{"id":1313,"date":"2015-11-05T14:55:21","date_gmt":"2015-11-05T14:55:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=1313"},"modified":"2016-02-04T19:12:20","modified_gmt":"2016-02-04T19:12:20","slug":"33-menschen-und-leichtes-gepaeck","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=1313","title":{"rendered":"33 Menschen und leichtes Gep\u00e4ck"},"content":{"rendered":"<p>Wer \u00f6fter umgezogen ist, vielleicht auch ins Ausland, der wei\u00df, welche Pl\u00e4tze die ersten Anlaufstellen sind in der neuen Stadt. In unserer Familie ist das so \u2013 und meine Schwester ist Meisterin, was internationale Umz\u00fcge angeht. Die L\u00e4den, in denen man Putzmittel und Lebensmittel kaufen kann, muss man zuerst finden, dann Arbeitsplatz, Schule und Kindergarten, Elektriker, Klempner und \u00c4rztinnen muss man kennen und nat\u00fcrlich die Nachbarn, die die k\u00fcrzesten Wege wissen. Man brauche 33 Menschen, um sich an einem Ort zu Hause zu f\u00fchlen, habe ich neulich gelesen \u2013 Nachbarn geh\u00f6ren dazu, aber bald auch andere M\u00fctter und V\u00e4ter, Baby- und Hundesitter und die nette Kellnerin in der Stammkneipe. 33 Menschen \u2013 im Schnitt dauert es ein Jahr, bis man die mit Namen kennt. Ob die Pfarrerin auch dazu geh\u00f6rt, wenn nicht gerade ein Kind getauft oder konfirmiert werden soll? Im Ausland bestimmt &#8211; da sind die deutschen Gemeinden kulturelle Heimat, Kontaktb\u00f6rse und Netzwerk. Hier findet man, was gegen Heimweh hilft &#8211; Weihnachtpl\u00e4tzchen, einen Adventskranz oder Ostereier. Um zu wissen, was einem \u201eMach hoch die T\u00fcr\u201c bedeutet oder \u201eGeh aus mein Herz\u201c muss man wohl einmal in einer anderen Kultur gelebt haben. Aber auch hierzulande kann die Kirche Br\u00fccken schlagen \u2013 und die Sonntage so gestalten, dass Zugezogene sich bald zu Hause f\u00fchlen. Meine reformierte, rheinische Gemeinde hat das nach dem Krieg getan, als sie f\u00fcr die vielen Vertriebenen eine lutherische Abendmahlsliturgie einf\u00fchrte.<\/p>\n<p>Nicht erst die Kriege haben die Deutschen durcheinander gewirbelt, auch zuvor schon die Industrialisierung. Dass Familien \u00fcber mehrere Generationen an einem Ort wohnen, ist seit langem keine Selbstverst\u00e4ndlichkeit mehr. Junge Leute ziehen der Arbeit nach in die St\u00e4dte &#8211; und zur\u00fcck bleiben die Alten mit Wohneigentum, das sich in schrumpfenden Regionen kaum verkaufen l\u00e4sst. V\u00e4ter pendeln von Ost nach West zur Arbeit &#8211; M\u00fctter bleiben mit den Kindern zur\u00fcck. Und jedes dritte kinderlose Paar in der ersten Berufsphase pendelt. Und wer h\u00e4ufig umzieht, verliert die allt\u00e4gliche soziale Einbettung in Familie und Nachbarschaft und damit auch den selbstverst\u00e4ndlichen Zugang zu Kirche und Gemeinde.<\/p>\n<p>20 Jahre ist es nun her, da standen wir im Osten Londons vor einer verrammelten Kirche. Eine Gruppe rheinischer Theologinnen und Theologen auf der Suche nach Impulsen f\u00fcr die Kirche der Zukunft. Was damals in der Church of England geschah, ist inzwischen bei uns angekommen: Kirchen werden geschlossen, aufgegeben und verkauft. Und manche werden umgewidmet &#8211; zu Synagogen, zu Moscheen oder zu Gemeinschaftsh\u00e4usern. Die Kirche in London stand mitten in einem globalisierten Viertel mit Menschen aller Hautfarben und Religionen, in dem die Armut offensichtlich gro\u00df war. Kein Wunder, dass der Bischof von London der Meinung war, diese Kirche werde nicht mehr gebraucht und sei auch nicht mehr zu finanzieren. Aber die Menschen, die wir hier trafen, waren ganz anderer Auffassung. Sie hatten eine B\u00fcrgerinitiative gegr\u00fcndet, um die Kirche zu erhalten. Dabei lebten viele von ihnen l\u00e4ngst anderswo &#8211; hier aber waren sie getauft und getraut worden waren, hier hatten auch ihre Kinder den Segen bekommen. Hier waren sie wer &#8211; und geh\u00f6rten dazu. So etwas gibt man nicht einfach auf.<\/p>\n<p>Das bewegt auch die Kirchenkuratoren und Kirchenkuratorinnen, die inzwischen bei uns daf\u00fcr sorgen, dass Dorfkirchen in Brandenburg oder in Mitteldeutschland saniert werden \u2013 die Orgelpaten suchen, Veranstaltungen planen, die Kirchen offen halten, auch wenn sie selbst gar nicht Mitglied sind oder l\u00e4ngst anderswo wohnen. Was w\u00fcrden Sie antworten, wenn man nach ihrer kirchlichen Heimat fragt? F\u00e4llt ihnen Ihr Wohnort ein oder der ihrer Eltern &#8211; oder auch ihre Traukirche? Es scheint, als h\u00e4tte unser Herz seine eigenen Landkarten.<\/p>\n<p>Und dabei wechseln ja nicht nur wir selbst unsere Wohnorte, auch die Nachbarschaften ver\u00e4ndern ihr Gesicht. Fremde ziehen zu &#8211; als Arbeitssuchende, Migranten oder Fl\u00fcchtlinge. Manche, wie die Einwanderer der 60er Jahre aus S\u00fcdeuropa oder aus der T\u00fcrkei, leben mit ihren Familien seit Generationen unter uns &#8211; und dennoch geh\u00f6ren sie nicht \u00fcberall wirklich dazu. Ich erinnere mich an die w\u00fctenden Briefe, die ich im rheinischen Landeskirchenamt erhielt, als die Stadt Duisburg den lautsprecherverst\u00e4rkten Muezzinruf erlaubte. Wo die Arbeitslosigkeit hoch ist wie im Ruhrgebiet w\u00e4chst die Angst vor dem Verlust des \u201eEigenen\u201c \u2013 des eigenen Arbeitsplatzes, der eigenen Kultur, der gewohnten Nachbarschaft, ja auch der eigenen Kirche. Da wird sp\u00fcrbar, was Heimat ausmacht: sich auskennen, gebraucht werden, dazugeh\u00f6ren.<\/p>\n<p>Die Erfahrung von Identit\u00e4tsverlust geh\u00f6rt zu den Schattenseiten der Transformation. Und eine verrammelte Kirchent\u00fcr kann zum Symbol f\u00fcr Entwurzelung werden. Denn viele unserer alten Kirchen waren doch l\u00e4ngst vor uns da. Gef\u00fchlt: schon immer. Aber das ist ein Irrtum. Das Neue Testament erinnert an eine ganz andere Geschichte. \u201eWir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zuk\u00fcnftige suchen wir\u201c, hei\u00dft es im Brief an die Hebr\u00e4erinnen und Hebr\u00e4er. Die arme Kirche der ersten Jahrhunderte war nicht der Mittelpunkt des Dorfes. Sie hat sich als Weggemeinschaft verstanden, als Netzwerk. Vielleicht war gerade das ihre Anziehungskraft, dass sie das Unterwegssein kannte und auch Armen, Fl\u00fcchtlingen und Vertriebenen Heimat gab. Vielleicht machte das ihre St\u00e4rke aus, dass sie ein anderes Verst\u00e4ndnis von Heimat hatte. \u201eUnsere Heimat ist im Himmel\u201c. Sie ist Sehnsuchtsort und Seelenheimat. Wer den Jakobsweg gegangen ist, wei\u00df: Die neue Heimat muss erwandert werden &#8211; und das ver\u00e4ndert unseren Blick auf die alte.<\/p>\n<p>Vielleicht haben wir heute einen neuen Zugang zu dieser Erfahrung. Unterwegssein, Umziehen, Pendeln ist f\u00fcr viele normal geworden. Ich wei\u00df, was ich im Gep\u00e4ck haben muss, um mich zu Hause zu f\u00fchlen: mein kleines Kissen, meinen Teekocher, meinen Kerzenhalter, mein Handy und ein Buch. Und vor allem die Kontakte, die mir helfen, Verbindung zu halten zu den 33 Menschen, die ich brauche. Zu Hause, aber eben auch unterwegs. Ich erinnere mich, dass ich einmal mit einer Kollegin in Kairo den Flieger verpasste &#8211; ganz selbstverst\u00e4ndlich konnten wir bei einem Mitglied der deutschen Gemeinde \u00fcbernachten. Ein frisch bezogenes Bett h\u00e4tten wir auch im Hotel gefunden; aber die deutsche Suppe und das Tischgebet ganz sicher nicht.<\/p>\n<p>Was Menschen brauchen, wenn sie sich heimatlos und entwurzelt f\u00fchlen, das kann man von den Auslandsgemeinden lernen. Bekanntlich passiert das vielen auch im eigenen Land. Was Menschen sp\u00fcren l\u00e4sst, dass sie nicht allein gelassen sind, wenn ihre alte Welt zusammen bricht, das habe ich in der Diakonie gelernt. Nachbarschaftsinitiativen und Stadtteilcaf\u00e9s, Demenznetzwerke, B\u00fcrgerbusse und B\u00fcndnisse f\u00fcr familienfreundliche St\u00e4dte zeigen, wohin die Reise gehen muss. Da ist die Kirche gefragt; sie kann Heimat geben \u2013 f\u00fcr Neuzugezogene und f\u00fcr Alteingesessene. Ich erinnere mich an ein Gemeindefest in M\u00f6nchengladbach. Es stand unter dem Titel \u201eHeimat suchen &#8211; Gemeinde finden\u201c. An einer Tafel waren die Wege von Gemeindegliedern in diese Gemeinde aufgezeichnet &#8211; aus Ostpreu\u00dfen, aus Spanien, aus Schlesien und aus K\u00f6ln. Gemeinde ist nicht einfach die alte Heimat \u2013 aber manchmal ist sie sogar besser als die.<\/p>\n<p><strong>Cornelia Coenen-Marx, B\u00f6blingen 24.10.2015, www.seele-und-sorge.de<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer \u00f6fter umgezogen ist, vielleicht auch ins Ausland, der wei\u00df, welche Pl\u00e4tze die ersten Anlaufstellen sind in der neuen Stadt&#8230;. <a href=\"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=1313\">read more<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":538,"menu_order":98,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-1313","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/1313"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1313"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/1313\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1314,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/1313\/revisions\/1314"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/538"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1313"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}