stabilit\u00e4tsfaktor mit einer prophetischen Erinnerung, Ver\u00e4nderungskraft und Mittler zugleich. Denn die grundlegenden Vorstellungen von Gerechtigkeit und Teilhabe in unserer Kultur sind auf christlich-j\u00fcdischen Hintergrund entstanden.<\/p>\n<p>Diese Rolle der Kirche \u00fcberlappt sich zum Teil mit der anderer gesellschaftlicher Funktionsbereichen \u2013 mit Erziehung, Bildung und Rechtssystem mit Wohlfahrtsorganisationen und politischen Parteien. Es ist gut, dass in allen diesen Systemen bewusste Christinnen und Christen arbeiten. Vielleicht kommt es deshalb auf Dauer nicht darauf an, dass die Kirchen das gesamtgesellschaftliche System mit all ihren Organisationsformen und Vereinen abbilden und zum Teil doppeln &#8211; vielleicht muss es also keinen kirchlichen Wohnungsbaufirmen oder Gewerkschaften geben, vielleicht auf Dauer nicht einmal kirchliche Kliniken. Wesentlich ist, dass Christinnen und Christen in diesen Arbeitsfeldern ermutigt werden, an ihrer Motivation festzuhalten und sich zu engagieren. Dass Kirche also die Vielfalt und die Kompetenzen ihrer aktiven Mitglieder anerkennt und w\u00fcrdigt.<\/p>\n<p>Ein wesentlicher Auftrag auch f\u00fcr die Zukunft ist deshalb aus meiner Sicht die Begleitung und Ermutigung zivilgesellschaftlicher Initiativen, die Bereitstellung von Begegnungsorten im \u00f6ffentlichen Raum, die Vernetzung mit anderen Organisationen und Experten, die Beratung und Begleitung von Einzelnen und Gruppen und die Bereitschaft, Stimme der Exkludierten zu sein. Kirche muss sich als profilierter Teil der Zivilgesellschaft begreifen. Nichts kann uns daran hindern &#8211; es sei denn die Wagenburgmentalit\u00e4t und Milieuverengung &#8211; wie sie oft mit Umbr\u00fcchen einhergehen. Vielleicht ist gut, wenn wir das kennen und reflektieren &#8211; denn gerade darum geht es ja: Menschen in Umbr\u00fcchen zum Aufbruch zu ermutigen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unsere Gesellschaft differenziert sich weiter aus, sie wird bunter, aber sie spaltet sich auch \u2013 \u00f6konomisch, sozial und kulturell. 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