{"id":1263,"date":"2015-11-02T10:41:00","date_gmt":"2015-11-02T10:41:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=1263"},"modified":"2016-02-04T19:31:06","modified_gmt":"2016-02-04T19:31:06","slug":"brueckenbauerinnen-und-dolmetscher","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=1263","title":{"rendered":"Br\u00fcckenbauerinnen und Dolmetscher"},"content":{"rendered":"<h3><strong>Diakoninnen und Diakone in der Kirche der Zukunft<\/strong><\/h3>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p><strong>1. Ein Fenster zur Welt \u2013 Wie Begegnungen neue Perspektiven er\u00f6ffnen<\/strong><\/p>\n<p>\u201eGehen Sie an einem festen Tag, zu einer festen Uhrzeit in ein Caf\u00e9 und lesen dort ein Buch oder eine Zeitung. Wiederholen Sie dies jede Woche oder \u00f6fter, aber immer zu selben Zeit am selben Ort, schaffen Sie sich Ihr Ritual. Sie werden feststellen, dass sich etwas ver\u00e4ndert. Das Wahrnehmen unserer Umgebung ist von ihrer Ver\u00e4nderung abh\u00e4ngig. Wenn wir also zur selben Zeit am selben Ort sind, entsteht ein anderer Blick auf uns selbst, das Umfeld, die eigene Bedeutung und die Mitmenschen und die Stadt, in der man lebt\u201c. Diese Idee ist eine von vielen aus dem wunderbaren B\u00e4ndchen \u201eVon wegen nix zu machen\u201c von Franz Meurer, J\u00fcrgen Becker und Martin Stankowski.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Franz Meurers Stadtteilarbeit in K\u00f6ln H\u00f6henberg-Vingst, geh\u00f6rt f\u00fcr mich zu den vorbildlichen und nachhaltigen Formen kirchlicher Gemeinwesenarbeit. Die Idee, sich regelm\u00e4\u00dfig in ein Caf\u00e9 zu setzen, bis es zur Stammkneipe wird, und so die Wirklichkeit mit neuen Augen zu sehen, habe ich, ohne Franz Meurer zu kennen, vor nun fast 30 Jahren im Wickrather Gemeindeladen umgesetzt. Wir hatten damals in der Tradition von Ernst Lange ein Ladenprojekt in der Fu\u00dfg\u00e4ngerzone gegr\u00fcndet &#8211; einen offenen Diakonieladen mit Caf\u00e9 und Kleiderkammer, mit B\u00fcchereiarbeit und Sozialberatung, mit Bildungsangeboten und Mutter-Kind-Gruppen. Getragen von mehr als 25 freiwillig Engagierten, professionell begleitet von einer Sozialp\u00e4dagogin. Der Laden, der noch immer ganz lebendig ist, war f\u00fcr mich ein Schl\u00fcssel f\u00fcr die Zusammenarbeit von Kirche und Diakonie und die Chancen freiwilligen Engagement.<\/p>\n<p>Als ich damals jeden Mittwoch Nachmittag an einem der kleinen Kaffeehaustische im Gemeindeladen sa\u00df und Gespr\u00e4che f\u00fchrte, begegneten mir N\u00f6te in meiner eigenen Stadt, die ich vorher gar nicht wahrgenommen hatte: Arbeitslose kamen und erz\u00e4hlten von ihrer aussichtslosen Situation \u2013 und manche engagierten sich sp\u00e4ter im Ladenteam und fanden dort eine neue Aufgabe. \u00dcberforderte und verzweifelte pflegende Angeh\u00f6rige trafen sich in einer Gruppe. Alleinstehende Frauen erz\u00e4hlten von der Not, einen Freundeskreis zu finden. Muslime aus der Nachbarschaft fragten, ob es nicht sinnvoll f\u00fcr uns sein k\u00f6nnte, einmal \u00fcber die Gemeinsamkeiten und Unterschiede in Christentum und Islam zu sprechen. Und w\u00e4hrend ich dort mit den Besuchern und Besucherinnen sprach, w\u00e4hrend wir im Team \u00fcberlegten, welche Chancen wir hatten, etwas Neues auf die Beine zu stellen, welche Kurse wir anbieten sollten, leuchteten hinter so vielen Einzelschicksalen pl\u00f6tzlich gesellschaftliche Strukturen auf. Umbr\u00fcche wurden sichtbar, die weit \u00fcber das Einzelschicksal hinausgehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>2. Den Wandel verstehen: Kirche und Diakonie in der gro\u00dfen Transformation<\/strong><\/p>\n<p>Wirtschaft und Gesellschaft stehen global in einer gro\u00dfen Transformation, die vielleicht nur mit der zur Zeit der Industrialisierung vergleichbar ist. Es sind die Geburtswehen einer neuen Welt, sagt der Managementexperte Friedrich Malik in seinem Buch \u201eNavigieren in Zeiten des Umbruchs\u201c<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a>. Andere reagieren erschrocken und ver\u00e4ngstigt. Heinz Bude, der gerade ein Buch \u00fcber die Gesellschaft der Angst<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\"><sup><sup>[3]<\/sup><\/sup><\/a> geschrieben hat, spricht in diesem Zusammenhang von einem \u201eheimatlosen Antikapitalismus\u201c. Dahinter steht die diffuse Erfahrung, dass die sogenannten M\u00e4rkte nicht nur den Wettbewerb um Produkte, Dienstleistungen, Arbeitspl\u00e4tze antreiben, sondern inzwischen auch auf Lebensbereiche \u00fcbergreifen, die bislang \u00f6ffentlich und solidarisch organisiert waren. Von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern wird erwartet, dass sie ihre Arbeitskraft mobiler und flexibler auf den Markt bringen, w\u00e4hrend zugleich unterst\u00fctzende Systeme wie Bildung und Gesundheit, Wohnungswirtschaft und Energie, Bahn und Post privatisiert werden &#8211; was zum Teil zu Mehrkosten und damit zu Zugangsbeschr\u00e4nkungen f\u00fcr ohnehin benachteiligte Gruppen f\u00fchrt. Gleichzeitig w\u00e4chst die Konkurrenz zwischen den Standorten \u2013 um Produkte, aber auch um Dienstleistungen. Konkurrenz belebt das Gesch\u00e4ft, hei\u00dft es \u2013 aber sie schw\u00e4cht auch die Solidarit\u00e4t, und es nimmt nicht Wunder, wenn zuletzt auch schutzbed\u00fcrftige Fl\u00fcchtlinge als Konkurrenten um Sozialleistungen wahrgenommen werden. Es k\u00e4me darauf an, zu einer gemeinsamen Deutung der Lage zu kommen, meint Bude \u2013 und gemeinsam dar\u00fcber nachzudenken, wie sich soziale Gerechtigkeit in einer pluralen und offenen Gesellschaft entwickeln kann.<\/p>\n<p>Denn auch die soziale und die demographische Struktur unserer Gesellschaft sind im Umbruch. Die Ver\u00e4nderung von Familien und Geschlechterrollen, vor allem aber der demographische Wandel und die Migration werden unsere Gesellschaft neu formatieren. Ein paar n\u00fcchterne Zahlen machen das klar. Ohne Zuwanderung w\u00e4re die Bev\u00f6lkerungszahl Deutschlands bis 2050 auf 50,7 Millionen zur\u00fcckgegangen und die Unterj\u00fcngung h\u00e4tte weiter zugenommen. Denn der medizinische Fortschritt schenkt uns allen ein l\u00e4ngeres, ges\u00fcnderes Leben &#8211; im Schnitt zehn gesunde Jahre mehr. In der Folge nimmt die Zahl der Hochbetagten (\u00fcber 80-j\u00e4hrigen) exponentiell zu. Waren es 1998 noch 3,0 Millionen &#8211; so werden es 2050 mindestens zehn Millionen sein. Zugleich aber sinkt der Anteil der unter 20-j\u00e4hrigen. Er betrug 1998 noch 21,6% und w\u00fcrde \u2013 ohne die Kinder und Jugendlichen mit Migrationshintergrund &#8211; bis 2050 auf Werte zwischen 15 und 18 Prozent zur\u00fcckgehen. Denn die Geburtenrate liegt in Deutschland am unteren Rand der OECD\u2013Statistik, bei 1,4 Kindern pro Frau. Manche sprechen in diesem Zusammenhang von einer Bev\u00f6lkerungsimplosion, andere von einer Reproduktionskrise.<\/p>\n<p>Das westdeutsche Sozialmodell hat \u00fcber lange Zeit davon gelebt, dass Frauen auf berufliche Entfaltung verzichteten, und einen gro\u00dfen Teil der Sorgeaufgaben unentgeltlich \u00fcbernahmen. Heute aber wollen und m\u00fcssen M\u00fctter wie V\u00e4ter in ganz Deutschland erwerbst\u00e4tig sein &#8211; und wenn die Vereinbarkeit von Beruf und Familie nicht gegeben ist, wird h\u00e4ufig auf ein zweites Kind verzichtet. Wenn es also m\u00f6glich sein soll, dass beide Eltern oder eben auch Alleinerziehende erwerbst\u00e4tig sind &#8211; und angesichts des Schwindens der Erwerbsbev\u00f6lkerung ist das wirtschaftlich notwendig &#8211; dann brauchen wir eine andere Infrastruktur in Bildung und Erziehung. Und Fachkr\u00e4fte, die f\u00fcr diese Aufgabe gut bezahlt werden. Das ist leider bei weitem nicht der Fall \u2013 Heinz\u00a0 Bude spricht sogar von einem neuen \u201eDienstleistungsproletariat\u201c, zu dem er eben nicht nur Caterer und Servicekr\u00e4fte im Hotel, sondern auch die Pflegenden und Erzieherinnen rechnet. Dabei brauchen wir sie dringender denn je- wenn sich Beruf und Familie vereinbaren lassen sollen, wenn Kinder aus Migrationsfamilien in unserer Kultur heimisch werden sollen. Tageseinrichtungen und Familienzentren, Schulen und Familienbildungsst\u00e4tten sind ein wichtiger Impulsgeber f\u00fcr eine neue, familienfreundliche und integrative Gesellschaft. Hier liegt auch eine Aufgabe der Kirche.<\/p>\n<p>\u00c4hnliches gilt f\u00fcr die Pflege. Die Zahl der pflegebed\u00fcrftigen Menschen in Deutschland wird mit der Zahl der Hochaltrigen weiter wachsen. Man kann davon ausgehen, dass die Zahl der Leistungsempf\u00e4nger in der Sozialen Pflegeversicherung bis 2040 mindestens von 1,8 Mio. (2000) auf knapp 3 Mio. steigen wird &#8211; also um 61%. Meinhard Miegel hat vor einigen Jahren vorgerechnet, dass sich der Anteil der Menschen, die in Gesundheits- und Pflegeberufen arbeiten, in den kommenden drei\u00dfig Jahren verdoppeln m\u00fcsste. Auch das wird durch einheimische Kr\u00e4fte allein nicht zu gew\u00e4hrleisten sein; und schon heute arbeiten wir ja in Krankenh\u00e4usern, Alten- und Pflegeeinrichtungen mit einer wachsenden Zahl von Menschen aus anderen L\u00e4ndern und Kulturen. Aber nicht nur die quantitativen Anforderungen wachsen, auch die Beziehungsbed\u00fcrftigkeit alter Menschen w\u00e4chst. Schon heute leben mehr als 40% der 70 bis 85 Jahre alten Menschen in Einpersonenhaushalten.<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> Die meisten w\u00fcnschen sich, in ihrer Wohnung zu bleiben und gehen am Ende nur deshalb in eine station\u00e4re Einrichtung, weil hauswirtschaftliche Dienstleistungen und eine tragf\u00e4hige Nachbarschaft fehlen. Auch deshalb gilt: das Pflegesetting der Zukunft kann nicht nur professionell und institutionell gedacht werden &#8211; aus finanziellen Gr\u00fcnden nicht, nicht wegen des anstehenden Fachkr\u00e4ftemangels und weil es dem Wunsch nach Selbstbestimmung nicht entspricht. Wir brauchen neue Modelle wohnortnaher, integrierter Versorgung pflegebed\u00fcrftiger Menschen, eine neue Kooperation zwischen Pflegefachkr\u00e4ften, Angeh\u00f6rigen und Freiwilligen<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a>, eine alten- und behindertengerechte Wohninfrastruktur und gute haushaltsnahe Dienstleistungen. Auch hier ist die Kirche gefragt \u2013 mit ihren Diakoniestationen und Altenhilfeeinrichtungen, aber auch mit ehrenamtlichen Besuchsdiensten. \u201eIt takes a village to raise a child\u201c: der Slogan von Hillary Clinton hat viel bewegt \u2013 auch in unserem Land. In den Tageseinrichtungen f\u00fcr Kinder, in der Kinder- und Jugendhilfe, in der Familienarbeit nahm man ihn auf: Es braucht ein Dorf, um ein Kind zu erziehen. M\u00fctter und V\u00e4ter, Lehrerinnen, Erzieher, Sporttrainer und Einzelh\u00e4ndler sind n\u00f6tig, \u00c4rztinnen, Paten und die alte Frau am Kiosk \u2013 das ganze Quartier eben. Keiner kann ein Kind allein erziehen; ein Netzwerk von Verb\u00fcndeten muss heute an die Stelle der Gro\u00dffamilien treten. Dass das auch f\u00fcr die Pflege gilt, dass auch Pflege ein Netzwerk von Menschen in der Nachbarschaft braucht, das begreifen wir gerade erst neu. Aber nach den B\u00fcndnissen f\u00fcr Familien entstehen nun in den B\u00fcrgerkommunen auch die B\u00fcndnisse f\u00fcr eine alternsgerechte Stadt. Letztlich geht es aber um gemischte, inklusive Quartiere \u2013 wo Kinder wie \u00c4ltere, Hilfebed\u00fcrftige wie Erwerbst\u00e4tige, Einheimische und Neuank\u00f6mmlinge ihren Platz finden und sich beheimaten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Denn wer h\u00e4ufig umzieht oder auch pendelt, verliert leicht die allt\u00e4gliche soziale Einbettung in Familie und Nachbarschaft. Das Alleinsein und das Zerbrechen der hergebrachten sozialen Bez\u00fcge sind dabei nicht nur eine emotionale Herausforderung. Alleinerziehende mit kleinen Kindern, auch alte oder kranke Menschen, geraten bei der Bew\u00e4ltigung des Alltags oft enorm unter Druck, wenn sie nicht auf die selbstverst\u00e4ndliche Hilfe von Angeh\u00f6rigen, Nachbarn und Freunden zur\u00fcckgreifen k\u00f6nnen. Denn auch die Nachbarschaften ver\u00e4ndern sich, weil Menschen von anderswoher zuziehen, als Arbeitssuchende, Migranten oder Fl\u00fcchtlinge. Manche, wie die Einwanderer der 60er Jahre aus S\u00fcdeuropa oder aus der T\u00fcrkei, geh\u00f6ren mit ihren Familien seit Generationen dazu; und dennoch hat sich noch nicht \u00fcberall ein echtes Miteinander entwickelt. Ich erinnere mich an die w\u00fctenden Briefe, die ich im rheinischen Landeskirchenamt erhielt, als es um den lautsprecherverst\u00e4rkten Muezzinruf in Duisburg ging.<\/p>\n<p>Wo die Arbeitslosigkeit hoch ist \u2013 zum Beispiel weil ein gro\u00dfes Werk geschlossen wurde, wie das im Ruhrgebiet in den letzten Jahren und Jahrzehnten immer wieder geschieht \u2013 wo viele leben, die von Transfereinkommen abh\u00e4ngen, w\u00e4chst die Angst vor dem Verlust des \u201eEigenen\u201c; des Verlustes des eigenen Arbeitsplatzes, der eigenen Kultur, der gewohnten Nachbarschaft, ja auch der eigenen Kirche. Da wird sp\u00fcrbar, was alles Heimat ausmacht: sich auskennen, gebraucht werden, dazugeh\u00f6ren. Im Duisburger oder Essener Norden leben Menschen zusammen, die sich jeder auf seine Weise ausgeschlossen f\u00fchlen: als Hartz-IV-Empf\u00e4nger, Pflegebed\u00fcrftige, Migranten, oder kinderreiche Familien. \u201eGemeinsam ist ihnen, dass sie die \u00dcberzeugung gewonnen haben, dass es auf sie nicht mehr ankommt\u201c, schreibt Heinz Bude.<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\"><sup><sup>[6]<\/sup><\/sup><\/a> Und der Theologe Ernst Lange, der Gr\u00fcnder der ersten \u201eLadenkirche\u201c in Berlin, sprach schon in den 60er Jahren vom Ensemble der Opfer, das sich in manchen Stadtteilen sammle.<\/p>\n<p>Die Bewohner problematischer Viertel erlebten nicht nur gesellschaftlichen Abstieg, sondern Entwurzelung, hei\u00dft es in der neuen Enzyklika \u201eLaudato si\u201c. Deshalb sei es n\u00f6tig, die urbanen Bezugspunkte zu pflegen, damit die Bewohner ein Gesamtbild behielten, statt sich in Wohnquartieren abzukapseln, schreibt Papst Franziskus. Wer das gemeinsame \u201eWir\u201c nicht mehr erlebe, werde zum Fremden in der eigenen Stadt. <em>Laudato si<\/em> macht deutlich, dass dies auch mit dem Umgang mit den \u00f6ffentlichen G\u00fctern zu tun hat \u2013 mit dem Zugang zu Parks und Flussufern oder zu \u00f6ffentlichen Pl\u00e4tzen und eben auch zu Kirchen. Denn noch immer bestimmen die Kirchen das Profil vieler St\u00e4dte vom K\u00f6lner Dom bis zur Dresdner Frauenkirche. Selbst Dorfkirchen sind Erinnerungsorte an Augenblicke, die eng mit unserer Lebensgeschichte und der unserer Familien verbunden sind \u2013 Hochzeiten, Taufen, Beerdigungen. Sie sind Heimat und Knotenpunkte im Netzwerk unseres Lebens \u2013 ihr blo\u00dfes Dasein gibt ein Gef\u00fchl von Kontinuit\u00e4t und Sicherheit \u2013 und auch B\u00fcrger, die sie selbst nicht besuchen, wollen die Kirche im Dorf lassen und engagieren sich daf\u00fcr.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich haben aber viele eher den Eindruck, dass die Kirchen sich eher zur\u00fcckziehen. Kirchenkreise fusionieren, Tageseinrichtungen und Diakoniestationen werden an andere Tr\u00e4ger abgegeben, Kirchengeb\u00e4ude werden verkauft oder umgewidmet, Kinderg\u00e4rten und Sozialstationen abgegeben. Die Kirche selbst steckt in den Transformationsprozessen, von denen hier die Rede ist. Die Trends, die ich eben f\u00fcr die Gesamtgesellschaft beschrieben habe, gelten nat\u00fcrlich auch f\u00fcr die Kirche: Die Zahl der \u00c4lteren steigt \u00fcberproportional \u2013 das ist ein Problem f\u00fcr die Kirchensteuer, aber eine Chance f\u00fcr das b\u00fcrgerschaftliche Engagement. Denn das auch das Ehrenamt ver\u00e4ndert sich angesichts der beruflichen Anforderungen an Frauen wie M\u00e4nner und des Erfolgsdrucks im Bildungssystem. Und als Tr\u00e4gerin von Tageseinrichtungen, Altenzentren, Schulen, Diakoniestationen haben Kirche und Diakonie es genauso wie alle anderen mit Fachkr\u00e4ftemangel, Zeit- und Gelddruck und interkulturellen Herausforderungen zu tun. Aber anders als andere Organisationen im Wandel haben wir eine Orientierung, die in den Zerrei\u00dfproben helfen kann, wir haben Geschichten, die uns ermutigen, uns den Herausforderungen zu stellen und neue Anf\u00e4nge zu wagen.<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>3. Alles auf Anfang<\/strong>: <strong>Kirche als Plattform f\u00fcr Engagement, Player im Stadtteil und Sinnquelle f\u00fcr Arbeit und Beruf<\/strong><\/p>\n<p>Migration und Armut, prek\u00e4re Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnisse und bildungsferne Familien, arbeitslose Jugendliche und unversorgte Kranke waren auch in der Zeit der Industrialisierung ein gro\u00dfes Problem. Auch dieser ersten Phase der Globalisierung f\u00fchlten sich Familien \u00fcberfordert, weil auch damals f\u00fcr M\u00e4nner wie f\u00fcr Frauen die Notwendigkeit, der Erwerbsarbeit nachzuziehen, wuchs und weil die soziale Versorgung nicht mitging. In einer solchen Situation k\u00f6nne man das Wort Gottes nicht nur predigen, sagten damals die Gr\u00fcnderv\u00e4ter und \u2013m\u00fctter der neuzeitlichen Diakonie. Es gehe vielmehr darum, den \u201eSchl\u00fcssel zu den Herzen wieder zu entdecken\u201c<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\"><sup><sup>[7]<\/sup><\/sup><\/a>, betonte Wichern &#8211; und das k\u00f6nne eben nicht gelingen, ohne ihnen auch ganz praktisch Hoffnung zu geben: mit Bildung und Gesundheitsversorgung, mit Arbeit und besseren Wohnungen. So entstanden damals Sonntagsschulen und Gefangenenf\u00fcrsorgevereine, Kleinkinderschulen, Pflegeeinrichtungen und auch neue Angebote beruflicher Bildung: in der Gehilfenausbildung bei Wichern, in der Ausbildung von Krankenschwestern und Kinderg\u00e4rtnerinnen bei Fliedner. Es ging nicht nur darum, den Benachteiligten zu helfen \u2013 wie manche noch immer Diakonie verstehen \u2013 es ging darum, Menschen einen Platz in der Gesellschaft und eine Perspektive f\u00fcr die Zukunft zu geben. Die Gemeinschaften der Mutter- und Br\u00fcderh\u00e4user, in denen damals neue Arbeits- und Ausbildungspl\u00e4tze f\u00fcr die wachsenden sozialen Bedarfe geschaffen wurden, waren, um es in heutiger Sprache zu sagen, Orte der Solidarit\u00e4t und des Empowerments.<\/p>\n<p>Solche R\u00e4ume und solche Netzwerke sind heute wieder gefragt: Hartz-IV-Empf\u00e4nger, Fr\u00fchrentner, Jugendliche ohne Schulabschluss und die vielen, die nicht mithalten k\u00f6nnen in der beschleunigten Arbeitswelt, M\u00fctter kleiner Kinder, Menschen mit Behinderung und psychisch Kranke. All die Abgeh\u00e4ngten, die das Gef\u00fchl haben, auf sie k\u00e4me es nicht mehr an. Die Fl\u00fcchtlinge und Migranten, die auf der Suche nach Frieden, Arbeit und Wohlstand in unsere St\u00e4dte str\u00f6men. Sie alle suchen einen Platz, wo man sie respektiert. Sie wollen dazu geh\u00f6ren und sich einbringen. Und noch immer sind die Quartiere die Orte, die \u00fcber Teilhabe entscheiden. Lange haben diakonische Einrichtungen versucht, Alternativen dazu zu bieten &#8211; mit gesch\u00fctzten R\u00e4umen und Arbeitspl\u00e4tzen, mit Wohngruppen und exklusiven Bildungsangeboten. Aber die Zeit der Nischen scheint vorbei &#8211; vor allem wohl deshalb, weil es heute eben nicht mehr normal ist, alles unter einem Dach zu haben. Handwerker oder \u00c4rzte, die am gleichen Ort, im gleichen Haus, arbeiten und leben, sind inzwischen die Ausnahme. Menschen, auch Menschen mit Behinderung oder Pflegebed\u00fcrftigkeit, wollen Wahlfreiheit.<\/p>\n<p>In den Jahren 2011 und 2012 f\u00f6rderte das Bundeministerium f\u00fcr Stadtentwicklung, Bauen und Verkehr aus den Mitteln des F\u00f6rdertitels \u201eSoziale Stadt\u201c das \u00f6kumenische Projekt \u201eKirche findet Stadt\u201c, das entscheidend von Diakonie und Caritas entwickelt worden war und nun Gott sei Dank eine kleinere Fortsetzung gefunden hat. Es ging und geht dabei um die Kooperation von Kirchen und ihren Wohlfahrtsverb\u00e4nden mit anderen Partnern im Stadtteil: mit Schulen und Wirtschaft, mit Sportverb\u00e4nden und Initiativen des b\u00fcrgerschaftlichen Engagements. Ziel war, die Kirche wieder als zivilgesellschaftlichen Akteur in den Netzwerken der Stadtentwicklung zu verankern. In der Evangelischen Kirche sprechen wir in diesem Zusammenhang von Gemeinwesendiakonie. Der Begriff steht f\u00fcr die Bewegung \u201evom Fall zum Feld\u201c, wie Wolfgang Hinte das nennt:<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\"><sup><sup>[8]<\/sup><\/sup><\/a> F\u00fcr eine st\u00e4rkere Orientierung diakonischer Angebote an sozialr\u00e4umlichen Gegebenheiten, wie wir sie aus der Gemeinwesenarbeit kennen, aber auch f\u00fcr eine bewusste Wahrnehmung der parochialen Verantwortung in der Kirche und f\u00fcr eine vertiefte Zusammenarbeit von diakonischen Einrichtungen und Kirchengemeinden und schlie\u00dflich f\u00fcr eine \u00d6ffnung kirchengemeindlicher und diakonischer R\u00e4ume f\u00fcr andere zivilgesellschaftlich relevante Gruppen. Dieses Programm entspricht auch den Forderungen der Diakoniedenkschrift der EKD von 1998, die damals unter dem Titel <em>Herz und Mund und Tat und Leben <\/em>herauskam. Gemeinwesendiakonie begreift die Kirchen als zivilgesellschaftliche und sozialpolitische Akteure, die zusammen mit Wirtschaft, Kommunen und Zivilgesellschaft Mitverantwortung f\u00fcr die Entwicklung des Gemeinwesens \u00fcbernehmen und so eine neue Subsidiarit\u00e4t gestalten. Im Dreieck von Staat\/Kommunen, Markt\/Unternehmen und Zivilgesellschaft ist Kirche Akteurin in allen Feldern \u2013 als kommunaler oder Landes-Spitzenverband, als diakonisches Unternehmen, mit ihrem gemeindlichen Ehrenamt. Sie ist aktiver und etablierter Partner im Dritten Sektor und hat deswegen die M\u00f6glichkeiten, vielf\u00e4ltig Br\u00fccken zu schlagen, ja selbst Verbindungsglied zu sein. So sind die Diakonischen Werke hybride Organisationen zwischen Staat und Unternehmen der Wohlfahrtspflege, zwischen Wohlfahrtsunternehmen und zivilgesellschaftlicher Quartiersarbeit, zwischen Kirchengemeinden mit ihren Amtstr\u00e4gern und Geb\u00e4uden und den Initiativen und Engagierten in der Zivilgesellschaft.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>4. Gemeinsam mit Vielfalt leben: Gemeinde als Herberge<\/strong><\/p>\n<p>Was ist das Geheimnis der Stadtteill\u00e4den und Diakonie-Caf\u00e9s, der Mehrgenerationenh\u00e4user und Familienzentren, der Vesperkirchen und all der anderen offenen Treffpunkte im Quartier? Als wir damals in Wickrath zur Er\u00f6ffnung des Gemeindeladens einluden, stand auf dem Flyer eine kleine Geschichte mit dem Titel: \u201eIch traf nur Martin\u201c. F\u00fcr Menschen mit einem gro\u00dfen pers\u00f6nlichen Netz das Selbstverst\u00e4ndlichste der Welt: Du setzt dich in deiner Stadt an einen Caf\u00e9tisch und jemand setzt Dich zu Dir. Ihr kommt ins Gespr\u00e4ch, Du erz\u00e4hlst, wie es Dir geht, und Du merkst: Du bist nicht allein mit Deiner Geschichte, Deiner Frage, Deinem Problem. Was Dir passiert ist, passiert vielen. Vielleicht entsteht aus dieser Erfahrung etwas Neues: ein weiteres Treffen, eine Gespr\u00e4chsgruppe, eine Initiative im Quartier. Damit auch Menschen, die sich allein f\u00fchlen, entwurzelt sind oder zuziehen, solche Erfahrungen machen k\u00f6nnen, braucht es Treffpunkte, engagierte B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger, aber zumeist auch professionelle Unterst\u00fctzung. Menschen, die zwischen Problemanzeigen und Hilfsangeboten zu vermitteln wissen, so wie es noch bis in die 1950er Jahre die Gemeindeschwester tat.<\/p>\n<p>Quartiersmanager, die Betroffenen und Engagierten Raum zur Selbstorganisation geben &#8211; tats\u00e4chlichen und ideellen Raum. Sozialp\u00e4dagogen, Sozialarbeiter, Diakoninnen und Diakone. Hauptamtliche eben, die Kontinuit\u00e4t geben und das Engagement organisieren. Eines der gr\u00f6\u00dften Probleme der Quartiersbewegung ist, dass sie aus Projektmitteln finanziert ist, die h\u00e4ufig nur sehr begrenzte Zeit flie\u00dfen.<\/p>\n<p>Vielleicht kennen Sie die Augenblicke, in denen man mit dem Blick eines Fremden auf das eigene Land, die eigene Stadt, die eigene Kirche sieht, und erschreckt. Es ging mir so, als ich vor einigen Jahren im \u201eGuardian\u201c las, Christen und Kirchen w\u00e4ren besonders stark darin, kleine Netze im Stadtteil zu kn\u00fcpfen, Heimat zu schaffen und Benachteiligte einzubinden. Der Redakteur hatte das Sozialkapital, das die Kirchen in Gro\u00dfbritannien f\u00fcr die Gesellschaft bereitstellen, sogar umgerechnet in Pfund. Und kam zu dem Schluss, dass diese Leistung in Deutschland anerkannt w\u00fcrde \u2013 mit der Kirchensteuer n\u00e4mlich. Ich habe mich einen Augenblick gesch\u00e4mt. Denn so ist es; aber hier in Deutschland ist zurzeit von Caring-Communities die Rede, von sorgenden Gemeinschaften. Die Alterskommission wie Engagementkommission der Bundesregierung befassen sich damit und werden im Fr\u00fchjahr ihre Berichte vorlegen. Es geht um die Entwicklung von lebendigen und starken Nachbarschaften, um Budgets f\u00fcr Quartierspflege und B\u00fcndnisse f\u00fcr Familien. Dass die Kirche in keiner der beiden Kommissionen vertreten ist, muss uns zu denken geben.<\/p>\n<p>Wohin die Kirche unterwegs ist, wie die Kirche von morgen aussehen wird, das l\u00e4sst sich nicht einfach aus den gesellschaftlichen und finanziellen Trends und Bedarfen ablesen, es l\u00e4sst sich nicht einmal aus der Geschichte entwickeln. Es ist entscheidend abh\u00e4ngig von unserem Kirchenbild. Mein Bild ist das einer diakonischen Kirche, der Kirche als Herberge, wie es Ernst Lange oder Jan Hendricks entwickelt haben; der Gemeinwesen- und Gesellschaftsbezug der Kirche ist f\u00fcr mich entscheidend. Ich folge damit dem konstitutiven Dreieck der Gemeinschaften: in der Begegnung mit dem Notleidenden begegnet mir Christus selbst. So entsteht eine neue diakonische Gemeinschaft von Schwestern und Br\u00fcdern, in der Christus pr\u00e4sent ist. Eine solidarische Gemeinschaft, die sich immer neu f\u00fcr die N\u00f6te der Zeit \u00f6ffnen kann und dabei lernt und sich ver\u00e4ndert. Genossenschaftlich, gastfreundlich, pr\u00e4sent und elementar.<\/p>\n<p>Ich tr\u00e4ume von einer diakonischen Kirche als offener Gemeinschaft, die \u00fcber die Grenzen von Geschlechtern und Altersgruppen, von Herkunft und Milieus hinaus geht und gerade auch die Leidenden und Benachteiligen einschlie\u00dft. Eine Kirche, in der nicht zuerst gilt, wo man herkommt oder was einen \u00e4u\u00dferlich und kulturell definiert: in der, wie Paulus schreibt, nicht Jude oder Grieche, Mann oder Frau, nicht Sklave oder Freier ist<a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\">[9]<\/a> &#8211; sondern alle in Christus eins sind, mit der gleichen W\u00fcrde ausgestattet, Teil einer neuen Gemeinschaft. Die gesellschaftlichen Prozesse, die wir zur Zeit erleben &#8211; die Ambulantisierung diakonischer Aufgaben, die R\u00fcckkehr von Menschen mit Behinderung, von chronisch Kranken und Sterbenden ins Quartier, die Integration der Fl\u00fcchtlinge und Migranten sind eine Herausforderung, diesen Glauben als Gemeinden zu leben. Der \u00f6kumenische Rat hat das vor einigen Jahren am Beispiel der Inklusion von Menschen mit Behinderung durchbuchstabiert und klar gestellt: ohne die Verletzten und Leidenden w\u00e4re die Kirche nicht ganz und nicht glaubw\u00fcrdig. Es sind gerade deren Erfahrungen, die den Christus unter uns pr\u00e4sent machen. \u201eKirche aller\u201c hei\u00dft das Papier, und es h\u00e4lt fest, dass jeder und jede das Recht hat auf Zugang zum Glauben, das Recht auf Teilhabe und Zugeh\u00f6rigkeit.<\/p>\n<p>Leider hat die Entwicklung diakonischer Arbeit in Deutschland \u2013 bei aller Wertsch\u00e4tzung der immer neuen mutigen Initiativen und der wachsenden Fachlichkeit &#8211; dazu gef\u00fchrt, dass wir in der verfassten Kirche ganze Gruppen als Hilfebed\u00fcrftige an die Diakonie delegiert und aus dem Blick verloren haben. Das betrifft nicht nur Menschen mit Behinderung und psychisch Kranke, sondern auch Familien mit Armutserfahrung oder Alleinerziehende. Deren Perspektiven fehlen h\u00e4ufig in der so genannten Kerngemeinde \u2013 und sie selbst scheuen sich, die Schwelle zu \u00fcbertreten, wie z.B. die niedrige \u201eTaufquote\u201c Alleinerziehender zeigt.<\/p>\n<p>Die wachsende Zahl von Gemeinwesendiakonieprojekten in der EKD zeigt aber auch, wie attraktiv es ist, wenn Kirche und Diakonie sich neu vernetzen &#8211; f\u00fcr Familien, \u00e4ltere Menschen oder auch f\u00fcr sozial und \u00f6konomisch Benachteiligte. Denn die Kirche hat Ressourcen, die in der diakonischen Arbeit oft aus dem Blick geraten waren: sie ist auf den \u00f6ffentlichen Raum und das Gemeinwesen bezogen. Gemeinden bringen ein hohes Sozialkapital mit &#8211; an Kontakten, Netzwerken und Beziehungen. Fast an jedem Ort verf\u00fcgen sie \u00fcber Kirchen und Gemeindeh\u00e4user mit gro\u00dfen M\u00f6glichkeiten &#8211; auch f\u00fcr Vermietung und Kooperation mit Partnern im Gemeinwesen. Gemeinden geh\u00f6ren zu den wenigen Organisationen, die noch \u00f6ffentliche Orte zur Verf\u00fcgung stellen k\u00f6nnen \u2013 offener noch als Schulen, intergenerationell, ohne Konsumerwartungen. Kirchen bilden symbolische Orte in der Stadt, sie haben die gemeinsame Geschichte mit gepr\u00e4gt oder sie haben Anteil daran. Und sie haben in der Regel einen gro\u00dfen Vertrauensvorschuss.<\/p>\n<p>Von diesen Lebensr\u00e4umen hat sich Diakonie weitgehend entkoppelt \u2013 zun\u00e4chst durch die Professionalisierung, zuletzt durch die Vermarktlichung der letzten Jahrzehnte. Daf\u00fcr bringt sie aber gr\u00f6\u00dfere Freiheitsspielr\u00e4ume, professionelle Dienstleistungen und oft mehr Unternehmensgeist ins Spiel \u2013 und manchmal eben auch die heilsame Distanz der n\u00e4chsten Ebene und einen klaren Bezug zu sozialen und politischen Entwicklungen. Wenn es gelingt, beides zusammen zu bringen &#8211; Lebensweltorientierung und Professionalit\u00e4t, Dienstleistung und Sozialraum, kann Neues entstehen.<\/p>\n<p>Damit das gelingt, braucht es Br\u00fcckenbauer, die beide Lebenswelten kennen und beide Sprachen sprechen. Menschen, die runde Tische moderieren und auch strategisch planen k\u00f6nnen, um Beratungsstellen, Tageseinrichtungen, Familienbildungsst\u00e4tten zu Familienzentren zu verschr\u00e4nken, oder ambulante Pflegedienste, Besuchsdienste, Arztpraxen zu Gesundheitsnetzen oder auch mit Pfarrern und Kirchenvorst\u00e4nden und den Wohngruppen behinderter Menschen an einer inklusiven Gemeinde zu arbeiten. Diakoninnen und Diakone bringen alle Qualifikationen mit, die f\u00fcr solche Prozesse n\u00f6tig sind.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>5. Diakonische Professionalit\u00e4t \u2013\u00a0ohne Hauptamt geht es nicht<\/strong><\/p>\n<p>Die Frage nach Profil und Relevanz der Kirche entscheidet sich zum einen an ihrer Auftragsgewissheit und ihrer religi\u00f6sen Sprach- und Reflexionsf\u00e4higkeit, zum anderen aber an der Differenziertheit, mit der sie gesellschaftliche Ver\u00e4nderungsprozesse wahrnimmt und angemessene Antworten entwickelt. Ohne sozialwissenschaftliche, p\u00e4dagogische und theologische Professionalit\u00e4t lassen sich keine Antworten auf den demographischen Wandel, die wachsende soziale und kulturelle Pluralit\u00e4t, Migration oder Religionswandel und andere Transformationsprozesse finden. Ohne Felderfahrungen in sozialer Arbeit und Zivilgesellschaft fehlt es an Methoden, mit den Herausforderungen umzugehen. Ohne Managementkenntnisse wird es nicht gelingen, die Kirche so zu transformieren, dass sie ihre Gestalt mit den Herausforderungen wandelt. Dazu braucht es hauptamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit anderen als theologischen Professionen. Es ist deshalb problematisch, wenn die notwendigen Einsparprozesse wesentlich auf Kosten hauptberuflicher Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gehen.<\/p>\n<p>Aber nicht nur Finanzprobleme und Stellenstreichungen schw\u00e4chen die Hauptamtlichen in den Kirchen; es ist auch die Un\u00fcberschaubarkeit von Berufsprofilen und Ausbildungsg\u00e4ngen sowie kirchlichen Anerkennungsverfahren und Anstellungsgesetzen. Nach der Studienreform von Bologna ist das Ma\u00df an Vielfalt und der Mangel an Transparenz und Durchl\u00e4ssigkeit der Berufswege in Diakonie, Gemeindep\u00e4dagogik und Pflege noch gestiegen. Dabei fehlt die vertikale wie die horizontale Durchl\u00e4ssigkeit; innerhalb der Berufsgruppen, wie z.B. in der P\u00e4dagogik bei der Entwicklung der Qualifikation von Erzieherinnen, Sozialp\u00e4dagogen und Diplomp\u00e4dagogen in aufeinander aufbauenden Stufen von der Ausbildung bis zum Studienabschluss, aber auch zwischen den Berufsgruppen. So reagieren bereits einige Kirchen auf die Entwicklung von Tageseinrichtungen f\u00fcr Kinder zu Familienzentren, indem sie ehemalige Jugendmitarbeiter und Jugendmitarbeiterinnen f\u00fcr die Arbeit mit Familien weiterqualifizieren. \u00c4hnlich wie in die Pflegeausbildung zwischen Alten- und Krankenpflege k\u00f6nnte auch im Bereich P\u00e4dagogik einer gemeinsamen (sozial)p\u00e4dagogischen Grundqualifikation mit unterschiedlichen Aufbaustudieng\u00e4ngen f\u00fcr die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, Familien oder \u00c4lteren die Zukunft geh\u00f6ren.<\/p>\n<p>Angesichts der starken gesellschaftlichen wie kirchlichen Ver\u00e4nderungsdynamik, aber auch auf dem Hintergrund der Umbr\u00fcche in der Bildungslandschaft entstehen zudem neue Hochschulen und neue Studieng\u00e4nge \u2013 zum Beispiel in Handlungsfeldern wie Quartiersarbeit und Gemeinwesendiakonie. Zugleich allerdings ist zu erkennen, dass trotz aller Unterschiede in den verschiedenen Handlungsfeldern \u00fcberall \u00e4hnliche Kompetenzen gefordert sind: Projekt- und Qualit\u00e4tsmanagement, strategisches Denken und zielorientierte Budgetplanung, aber auch die Zusammenarbeit mit Angeh\u00f6rigen oder Freiwilligen und grundlegende Beratungskompetenzen sind in allen sozialen Berufen gefragt. Auf diesem Hintergrund hat die Evangelische Kirche in Deutschland im Sommer 2010 ad-hoc-Kommission zu Berufsprofilen und Abschlusszertifikaten in Diakonie und Gemeindep\u00e4dagogik einberufen, um \u00fcber die notwendige Qualifizierung von Mitarbeitern wie \u00fcber die kirchliche Anerkennung von Kompetenzen und Abschl\u00fcssen zu beraten.<\/p>\n<p>Die Kommission, die nach einem Hearing in Kassel im M\u00e4rz 2010 gebildet wurde, ist zun\u00e4chst davon ausgegangen, dass wir es im Feld gemeindep\u00e4dagogischer und diakonischer Dienste mit drei grundlegenden Fachlichkeiten in P\u00e4dagogik, Pflege und sozialer Arbeit zu tun haben, f\u00fcr die wiederum auf mindestens drei Levels ausgebildet wird \u2013 von der Helferausbildung, \u00fcber die Fachoberschulausbildung bis zum Hochschulabschluss. Die professionellen Kompetenzen k\u00f6nnen in lebensweltlich- informellen Kontexten genauso gefragt sein wie in Einrichtungen und Institutionen: P\u00e4dagogik in Gemeinde und Schule, Pflege ambulant wie station\u00e4r usw., Sozial- und Heilp\u00e4dagogik in Jugend- und Behindertenhilfe wie in der Quartiersarbeit. Dabei \u00fcberschneiden sich die unterschiedlichen Berufsbilder im Feld von Diakonie und Gemeindep\u00e4dagogik mehr und mehr. Die Entwicklung diakonischer Arbeit vom Fall zum Feld, die Wiederentdeckung des Quartiers als Handlungsebene und die Ambulantisierung der unternehmerischen Diakonie bieten also nicht nur neue Chancen f\u00fcr das Zusammenwachsen von Kirche und Diakonie, sondern auch f\u00fcr kirchlich-soziale Berufe. Mit der Quartiersmanagerin in einer Pflegeberatung kehrt die alte Gemeindediakonisse in neuer Gestalt zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Im Blick auf den Diakonat in der Kirche ist entscheidend wichtig, dass er eine Art dritte Dimension \u00fcber die drei Felder und alle Ausbildungslevels legt. Es geht immer auch um ethische Urteilsbildung, theologische Begr\u00fcndung des eigenen Handelns, um die Entwicklung und Vertiefung von Spiritualit\u00e4t und das Verst\u00e4ndnis von Kirche und diakonischem Dienst, \u2013 kurz, um diejenigen Kompetenzen, die notwendig sind, um das spezifische Profil diakonischer Dienste zu erhalten und weiter zu entwickeln und zugleich die gesellschaftliche Wirkkraft der Kirche zu st\u00e4rken. Diakoninnen und Diakone sind notwendige Br\u00fcckenpfeiler f\u00fcr die Entwicklung einer diakonischen Kirche, die offen ist f\u00fcr gesellschaftliche Entwicklungen. Sie brauchen deshalb Qualifikationen und Rahmenbedingungen, die ihnen Mobilit\u00e4t und beruflichen Wechsel erm\u00f6glichen, sowie Berufswege, die offen sind f\u00fcr die notwendigen Weiterentwicklungen. Landeskirchliche Festlegungen in die eine oder andere Richtung, Sackgassen, die Mobilit\u00e4t einschr\u00e4nken und Anstellungsverh\u00e4ltnisse, die zu Verunsicherung und Dequalifizierung f\u00fchren, m\u00fcssen deshalb \u00fcberwunden werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>6. Relevanz und Identit\u00e4t kirchlicher Arbeit \u2013\u00a0das geteilte Amt<\/strong><\/p>\n<p>Im Jahr 1987 erschien im Handbuch der Praktischen Theologie ein Artikel \u00fcber die Katecheten- und Gemeindep\u00e4dagogen-Ausbildung in der damaligen DDR<a href=\"#_ftn10\" name=\"_ftnref10\">[10]<\/a>. Der Autor, Hans-Udo Vogler, stellt seine \u00dcberlegungen in den gesamtkirchlichen Kontext einer schrumpfenden Kirche in einem s\u00e4kularisierten gesellschaftlichen System. Die Frage nach Relevanz und Identit\u00e4t der Kirche, besonders bei jungen Menschen, m\u00fcsse immer neu praktisch und damit gesellschaftspolitisch durchgestanden werden, so der Autor. Gerade f\u00fcr die \u201ekatechetischen Mitarbeiter\u201c stelle sich die derzeitige Situation durchaus herausfordernd dar, ihr Selbstverst\u00e4ndnis sei angefragt. \u201eDa er im Gegensatz zum Pfarrer Angestellter auf Gemeinde- bzw. Kirchenkreisebene ist, die Geldnot der Kirche aber gerade hier immer wieder am ehesten zu Stellenstreichungen f\u00fchrt, wird seine soziale Stellung \u2013 im Vergleich zum gleichen Einsatz beim Pfarrer \u2013 als zu unterschiedlich, ungerecht und ungesichert empfunden.\u201c<a href=\"#_ftn11\" name=\"_ftnref11\">[11]<\/a> In Aufnahme und Abwandlung der bestehenden Berufszweige hat Vogeler damals eine umfassende Neuordnung vorgeschlagen. F\u00fcr die Zukunft des Kirchenbundes war an \u201evier Grundtypen kirchlicher Mitarbeiter\u201c gedacht: \u201eGemeindetheologen, Gemeindep\u00e4dagogen, Gemeindef\u00fcrsorger und Gemeindemusiker\u201c. Er hat die Vorstellung eines vierfachen, gegliederten kirchlichen Amtes &#8211; ganz \u00e4hnlich, wie sie in den reformierten Kirchen vorherrscht. Da allerdings mit Predigtamt, Leitungsamt, Diakonenamt und Lehramt. \u00c4hnliche Entwicklungen finden sich \u00fcbrigens auch in Brasilien, wo Predigtamt, Diakonen\/Diakonissenamt, Lehramt und Missionarsamt auf einer Ebene mit differenzierten Ausbildungen arbeiten &#8211; w\u00e4hrend die Rolle des Diakonen\/Diakoninnenamt in Skandinavien eher der Vorstellung eines gestuften Amtes entspricht. Aber auch hier geh\u00f6rt &#8211; wie in der katholischen oder anglikanischen Kirche &#8211; die Mitwirkung im Gottesdienst ganz selbstverst\u00e4ndlich dazu. Interessant ist vielleicht, dass die st\u00e4rker kirchliche Entwicklung des Diakonats sowohl in Brasilien als auch in Skandinavien dazu gef\u00fchrt hat, dass die Gemeinschaftsbindung nicht mehr verpflichtend ist.<\/p>\n<p>Alle vier Grundtypen sollten in der Vorstellung von Vogler sowohl eine pastorale Grundfunktion als auch ihre jeweilige Spezialfunktion vor Ort und in der Region wahrnehmen. So sollte sich ein Netz von Bezugspunkten kirchlich Mitarbeitender mit unterschiedlichen Professionen entwickeln, die die Kirche in der Diasporasituation als Ansprechpartner repr\u00e4sentieren, Ehrenamtliche unterst\u00fctzen und dar\u00fcber hinaus auf ihrem je eigenen Fachgebiet zu Bildung, Diakonie und Kirchenmusik beitragen. \u201eF\u00fcr die Ausbildung bedeutet dies, dass der neue Mitarbeiter in den vier Richtungen neben seiner Spezialausbildung eine pastorale Grundausbildung ben\u00f6tigt. Er muss zur Kommunikations-, H\u00f6r-, Gespr\u00e4chs- und Kooperationsf\u00e4higkeit ausgebildet werden.\u201c<a href=\"#_ftn12\" name=\"_ftnref12\">[12]<\/a><\/p>\n<p>\u00c4hnliche Modelle wurden in den Gliedkirchen der EKD in der Bundesrepublik unter dem Stichwort \u201eGeteiltes Amt\u201c diskutiert, sie haben sich aber abgesehen von einzelnen Landeskirchen wie der Rheinischen, die die Ordination von Gemeindep\u00e4dagogen wie Predigthelfern kennt und auch das Geteilte Amt in eine Ordnung gegossen hat, nicht durchsetzen k\u00f6nnen. Die Situation anderer, hauptamtlicher Berufsgruppen in der Kirche ist im Vergleich zum Pfarramt noch immer ungesichert \u2013 sieht man einmal von den Landeskirchen ab, die \u2013 wie die Bayerische \u2013 Diakoninnen und Diakonen verbeamten oder \u2013 wie W\u00fcrttemberg oder Hannover &#8211; entsprechende Stellenpl\u00e4ne haben. Der beamten\u00e4hnliche Status der Pfarrerschaft spielt nat\u00fcrlich auch eine Rolle, wenn es um Einsparm\u00f6glichkeiten geht. Diese Ausgangslage erschwert die M\u00f6glichkeit, eine produktive, interprofessionelle Zusammenarbeit und das daf\u00fcr notwendige Vertrauen aufzubauen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend allerdings die Zahl der Mitarbeiterstellen in der verfassten Kirche sinkt,<a href=\"#_ftn13\" name=\"_ftnref13\">[13]<\/a> steigt sie in der Diakonie. Diakoninnen und Diakone finden in der Kinder-, Jugend- und Familienhilfe der diakonischen Einrichtungen und Dienste nach wie vor attraktive Stellen. Hier k\u00f6nnen sie einbringen, was zunehmend gefragt ist: sie st\u00e4rken die innere Achse der Diakonie, f\u00f6rdern die Unternehmenskultur, arbeiten als Seelsorgerinnen und Seelsorger, entwickeln das Freiwilligenmanagement und schlagen Br\u00fccken zwischen Kirche und Diakonie. Eine Qualifikation, die Mitarbeitenden auf beiden M\u00e4rkten und Arbeitsfeldern Chancen er\u00f6ffnet, ist deshalb ein Zukunftsthema f\u00fcr die kirchlich-diakonischen Ausbildungsst\u00e4tten und f\u00fcr die Gremien, die \u00fcber Anstellungskriterien entscheiden. Die Doppelqualifikation, die neben der fachlichen die theologisch-kirchliche Perspektive st\u00e4rkt, ist ebenso wichtig wie die Kl\u00e4rung der Einsatzfelder. Es ist und bleibt verwirrend, dass es Kirchen gibt, die Diakoninnen und Diakone gerade nicht f\u00fcr diakonische Arbeit, sondern f\u00fcr p\u00e4dagogische Aufgaben in der verfassten Kirche einsegnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>7. Engagement und Spiritualit\u00e4t \u2013 \u00fcber die innere Achse der Arbeit<\/strong><\/p>\n<p>Dis-embedding ist eine Schl\u00fcsselkategorie der Moderne. Der klar und verl\u00e4sslich gezeichnete Rahmen, in dem Menschen \u00fcber Jahrhunderte gelebt haben, hat sich aufgel\u00f6st \u2013 das gilt f\u00fcr Geschlechterrollen wie f\u00fcr Familienbilder, f\u00fcr Biographien wie f\u00fcr Berufswege. Und es gilt auch f\u00fcr die Beschreibung gesellschaftlicher Funktion; Aus der Wohlfahrtspflege ist die Sozialbranche geworden \u2013 zugleich entdecken sich behinderte und pflegebed\u00fcrftige Menschen neu als B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger.<\/p>\n<p>Wir haben neue Freiheiten gewonnen und neue Unsicherheiten eingetauscht. Wir haben Autonomie gewonnen und vergessen manchmal, wie sehr wir angewiesen sind. Wir leben in einer Dienstleistungs- und Konsumgesellschaft und m\u00fcssen neu lernen, dass Gesundheit, Bildung, Ver\u00e4nderungsprozesse nicht konsumierbar sind, sondern unsere eigene Gestaltung brauchen.<\/p>\n<p>Auch darum \u2013 und nicht nur aus Kostengr\u00fcnden &#8211; hat b\u00fcrgerschaftliches Engagement Konjunktur. Menschen wollen die eigene Umwelt gestalten, am eigenen Platz Probleme angehen, f\u00fcr Gerechtigkeit eintreten und sich damit selbst neu zu verankern. Die F\u00f6rderung des sozialen Engagements und die St\u00e4rkung sozialer Bildungsprozesse standen an der Wiege der neuzeitlichen Diakonie. Diakonie war Plattform f\u00fcr Engagement, Quelle f\u00fcr Spiritualit\u00e4t, Erfahrung von Gemeinschaft \u2013 und eine Bildungsbewegung, die auch die Kirche ver\u00e4nderte. Und sie war und ist zugleich Tr\u00e4gerin sozialer Berufe, in denen die Frage nach der eigenen Motivation und Berufung besonders wichtig ist. Auch das Thema \u201eBerufung\u201c hat interessanterweise heute wieder Konjunktur \u2013 weit \u00fcber Kirche und soziale Arbeit hinaus. Denn in einer Welt, in der Menschen die Jobs und Positionen, die Wohnorte, Familien und Freundeskreise oft mehrfach im Leben wechseln, in der sich viele zerrissen f\u00fchlen zwischen verschiedenen Rollen und Identit\u00e4ten und manche Philosophen schon diskutieren, ob es \u00fcberhaupt so etwas gibt wie eine Identit\u00e4t der Person, da fragen sich auch ganz s\u00e4kulare Menschen, was der Sinn ihres Lebens ist und wof\u00fcr sie gebraucht werden. \u201eWann haben Sie zuletzt aus tiefster \u00dcberzeugung heraus geliebt, was Sie tun? Kompromisslos, begeistert, enthusiastisch?\u201c hei\u00dft es z.B. Anja F\u00f6rsters und Peter Kreuz Buch: \u201eH\u00f6rt auf zu arbeiten!<a href=\"#_ftn14\" name=\"_ftnref14\"><sup><sup>[14]<\/sup><\/sup><\/a> Eine Anstiftung zu tun, was wirklich z\u00e4hlt\u201c. Dass Arbeit mehr ist als nur ein Job, dass sie mit uns selbst, unserer pers\u00f6nlichen Entwicklung, unseren Netzwerken zu tun hat, wird zur Zeit vor allem in der Szene der Gr\u00fcnder, Freiberuflichen und K\u00fcnstler neu entdeckt \u2013 es bewegt aber auch diejenigen, die in der Mitte des Lebens noch einmal wechseln und einen ganz neuen Weg einschlagen. Vielleicht gerade dann, wenn sie aus betrieblichen oder aus gesundheitlichen Gr\u00fcnden aus den immer mehr beschleunigten Betrieben aussteigen. Diese Prozesse pr\u00e4gen inzwischen leider auch die soziale Arbeit. Dabei sollte klar sein: Zeit zur Begegnung und die Pflege spiritueller Kraftquellen sind entscheidende Dimensionen diakonischer Berufe. Die Gestaltung von Ritualen, Festen und Feiern, aber auch Gespr\u00e4che mit Angeh\u00f6rigen und pers\u00f6nliche, seelsorgliche Begleitung geh\u00f6ren dazu, wenn Menschen Heilung und neue Verwurzelung suchen. Es geht um Einbettung und Zugeh\u00f6rigkeit \u2013 und das hat mit Religion, Kultur und Gemeinschaft zu tun. Interessanterweise haben das inzwischen viele au\u00dferhalb der Kirchen entdeckt: die Lehrerinnen und Lehrer, die Theaterprojekte mit Migranten oder Sch\u00fclern mit Behinderung organisieren oder auch die Krankenkassen, die Spiritualit\u00e4t als eine wesentliche Dimension der Palliativpflege festgeschrieben haben &#8211; unabh\u00e4ngig von einer bestimmten Kirche oder Religion. Es ist also h\u00f6chste Zeit, dass wir in Kirche und Diakonie den eigenen Mehrwert, das unverwechselbare Profil neu beschreiben und entwickeln.<\/p>\n<p>Immerhin wird Spiritualit\u00e4t auch als gesundheitliche Ressource f\u00fcr die Mitarbeitenden wiederentdeckt. Eine Untersuchung der Fachhochschule der Diakonie in Bethel<a href=\"#_ftn15\" name=\"_ftnref15\"><sup><sup>[15]<\/sup><\/sup><\/a> zeigt nun, dass Spiritualit\u00e4t noch immer eine wichtige Ressource in der Gratifikationskrise ist, die viele Mitarbeitende aufgrund des wachsenden Zeit- und Kostendrucks erleben \u2013 dass aber die entscheidende Kraftquelle der diakonischen Arbeit, der Zusammenhalt im Team, durch Ver\u00e4nderungsdruck und Umstrukturierungen bedroht ist. Der Schl\u00fcssel zu Bew\u00e4ltigung dieses Spannungsfelds ist die Beteiligung. Mitarbeitende brauchen Ermutigung, \u00fcber ihre eigene Religion und Kultur, \u00fcber Glauben und Zweifel zu sprechen &#8211; was gerade in Kirche und Diakonie nicht einfach ist. Denn Beteiligungsprozesse gelingen nur, wenn die Vielfalt geachtet wird, die heute auch diakonische Unternehmen pr\u00e4gt: andere Religionen, Atheisten und Agnostiker geh\u00f6ren genauso dazu wie Suchende oder \u00fcberzeugte Christinnen und Christen. Der Umbruch, von vielen als Traditionsverlust beschrieben, ist auch eine Chance zur Erneuerung.<\/p>\n<p>Theologie ist angewiesen auf die Einsichten derjenigen Menschen, die ihre Glaubens- und Welterfahrung als Christinnen und Christen, Zweifler und Suchende, zur Sprache bringen. In diesem Sinne darf Theologie nicht nur \u201eTheologentheologie\u201c sein \u2013 sie lebt von den Erfahrungen der Laien. Das gilt insbesondere Weise f\u00fcr eine diakonische Theologie. Diakoninnen und Diakone sind auch deshalb keine \u201eKlein\u201c- Theologen oder Theologinnen auf halbem Weg, sondern Berufstr\u00e4gerinnen und Berufstr\u00e4ger, die gelernt haben, andere Erfahrungen in die Sprache der Theologie einzutragen. Christoph M\u00fcller schreibt dazu in einem Artikel \u00fcber \u201eLaientheologie\u201c: \u201eDurch die Wahrnehmung von Ambivalenzen wie Unabh\u00e4ngigkeit und Abh\u00e4ngigkeit, Trauer und Hoffnung, Wissen und Nicht-wissen werden eingespielte (auch christliche) Weltbilder, (schein-)eindeutige \u00dcberzeugungen, Machtverh\u00e4ltnisse und Beziehungsmuster in Frage gestellt. Das kann tief verunsichern. Solche Ambivalenzen werden deshalb oft ignoriert, verdeckt oder abgewertet\u201c. Dabei kann der offene Umgang damit lebensf\u00f6rdernde Suchbewegungen in Gang setzen. Auch das geh\u00f6rt zur Dolmetscherfunktion von Diakoninnen und Diakonen: Solche Suchbewegungen sensibel wahrzunehmen und zu f\u00f6rdern und damit nicht nur die Kirche, sondern auch das theologische Nachdenken immer neu zu \u00f6ffnen.<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>8. Der Wandel beginnt mit uns selbst \u2013\u00a0diakonisch unterwegs<\/strong><\/p>\n<p>Vor nun fast 25 Jahren haben mich die Erfahrungen im Gemeindeladen zu einem beruflichen Wechsel veranlasst: aus der Gemeindearbeit in die freie Wohlfahrtspflege, aus der manchmal engen kirchlichen Bindung zur Mitgestaltung gesellschaftlicher und vor allem politischer Rahmenbedingungen. Schon vor der Gr\u00fcndung des Gemeindeladens war ich ehrenamtliche Diakoniepfarrerin in der Region gewesen \u2013 und hatte begriffen, in welchem Ma\u00dfe unser pers\u00f6nliches Geschick, unser Erfolg wie unser Scheitern nicht nur von unserem eigenen Einsatz, sondern auch von Herkommen, Bildung und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen gepr\u00e4gt sind. Die vielen Gespr\u00e4che mit Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern, Mitarbeitenden in den Beratungsstellen, Arbeitslosenprojekten und Wohlfahrtsverb\u00e4nden erm\u00f6glichten mir einen Perspektivwechsel, ja, einen Blick von au\u00dfen auf die Mittelschichtgemeinde, in der ich Dienst tat. Seitdem f\u00e4llt mir besonders auf, welchen Verlust es bedeutet, wenn die Wirklichkeiten von Kirchengemeinden und diakonischen Diensten im Quartier auseinanderfallen. Die Spannungen und Missverst\u00e4ndnisse, die damit verbunden sind, haben mich mein Berufsleben lang begleitet. Sie finden sich auf allen Ebenen wieder \u2013 zwischen Kirche, freier Wohlfahrtspflege und Politik, zwischen Zivilgesellschaft und gro\u00dfen Organisationen, zwischen Ehrenamt und Hauptamt. Die Perspektiven der jeweils anderen verst\u00e4ndlich zu machen, unterschiedliche Sichtweisen zu nutzen, Br\u00fccken zu bauen, halte ich f\u00fcr grundlegend wichtig.<\/p>\n<p>Oft sind es pers\u00f6nliche Krisen, die uns sp\u00fcren lassen, dass ein Aufbruch, eine Ver\u00e4nderung notwendig ist \u2013 f\u00fcr uns als Einzelne oder f\u00fcr unsere Organisationen. Bevor wir den Wickrather Gemeindeladen gr\u00fcndeten, habe ich selbst eine solche Krise erlebt. Ich war schon einige Zeit Gemeinde- und Diakoniepfarrerin und arbeitete auf zwei Feldern: in der Kleinstadtgemeinde und in den Einrichtungen und Diensten des Kirchenkreises. Unter der Belastung und Spannung, die es f\u00fcr mich bedeutete, zugleich pastoral und sozialpolitisch zu handeln, konnte ich ein paar Wochen nicht mehr arbeiten. Im Zentrum meiner Ersch\u00f6pfung stand eine Predigtkrise. Dabei war und ist die Kanzel der Ort, wo ich versuche, Glauben und Lebenserfahrung zusammenzuf\u00fchren und damit m\u00f6glichst Orientierung zu geben f\u00fcr das, was \u201edran ist\u201c. In jenen Wochen aber fragte ich mich, ob das, was ich zu sagen hatte, \u00fcberhaupt trug? Manchmal kam es mir vor, als ob die Verbindung zwischen Gottesdienst und Alltag gerissen war. Unser Tun will reden, unser Wort will arbeiten, steht auf einer der Karten, die hier ausliegen. Wie aber kann es gelingen, die Suchenden, die Zweifler und Verzweifelten zu erreichen?<\/p>\n<p>In dieser Zeit hatte ich einen Traum. Ich tr\u00e4umte, ich st\u00fcnde auf der Kanzel und z\u00f6ge den Talar aus. Als ich hinunterstieg und durch den Mittelgang hinausging, blieb das schwarze Tuch \u00fcber der Br\u00fcstung h\u00e4ngen. Auf der T\u00fcrschwelle drehte ich mich noch einmal um und stand pl\u00f6tzlich in der gleichen Richtung wie die Gemeinde. Eine von ihnen, nicht mehr als das Eine, die selbst Erfahrungen mit Umbr\u00fcchen, Krankheit und Zweifeln hat und die sich dennoch und gerade deshalb nach dem neuen Leben sehnt. Die nach dem Glauben fragt und nicht immer die Antwort wei\u00df. Nur das eine war mir klar: man muss die Komfortzone verlassen muss, um weiter zu kommen \u2013 auch auf dem Glaubensweg. Und vielleicht ist es gut, zuerst einmal zu verstummen. Alles beginnt mit dem H\u00f6ren. Alles \u2013 das Reden und die Arbeit. Das ist es, was mir heute wichtig ist: Ihre berufliche Kompetenz und Ihre Lebens- und Glaubenserfahrung werden gebraucht, um eine diakonische Kirche mit zu bauen. Daf\u00fcr ist es wichtig, nicht nur die gesellschaftliche Wirklichkeit zu analysieren und die Sprache der Theologie zu kennen, sondern auch die eigenen Wendepunkte noch einmal zu reflektieren. Dazu w\u00fcnsche ich Ihnen Mut und Offenheit, damit wir alle neue Wege finden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h5>Literaturhinweise:<\/h5>\n<h5>KIRCHENAMT DER EKD (Hg.), Der ev. Diakonat als geordnetes Amt der Kirche, 1996 \u2013 T. STROHM, Einleitung, in: ELSIE McKEE\/RISTO A. AHONEN, Die Erneuerung des Diakonats als \u00f6kumenische Aufgabe, Heidelberg 1996, 11-34 \u2013 G. FREYTAG., Unterwegs zur Eigenst\u00e4ndigkeit, 1998 \u2013 D. REINIGER, Diakonat der Frau in der einen Kirche, 1999.;C. COENEN-MARX; Die Seele des Sozialen, Neukirchen 2013, A. NOLLER, E.EIDT, H.SCHMIDT, Diakonat- theologische und sozialwissenschaftliche Perspektiven auf ein kirchliches Amt, Stuttgart 2013, KIRCHENAMT DER EKD, Perspektiven f\u00fcr diakonisch-gemeindep\u00e4dagogische Ausbildungs- und Berufsprofile, 2014<\/h5>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Franz Meurer, J\u00fcrgen Becker, Martin Stankowski \u201eVon wegen, nix zu machen\u201c<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Friedrich Malik, Navigieren in Zeiten des Umbruchs, 2015<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Heinz Bude, Gesellschaft der Angst, Hamburg 2014<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Zahlen aus: Thomas von Winter: Demographischer Wandel und Pflegebed\u00fcrftigkeit, in Thomas Klie u.a.: Entwicklungslinien im Gesundheits- und Pflegewesen, Frankfurt am Main, 2003<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> Beispiele daf\u00fcr hat das Sozialwissenschaftliche Institut der EKD 2007 in der Dokumentation des Projekts \u201eDas Ethos f\u00fcrsorglicher Pflege\u201c dargestellt<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> Heinz Bude 2008.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> A.a.O., 321<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> Hinte\/Litges\/Springer 1999.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">[9]<\/a> Gal. 3, 28<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref10\" name=\"_ftn10\">[10]<\/a> Peter C. Bloth, Karl-Fritz Daiber u.a. (Hrgb.): Handbuch der Praktischen Theologie, Bd 4, Praxisfeld Gesellschaft und \u00d6ffentlichkeit, S. 274<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref11\" name=\"_ftn11\">[11]<\/a> A.a.O. S. 275<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref12\" name=\"_ftn12\">[12]<\/a> A.a.O. S.278<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref13\" name=\"_ftn13\">[13]<\/a> Es liegt wohl auch an der Situation der Anstellungsverh\u00e4ltnisse, dass eine genaue Zahl der beruflich Mitarbeitenden jenseits des Pfarramts in der EKD nicht vorliegt. Die aej geht derzeit von ca. 5000 Mitarbeitenden in der Jugendarbeit aus.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref14\" name=\"_ftn14\">[14]<\/a> Anja F\u00f6rster, Peter Kreuz, H\u00f6rt auf zu arbeiten, Hamburg 2013<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref15\" name=\"_ftn15\">[15]<\/a> Prof. Dr. Tim Hagenah, Lehrstuhl f\u00fcr Arbeits-, Organisations- und Gesundheitspsychologie an der Fachhochschule der Diakonie<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Diakoninnen und Diakone in der Kirche der Zukunft \u00a0 1. 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