{"id":1342,"date":"2015-11-26T12:32:08","date_gmt":"2015-11-26T12:32:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=1342"},"modified":"2016-02-04T20:01:37","modified_gmt":"2016-02-04T20:01:37","slug":"schoepfungsordnung-und-scheidungsverbot","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=1342","title":{"rendered":"Sch\u00f6pfungsordnung und Scheidungsverbot"},"content":{"rendered":"<h2><strong>oder Was h\u00e4lt Ehen und Partnerschaften heute lebendig? <\/strong><\/h2>\n<h3><strong>\u00dcberlegungen zur Bundestheologie in der EKD-Orientierungshilfe zur Familienpolitik<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>1. Eine unverw\u00fcstliche Lebensform?<\/strong><\/p>\n<p>Ein gl\u00fcckliches Familienleben mit Kindern und eine stabile Partnerschaft geh\u00f6ren zu den sehnlichsten W\u00fcnschen der allermeisten Menschen. 2013 w\u00fcnschten sich 82% aller Befragten Kinder und bei einer Befragung des Instituts f\u00fcr Demoskopie Allensbach von 2008 erkl\u00e4rten 84 Prozent der Bev\u00f6lkerung, der Zusammenhalt im engen Familienkreis sei stark oder sehr stark.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\"><sup><sup>[1]<\/sup><\/sup><\/a> Vielleicht kann man mit Birg von der \u201eKrise einer unverw\u00fcstlichen Lebensform\u201c<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> sprechen, um deutlich zu machen, dass Ehe und Familie nach wie vor zentrale Lebenswerte f\u00fcr die gro\u00dfe Mehrheit der Bev\u00f6lkerung sind, die aber in Konkurrenz zu anderen Lebensformen stehen und auf dem Hintergrund gesellschaftlicher Ver\u00e4nderungen unter Druck geraten sind. Dabei ist durchaus strittig, ob man von einem Bedeutungsverlust der Ehe sprechen kann, oder ob sogar umgekehrt von einer gesteigerten Erwartungshaltung gesprochen werden muss. Und ob sich in der niedrigen Geburtenrate nicht gerade eine sehr bewusste elterliche Verantwortung zeigt. Familie wird offenbar weit h\u00f6her gesch\u00e4tzt, als Scheidungszahlen und Geburtenrate vermuten lassen<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\"><sup><sup>[3]<\/sup><\/sup><\/a>.<\/p>\n<p>Auf dem Hintergrund der Widerspr\u00fcche und Zerrei\u00dfproben, in denen Familien heute stehen, hatte noch der vorletzte Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland eine Ad-hoc-Kommission berufen, die kirchliche Empfehlungen f\u00fcr die aktuellen familienpolitischen Herausforderungen erarbeiten sollte.<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\"><sup><sup>[4]<\/sup><\/sup><\/a> Die Kommission unter Leitung der ehemaligen Familienministerin Dr. Christine Bergmann bekam den Auftrag, sich mit der offensichtlichen Spannung zwischen dem Wunsch nach stabilen Ehen und Familien einerseits und der gesellschaftlichen Wirklichkeit mit hohen Scheidungsrate und einer gro\u00dfe Zahl Alleinlebender und Alleinerziehender andererseits auseinander zu setzen. Sie sollte Empfehlungen geben &#8211; f\u00fcr die notwendige Anpassung der sozialpolitischen Rahmenbedingungen wie f\u00fcr die kirchliche Familienpolitik. Dabei waren die wesentlichen Ver\u00e4nderungsprozesse und Herausforderungen vor Augen, die Familien heute kennzeichnen, Ausgangspunkt der Arbeit. Drei will kurz ich herausgreifen.<\/p>\n<p><strong>Erstens:<\/strong> Lange Ausbildungszeiten und schwierige Berufseinstiege haben zur Folge, dass die Geburt von Kindern im Lebenslauf immer weiter hinausgeschoben wird: Das Durchschnittsalter der Erstgeb\u00e4renden liegt gegenw\u00e4rtig bei 29 Jahren (Ostdeutschland: 27 Jahre). <strong>Die Zeit f\u00fcr Familiengr\u00fcndung ist knapp geworden.<\/strong> 60% der Kinder werden von M\u00fcttern zwischen 26-35 geboren. Dabei spielt Reproduktionsmedizin eine immer gr\u00f6\u00dfere Rolle.<\/p>\n<p><strong>Zweitens: <\/strong>Ein Drittel aller Kinder werden nichtehelich geboren. Das sind doppelt so viele, wie noch vor zwanzig Jahren. Hier besteht allerdings ein markanter deutsch-deutscher Unterschied: Im Westen sind es n\u00e4mlich nur 27% der Kinder, im Osten 61%. Der Zusammenhang von Eheschlie\u00dfung und Geburten \u2013 und damit auch der zwischen Ehe und Familie l\u00f6st sich. Ehe ist nicht mehr Voraussetzung, sondern Folge gemeinsamer Kinder. Zwar sind noch 72% der Familien Ehepaare mit Kindern (BMFSFJ 2012: 22), aber Familien auf Ehebasis sind zunehmend Patchwork-Konstellationen. <strong>Die Vielfalt des Familienlebens nimmt zu. <\/strong>Familie ist nicht einfach Schicksalsgemeinschaft, sondern mehr und mehr \u201eHerstellungsgemeinschaft\u201c, auf bewussten, oft spannungsreichen Entscheidungen gegr\u00fcndet &#8211; von der Familienplanung bis zu den Patchworkfamilien.<\/p>\n<p><strong>Dabei w\u00e4chst drittens die gesellschaftliche und \u00f6konomische Spreizung &#8211; <\/strong>nicht nur deshalb, weil sich die sozialen Milieus in Deutschland in hohem Ma\u00dfe auseinander entwickeln. Auff\u00e4llig ist die Polarisierung sozialer Lebenslagen zwischen Ein- und Zwei-Verdiener Haushalten, vor allem aber zwischen denen, die f\u00fcr Kinder sorgen und denen, die keine Kinder zu versorgen haben. Familienarbeit wird finanziell nur dann honoriert, wenn sie Ehe- oder Lebenspartnerschaft basiert ist. Auch deshalb sind Alleinerziehende, die kaum in Vollzeit arbeiten k\u00f6nnen, \u00fcberdurchschnittlich h\u00e4ufig von Einkommensarmut betroffen<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a>. Laut Stiftung f\u00fcr Zukunftsfragen schrecken 67 Prozent der jungen Leute die Kosten f\u00fcr Kinder, 60 Prozent wollen frei bleiben und 57 Prozent f\u00fcrchten um ihre Karriere.<\/p>\n<p><strong>Hinter den aktuellen Statistiken stehen l\u00e4ngerfristige Ver\u00e4nderungsprozesse:<\/strong> die medizinischen M\u00f6glichkeiten der Familienplanung haben die l\u00e4ngst schon begonnenen Emanzipationsbewegungen von Frauen in der Erwerbsarbeit beschleunigt, w\u00e4hrend zugleich die Bedeutung von Erwerbsarbeit in den entwickelten Gesellschaften zunahm. Wir leben in einer Arbeitsgesellschaft, wie Hanna Arendt bereits Anfang der 1960er Jahre festgestellt hat. Denn tats\u00e4chlich lebt ja die Mehrheit der Bev\u00f6lkerung ja inzwischen nicht mehr in Familienhaushalten. Und allen W\u00fcnschen nach heiler Familie zum Trotz nimmt die \u201eVersingelung\u201c der westlichen Gesellschaften zu. Alleinleben scheint der beste Weg, die modernen Werte einer individualistischen Gesellschaft zu leben, so der amerikanische Soziologe Eric Klinenberg nach einer Untersuchung des Time-Magazins zu den Trends unserer Zeit. Single-Sein bedeute Freiheit, Selbstverwirklichung und Selbstkontrolle, eben Autonomie.<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a> Trotz aller Junggesellenabschiede: Allein zu leben ist l\u00e4ngst kein Durchgangsstadium mehr. Single zu sein, ist eine Lebensform und auch viele Paare kennen Lebensphasen, in denen sie aus beruflichen Gr\u00fcnden \u00fcber lange Zeit getrennt leben. Immerhin jedes dritte Paar in den ersten Berufsjahren \u2013 also in der Zeit der Familiengr\u00fcndung- ist betroffen, und f\u00fcr viele ist das der selbstverst\u00e4ndliche Preis f\u00fcr berufliche Mobilit\u00e4t und Karriere. Zur\u00fcck bleiben die Immobilen \u2013 die \u00c4lteren, die ihre H\u00e4user in schrumpfenden Regionen kaum verkaufen k\u00f6nnen, die M\u00fctter mit kleinen Kindern &#8211; eben alle, die in besonderem Ma\u00dfe auf andere angewiesen sind. Wenn die Zukunft auf dem Arbeitsmarkt in Frage steht, wird alles zur Disposition gestellt, was Menschen bindet &#8211; Wohnort, Haus und Familie.<\/p>\n<p>Angesichts der niedrigen Geburtenrate, des kommenden Fachkr\u00e4ftemangels und des tiefgreifenden Strukturwandels am Arbeitsmarkt stehen allerdings nicht nur die Einzelnen vor der Frage, wie Bildung, Erwerbsarbeit und famili\u00e4re F\u00fcrsorge im Lebenslauf besser zu vereinbaren und gerechter zwischen den Geschlechtern zu verteilen sind. Darin liegt auch eine gro\u00dfe sozialpolitische Herausforderung, die weit \u00fcber das Feld der klassischen Familienpolitik hinausgeht. Denn die Ver\u00e4nderungsdynamik nimmt zu, die Erwartung an Mobilit\u00e4t w\u00e4chst: Wo in der Moderne berufliche Wechsel und Statusver\u00e4nderungen noch von Generation zu Generation sich vollzogen, haben Menschen in der Postmoderne mehrere Berufe, oft mehrere Partnerschaften im Laufe des eigenen Lebens. Die schiere Zahl der Arbeits- und Lebensbeziehungen nimmt zu und die M\u00f6glichkeit, an einem Ort Wurzeln zu schlagen und Heimat zu finden, schwindet.<\/p>\n<p>Der Philosoph Hartmut Rosa beschreibt diese Prozesse als strukturelle Entfremdung und zeigt zugleich, wie sehr wir auf Verortung, Bindung und Beziehungen und damit auf einen festen, institutionellen Rahmen angewiesen sind, um Resonanz zu erfahren.<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\"><sup><sup>[7]<\/sup><\/sup><\/a> Er schreibt: \u201eWenn unsere Identit\u00e4t geformt wird \u00fcber das, woran uns etwas liegt oder worum wir uns sorgen, dann wird die Unsicherheit \u00fcber das, was uns wichtig ist und der Verlust von (sozialer Stabilit\u00e4t) notwendig zu einer St\u00f6rung unseres Selbstverh\u00e4ltnisses f\u00fchren.\u201c Vielleicht zeigt sich diese Identit\u00e4tsverunsicherung darin, dass die Zahl der Selfies im Netz zunimmt. Jedenfalls richtet sich die Sehnsucht vieler darauf, sich verorten zu k\u00f6nnen in den gro\u00dfen und manchmal verst\u00f6renden Transformationsprozessen, sich zu Hause f\u00fchlen zu k\u00f6nnen in einer verl\u00e4sslichen Gemeinschaft \u2013 in Familie, Heimat, Freundschaften. Aber auch im Mikrokosmos zeigen sich Individualisierung und Beschleunigung: in der Familie kollidieren die unterschiedlichen Zeitrhythmen und Zeitregime von Wirtschaft, Schule und Freizeit. Oft bleibt dann nur der Sonntag, bleiben Festtage, um wirklich Gemeinschaft zu erfahren. Kurz vor Weihnachten ist die Sehnsucht danach besonders gro\u00df: wenn Familien miteinander feiern, werden Erinnerungen an die gemeinsame Geschichte wach, Ver\u00e4nderungen werden sichtbar, Rituale helfen, die Erfahrungen zu deuten. Resonanz wird erfahrbar. Aber nicht nur unsere Sehnsucht richtet sich auf diese Festtage- sondern auch Angst und Spannung. Denn es sind ja gerade die festgef\u00fcgten Erwartungen, die f\u00fcr Entt\u00e4uschungen sorgen. Denn das Gef\u00fcge einer Familie ist nicht statisch; es muss immer neu Form finden und Gestalt annehmen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>2. Der Streit um Leitbilder<\/strong><\/p>\n<p><strong>Der Ost-West-Vergleich<\/strong>, der auch in der Orientierungshilfe \u2013 und zwar zum ersten Mal in der Reihe der EKD-Denkschriften &#8211; eine Rolle spielt, macht deutlich, in welchem Ma\u00dfe auch die Lebensformen gesellschaftlich und politisch gepr\u00e4gt sind. Die Philosophin Rahel Jaeggi ist deshalb der Auffassung, dass es n\u00f6tig ist, eben auch die scheinbar privaten Lebensformen politisch zu diskutieren. Die Rezeption der EKD-Orientierungshilfe, die im Mai 2013 unter dem Titel \u201eZwischen Autonomie und Angewiesenheit \u2013 Familie als verl\u00e4ssliche Gemeinschaft gestalten\u201c erschien, zeigt allerdings, wie schwierig das ist. Sofern nicht eine schulterzuckende Gleichg\u00fcltigkeit gegen\u00fcber anderen und letztlich allen Lebensformen herrscht, werden Familien und Partnerschaften eher in moralischen als in politischen Kategorien diskutiert. Das gilt in besonderem Ma\u00dfe f\u00fcr die Debatten in der Kirche und mit der Kirche. Zur Kritik an der Orientierungshilfe geh\u00f6rte auch die Auffassung, hier habe sich die Kirche vom traditionellen Leitbild von Ehe und Familie verabschiedet und sich damit von grundlegenden biblisch-theologischen Grunds\u00e4tzen entfernt, um sich dem Zeitgeist anzupassen. Der Alttestamentler J\u00fcrgen Ebach hat dazu trefflich bemerkt, in dieser Kritik \u201evereinten sich die, die an vertrauten Positionen festhalten wollten, mit denen, die die Kirche darauf festlegen wollten\u201c,<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">[8]<\/a> um sich weiter \u00fcber sie mokieren zu k\u00f6nnen. Denen, die das b\u00fcrgerlich-traditionelle Leitbild hochhalten, ist jedenfalls oft nicht bewusst, in welchem Ma\u00dfe es \u2013 auch in seinen theologischen Begr\u00fcndungen &#8211; historisch und politisch determiniert ist. Dazu gleich mehr. Insofern wundert es nicht, wenn neben den theologischen Debatten um Ehe und Familie als Institutionen zugleich politische Vorw\u00fcrfe erhoben wurden: Der Orientierungshilfe liege ein rot- gr\u00fcnes Programm zugrunde, hie\u00df es, und das sei schon am rot-gr\u00fcnen Cover zu erkennen.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich sind ja die Leitbilder der Familienpolitik gerade in Deutschland nicht nur strittig, sondern emotional aufgeladen. Dabei spielen auch das Mutterbild des Dritten Reiches und die deutsche Teilung eine Rolle. Das westdeutsche Modell der Familienpolitik, das mit Ehegattensplitting und Mitversicherung von Frauen und Kindern auch weiterhin den politischen Pfad bestimmt, geht traditionell von der Familie als Erwerbs- und F\u00fcrsorgegemeinschaft aus. Mit dem Ehemann als vollerwerbst\u00e4tiger Familienvorstand und der Hausfrau und Mutter, die f\u00fcr Erziehung und Pflege sorgte. Dabei baute auch das Bildungssystem von Kinderg\u00e4rten bis Halbtagsschulen darauf, dass einer der Ehepartner, und das waren und sind in der Regel die Frauen, allenfalls halbtags arbeitete. Diese familienpolitischen Rahmenbedingungen gelten in den Grundz\u00fcgen bis heute &#8211; zugleich aber hat sich das Leitbild der heute 20-40 \u2013j\u00e4hrigen, wie die Untersuchungen von Jutta Allmendinger vom WZB<a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\">[9]<\/a> zeigen, grundlegend ver\u00e4ndert: Junge M\u00e4nner wie Frauen gehen von eine Erwerbst\u00e4tigkeit von M\u00e4nnern wie Frauen aus und w\u00fcnschen sich f\u00fcr beide die Vereinbarkeit von Beruf und Familie.<\/p>\n<p>Die Gleichberechtigung von M\u00e4nnern und Frauen in der Erwerbsarbeit galt lange Zeit als \u201eeine der gr\u00f6\u00dften Errungenschaften\u201c der DDR und wurde seit den 1970er Jahren durch ein ganzes B\u00fcndel sozialpolitischer Ma\u00dfnahmen zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf gest\u00fctzt. Damit sollte sowohl der \u201aWille zum Kind\u2019 gest\u00e4rkt werden; es ging aber auch um die Rekrutierung von Frauen f\u00fcr den Arbeitsmarkt. Tats\u00e4chlich lag die Frauenerwerbsbeteiligung im Osten 1989 bei fast 90% im Gegensatz zu 55% in Westdeutschland. Inzwischen liegt sie bei 70% in Gesamtdeutschland &#8211; gleichwohl ist die Erwerbsstundenzahl nicht gewachsen &#8211; der Normalfall ist nach wie vor die Teilzeit f\u00fcr Frauen, die im Steuersystem strukturell gef\u00f6rdert wird. Angesichts des demografischen Wandels geht es nun in ganz Deutschland um eine h\u00f6here Erwerbsbeteiligung von Frauen und zugleich um die Steigerung der Geburtenrate.<\/p>\n<p>Dabei steht das deutsche Modell familienpolitisch in der Mitte &#8211; zwischen hoher Frauenerwerbst\u00e4tigkeit, Individualbesteuerung, staatlicher F\u00fcrsorge und Ganztagsschulen im staatlich-lutherischen Skandinavien oder im laizistisch-zentralistischen Frankreich einerseits und einer noch st\u00e4rkeren Privatisierung von Familien und F\u00fcrsorgeleistungen im katholischen Italien oder Spanien. Dabei zeigt sich noch deutlicher als im Ost-West-Vergleich: Wo Infrastrukturleistungen Erwerbst\u00e4tigkeit erm\u00f6glichen ist die Geburtenrate h\u00f6her, wo sie fehlen, besonders niedrig &#8211; und zwar ganz offensichtlich unabh\u00e4ngig von dem Familienbild, das religi\u00f6s-normativ vertreten wird.<\/p>\n<p>Dabei ist klar: eine vollst\u00e4ndige Delegation der Carearbeit an Dienstleister ist nicht denkbar und auch nicht w\u00fcnschenswert. Weil die notwendigen Fachkr\u00e4fte fehlen, weil die Finanzierung einer solchen Infrastruktur eine erhebliche gesellschaftliche Umverteilung zur Folge h\u00e4tte, vor allem aber, weil es bei den Care-Aufgaben um mehr als um bezahlbare Dienstleistungen geht. Zwar hat die Familie schon in der Moderne wesentliche politische und \u00f6konomische sowie rechtliche Funktionen verloren, doch hat sie nach wie vor entscheidende Bedeutung f\u00fcr Sozialisation und soziale Reproduktion und nicht zuletzt f\u00fcr die Statuszuweisung. Die Weitergabe von Werten und Traditionen, Erziehung und Betreuung von Kindern, F\u00fcrsorge und Pflege, das Teilen gemeinsamer Aufgaben und die Solidarit\u00e4t zwischen den Generationen kennzeichnen Familien, werden dort einge\u00fcbt. Es geht um Gemeinschaftserfahrungen, die f\u00fcr den gesellschaftlichen Zusammenhalt unentbehrlich sind. M\u00fctter wie V\u00e4ter w\u00fcnschen sich nach Untersuchungen des IAB eine bessere Kombination aus langer Teilzeit bzw. kurzer Vollzeitarbeit und Familienzeit.<a href=\"#_ftn10\" name=\"_ftnref10\">[10]<\/a> Damit das gelingen kann, muss sich die Zeit, die Menschen mit Erziehungs- und Pflegeaufgaben verbringen, auch im Steuer und Sozialversicherungsrecht niederschlagen. Die Rahmenbedingungen, die derzeit gelten, erm\u00f6glichen gehen mit fehlenden Rentenanspr\u00fcchen und der Gefahr der Disqualifizierung einher und f\u00fchren zu einem erheblichen Armutsrisiko f\u00fcr Alleinerziehende.<\/p>\n<p><em>&#8222;Das Sozial- und Steuersystem benachteiligt Familien. Die Ideale und Anspr\u00fcche, denen die Kindererziehung gerecht werden soll, sind dagegen sehr hoch. Das alles erschwert es den Menschen, das Wagnis des Lebens in Ehe und Familie einzugehen. Dabei ist die Zukunft der Familie entscheidend f\u00fcr die Zukunft der Gesellschaft. Das Zusammenleben in Ehe und Familie bildet ein Gegengewicht zu den Umbr\u00fcchen der Erwerbsgesellschaft, die Menschen in erster Linie nach Leistung und Erfolg beurteilt\u201c, <\/em>hei\u00dft es in der gemeinsamen Erkl\u00e4rung der Evangelischen Landeskirche in Baden und der Erzdi\u00f6zese Freiburg zur Zukunft der Familie (16.4.2008).<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich wurde die Sorgearbeit, die in der Familie geleistet wird, gesellschaftlich zunehmend unsichtbar und abgewertet. Zun\u00e4chst als \u201eFrauenarbeit\u201c auf dem Hintergrund der b\u00fcrgerlich-traditionellen Familienverfassung mit geschlechtshierarchischer Arbeitsteilung, dann durch die Dynamik einer berufsorientierten Emanzipationsbewegung, die die traditionelle Geschlechterhierarchie thematisierte und aufl\u00f6ste und heute durch eine \u00f6konomisierte Erwerbs- und Konsumgesellschaft, in der nichts gilt, was nichts kostet. Das gilt f\u00fcr die F\u00fcrsorgearbeit im privaten Bereich<a href=\"#_ftn11\" name=\"_ftnref11\">[11]<\/a>, aber auch f\u00fcr die professionelle Sorgearbeit, die nach wie vor ungleich schlechter bezahlt wird als die Arbeit in der Produktion. Wenn es nicht gelingt, neue L\u00f6sungen zu finden, droht das Care-Defizit, von dem der Siebte Familienbericht bereits spricht. Und dabei geht es nicht nur um Erziehungsaufgaben und Hausarbeit. Noch immer werden die meisten \u00e4lteren Menschen werden in der h\u00e4uslichen Umgebung gepflegt und immer noch sind etwa 70% der pflegenden Angeh\u00f6rigen weiblich. Und w\u00e4hrend immer mehr Fachkr\u00e4fte im Erwerbsprozess gebraucht werden, geht man gleichzeitig von ca. zwei Millionen h\u00e4uslich zu Pflegenden in zehn Jahren aus. Und die Spannung zwischen dem Druck aus der Erwerbswelt und der privaten Sorgearbeit w\u00e4chst. Wo liegt die Grenze zwischen Flexibilit\u00e4t und Selbstaufgabe? Was f\u00e4llt dabei in die Verantwortung des Einzelnen und was in die der Politik?<\/p>\n<p>Die Orientierungshilfe \u201eZwischen Autonomie und Angewiesenheit\u201c stellt dieses Spannungsfeld in den Mittelpunkt und spricht sich ausdr\u00fccklich f\u00fcr eine St\u00e4rkung der Familien als F\u00fcrsorgegemeinschaften aus.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>3. Familienpolitik und Kirche<\/strong><\/p>\n<p>Es ist nicht das erste Mal, dass die Evangelische Kirche in Deutschland die Frage nach Form und Funktion von Familie zur Diskussion gestellt. Das Sozialwissenschaftliche Institut, das eine Untersuchung zur Familienpolitik in Landeskirchen<a href=\"#_ftn12\" name=\"_ftnref12\"><sup><sup>[12]<\/sup><\/sup><\/a> durchgef\u00fchrt hat, sieht darin den Versuch, \u201eein orientierendes evangelisches Leitbild zu entwickeln, das weder an der gesellschaftlichen Realit\u00e4t von Familie vorbeiredet, noch mit unterschwelligen Normalit\u00e4tskonzepten Menschen benachteiligt, die in anderen Familienformen (als der traditionellen) leben\u201c. Wohl auch aus diesem Grund setzen sich die j\u00fcngeren Texte nicht mehr so stark mit Familienformen auseinander; vielmehr geht es um die Aufgaben und Leistungen, die Familien \u00fcbernehmen \u2013 um das \u201edoing family\u201c. Schienen die vielf\u00e4ltigen Familienrealit\u00e4ten zun\u00e4chst als Gef\u00e4hrdung des \u201eeigentlichen\u201c Leitbilds oder als \u201eunvollkommen\u201c, gewann in den letzten Jahren die \u00dcberzeugung an Kraft, dass Gef\u00e4hrdungen weniger in einer bestimmten Gestalt der Familie liegen, als darin, wie das Familienleben gestaltet wird.<\/p>\n<p>Das zeigte sich schon vor der Orientierungshilfe an den Ver\u00e4nderungen im EKD-Pfarrdienstrecht, das einen Rahmen f\u00fcr die Landeskirchen setzt. Da es Gliedkirchen gibt, die inzwischen auch ein gleichgeschlechtliches Paar in eingetragener Lebensgemeinschaft im Pfarrhaus leben lassen, w\u00e4hrend andere \u00fcber dieser Fragestellung fasst zerbrechen, hat man sich im EKD-Rahmen darauf geeinigt, die Werte zu beschreiben, unter denen die Lebensbeziehung von Pfarrerinnen und Pfarrern gestaltet werden soll: Verbindlichkeit, Verl\u00e4sslichkeit, Verantwortlichkeit. Das sind die Beziehungsrelationen, die im theologischen Kapitel der Orientierungshilfe wieder aufgenommen werden. Dabei wird die Institution Ehe als besonders geeigneter rechtlicher Schutzraum f\u00fcr dieses Miteinander gesehen &#8211; ohne auszuschlie\u00dfen, dass es auch andere Familienformen gibt, in denen diese Kriterien gelten. Gleichwohl: rechtliche Ankn\u00fcpfungspunkte und \u00f6konomische Unterst\u00fctzung der Care-Arbeit bleiben familienpolitisch wesentlich. Nun ist es aber nicht so, dass die Ver\u00e4nderungsprozesse im theologischen Diskurs, die sich in EKD-Schriften oder in neuen Rechtsgrundlagen wie dem Pfarrdienstrecht spiegeln, schon unmittelbar die Gemeindepraxis oder die Familienpolitik der Landeskirchen pr\u00e4gen. Zwischen grundlegenden Debatten und der vielf\u00e4ltigen Praxis bestehen notwendig Reibungen. Welche Familienbilder und \u2013vorstellungen uns pr\u00e4gen, zeigt sich in den Begriffen, in denen wir dar\u00fcber sprechen &#8211; von \u201eklassischen\u201c oder \u201enormalen\u201c Familien.<\/p>\n<p>Nach evangelischem Verst\u00e4ndnis d\u00fcrfen Autonomie und Angewiesenheit, berufliche Entwicklung und f\u00fcrsorgliche Beziehungen nicht gegeneinander ausgespielt werden, hei\u00dft es in der Orientierungshilfe der EKD. Leitlinie einer evangelisch ausgerichteten Familienpolitik m\u00fcsse deshalb die konsequente St\u00e4rkung aller f\u00fcrsorglichen Beziehungen sein, hei\u00dft es in der Orientierungshilfe. \u201eDie Form, in der Familie und Partnerschaft gelebt werden, darf dabei nicht entscheidend sein. Alle famili\u00e4ren Beziehungen, in denen sich Menschen in Freiheit aneinander binden, f\u00fcreinander Verantwortung \u00fcbernehmen und eine verl\u00e4ssliche Partnerschaft eingehen, m\u00fcssen auf die evangelische Kirche bauen k\u00f6nnen\u201c.<\/p>\n<p>An Passagen wie dieser hat sich die Debatte um die Orientierungshilfe entz\u00fcndet. Viele haben eine st\u00e4rkere Hervorhebung der Ehe als Leitbild jeder verbindlichen und verl\u00e4sslichen Lebensform vermisst. Im Gegensatz zu diesem funktionalen Verst\u00e4ndnis betont die katholische Kirche den sakramentalen und institutionellen Aspekt von Familie. Die damit verbundenen Probleme im Blick auf die Trauung und die Kommunion Geschiedener und Wiederverheirateter hat gerade die Familiensynode im Vatikan diskutiert.<\/p>\n<p>Ganz evangelisch betont dagegen die EKD-Schrift, angesichts der Vielfalt biblischer Bilder und der historischen Bedingtheit des famili\u00e4ren Zusammenlebens entspr\u00e4chen ein normatives Verst\u00e4ndnis der Ehe als \u201eG\u00f6ttliche Stiftung\u201c und eine Herleitung der traditionellen Geschlechterrollen aus einer vermeintlichen \u201eSch\u00f6pfungsordnung weder der Breite des biblischen Zeugnisses noch unserer Theologie\u201c, so der damalige Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider bei der Pressekonferenz zur Orientierungshilfe. Die Orientierungshilfe setze das geschichtliche Geworden sein und den Wandel famili\u00e4rer Leitbilder voraus. Dabei k\u00f6nne sie sich auch auf Martin Luther beziehen, der bei aller Hochsch\u00e4tzung als \u201ag\u00f6ttlich Werk und Gebot\u2018 die Ehe zum \u201eweltlich Ding\u201c erkl\u00e4rt, das von den Partnern gestaltbar ist und gestaltet werden m\u00fcsse \u2013\u00a0als generationen\u00fcbergreifender Lebensraum mit Verl\u00e4sslichkeit in Vielfalt, Verbindlichkeit in Verantwortung, Vertrauen und Vergebungsbereitschaft, F\u00fcrsorge und Beziehungsgerechtigkeit, so Schneider. Im evangelischen Eheverst\u00e4ndnis k\u00f6nne deshalb eine neue Freiheit auch im Umgang mit gesellschaftlichen Ver\u00e4nderungen erwachsen.<\/p>\n<p>\u201eAls verl\u00e4ssliche und verbindliche Lebens- und F\u00fcrsorgegemeinschaft steht die Familie in all ihrer unterschiedlichen Auspr\u00e4gung unter Gottes Schutz und Segen\u201c, betont schon vor der EKD die Evangelische Kirche der Pfalz in ihrem Leitbild \u201eFamilie in evangelischer Sicht\u201c. \u201eAlle Lebensformen, die Anspruch auf die Bezeichnung Familie erheben, wollen eine verl\u00e4ssliche und dauerhafte Lebensgemeinschaft von mehreren Generationen sein, die durch Liebe und partnerschaftliche Wertsch\u00e4tzung getragen ist. Familie ist der erste Ort, an dem Menschen ihre unver\u00e4u\u00dferliche W\u00fcrde erfahren k\u00f6nnen\u201c.<a href=\"#_ftn13\" name=\"_ftnref13\"><sup><sup>[13]<\/sup><\/sup><\/a><\/p>\n<p>Was wir unter Familie verstehen, ist in einem dauernden Wandel begriffen &#8211; und es w\u00e4re viel zu kurz gegriffen, diesen Wandel als Verfallsgeschichte zu verstehen. Denn er ging eben auch mit wachsenden Rechten f\u00fcr Frauen, Kinder, homosexuell Liebende und mit einem gro\u00dfen Zugewinn an Freiheit einher. Dabei haben allerdings die Kirchen eine zwiesp\u00e4ltige Rolle gespielt. Ihre Bedeutung als politische Akteure l\u00e4sst sich am Beispiel von Ehe und Familie in Deutschland besonders gut nachverfolgen. Ob es um Elternrechte und Kindererziehung, oder auch um die Rolle der Frau als Mutter ging &#8211; die Kirchen haben sich immer wieder positioniert. Und auch das subsidi\u00e4re familienpolitische Modell in Deutschland ist ganz wesentlich von der christlichen Soziallehre gepr\u00e4gt. Weil die Kirche f\u00fcr Familienpolitik steht, aber auch f\u00fcr die Entwicklung von Erziehung und Pflege in Deutschland wesentlich Verantwortung tr\u00e4gt, hat sie eine besondere Verantwortung in diesem Feld. Auch und vielleicht gerade weil sich ihre institutionelle Rolle in Politik und Gesellschaft inzwischen ver\u00e4ndert hat \u2013 von der Staatskirche hin zu einer, durchaus noch immer einflussreichen, gesellschaftlichen Gruppe. Dabei ist es unverzichtbar, den Blick zum \u00fcber Deutschland hinaus auf Europa hin zu weiten. Denn es ist letztlich die europ\u00e4ische Rechtssitzung, die das Verh\u00e4ltnis von individueller Gleichstellung \u2013 zum Beispiel ehelicher und nichtehelicher Kinder oder homo- und heterosexueller Menschen &#8211; und dem Schutz von Ehe und Familie als sorgende Gemeinschaften auch in Deutschland ver\u00e4ndert hat.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>4. Biblische Einspr\u00fcche? Zum theologischen Hintergrund<\/strong><\/p>\n<p>Kritiker der Orientierungshilfe sahen den Text in einer Linie mit der Entwicklung der Urteile des BVG zur Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften mit der Ehe. Auch das \u2013 und vielleicht sogar vor allem das &#8211; war von vielen mit dem Vorwurf der \u201eAnbiederung an den Zeitgeist\u201c gemeint. Dabei beziehen sie sich theologisch vor allem auf drei \u201e Ecksteine\u201c: auf die \u201eSch\u00f6pfungsordnung\u201c, das \u201cScheidungsverbot\u201c Jesu und die Ablehnung von \u201ehomosexuellem Verhalten\u201c in den antiken biblischen Texten. Tats\u00e4chlich enth\u00e4lt die Orientierungshilfe in allen diesen F\u00e4llen implizit oder explizit eine andere \u201eEinordnung\u201c. Die Polarit\u00e4t der Sch\u00f6pfung wird eben nicht nur als Geschlechterpolarit\u00e4t verstanden, das Scheidungsverbot wird vor allem als Schutz der Schw\u00e4cheren interpretiert, die biblische Ablehnung der Homosexualit\u00e4t wird darin begr\u00fcndet, dass ein, unserem heutigen vergleichbares Konzept homosexueller Liebe auf Augenh\u00f6he nicht existierte. Dazu sei einer theologischen der Verteidiger der Orientierungshilfe zitiert, der Alttestamentler J\u00fcrgen Ebach. Er schreibt f\u00fcr viele sicher provokativ: \u201eBei Licht besehen, dreht sich die Sache um. Nicht der weite Familienbegriff der Orientierungshilfe verabschiedet sich von biblisch-theologischen Grundlagen; vielmehr mangelt es dem lange herrschenden kirchlichen Bild von Ehe und Kleinfamilie an biblischer Begr\u00fcndung. Diese Ehe- und Familienform geht nicht auf die Bibel zur\u00fcck, sondern auf das B\u00fcrgertum des sp\u00e4ten 18. und 19. Jahrhunderts\u2026Das hei\u00dft aber nicht, dass die Bibel zur gegenw\u00e4rtigen Familienthematik nichts zu sagen hat. Denn\u2026 gerade das Alte Testament \u00f6ffnet den Blick daf\u00fcr, dass es da f\u00fcr viele scheinbar heute neue Familien- und Lebensformen Vor-Bilder gibt\u201c.<a href=\"#_ftn14\" name=\"_ftnref14\">[14]<\/a> Ebach erinnert wie schon die Orientierungshilfe an Jakobs Patchwork-Familie mit Lea und Rahel und den Sklavinnen als eine Art \u201eLeihm\u00fctter\u201c, an Moses und seine \u00e4gyptische Adoptivmutter, ja, sogar an die Schwagerpflicht zur \u201eSamenspende\u201c. Er ruft die vielen Ehelosen von Elia \u00fcber Jesus bis zu Paulus in Erinnerung, die doch nicht ohne Familie sind, und auch die Neutestamentlerin Christine Gerber<a href=\"#_ftn15\" name=\"_ftnref15\">[15]<\/a> erinnert daran, dass das Neue Testament famili\u00e4re Bindungen angesichts der kommenden Gottesherrschaft relativiert und dass \u201eFamilia\u201c f\u00fcr eine Hausgemeinschaft steht, die auch Sklaven einschlie\u00dft.<\/p>\n<p>Sowenig wir heute alles gut hei\u00dfen und leben, was in der Bibel beschrieben wird \u2013 von der Polygamie bis zum Umgang mit Sklavinnen \u2013 so wenig m\u00fcssen wir unser Nachdenken \u00fcber Homosexualit\u00e4t von den wenigen (Lev. 18, 22 und 20, 12) einschl\u00e4gigen Stellen bestimmen lassen. Denn in der Antike wurde Homosexualit\u00e4t nicht als Anlage, sondern als frei bestimmtes Verhalten verstanden &#8211; und dabei galt es als Entehrung eines Mannes, bei einem anderen wie bei einer Frau zu liegen.<\/p>\n<p>Damit ist auch schon die Frage nach der Sch\u00f6pfungsordnung ber\u00fchrt, die ja von den Kritikern ebenfalls angef\u00fchrt wird. \u201eH\u00f6rt Gottes Wort von der Stiftung und Ordnung des Ehestandes\u201c hei\u00dft oder hie\u00df es jedenfalls in der Trauagende, die viele noch im Ohr haben. Agendarische Deutungen biblischer Texte dienen ja oft als Gel\u00e4nder, wenn es darum geht, in der verwirrenden und manchmal auch widerspr\u00fcchlichen Vielfalt biblischer Texte Orientierung zu finden.<\/p>\n<p>\u201eEs ist nicht gut, dass der Mensch allein sei\u201c, zitiert die Orientierungshilfe die Sch\u00f6pfungsgeschichten und betont: Wir sind Beziehungswesen \u2013 oder, um es mit Plessner zu sagen: \u201eWir sind in der Gl\u00fcck der anderen hineingeboren.\u201c Wir brauchen jemanden, der uns versteht und unsere Sprache spricht, ein Gegen\u00fcber auf Augenh\u00f6he, einen Menschen, der spannungsreich anders und doch gleich ist. Davon erz\u00e4hlen die Sch\u00f6pfungsgeschichten. Im Gl\u00fcck sexueller Begegnung \u201eerkennen\u201c wir den oder die andere als \u201eFleisch von meinem Fleisch\u201c, in der k\u00f6rperlichen Hingabe erleben wir ein Angewiesen sein jenseits von Hilfebed\u00fcrftigkeit. Im anderen finde ich eine Erg\u00e4nzung, an die zu binden mich gerade nicht unfrei macht, sondern viel von dem frei setzt, was mich als Person ausmacht. Erst im Du finde ich wirklich zum Ich, zu meiner eigenen Identit\u00e4t. Und im gemeinsamen Leben einer Familie l\u00e4sst sich diese grundlegende Bedeutung der Ich-Du-Beziehung psychologisch wie auch sozial und sprachlich nachverfolgen: Was den anderen ver\u00e4ndert, wandelt auch uns: die Geburt eines Kindes macht uns zu Eltern, der Tod der Eltern macht uns zu Waisen, eine Eheschlie\u00dfung zu Braut und Br\u00e4utigam, der Tod des Partners die Ehefrau zur Witwe.<\/p>\n<p>Warum also, wird gefragt, wird der zweite Teil des Satzes aus Gen. 2, 18 nicht immer mit zitiert: \u201eIch will ihm eine Gef\u00e4hrtin schaffen, die um ihn sei\u201c? Warum wird nicht betont, was in Gen. 1, 27 steht, dass Gott den Menschen als Zweiheit schuf &#8211; m\u00e4nnlich und weiblich? In der Tat h\u00e4ngt an dieser Frage viel &#8211; nicht nur der Gedanke der Sch\u00f6pfungsordnung mit der allein fruchtbaren Geschlechterpolarit\u00e4t ist damit verbunden, sondern auch die Geschlechterordnung und Geschlechterhierarchie, die alles Nachdenken \u00fcber Ehe und Familie bis ins letzte Jahrhundert bestimmt hat \u2013 als man noch \u00fcbersetzte: \u201eIch will ihm eine Gehilfin machen\u201c. Denn in der damaligen Gesellschaft war die biblische Legitimation f\u00fcr die soziale Unterordnung der Frau von gro\u00dfer Bedeutung.<\/p>\n<p>Auf diesem Hintergrund ist die Orientierungshilfe eher vorsichtig, wenn die Bibel benutzt wird, um zu begr\u00fcnden, dass die Ehe gleichsam in die Natur des Menschen eingeschrieben (und deswegen eine gleichgeschlechtliche Partnerschaft etwas genuin anderes) sei. Die Vorstellung von bestimmten \u201enaturgem\u00e4\u00dfen\u201c Lebensformen, die meistens klassische Vater-Mutter-Kind-Bilder zum Ma\u00dfstab nahmen, reibt sich an der Wahrnehmung, dass Menschen gelingendes gemeinsames Leben in vielf\u00e4ltiger Weise gestalten k\u00f6nnen. F\u00fcr Dietrich Bonhoeffer erhalten Ehe und Familie jedenfalls nicht als Sch\u00f6pfungsordnung, sondern erst als \u201eg\u00f6ttliche Mandate\u201c ihre Geltung; als Institutionen, denen Gottes Gebot zur Seite tritt. Weder lie\u00dfen sie sich aus der Natur des Menschen ablesen noch d\u00fcrfe man sie als ewige Ordnungen missdeuten, so Bonhoeffer.<\/p>\n<p>Er betont aber, dass in der Relationalit\u00e4t die fundamentale Entsprechung zwischen Gott und Mensch bestehe. Die Gottesebenbildlichkeit des Menschen liegt nach Bonhoeffer darin, dass er wie sein Sch\u00f6pfer frei und zugleich auf den anderen bezogen ist. Auch Gott ist nicht frei an sich, sondern frei f\u00fcr den Menschen. Er hat sich in seiner Freiheit an uns gebunden und kann uns gerade so befreien. Karl Barth geht dar\u00fcber noch hinaus: er sieht in dem relationalen Charakter der Gottebenbildlichkeit des Menschen einen Hinweis auf das Sein Gottes Selbst; es ist ein Sein in der Dynamik der trinitarischen Beziehung.<\/p>\n<p>Die Orientierungshilfe geht also nicht von naturrechtlichen \u00dcberlegungen aus. Wer ontologische \u00dcberlegungen der Geschlechterdifferenz zugrunde legt, um zu beschreiben, dass der Mensch auf ein Gegen\u00fcber angewiesen ist, wird Homosexualit\u00e4t oder Transsexualit\u00e4t als Abweichung betrachten &#8211; und das kann \u2013 auch wenn das nicht intendiert ist- im sozialen Kontext schnell in Diskriminierung umschlagen. Dabei ist es, medizinisch und psychologisch gesehen, mit der Polarit\u00e4t der Geschlechter nicht so einfach, wie einige glauben m\u00f6chten &#8211; manche sprechen inzwischen von acht und mehr Geschlechtern. Und auch das Generativit\u00e4tsverhalten \u2013 \u201eSeid fruchtbar und mehret Euch\u201c &#8211; hat sich seit Pille und Reproduktionsmedizin radikal ver\u00e4ndert, so radikal, dass seit den 70er Jahren 100.000 Samenspenderkinder zur Welt kamen. Das \u201eGeschlechterschicksal\u201c wird l\u00e4ngst zwar nicht mehr als so zwingend erlebt \u2013 umgekehrt aber haben Menschen viel mehr mit Grenzerfahrungen, Scheitern, Einsamkeit zu tun, mit den Schattenseiten der Herstellungsgemeinschaft wie der Autonomie. Die Geschlechterdifferenz selbst aber geht inzwischen allgemein mit der \u00dcberzeugung einher, dass die Gottesebenbildlichkeit in gleicher Weise f\u00fcr beide Geschlechter gilt- was lange Zeit durchaus nicht selbstverst\u00e4ndlich war. Die damit verbundene Vorstellung der Gleichheit macht es auch m\u00f6glich, m\u00e4nnlich und weiblich in einer gleichgeschlechtlichen Beziehung zu denken.<\/p>\n<p>Nicht die Geschlechterdifferenz, sondern die Angewiesenheit aufeinander wie auf den Segen Gottes, die die Freiheit nicht in Frage stellt, sondern in einem tieferen Sinne erst erm\u00f6glicht, steht deshalb im Mittelpunkt der theologischen \u00dcberlegungen der Orientierungshilfe und bestimmt letztlich deren gesamten Aufbau. W\u00e4hrend zu Beginn, vor allem im historischen Teil, die gesellschaftliche Entwicklung hin zu Gleichheit und Gerechtigkeit, mithin zu Autonomie im Mittelpunkt steht, werden in der zweiten H\u00e4lfte des Textes \u2013 nach dem theologischen Kapitel, die Herausforderungen dargestellt, die damit verbunden sind, dass wir das Angewiesen sein und die Sorge f\u00fcreinander als grundlegend verstehen und Familien als Sorgegemeinschaften st\u00e4rken.<\/p>\n<p>Verantwortung f\u00fcr sich selbst und Verantwortung f\u00fcr andere in der Familie geh\u00f6ren zusammen. Denn Familie ist mehr als das Zusammenleben unterschiedlicher Individuen mit je eigenen Rechten, sie ist zugleich eine eigene, eigensinnige Lebensform, eine F\u00fcrsorge- und Lerngemeinschaft zwischen Partnern und Generationen. Darin sind nicht nur Kinder und Eltern, sondern auch Gro\u00dfeltern und weitere Verwandte und Wahlverwandte einbezogen. Die \u201emultilokale Mehrgenerationenfamilie\u201c von heute ist ein verwandtschaftliches Netzwerk geworden, das Kinder und auch erziehende Eltern unterst\u00fctzt und gerade f\u00fcr Alleinerziehende von entscheidender Bedeutung ist. Angesichts der Umbr\u00fcche, die wir erleben, angesichts von Scheitern und Grenzerfahrung, aber auch von unerf\u00fcllten W\u00fcnschen ist die Segensorientierung des Textes wichtig.<\/p>\n<p>Dabei geht es nicht nur um den Sch\u00f6pfungssegen, sondern um den immer wieder erneuerten Segensbund Gottes, dem unser menschlicher Bund entsprechen soll. Die reformierte Bundestheologie, die bei Calvin, Zwingli und Bullinger eine Rolle spielt, und dann von Karl Barth aufgenommen wird, stellt die Bundesschl\u00fcsse Gottes mit seinem Volk in den Mittelpunkt einer dynamischen Geschichtsbetrachtung. Danach hat Gott nicht nur den Bund mit Adam und Eva geschlossen, sondern dann &#8211; nach der Flut, auch den Regenbogenbund mit Noah und sp\u00e4ter den Bund der Verhei\u00dfung mit Abraham und Sara und ihren Nachkommen. Den Bund mit Mose und mit David und schlie\u00dflich den neuen Bund in Jesus Christus, in dem Gott Mensch wird. Durch die Geschichte hindurch zeigt sich: es ist Gottes Gnade, seine Zuwendung zum Menschen, die Zukunft erschlie\u00dft. So verstand Huldrych Zwingli die Kindertaufe als Fortsetzung des &#8222;Bundeszeichens&#8220; der Beschneidung und auch der Heidelberger Katechismus nennt dann die Taufe &#8222;das Zeichen des Bundes&#8220; (Frage 74). Diese Bundestheologie nimmt Karl Barth in seiner Kirchlichen Dogmatik <a href=\"#_ftn16\" name=\"_ftnref16\">[16]<\/a> auf, wenn er die Gottesebenbildlichkeit des Menschen darin entdeckt, dass Menschen Beziehungswesen sind &#8211; was besonders in der Bezogenheit von Mann und Frau zeigt. In dieser Tradition verstehen die reformierten Kirchen in den USA auch die Trauung als Bundesschluss, mit dem wir unserer Gottesebenbildlichkeit entsprechen.<\/p>\n<p>In der Gemeinschaft, die Gott seinem Volk in immer neuen Bundeszusch\u00fcssen zuspricht und zuletzt in seiner Menschwerdung bekr\u00e4ftigt, ist ein tiefer Grund f\u00fcr die Gemeinschaftsf\u00e4higkeit des Menschen gelegt &#8211; und zugleich wird darin deutlich, dass trotz Br\u00fcchen und Versagen immer neue Vergebung und Vers\u00f6hnung, ja neue Anf\u00e4nge m\u00f6glich werden. Auf diesem Hintergrund betont die Orientierungshilfe im Blick auf das Scheidungsverbot Jesu vor allem die Schutz- und Anspruchsrechte der Schwachen &#8211; damals der Frauen, heute der Kinder, die auf den Rechtscharakter funktionierender Institutionen angewiesen sind. Von ihnen her begr\u00fcndet Bernhard Laux auch die Bedeutung einer dauerhaften Beziehung, das Leitbild der verl\u00e4sslichen Gemeinschaft in der Ehe oder Partnerschaft.<a href=\"#_ftn17\" name=\"_ftnref17\">[17]<\/a><\/p>\n<p>Die Beziehungen zwischen den Familienmitgliedern sind von einer solchen Bedeutung, dass sie in der gesamten Bibel zum Symbol f\u00fcr die Gottesbeziehung werden. Sie bilden auch die Folie, ohne die eine F\u00fclle biblischer Geschichten und Texte anscheinend nicht ausreichend verstanden werden k\u00f6nnen\u201c, hei\u00dft es in der Familienschrift der EKM.<a href=\"#_ftn18\" name=\"_ftnref18\"><sup><sup>[18]<\/sup><\/sup><\/a> Das Zusammenleben in der Familie hat entscheidenden Einfluss auf das Gottesbild wie auf die Entwicklung des Glaubens. Familie ist ein entscheidender, wenn nicht der entscheidende Lernort des Glaubens.<\/p>\n<p>Aber dabei steht sie nicht allein. Von Anfang an sind Familie und Christliche Gemeinde aufeinander bezogen, insofern die Gemeinde eine erweiterte \u201eFamiliarit\u00e4t\u201c erm\u00f6glicht, die auch Alleinlebende einschlie\u00dft und zugleich Familien in vielf\u00e4ltiger Weise unterst\u00fctzen kann.<a href=\"#_ftn19\" name=\"_ftnref19\"><sup><sup>[19]<\/sup><\/sup><\/a> So betrachtet, haben auch die familienkritischen Aussagen gerade des Neuen Testaments eine wesentliche Funktion &#8211; auch Jesus betont ja, dass Familie gerade nicht vor allem Gemeinschaft des Blutes, sondern Wahlverwandtschaft in Gott ist (\u201eDie den Willen meines Vaters tun, die sind meine Mutter und Schwestern und Br\u00fcder\u201c). Deshalb konnten und k\u00f6nnen eben auch kirchliche Gemeinschaften die Rolle der Familie \u00fcbernehmen \u2013 so wie in den Kl\u00f6stern oder den Einrichtungen der Gemeinschaftsdiakonie des 19. Jahrhunderts, als die Kleinfamilien w\u00e4hrend der industriellen Transformation schon einmal vollkommen \u00fcberfordert waren. Auch das macht deutlich, dass es vor allem darum gehen muss, die Funktion und das Handeln der Gemeinschaft zu st\u00e4rken.<\/p>\n<p>In der protestantischen Tradition spielt die Familie als Hausgemeinde eine zentrale Rolle. Die lutherische Tradition des Heiligen Abends mit Weihnachtskrippe und Christkind, die Rolle des Hausvaters, der die Familie im kleinen Katechismus unterrichtete, das evangelische Pfarrhaus mit seiner Vorbildfunktion waren dabei pr\u00e4gende Elemente. An der Geschichte des Pfarrhauses im letzten halben Jahrhundert l\u00e4sst sich denn auch der Wandel des Familienbildes am deutlichsten ablesen: Berufst\u00e4tige Pfarrfrauen, Frauen als Pfarrerinnen, Zwei-Verdiener-Haushalte, katholische Ehepartner, homosexuelle Lebensgemeinschaften mussten und m\u00fcssen zum Teil noch Schritt f\u00fcr Schritt erk\u00e4mpft werden. Am Ende dieser Entwicklung steht die deutlichere Trennung von Beruf und Privatsph\u00e4re, bis hin zur Aufgabe der Residenzpflicht in vielen F\u00e4llen.<\/p>\n<p>Hinter dem Verschwinden des Pfarrhauses als kirchliche Institution wird die Situation der Familie als religi\u00f6se Sozialisationsagentur sichtbar<a href=\"#_ftn20\" name=\"_ftnref20\">[20]<\/a>. Mobilit\u00e4t und Pluralisierung der Gesellschaft haben dazu gef\u00fchrt, dass der Anteil der konfessionsverbindenden und multireligi\u00f6sen Familien w\u00e4chst &#8211; denn nicht nur die zunehmende Mobilit\u00e4t, sondern auch die wachsende Migration geh\u00f6ren ja zu den gesellschaftlichen Trends, die Familien ver\u00e4ndern. Dass sich religi\u00f6se \u00dcberzeugungen heute f\u00fcr viele immer schon im Plural darstellen, dass immer mehr Menschen erst als Erwachsene zum Glauben finden, muss aber kein Nachteil sein. Auch das kann Befreiung bedeuten &#8211; von einem \u00fcberm\u00e4chtigen Vater \u2013 und Gottesbild, von Schicksalszuweisungen und dominanten Traditionen \u2013 und zur eigenen Wahl und Berufung ermutigen. Wenn man sich klar macht, dass Menschen noch vor ein oder zwei Generationen wegen der falschen Konfession nicht geheiratet haben, wird vielleicht deutlich, was ich meine. Die ersten Christengemeinden haben mit religi\u00f6sen Normen gebrochen, weil sie ihren Glauben als Befreiung empfanden, sie haben alles daran gesetzt, Menschen aus den unterschiedlichsten Traditionen f\u00fcr einen Weg mit Christus zu gewinnen. Das gilt es neu zu entdecken; es fordert die Gemeinden aber auch heraus. Die religi\u00f6se Erziehung in der Familie muss erg\u00e4nzt werden durch Wege erwachsenen Glaubens; Eltern unterschiedlicher Konfession und Religion m\u00fcssen darin gest\u00e4rkt werden, mit Vielfalt zu leben und Kinder brauchen Ermutigung, ihrer religi\u00f6sen Neugier und Sehnsucht zu folgen; Gro\u00dfeltern brauchen Unterst\u00fctzung bei der Glaubensvermittlung an ihre Enkel und das Patenamt muss aus dem Schatten der Jahrhunderte geholt und entstaubt werden.<\/p>\n<p>Ist Familie unverw\u00fcstlich, trotz allem Wandel? Wenn wir Familie als Sorgegemeinschaft der Generationen verstehen und dabei die verschiedenen Formen der Partnerschaft und auch christliche Wahlfamilien einbeziehen, ganz sicher. Allerdings bleibt es n\u00f6tig, politisch wie rechtlich alles zu tun, um nicht nur ehe-oder partnerschaftsbasierte Familien, sondern Sorgegemeinschaften zu st\u00e4rken, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu verbessern und die Partnerschaft von Tageseinrichtungen, Schulen und Pflegediensten mit Familien zu f\u00f6rdern. Zugleich aber ist die Kirche gefordert, mit Seelsorge und Beratungseinrichtungen, mit Gemeinde- und Bildungsangebote, Familienzentren wie ihrer Zeitpolitik und einer besseren Zusammenarbeit von Kirche und Diakonie im Quartier Familien in ihrem Wunsch nach verl\u00e4sslicher Gemeinschaft zu unterst\u00fctzen. Was das angeht, man die Orientierungshilfe eine F\u00fclle von Vorschl\u00e4gen, die noch zu wenig beachtet wurden.<\/p>\n<p>Beginnend mit dem Sch\u00f6pfungssegen, \u00fcber das Zeichen des Regenbogens bis zum Sinaibund und den Segenshandlungen Jesu lassen sich die biblischen Texte als Zuspruch lesen, das Leben zu wagen, Verantwortung zu \u00fcbernehmen und anderen zu verl\u00e4sslichen B\u00fcndnispartnern und zum Segen zu werden. Dass dieser Segen erfahrbar wird, dazu kann auch die Kirche beitragen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Cornelia Coenen-Marx (mdl. Vortrag in Rostock, 13.11.15)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Zahlen von Allensbach entnommen aus Synodalbericht LB K\u00e4\u00dfmann 2008, Robert-Bosch-Stiftung 2013<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Herwig Birg, Die demographische Zeitenwende<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> so Landesbisch\u00f6fin Margot K\u00e4\u00dfmann in ihrer Rede der Landessynode 2008<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> \u201eZwischen Autonomie und Angewiesenheit, Familie als verl\u00e4ssliche Gemeinschaft st\u00e4rken\u201c, Eine Orientierungshilfe des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland, G\u00fctersloh 2013<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> Mit einem Kind sind sie zu 46%, mit zwei und mehr Kindern sogar zu 62% armutsgef\u00e4hrdet. In Paarhaushalten liegt die Armutsrisikoquote dagegen je nach Kinderzahl zwischen 7 und 22%.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> In den USA seit den 50er Jahren von 9 auf 27 Prozent, in Skandinavien bei 47 Prozent.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> Hartmut Rosa, Beschleunigung und Entfremdung, Berlin 2013<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a>J\u00fcrgen Ebach, \u201eAlttestamentliche Notizen\u201c, in : \u201eZwischen Autonomie und Angewiesenheit \u2013 Die Orientierungshilfe der EKD in der Kontroverse\u201c, Hannover 2013<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">[9]<\/a> Zusammen mit der Frauenzeitschrift \u201eBrigitte\u201c<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref10\" name=\"_ftn10\">[10]<\/a> So auch der 8. Familienbericht der Bundesregierung \u201eZeit f\u00fcr Familie\u201c, 2012<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref11\" name=\"_ftn11\">[11]<\/a> Vgl. Anke Spory, Familie im Wandel, Kulturwissenschaftliche, soziologische und theologische Reflexionen, 2013<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref12\" name=\"_ftn12\">[12]<\/a> Sozialwissenschaftliches Institut der EKD<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref13\" name=\"_ftn13\">[13]<\/a> Ev. Kirche der Pfalz, 2008<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref14\" name=\"_ftn14\">[14]<\/a> J\u00fcrgen Ebach, a.a.O.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref15\" name=\"_ftn15\">[15]<\/a> Christine Geber \u201cWie wird Ehe- und Familienethik schriftgem\u00e4\u00df \u2013 eine Zustimmung zur Orientierungshilfe\u201c in \u201eZwischen Autonomie und Angewiesenheit &#8211; Die Orientierungshilfe in der Kontroverse\u201c, Hannover 2013<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref16\" name=\"_ftn16\">[16]<\/a> KD IV; 1, 57-70<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref17\" name=\"_ftn17\">[17]<\/a>Konrad Hilpert, Bernhard Laux, Leitbild am Ende? Der Streit um Ehe und Familie, Freiburg 2014<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref18\" name=\"_ftn18\">[18]<\/a> Ev. Kirche in Mitteldeutschland, Im Blickpunkt: Familie, 2012<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref19\" name=\"_ftn19\">[19]<\/a> So die Erkl\u00e4rung der Ev. Kirche der Pfalz von 2008<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref20\" name=\"_ftn20\">[20]<\/a> Vgl. dazu auch die f\u00fcnfte Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung der EKD, \u201eEngagement und Differenz\u201c, 2015<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>oder Was h\u00e4lt Ehen und Partnerschaften heute lebendig? \u00dcberlegungen zur Bundestheologie in der EKD-Orientierungshilfe zur Familienpolitik &nbsp; 1. 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