{"id":1398,"date":"2016-02-04T18:59:21","date_gmt":"2016-02-04T18:59:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=1398"},"modified":"2017-07-12T21:46:52","modified_gmt":"2017-07-12T21:46:52","slug":"willkommen-in-der-wirklichkeit","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=1398","title":{"rendered":"\u201eWillkommen in der Wirklichkeit!\u201c"},"content":{"rendered":"<h3><strong>Predigt am 17. Januar 2016 in der Barockkirche Osterwald<\/strong><\/h3>\n<p>\u201eWillkommen in der Wirklichkeit\u201c, titelte das \u201eHandelsblatt\u201c vorgestern. Das Titelbild dazu: Angela Merkel mit einer verwelkten Willkommensrose, die einen gro\u00dfen Teil ihre Bl\u00fctenbl\u00e4tter verliert. Am Abend zeigte das Politbarometer, wie sich die Stimmung im Land seit der Silvesternacht in K\u00f6ln gedreht hat. Nach den Bl\u00fctentr\u00e4umen des Sommers ist der Winter eingebrochen. Wer das nicht unmittelbar erlebt, der sp\u00fcrt es an der politischen Diskussion: Willkommenskultur war gestern &#8211; jetzt ist von einer Versch\u00e4rfung der Ausweisung und Abschiebepraxis die Rede. Und auch die Schlie\u00dfung der Grenzen steht im Raum.<\/p>\n<p>In diesen Tagen wurde \u201eGutmensch\u201c zum Unwort des Jahres gew\u00e4hlt. Die Jury wollte darauf aufmerksam machen, dass wir in einer Zeit leben, in der die freiwillig Engagierten, die sich um Fl\u00fcchtlinge k\u00fcmmern, nicht nur bewundert, sondern oft auch verachtet werden. Als naive Tr\u00e4umer, als Idealisten, die vor der Wirklichkeit die Augen verschlie\u00dfen. Die Pastorentochter aus der DDR setze unseren Wohlstand aufs Spiel, schrieb mir neulich jemand in einem kritischen Brief zu einem Vortrag. Die Kirche nimmt die harte Realit\u00e4t nicht ernst, hei\u00dft das.<\/p>\n<p>Willkommen also in der Wirklichkeit. Mitten in den harten politischen Auseinandersetzungen, in Gewalterfahrung und Beleidigungen, in Sorgen und \u00c4ngsten. Heute geht die Weihnachtszeit endg\u00fcltig zu Ende. In den Kirchen und H\u00e4usern sind Weihnachtsbaum und Krippe wegger\u00e4umt \u2013 der Alltag hat uns wieder. Und f\u00fcr viele hei\u00dft das offenbar: Schluss mit den Tr\u00e4umen von Frieden und Gerechtigkeit, mit der Hoffnung auf eine andere Welt. Schon am zweiten Weihnachtstag konnte man sp\u00fcren, wie die zur\u00fcckgehaltenen harten News die Nachrichtenlage wieder bestimmten &#8211; und nach Neujahr war es dann endg\u00fcltig klar, dass die Welt nun mal so ist wie wir sie nicht gern sehen: voller Bosheit und Gewalt.<\/p>\n<p>Wer allerdings meint, das stehe im Gegensatz zum Weihnachtsevangelium, der hat die Bibel nicht richtig gelesen. Von einer Idylle ist da ja keine Rede &#8211; ganz im Gegenteil. Im Notquartier am Rand der Stadt kommt ein Kind zur Welt. Seine Eltern sind noch nicht verheiratet, ja, der Vater ist unsicher \u00fcber die Herkunft des Kindes. Kurz darauf m\u00fcssen sie fliehen, weil die Soldaten des Herodes alle Neugeborenen umbringen. Mit Recht ist in vielen Predigten darauf aufmerksam gemacht worden, wieviel Parallelen es da gibt zu denen, die heute mit kleinen Kindern auf der Flucht vor Gewaltherrschern fliehen. Nein, die Weihnachtsgeschichte zeigt die ganze Dunkelheit der Welt. Das Licht, das wir feiern, kommt aus einer anderen Wirklichkeit. Der Stern \u00fcber dem Stall, der Gesang der Engel, das Strahlen des Kindes &#8211; alles, wovon die Lieder, Geschichten und Bilder erz\u00e4hlen, ist ein Widerschein der Herrlichkeit Gottes, deren Glanz die Dunkelheit erleuchtet. Einzig das Gold, das die drei Weisen aus dem Morgenland mitbringen, ist eine ganz irdische Gabe. Gold, Weihrauch und Myrrhe, die kostbaren Geschenke, k\u00f6nnen die Realit\u00e4t ver\u00e4ndern. Und es ver\u00e4ndert die Welt, dass an dieser Krippe Arme wie Reiche die Wirklichkeit in einem anderen Licht sehen.<\/p>\n<p>Heute, am letzten Sonntag nach Epiphanias, am \u00dcbergang zwischen der Weihnachts- und der Passionszeit ist das das Thema: In welchem Licht sehen wir unser Leben? Wie verstehen wir unsere Welt? Was ist Wirklichkeit f\u00fcr uns? Dabei geht es nicht nur darum, ob wir Optimisten oder Pessimisten sind \u2013 ob also das Glas halb voll oder halb leer ist. Es geht darum, was \u00fcberhaupt in dem Glas ist, was unser Leben ausmacht. Es geht um Sinn und Leere, um Glauben und Zweifel.<\/p>\n<p>Als Lesung aus der hebr\u00e4ischen Bibel haben wir vorhin eine W\u00fcstengeschichte geh\u00f6rt. Erz\u00e4hlt wird, wie Mose \u2013 \u00fcbrigens auch ein Fl\u00fcchtling, ein Aufst\u00e4ndischer, der im Kampf gegen die Unterdr\u00fcckung seines Volkes einen Aufseher erschlagen hatte &#8211; erz\u00e4hlt wird, wie er mitten in der W\u00fcste seine Berufung findet. Da ist weit und breit kein Tempel und kein Altar und trotzdem heiliger Boden. Da ist kein Priester und kein Gottesdienst, aber Gottes Stimme mitten im W\u00fcstenalltag. Mose treibt seine Herde durch gef\u00e4hrliches Gel\u00e4nde &#8211; ohne Wasser, ohne Futter-, als er einen brennenden Dornbusch sieht. Eigentlich ist das nichts Besonderes \u2013 in der Hitze und Trockenheit passiert es immer wieder, dass die wenigen Geh\u00f6lze sich selbst entz\u00fcnden. Man muss dem keine Beachtung schenken; aber Mose sieht hin. Und er hat den Eindruck, dass dieser Dornbusch brennt, aber nicht verbrennt. So wie Liebe nicht ausbrennt. So wie Gottes Kraft kein Ende hat. Das zieht ihn an diesen Ort und er sp\u00fcrt: hier musst du stehen bleiben, hier ist heiliger Boden. Mose tut, was man bis heute in Tempeln und Moscheen tut: er zieht die Schuhe aus und stellt sich mitten hinein in die Realit\u00e4t. Ja, was er nun h\u00f6rt, das ist sein Schicksal und seine Auftrag in wenigen Worten: Er, der Heimatlose, soll sein Volk in eine neue Heimat f\u00fchren! Diese Berufung wird sein Leben bestimmen &#8211; was ihn hier, im Licht dieses Dornbuschs anger\u00fchrt und angesprochen hat, wird ihn leiten, ganz gleich, was passiert.<\/p>\n<p>Und wer die Geschichte des Volkes Israel kennt, der wei\u00df: da wird noch viel passieren. Es wird Durststrecken und Hungerzeiten geben, das Volk wird sich verirren und im Kreis herumgehen und man wird ihm vorwerfen, er h\u00e4tte seine Leute in die Irre gef\u00fchrt. Angst, Wut und Zweifel werden Raum greifen \u2013 willkommen in der Realit\u00e4t. Aber Mose wird nicht vergessen, woher seine Orientierung kommt; er wird immer wieder nach Gottes Weisung fragen.<\/p>\n<p>Der Jesuitenpater Christian Herwartz, der in einer kleinen Kommunit\u00e4t mitten in Berlin-Kreuzberg lebt, bietet dort seit 10 Jahren Stra\u00dfenexerzitien an. Es geht darum, \u201emitten in der Stadt h\u00f6rend zu werden\u201c, steht auf seiner Homepage. Oder auch sehend &#8211; denn er m\u00f6chte dazu anregen, die Realit\u00e4t Gottes mit allen Sinnen wahrzunehmen. Er geht den alten Mauerstreifen entlang, durch die Brachen der Stadt, zeigt die Verwundungen der Kriege, nimmt die Verletzungen von Menschen wahr. Wer durch eine Stadt wie Berlin geht, der kann Glitzer und Glamour neben \u00e4u\u00dferster Armut sehen, kann wahrnehmen, wie sich in diesen Tagen Fl\u00fcchtlinge mit Touristen mischen. Herwartz hilft den Teilnehmern der Exerzitien die Sinne zu \u00f6ffnen &#8211; er gibt Impulse, ins Sehen zu kommen. Nach au\u00dfen, aber auch nach innen. Dabei erz\u00e4hlt er auch die Geschichte von Mose am Dornbusch und er ermutigt, auch in einem \u00fcbertragenen Sinne die Schuhe auszuziehen, in denen wir jeden Tag gehen. Unsere Vorurteile und Bewertungen, unsere Schutzmechanismen. Und wirklich einmal innezuhalten, damit Gott zu uns sprechen kann. Wenn wir schon meinen, zu wissen, wie die Welt funktioniert, k\u00f6nnen wir diese Stimme gar nicht wahrnehmen.<\/p>\n<p>Hellh\u00f6rig werden und hellsichtig, darum geht es auch in dem Evangelium von der Verkl\u00e4rung Jesu, das wir eben geh\u00f6rt haben: f\u00fcr einen Augenblick sehen Petrus, Jakobus und Johannes, wer Jesus wirklich ist. Sie erkennen den Sohn Gottes, der in einer Kette mit Mose und Elia steht und mit ihnen in einem himmlischen Gespr\u00e4ch ist. Ein Augenblick absoluter Klarheit &#8211; alles um sie leuchtet .Und ganz \u00e4hnlich wie Mose, der wie im Tempel die Schuhe auszieht, werfen sie sich in Gebetshaltung nieder. Augenblicke sp\u00e4ter ist alles vor\u00fcber, so wie nach Weihnachten der Stern nicht mehr \u00fcber dem Stall steht. Jesus steigt mit seinen Leuten vom Berg hinunter in die Stadt, wo er bald darauf gekreuzigt wird. Und er verbietet seinen Leuten \u00fcber ihre Erfahrung zu sprechen, weil er schon wei\u00df, dass viele den Kopf sch\u00fctteln werden \u00fcber so Kinderglauben.<\/p>\n<p>Was ist Wahrheit und was Traum und Vision? Was h\u00e4lt Stand in der Wirklichkeit von Flucht und Gewalt, von Zweifel und Verfolgung? Mit dieser Frage hat auch der Apostel Paulus gerungen. Ich lese uns den Text, der f\u00fcr heute als Predigttext vorgeschlagen ist:<\/p>\n<p><strong>2. Kor. 4, 6-10: Gott, der sprach, das Licht soll aus der Finsternis hervorleuchten, der hat einen hellen Schein in unsere Herzen gegeben. Wir haben aber diesen Schatz in irdenen Gef\u00e4\u00dfen.<\/strong><\/p>\n<p>Auch Paulus spricht dem Licht, das in der Finsternis leuchtet. Mitten in Bedr\u00e4ngnis, Verfolgung, Unterdr\u00fcckung. Ja, er spricht auch von Folter und Tod Jesu. Es ist, als ob uns diese kleine Textpassage noch einmal an Weihnachten erinnert, zugleich aber die Passionszeit schon im Blick hat. Was ihn durchhalten l\u00e4sst, ist die Erfahrung von Licht und Klarheit, die er ganz pers\u00f6nlich gemacht hat. Ganz \u00e4hnlich wie Mose, Petrus, Johannes und Jakobus hat auch er einen Augenblick der Erleuchtung erlebt, der sein ganzes Leben umgekrempelt hat. Damals, als er auf dem Weg nach Damaskus eine Stimme h\u00f6rte, als er geblendet vom Pferd fiel. Er musste nicht nur die Schuhe ausziehen und vom Pferde absteigen, er musste alle Vorurteile, allen Hass ablegen und wurde vom Christenverfolger zum Nachfolger Jesu. Tagelang lag er in der Dunkelheit, um zu begreifen, was geschehen war \u2013 eine Kehrtwende um 180 Grad. Als er wieder sehen konnte, sah er die Wirklichkeit mit anderen Augen. Er hat in der Begegnung mit Jesus das Licht erkannt, das in die Welt gekommen ist. Diesem Licht will er folgen, dieses Licht will er weitergeben. Damit will er andere anstecken. Daf\u00fcr riskiert er sein Leben.<\/p>\n<p>Ein Gutmensch? Ja, man m\u00fcsste ihn wohl so nennen. Naiv ist er nicht; er wei\u00df, was ihn erwartet, er wei\u00df, wie seine Umwelt tickt &#8211; er funktionierte ja fr\u00fcher genauso. Genauso blind f\u00fcr Gottes Wahrheit, f\u00fcr den Glanz, der \u00fcber den Dingen liegt. Wir Menschen sind so: aus Erde gemacht, voller Angst vor Verlusten und Verletzungen. Aber eben auch: vom Gott geschaffen \u2013 mit seinem Licht begabt. Das d\u00fcrfen wir nicht vergessen, wenn Weihnachten vorbei ist und die Passionszeit naht.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigt am 17. Januar 2016 in der Barockkirche Osterwald \u201eWillkommen in der Wirklichkeit\u201c, titelte das \u201eHandelsblatt\u201c vorgestern. 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