{"id":1228,"date":"2015-09-24T13:36:55","date_gmt":"2015-09-24T13:36:55","guid":{"rendered":"http:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=1228"},"modified":"2016-02-04T19:42:42","modified_gmt":"2016-02-04T19:42:42","slug":"ein-zelt-in-der-wueste-eine-herberge-am-weg-gastfreundschaft-als-diakonische-tradition","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=1228","title":{"rendered":"Ein Zelt in der W\u00fcste"},"content":{"rendered":"<h3>eine Herberge am Weg: Gastfreundschaft als diakonische Tradition<\/h3>\n<p><strong>1. Die neue Willkommenskultur<\/strong><\/p>\n<p>Den starken Bildern kann sich keiner entziehen: Fl\u00fcchtlingsfamilien, die unter einem Grenzzaun an der ungarischen Grenze hindurchkriechen. Verzweiflung und Gewalt am \u00fcberf\u00fcllten Bahnhof in Budapest. Ein Zug mit durstigen Menschen, im Niemandsland abgestellt. Ersch\u00f6pfte Familien, in einem ein-Kilometer-langen Marsch zu Fu\u00df in Richtung \u00d6sterreich unterwegs. Germany-Rufe, immer wieder. Viele f\u00fchlen sich an das europ\u00e4ische Picknick 1989 in Ungarn erinnert, an das gro\u00dfe Gl\u00fcck \u00fcber die \u00d6ffnung der Grenzen. Jetzt sehen wir die andere Seite: die Angst vor der \u00d6ffnung der Grenzen.<\/p>\n<p>Und hier in Deutschland erleben wir beides: \u201eWelcome to Germany\u201c am M\u00fcnchner Hauptbahnhof, engagierte B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger, die Lebensmittel, Kleidung, Matratzen f\u00fcr die Auffanglager sammeln. Gemeinden, die ihre H\u00e4user \u00f6ffnen. Nachbarn, die Fl\u00fcchtlinge in ihrer Wohnung beherbergen. Gastfreundschaft im besten Sinne. An jedem Ort, in jeder Gemeinde solle wenigstens eine Familie aufgenommen werden, sagt Papst Franziskus. Und auch das andere: die Aufm\u00e4rsche der \u00c4ngstlichen , die Bedenken der Identit\u00e4ren, die \u00fcberlegen, wer in unsere Kultur passt und wer nicht. Wo die Grenze der Aufnahmebereitschaft ist, wo die \u00dcberfremdung beginnt.<\/p>\n<p>Die Tatsache, dass das Thema manches Mal zwei Drittel der Nachrichten beherrscht, zeigen eine deutliche Ersch\u00fctterung und auch Verunsicherung: Wieder einmal geht es um nicht weniger als die Werte und die Zukunft Europas. Noch einmal wie 89 wird ein Vorhang vor unseren Augen weggezogen, wird unser politischer Horizont ge\u00f6ffnet \u2013 diesmal nicht zwischen Ost und West, sondern zwischen Nord und S\u00fcd. Ein neuer Blick f\u00e4llt auf die Anrainerstaaten am s\u00fcdlichen Mittelmeer, dem Nahen Osten, Afrika. Auf unsere Nachbarn, die wir lange gar nicht als solche wahrgenommen haben. Mit ihrer Ankunft in unserem Europa kommen wir selbst noch einmal ganz neu in der Globalisierung an. Denn da kommen ja die Fl\u00fcchtlinge aus unseren Kriegen, junge Leute, die unsere Werte teilen \u2013\u00a0die sich Bildung, Wohlstand, Freiheit w\u00fcnschen.<\/p>\n<p>Die Willkommenskultur zeichnet uns aus \u2013\u00a0aber er fordert unser Land heraus. Heinz Bude hat neulich vorgetragen, was dem entgegensteht, woher der Widerstand r\u00fchrt. Er hat sich mit den Hintergr\u00fcnden der Angst und mit den Motiven der neuen rechten Parteien, der Identit\u00e4ren und Nationalen in Europa besch\u00e4ftigt. \u201eNichts gegen eine Quote zur Aufnahme von Fl\u00fcchtlingen\u201c, hat Marine Le Pen diese Woche gesagt \u2013\u00a0\u201ewenn sie denn f\u00fcr Frankreich bei 0 ist\u201c. Die politische Rechte in D\u00e4nemark, dem \u2013 wie Forscher festgestellt haben \u2013\u00a0gl\u00fccklichsten Land Europas, grenzt sich vor allem vom politischen Islam ab und geht zugleich einher mit der Verteidigung des Wohlfahrtsstaats und der politischen Freiheitsrechte. Bude hat festgestellt, dass es nicht nur die Geringverdiener und Abgeh\u00e4ngten sind, die sich in den neuen rechten Bewegungen sammeln, sondern auch Menschen, denen es in den letzten 20, 25 Jahren endlich besser ging und die ihren Wohlstand nun gef\u00e4hrdet sehen. Und schlie\u00dflich sogar angeblich weltoffene Leistungstr\u00e4ger mit mittleren Berufsabschl\u00fcssen, die gleichwohl das Gef\u00fchl haben, unter ihren M\u00f6glichkeiten geblieben zu sein \u2013 die \u201eVerbitterten\u201c, wie er sie nennt &#8211; die nun mit jungen Leuten voller Energie und Hoffnung konfrontiert werden.<\/p>\n<p>Bude, der gerade ein Buch \u00fcber die Gesellschaft der Angst<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> geschrieben hat, spricht in diesem Zusammenhang von einem \u201eheimatlosen Antikapitalismus\u201c. Dahinter steht die diffuse Erfahrung, dass die sogenannten M\u00e4rkte nicht nur den Wettbewerb um Produkte, Dienstleistungen, Arbeitspl\u00e4tze antreiben, sondern inzwischen auch auf Lebensbereiche \u00fcbergreifen, die bislang \u00f6ffentlich und solidarisch organisiert waren. Von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern wird erwartet, dass sie ihre Arbeitskraft mobiler und flexibler auf den Markt bringen, w\u00e4hrend zugleich unterst\u00fctzende Systeme wie Bildung und Gesundheit, Wohnungswirtschaft und Energie, Bahn und Post privatisiert werden \u2013\u00a0was zum Teil zu Mehrkosten und damit zu Zugangsbeschr\u00e4nkungen f\u00fcr ohnehin benachteiligte Gruppen f\u00fchrt. Gleichzeitig w\u00e4chst die Konkurrenz zwischen den Standorten \u2013 um Produkte, aber auch um Dienstleistungen. Konkurrenz belebt das Gesch\u00e4ft, hei\u00dft es \u2013 aber sie schw\u00e4cht auch die Solidarit\u00e4t, und es nimmt nicht Wunder, wenn zuletzt auch schutzbed\u00fcrftige Fl\u00fcchtlinge als Konkurrenten um Sozialleistungen wahrgenommen werden. Es k\u00e4me darauf an, zu einer gemeinsamen Deutung der Lage zu kommen, meint Bude \u2013 und gemeinsam dar\u00fcber nachzudenken, wie sich soziale Gerechtigkeit in einer pluralen und offenen Gesellschaft entwickeln kann. Die Einsicht, dass es notwendig ist, Wohlstand zu teilen, wird solange nur schwer geh\u00f6rt werden k\u00f6nnen, wie die soziale Schere immer mehr aufgeht und eine kleine Schicht von Eignern und Erben die Wachstumsgewinne unter sich ausmachen.<\/p>\n<p>Der Zusammenhalt, den die Solidarit\u00e4t schafft, steht also auf dem Pr\u00fcfstand. Unser Wohlstand aber ist auf der Solidarit\u00e4t, die nach dem zweiten Weltkrieg ganz unterschiedliche Schichten in diesem Land verband. Davon lebt die Struktur der sozialen Sicherungssysteme. Wir alle k\u00f6nnen krank, alt, pflegebed\u00fcrftig, arbeitslos werden \u2013 auf dieser Einsicht gr\u00fcnden sich Versicherungen und Genossenschaften. Solidarit\u00e4t ist in der Lage, das Gemeinsame, das Kollektive in einem individuellen Schicksal zu sehen. Nach dem Motto: \u201eGlaube nicht, dass nur Dir passiert, was Dir passiert\u201c. Wer anerkennt, dass er mit anderen, auch mit Fremden ein gemeinsames Schicksal teilt, wird bereit sein, auch materielle G\u00fcter zu teilen, anderen Hilfe zuteilwerden zu lassen, wenn sie in Not sind, anderen Chancen zu er\u00f6ffnen, damit sie teilhaben. Entscheidend ist, dass wir eine gemeinsame Sorge teilen, gemeinsame Projekte nach vorne bringen wollen, und schlie\u00dflich, dass wir wissen, wof\u00fcr und wogegen es einzustehen lohnt. Gelingen kann das nur, wenn wir einen offenen Blick daf\u00fcr haben, wie Gesellschaft sich ver\u00e4ndert \u2013 zum Beispiel im Blick auf den demographischen Wandel.<\/p>\n<p>Wo Solidarit\u00e4t bedroht ist, gibt es eine zweite, eine spontane Kraft, die Zusammenhalt schafft: die Gastfreundschaft. Anders als die gro\u00dfe gesellschaftspolitische Idee der Solidarit\u00e4t r\u00fcckt uns Gastfreundschaft sehr nah \u2013 sie hat mit unserer unmittelbaren Erfahrung zu tun, sie f\u00fchrt in unser Haus und in unseren Alltag. Der Rahmen ist kleiner gesteckt; die Herausforderung vielleicht noch umfassender. Auf der Suche nach den Grundlagen und Herausforderungen einer neuen Willkommenskultur \u2013 gerade auch f\u00fcr unsere Kirche \u2013\u00a0ist die Gastfreundschaft in den Mittelpunkt ger\u00fcckt. Auch deshalb, weil sie tiefe Wurzeln hat in Kirche und Diakonie. Davon will ich jetzt sprechen; ich werde aber am Ende noch einmal auf die Solidarit\u00e4t zur\u00fcckkommen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>2. Fremdenzimmer, Kl\u00f6ster und Hospize<\/strong><\/p>\n<p>Vor einiger Zeit erhielt ich einen Brief von einem alten Freund meines verstorbenen Vaters. Er erz\u00e4hlte, wie dankbar er meinen Eltern sei, dass sie ihm in den 50er Jahren angeboten h\u00e4tten, seine beiden Kinder f\u00fcr eine Weile in unsere Familie aufzunehmen, als er mit seiner Frau auf eine Missionsstation nach Indonesien ging. Es kam dann nicht dazu \u2013 die beiden reisten mit der ganzen Familie aus \u2013 und ich wusste nicht einmal etwas davon, schlie\u00dflich war ich selbst noch klein &#8211; aber gewundert hat mich dieser Brief nicht. In meinem Elternhaus war es normal, dass G\u00e4ste aus dem Ausland, Pflegekinder oder auch pflegebed\u00fcrftige Menschen eine Weile mit uns lebten \u2013 manchmal auch f\u00fcr ein ganzes Jahr. Daf\u00fcr gab es in dem alten Pfarrhaus zwei kleine Einliegerwohnungen und auch ein gro\u00dfes Fremdenzimmer. Das hie\u00df in meiner Kindheit noch so, bevor es dann von G\u00e4stezimmern sprach. Ich kann mich kaum erinnern, dass dieser Raum, in dem sich auch eine kleine Familie unterbringen lie\u00df, nicht belegt war und dass nicht Menschen mit ganz anderen Lebensgeschichten an unserem Mittagstisch sa\u00dfen. Dabei spielte die Not vor Ort genauso eine Rolle wie die Situation in Argentinien oder in S\u00fcdafrika: es kamen G\u00e4ste aus Krisengebieten, aber auch Menschen, die eine Familienkrise erlebten.<\/p>\n<p>Die Haltung, die dahinter steht, ist mir sp\u00e4ter in der Mutterhausdiakonie wieder begegnet: Wann immer ich in Deutschland gereist bin und eine \u00dcbernachtung brauchte, fand ich dort nicht nur ein Hotelzimmer, sondern herzliche Aufnahme: mit einer lieben Karte, einer Schale Obst, einem Str\u00e4u\u00dfchen Blumen. Nichts Gro\u00dfes \u2013 aber ein Zeichen der herzlichen Aufnahme. Eine gepr\u00e4gte Kultur. Sie kommt aus der Zeit, als reisende Schwestern, die nicht mehr hatten als ein Taschengeld, sich in der Familie der Mutterh\u00e4user \u00fcberall zu Hause f\u00fchlen sollten. Merkw\u00fcrdigerweise geht es mir noch immer so: die Bl\u00fcmchen, die kleinen Karten senden mir das Signal: hier bist du zu Hause.<\/p>\n<p>Freunden und Fremden ein Zuhause unterwegs zu bieten, war die gro\u00dfe Tradition der Gemeinschaftsdiakonie. Friedrich von Bodelschwingh hat es auf den Punkt gebracht: \u201eDas ist aller Gastfreundschaft tiefster Sinn, dass wir einander Heimat geben auf dem Weg nach dem ewigen Zuhause\u201c. So verstanden sich auch Krankenh\u00e4user und Herbergen f\u00fcr Obdachlose als Orte der Gastfreundschaft, wo Menschen auf ihrem Lebensweg Station machen und auftanken konnten. Wo sie Hilfe und Begleitung erfuhren, aber auch ganz einfach ein frisches Bett, ein sauberes Zimmer und einen gedeckten Tisch vorfanden.<\/p>\n<p>Ich rede in der Vergangenheit und will damit andeuten, dass Kirche und Diakonie in den letzten Jahren darum k\u00e4mpfen, diese Haltung wieder zu gewinnen. Sie drohte verloren zu gehen unter \u00f6konomischem Denken und der Abgrenzung von Einrichtungen, Abteilungen und Budgets, aber auch unter der Privatisierung von Kirche und der Professionalisierung der Diakonie. Unsere Pfarrwohnungen, oft schon privatisiert, sind zu klein geworden f\u00fcr solche Fremdenzimmer. Obdachlose und Pflegekinder werden dort l\u00e4ngst weiter verwiesen an die entsprechenden diakonischen Fachstellen. Und unsere Krankenh\u00e4user trennen genau zwischen DRGs und Hilfemodulen auf der einen und Hotelkosten auf der anderen Seite. Es waren oft genug ehrenamtlich Engagierte, die uns den Wert der Gastfreundschaft nachdr\u00fccklich in Erinnerung gerufen haben. Cecily Saunders und die Hospizbewegung machten deutlich, dass es nicht gen\u00fcgt, Sterbende so lange wie m\u00f6glich zu therapieren und medizinisch zu versorgen, sondern dass es im Sterben auch um Begleitung, um Dasein, um wache Aufmerksamkeit geht. Streetworker traten daf\u00fcr ein, dass auch diejenigen, die keine eigene Wohnung haben, einen Ort brauchen, an dem sie ihre W\u00e4sche waschen, ihre Kontakte pflegen, einen gedeckten Tisch finden und vor allem einfach als Menschen unterwegs wahrgenommen werden \u2013\u00a0wie jeder von uns, wenn wir eine Autobahnrastst\u00e4tte aufsuchen. Und im Augenblick organisieren Ehrenamtliche Laptop-Stationen f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge, damit sie Kontakt zu ihrer Familie halten und all die Informationen bekommen und weitergeben k\u00f6nnen, die ihre Zukunft sichern. Weil das so wichtig sein kann wie ein Lebensmittelpaket.<\/p>\n<p>Engagierte B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger waren n\u00f6tig, um unsere professionalisierte Arbeit an ihre eigenen Wurzeln zu erinnern \u2013\u00a0zugleich aber lernen wir von anderen professionellen Dienstleistern, was Kundenbindung und professionelle Beziehungsgestaltung wirklich hei\u00dft. Auch da geht es um mehr als um Programme, Pauschalen und Module \u2013\u00a0es geht eben auch um Atmosph\u00e4re und Kultur. Gastfreundschaft habe ich bei meiner Friseuse und im Familienhotel erlebt, als mein Vater starb: einen Ort, an dem ich willkommen war und versorgt wurde, wo ich mich sicher f\u00fchlte und alle Anforderungen f\u00fcr eine Zeit au\u00dfen vor blieben. Hotels, Restaurants, Dienstleister verstehen es als gute Dienstleistung, die Bed\u00fcrfnisse ihrer Kunden wahrzunehmen und daf\u00fcr zu sorgen, dass sie sich unterwegs wohlf\u00fchlen. Und dabei kommt es nicht darauf an, wer der andere ist und woher er kommt.<\/p>\n<p>Diakonische Einrichtungen verstanden ihre H\u00e4user als Hospize, l\u00e4ngst bevor dieser Name f\u00fcr christliche Hotels und dann f\u00fcr die Sterbebegleitung genutzt wurde. Kl\u00f6ster waren Orte der Immunit\u00e4t, wo nicht nur Kranke, sondern auch Verfolgte sicher sein konnten, wie wir es in den letzten Jahrzehnten im Kirchenasyl wieder entdeckt haben. Dahinter steht die \u00dcberzeugung, dass wer an meine T\u00fcr klopft, in einem tieferen Sinne Bruder oder Schwester ist. Nicht nur das Objekt meiner Hilfe, auch nicht nur mein Kunde, \u2013\u00a0obwohl auch Kl\u00f6ster in ihrer Zeit Beherbergungsbetriebe waren \u2013\u00a0sondern ein Mensch mit einer Geschichte, der vielleicht ein offenes Ohr und einen Ort zum Mitleben braucht \u2013\u00a0vielleicht aber auch nur einen Teller Suppe und ein Nachtlager, bis er mit neuer Kraft weiter ziehen kann.<\/p>\n<p>Der holl\u00e4ndische Theologe Jan Hendriks<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\"><sup><sup>[2]<\/sup><\/sup><\/a> hat dieses Modell in den 1980er Jahren auf die Kirchengemeinden \u00fcbertragen: er versteht Gemeinde als Herberge. In einer Welt, in der das Unterwegssein f\u00fcr viele zur Selbstverst\u00e4ndlichkeit geworden ist, k\u00f6nnten Kirchengemeinden zu Herbergen am Weg werden, meint er. Als Karawansereien sozusagen, in denen Menschen einander begegnen, ihre Geschichten teilen, sich f\u00fcreinander einsetzen und einander auf diese Weise ein St\u00fcck Heimat geben. Wo diese Art von offener Begegnung stattfinde, w\u00fcrden nicht nur die individuellen Lebensgeschichten, sondern auch die gesellschaftlichen Zerrei\u00dfproben sp\u00fcrbar \u2013\u00a0zugleich aber etwas von der N\u00e4he Gottes. Ich muss zugeben, dass ich noch nicht viele Gemeinden so offen erlebe &#8211; viele fragen laut oder leise nach Zugeh\u00f6rigkeit, nach Dauer und Stetigkeit des Engagements und schlie\u00dfen damit die Suchenden eher aus. Aber all die offenen Stadtkirchen, die Stadtteill\u00e4den und Vesperkirchen, die Diakoniel\u00e4den in den Quartieren wollen genau das sein: Herbergen am Weg. Dort ist zu erleben, dass heute gerade \u00fcber das Engagement Heimat und Zugeh\u00f6rigkeit wachsen.<\/p>\n<p>An solchen Orten zu arbeiten, ist ein Abenteuer. Ich jedenfalls habe meine Arbeit im Wickrather Gemeindeladen in den 80er Jahren so erlebt: Im Caf\u00e9 und in der Kleiderkammer, bei den Gespr\u00e4chsreihen und Aktionen kamen die Lebensgeschichten zu Geh\u00f6r, die normalerweise in der Kleinstadtgemeinde verschwiegen wurden. Die Not der Arbeitslosen und Hartz-IV-Familien, die Diskriminierung und die Kultur der Roma, die Einsamkeit der pflegenden Angeh\u00f6rigen und einsamen Alten, die religi\u00f6sen Fragen der Frauen, die einen Mann aus der t\u00fcrkischen Gemeinde geheiratet hatten. Im Gemeindeladen, der zugleich offene T\u00fcr und gesch\u00fctzter Raum war, lie\u00df sich ahnen, wieviel Unbekanntes, Unausgesprochenes, wieviel Fremdes es mitten in dieser scheinbar so heilen und harmonischen Mittelschichtgemeinde gab. Wie viele Menschen darauf warteten, geh\u00f6rt und beteiligt zu werden. Gastfreundschaft sei immer ein Abenteuer, meint Heinz Bude. Gefragt sei der Mut, im Eigenen dem Anderen zu begegnen &#8211; dem Bruder eben, der Schwester, Menschen, die ganz andere Erfahrungen gemacht haben, anders denken, sich selbst, die Gesellschaft und auch Gott anders verstehen und die mich mit ihren Fragen und ihrer Kritik auch selbst in Frage stellen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>3. Regeln und Grenzen der Gastfreundschaft<\/strong><\/p>\n<p>Gastfreundschaft braucht Mut, sie beinhaltet ein Risiko, denn es geht ja darum, den Fremden wie einen Freund aufzunehmen \u2013 diese \u00dcberlegung hat mich dazu gebracht, noch einmal tiefer zu graben und nach den Regeln und Grenzen der Gastfreundschaft in der Antike zu fragen. Denn nat\u00fcrlich ist Gastfreundschaft nicht nur eine christliche Kulturleistung &#8211; sie reicht weit dahinter zur\u00fcck in die Geschichte und weit dar\u00fcber hinaus in andere Religionen. Homers Odyssee erinnert in ihren Erz\u00e4hlungen an die Regeln der Xenia, der Gastfreundschaft bei den alten Griechen \u2013 einem strikten Verhaltenskodex zwischen Gastgeber, Gast, Fremdem und Schutzflehenden. Sie zu verletzten, bedeutete Frevel gegen\u00fcber den G\u00f6ttern. Schlie\u00dflich k\u00f6nnten sich die Fremden sich ja selbst als verkleidete G\u00f6tter erweisen. Fremde aufzunehmen aber war ein Akt der Fr\u00f6mmigkeit. Eine Vorstellung, die auch der Hebr\u00e4erbrief aufnimmt; dort hei\u00dft es: \u201eGastfrei zu sein, vergesst nicht &#8211; haben doch einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt\u201c.<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> Vielleicht ist dabei auch an die Geschichte von Abraham und Sara gedacht, die im Hain von Mamre drei Fremde als G\u00e4ste empfangen, ihnen die F\u00fc\u00dfe waschen und den Tisch decken und erst viel sp\u00e4ter begreifen, dass im gemeinsamen Essen Gott selbst gegenw\u00e4rtig war \u2013\u00a0nicht zuletzt in der Zumutung dessen, was sie ihnen verhei\u00dfen haben.<\/p>\n<p>Zur Xenia geh\u00f6rte dann im alten Griechenland auch, dass ein guter Gastgeber seinem Gast ein Bad bereitet, er stellt ihm frische Kleider zur Verf\u00fcgung und bereitet ihm ein Mahl, das dem Reichtum seines Hauses angemessen ist. Au\u00dferdem wird von ihm erwartet, dass er dem Fremden die M\u00f6glichkeit gibt, ein Opfer f\u00fcr seine sichere Weiterreise darzubringen. Und schlie\u00dflich endet die Beziehung nicht mit der Abreise: Gast und Gastgeber, ja, sogar ihre Nachkommen, sind einander nun lebenslang in einer Beziehung der Gastfreundschaft verbunden. Sie verpflichten sich, sich gegenseitig so zu behandeln, als seien sie verwandt. Dazu geh\u00f6rt, keine der Frauen des Hauses zu verf\u00fchren und sich in Konflikten und K\u00e4mpfen auf die Seite des Gastfreundes zu schlagen. Kriege wie der trojanische Krieg sind ausgebrochen, weil genau diese Regeln nicht eingehalten wurden.<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a><\/p>\n<p>Insofern geht es bei der Entwicklung einer gastfreundschaftlichen Willkommenskultur um mehr als um das Sammeln von Kleidung, Lebensmitteln und Matratzen, auch um mehr als neue Wohnbauprogramme und Integrationsklassen: es geht darum, eine verwandtschaftliche Beziehung zu Menschen zu entwickeln, die uns fremd sind. Die Verschiedenheit zu w\u00fcrdigen und uns dabei als gleiche zu entdecken. In diesem Prozess werden wir auch die Grenzen erkunden m\u00fcssen, die mit unseren Werten und unseren Vorstellungen von W\u00fcrde gegeben sind. Dieser Tage habe ich ein Interview mit einem Berliner Studenten geh\u00f6rt, der einen illegalen Fl\u00fcchtling in seiner Wohnung aufgenommen hatte. Er erz\u00e4hlte vom gemeinsamen Leben und Essen, von der Angst vor Abschiebung, die inzwischen beide sp\u00fcrten, aber auch von den Gespr\u00e4chen dar\u00fcber, welche Regeln in den allt\u00e4glichen Lebensgewohnheiten gelten sollten. Gespr\u00e4che wie in jeder Wohngemeinschaft \u2013 bis auf eine Kleinigkeit, die mich besonders ber\u00fchrt hat: der junge Mann erz\u00e4hlte, dass sein Gast \u00f6fter ganz selbstverst\u00e4ndlich seine Schuhe getragen hatte, obwohl er inzwischen gute eigene besa\u00df. Eine Grenz\u00fcberschreitung? Jedenfalls eine Irritation, und damit die Notwendigkeit, zu kl\u00e4ren, wie jeder von beiden Privates und Gemeinsames verstand und kulturelle Unterschiede auszuloten. Nur, wenn uns das gelingt, bannen wir die uralten \u00c4ngste vor der Heirat mit Fremden oder vor dem Eindringen feindlicher politischen Ideologien, die den Stoff f\u00fcr die rechte Agitation liefern. \u201eDer Fremde entsteht, wenn in mir das Bewusstsein meiner Differenz auftaucht\u201c (wenn also das Gef\u00fchl, dass wir eigentlich gleich sind, irritiert wird), \u201eund er h\u00f6rt auf zu bestehen, wenn wir uns alle als Fremde erkennen\u201c, schreibt die franz\u00f6sische Philosophin und Psychoanalytikerin Julia Kristeva in ihrem Buch \u201eFremde sind wir uns selbst\u201c.<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>4. Gottes Hausgenossen<\/strong><\/p>\n<p>Die antike Kultur der Gastfreundschaft ging davon aus, dass die G\u00e4ste uns Fremde bleiben &#8211; selbst dann, wenn wir in besonderer Weise mit ihnen verbunden sind. Die jungen christlichen Gemeinden aber gingen dar\u00fcber hinaus. \u201eSo seid Ihr nun nicht mehr G\u00e4ste und Fremde, sondern Mitb\u00fcrger der Heiligen und Gottes Hausgenossen\u201c, hei\u00dft im Epheserbrief.<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a> Hier, mitten im V\u00f6lkergemisch der ausgehenden Antike, finden wir Gemeinden aus den unterschiedlichsten ethnischen Gruppen und \u00f6konomischen Schichten einander auf Augenh\u00f6he begegnen wollten. Als Br\u00fcder und Schwestern um Christi willen. Julia Kristeva macht deutlich, was f\u00fcr eine ungeheure utopische Kraft in dieser Geschichte steckt. Die junge Kirche, schreibt sie \u201eentsteht als eine Gemeinschaft von Fremden (von Au\u00dfenseitern, Frauen, Handelsreisenden, Sklaven), an der Peripherie zun\u00e4chst, dann innerhalb des griechisch-r\u00f6mischen Bollwerks selbst, vereint in einer Lehre, die die politischen und nationalen Strukturen in Frage stellt.\u201c Menschen aus unterschiedlichen V\u00f6lkern und Nationen bilden eine neue Gemeinschaft unter dem Namen und in der Nachfolge des Menschensohns, der Bruder aller geworden ist. \u201eDa ist nicht mehr Grieche, Jude, Beschnittener, Unbeschnittener, Nichtgrieche, Skythe, Knecht, Freier, sondern alle und in allen Christus\u201c, hei\u00dft es im Kolosserbrief.<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a><\/p>\n<p>Dieser christliche Messianismus ist in der hebr\u00e4ischen Bibel zutiefst verankert. Da alle Menschen nach Gottes Bild geschaffen sind, bezieht sich das Gebot der N\u00e4chstenliebe eben nicht nur auf den unmittelbaren N\u00e4chsten der eigenen Familie oder desselben Volkes, sondern auf den anderen Menschen, den Gott liebt \u2013 deshalb gilt die gleiche Formel in Israel auch f\u00fcr den Fremden. Dabei wird Israel an die eigene Fremdheit erinnert: \u201eDie Fremdlinge sollst Du nicht bedr\u00e4ngen und bedr\u00fccken; denn ihr seid auch Fremdlinge in \u00c4gyptenland gewesen\u201c, hei\u00dft es im Buch Exodus.<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">[8]<\/a> Und die Geschichte der Moabiterin Ruth zeigt anschaulich, was es f\u00fcr unsere j\u00fcdisch-christliche Geschichte bedeutet, dass eine Fremde durch Einheirat die Zukunft einer j\u00fcdischen Familie und damit des Volkes sichert; nicht umsonst hat diese Ruth einen Ehrenplatz im Stammbaum Jesu. Lange vor der griechischen Philosophie und dem durchaus kosmopolitischen Stoizismus bekr\u00e4ftigt der Universalismus der Propheten von Amos bis Jeremia nachdr\u00fccklich die Vorstellung, dass die ganze Menschheit in ihrer wahren W\u00fcrde zu achten ist. Arme, Witwen, Waisen, Knechte und Fremde sollen in Israel die gleiche Gerechtigkeit erfahren. \u201eHat nicht auch ihn erschaffen, der mich im Mutterleib erschuf, hat nicht der Eine uns im Mutterleib bereitet?\u201c, hei\u00dft es bei Hiob<a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\">[9]<\/a>. \u201eKein Fremder durfte drau\u00dfen zur Nacht bleiben, sondern meine T\u00fcr tat sich dem Wanderer auf\u201c. Das hebr\u00e4ische Wort f\u00fcr Fremder (guer), das hier verwandt wird, bedeutet w\u00f6rtlich: \u201eDer gekommen ist, (mit Euch) zu leben\u201c.<\/p>\n<p>Das ist die Wurzel, aus der die Hospize stammen, in denen schon in der fr\u00fchen Kirche Pilger wie Arme und Fremde in gleicher Weise Gastfreundschaft erfahren. Es sei hier aber nicht verschwiegen, dass auch diese gro\u00dfartige Tradition schon bald unter der Angst vor \u00dcberfremdung enger wurde: schon im 4. und 5. Jahrhundert, mit dem Vordringen und der Ansiedlung der germanischen V\u00f6lker im r\u00f6mischen Reich, werden Pilgerp\u00e4sse bzw. Pfarr- und Bischofsbriefe eingef\u00fchrt, die beurkunden, dass der Fremde ein christlicher Bruder ist. Dass der Verantwortungshorizont heute wieder weiter gezogen werden muss, weit \u00fcber einen engen institutionellen Bezug hinaus, das hat unsere Kirche sp\u00e4testens im 3. Reich neu gelernt. \u201eUnser Verh\u00e4ltnis zu Gott ist kein religi\u00f6ses zu einem denkbar h\u00f6chsten, m\u00e4chtigsten, besten Wesen \u2013 dies ist keine echte Transzendenz\u201c, schreibt Dietrich Bonhoeffer, sondern unser Verh\u00e4ltnis zu Gott ist ein neues Leben im Dasein f\u00fcr andere, in der Teilnahme am Sein Jesu. Nicht die unendliche, unerreichbaren Aufgaben, sondern der jeweils gegebene erreichbare N\u00e4chste ist der Transzendente.\u201c<a href=\"#_ftn10\" name=\"_ftnref10\">[10]<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>5. N\u00e4chstenliebe kennt keine Grenzen \u2013 ein Blick auf die Stadt<\/strong><\/p>\n<p>\u201eIt takes a village\u201c: der Slogan von Hillary Clinton hat viel bewegt \u2013 auch in unserem Land. In den Tageseinrichtungen f\u00fcr Kinder, in der Kinder \u2013\u00a0und Jugendhilfe, in der Familienarbeit nahm man ihn auf: Es braucht ein Dorf, um ein Kind zu erziehen. M\u00fctter und V\u00e4ter, Lehrerinnen, Erzieher, Sporttrainer und Einzelh\u00e4ndler, \u00c4rztinnen, Paten und die alte Frau am Kiosk \u2013\u00a0ein ganzes Dorf eben. Keiner kann ein Kind allein erziehen; ein Netzwerk von Verb\u00fcndeten muss an die Stelle der Gro\u00dffamilien treten. It takes a village: ein B\u00fcndnis f\u00fcr Familien, eine inklusive Schule, eine alternsgerechte Stadt \u2013\u00a0nur gemeinsam k\u00f6nnen wir f\u00fcr Inklusion eintreten. Das ist die Idee der Stadtteilarbeit und auch die von \u201eKirche findet Stadt\u201c, dem \u00f6kumenischen Projekt f\u00fcr Gemeinwesendiakonie.<\/p>\n<p>Eines der Leuchtturmmodelle von \u201eKirche findet Stadt\u201c ist die Diakoniekirche in Offenbach. Dort werden kirchliche und diakonische Handlungsfelder neu aufeinander bezogen: das Familienzentrum, basierend auf der Tageseinrichtung, ist der Knotenpunkt im Netzwerk Familienbezogener Dienste, das Beratungszentrum unterst\u00fctzt die Einzelnen in ihren individuellen Notlagen und der diakonische Gemeindeaufbau zielt ganz auf Community Organising und interkulturelle Projekte. Denn die Diakoniekirche liegt im Mathildenviertel, wo Menschen aus 50 verschiedenen Nationen zu Hause sind. Hier ist es entscheidend, Barrieren in Sprache und Kultur abzubauen und deutlich zu machen, in welcher Weise das Miteinander der Religionen Vertrauen schafft. Viele machen dabei mit: AWO und Caritas, Schulen und interkultureller Arbeitskreis. So ist es auch in der Berliner Heilig-Kreuz: da ist die Kirche Diakoniezentrum geworden \u2013 mit einem geistlichen Raum in der Mitte, mit Caf\u00e9s und Beratungsstellen und einem wunderbaren Kirchengarten. Ein Zentrum f\u00fcr Wohnungslose, f\u00fcr Engagierte in der Migrationsarbeit, f\u00fcr Eltern im Stadtteil mit einem Garten, der wie ein Klostergarten einen Ort der Stille und der Begegnung bietet.<\/p>\n<p>It takes a village \u2013 das gilt nun erst Recht f\u00fcr die Integration von Fl\u00fcchtlingen. Arbeitgeber und Deutschlehreinnen werden gebraucht, \u00c4rztinnen und Sportvereine, Vermieter und nat\u00fcrlich auch die Kirchen. Das ganze Netzwerk der Gemeinwesendiakonie \u2013 und mittendrin auch und gerade die Kirche. Wenn Kirche wirklich den Blick auf die Stadt richtet \u2013 \u00fcber die einzelnen Menschen hinaus auf die gesellschaftlichen Gruppen und Milieus, die Angebote und Strukturen, dann sieht sie, wie belastet die Kommunen wirklich sind. Und zwar nicht erst mit den Fl\u00fcchtlingen. Die Bertelsmann-Studie zur Situation der Kommunen, die bereits im Fr\u00fchjahr erschien, hat \u00f6ffentlich gemacht, dass Sozialausgaben die Kommunen mit bis zu 58 Prozent des gesamten Haushaltsvolumens belasten. Nach langen Jahren der Debatte um einen neuen Finanzausgleich wurde endlich wahrgenommen, dass viele Kommunen kaum noch in der Lage sind, ihre Pflichtaufgaben in ausreichendem Ma\u00dfe zu erf\u00fcllen \u2013 geschweige denn, den wachsenden Erwartungen nachzukommen. G\u00fcnstige Wohnungen werden gebraucht, Kitas und Schulen, die ganzt\u00e4tig eine qualifizierte Betreuung, Erziehung und Bildung leisten, m\u00f6glichst angepasste Pflegeangebote, eine alternsgerechte st\u00e4dtische Infrastruktur, Beratung und Unterst\u00fctzung in Krisen und nicht zuletzt \u00f6ffentliche Orte, an denen sich Menschen begegnen k\u00f6nnen. Strukturen eben, mit denen die Schwierigkeiten der Einzelnen abgefangen werden k\u00f6nnen, die aber beitragen zu mehr Gleichheit und Gerechtigkeit und zu einem Miteinander auf Augenh\u00f6he. St\u00e4dte und Landkreise im Osten oder im Ruhrgebiet haben deshalb unter der Schuldenbremse l\u00e4ngst die Notbremse ziehen m\u00fcssen: Theater und Schwimmb\u00e4der geschlossen, Brunnen abgestellt, Verkehrs- und Energiebetriebe und auch den Wohnungsbestand verkauft und damit genau die \u00f6ffentlichen Angebote und R\u00e4ume zur\u00fcck gefahren, die zur Begegnung und Beteiligung aller wichtig sind.<a href=\"#_ftn11\" name=\"_ftnref11\"><sup><sup>[11]<\/sup><\/sup><\/a> Die Konflikte, die sich beim Thema Fl\u00fcchtlinge zum Teil auch ihr Ventil gesucht haben, zeigen, welcher Handlungsbedarf besteht &#8211; nicht zuletzt angesichts der Sparzw\u00e4nge, die mit dem Stichwort Schuldenbremse verbunden sind.<\/p>\n<p>L\u00e4ngst werden neue Formen der Kooperation zwischen dem \u00f6ffentlichen und dem privaten Bereich, zwischen zivilgesellschaftlichen Initiativen, Kommune, Sozialversicherungen und Tr\u00e4gern sozialer Dienste gesucht, um Antworten zu geben auf die dr\u00e4ngenden Bed\u00fcrfnisse der Menschen, aber auch neue Chancen der Begegnung und der Teilhabe zu erh\u00f6hen. Damit solche neuen Konzepte funktionieren k\u00f6nnen, m\u00fcssen einige wesentliche Voraussetzungen erf\u00fcllt sein. Beispielsweise m\u00fcssen sich die Kommunen, die sozialen Dienste, die Wohnungswirtschaft, aber auch Verkehrsbetriebe und Einkaufszentren, \u00c4rzte und Apotheken auf neue, ungewohnte Kooperationen einlassen. Und es muss Menschen geben, die die Bereitschaft, die F\u00e4higkeit und die Zeit mitbringen, sich in Projekten zu engagieren. Dazu brauchen sie in der Regel auch professionelle Unterst\u00fctzung \u2013 z.B. im Quartiersmanagement oder in einem Familienzentrum oder Mehrgenerationenhaus, vielleicht auch in der Kirchengemeinde. Gebraucht werden die R\u00e4ume, wo alle Beteiligten sich treffen, die runden Tische und B\u00fcrgerplattformen, auf denen die Vermittlung organisiert werden kann. \u201eKirche findet Stadt\u201c kann deshalb nicht nur hei\u00dfen, mit den eigenen Angeboten das Quartier in den Blick zu nehmen. Es geht auch darum, sich an die Seite der \u00fcberforderten Kommunen zu stellen, wenn es um die Verteilung des Wohlstands in unserem Land geht.<\/p>\n<p>Denn viel zu oft scheitern zivilgesellschaftliche Initiativen und Modelle der Quartiersarbeit daran, dass sie von Modellprogrammen und Projektmitteln wie vom starken Engagement einzelner leben und das die \u00f6ffentlichen Mittel fehlen, die f\u00fcr eine stabile Strukturf\u00f6rderung sorgen. Hier und da habe ich erlebt, dass Kirchen an dieser Stelle einspringen k\u00f6nnen, wenn sie ihre Gemeindeh\u00e4user \u00f6ffnen, ihre Stellen umstrukturieren, ihr Land an eine Wohnungsbaugenossenschaft verpachten. Solche Gemeinden profitieren von ihren mutigen Entscheidungen: in Lindlar, in Neum\u00fcnster, in Offenburg und anderswo wachsen neue, starke Nachbarschaften. Durch das gemeinsame Engagement entstehen neue Bindungen, oft \u00fcber die Grenzen traditioneller kultureller oder ethnischer Milieus hinweg. Gerade jetzt ist das n\u00f6tiger als je.<\/p>\n<p>Zentraler Bestandteil solchen Engagements ist in der Regel eine basisdemokratische, beteiligungsorientierte Entscheidungsstruktur. Darin liegt durchaus eine Herausforderung f\u00fcr die Kirche, die dann m\u00f6glicherweise nicht mehr zentrale Steuerungsinstanz und Gastgeber im Gemeindehaus, sondern einfach Gast und Partner an einem runden Tisch ist. Die pluralistische Gesellschaft ver\u00e4ndert nicht nur die Nachbarschaft der Gemeinden, sondern eben auch ihre Rollen &#8211; im Osten Deutschlands ist das allerdings ohnehin l\u00e4ngst geschehen. Noch aber ist an vielen Orten der Widerstand gro\u00df.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>6. Gemeinden als Caring Communities<\/strong><\/p>\n<p>Schon die ersten Kapitel der Apostelgeschichte \u2013 wir erz\u00e4hlen sie als Ursprungsgeschichte der Diakonie &#8211; berichtet, wie die Gemeinde Schranken \u00fcberwindet: Bald geh\u00f6ren Sklaven und Frauen dazu, Armut ist kein Hindernis am Tisch des Herrn und Menschen mit Behinderung werden genauso einbezogen wie Migrantinnen und Migranten. Ein solches Miteinander, auch das erz\u00e4hlt die Bibel, muss aber auch immer neu erstritten werden: Wie heute gab es Spannungen zwischen Einheimischen und Migranten, zwischen den j\u00fcdischen Christen aus Jerusalem und denen, die aus der Fremde gekommen waren. Die einen sprachen hebr\u00e4isch, die anderen griechisch. Diese Griechinnen und Griechen geh\u00f6rten zur gleichen Gemeinde, aber so ganz geh\u00f6rten sie doch nicht dazu. Auf beiden Seiten gab es Arme, aber auch hier, wie so oft, eine Hackordnung. Am schlechtesten ging es damals den griechischen Witwen. Frauen ohne Einkommen. Frauen, die einst eine ganze Familie versorgt haben, sich selbst jetzt aber nicht versorgen k\u00f6nnen. Migrantinnen zudem. Sie sitzen ganz unten an der Tafel, sie m\u00fcssen von dem leben, was dort ankommt. Aber kaum einer schaut hin. Die Armut dieser Frauen bleibt unsichtbar.<\/p>\n<p>Damals kommt Bewegung in die Geschichte. Denn die griechischen M\u00e4nner empfinden die Ungerechtigkeit. Sie beklagen sich und ihr \u00c4rger trifft auf offene Ohren. Endlich wird in der Gemeindeleitung \u00fcberlegt, was geschehen muss, damit diesen Frauen Gerechtigkeit widerf\u00e4hrt. Die Benachteiligten brauchen Anw\u00e4lte, die ihre Sache in die Hand nehmen. Und die Gemeinde braucht Diakone, Leute, die sich einf\u00fchlen k\u00f6nnen und f\u00fcr die Armen eintreten. Dass die griechischen M\u00e4nner die Versorgung der Witwen zu ihrer Sache gemacht haben, war ein entscheidender Schritt. Jetzt werden sieben von ihnen als Diakone berufen. Die Apostelgeschichte erz\u00e4hlt, welche Kr\u00e4fte frei werden, wenn Menschen bereit sind, f\u00fcr andere einzutreten, wenn Menschen, die am Rande stehen, integriert werden. Die griechischen Diakone werden Teil der Gemeindeleitung und sie beginnen, das Evangelium in ihrer eigenen Sprache zu predigen. Zugeh\u00f6rigkeit macht stark. Und Kirche wird st\u00e4rker, wenn sie Vielfalt respektiert.<\/p>\n<p>Was wir als Ursprungsgeschichte der Diakonie erz\u00e4hlen, ist in Wahrheit eine Geschichte vom Wachstum der Kirche. Und beides geh\u00f6rt zusammen &#8211; denn in der Verschr\u00e4nkung von Kirche und Diakonie liegt bis heute ein gro\u00dfes Potenzial \u2013 nicht nur, wenn es um Armuts- und Migrationsfragen geht. Diakonie kann erg\u00e4nzen, was Kirchengemeinden oft fehlt: Sie bietet professionelle Dienstleistungen, gr\u00f6\u00dfere Freiheitsspielr\u00e4ume, Unternehmensgeist zur Projektentwicklung, politisches Know-how. Das Gelingen von Gemeinwesendiakonieprojekten h\u00e4ngt davon ab, diese Kompetenzen zusammen zu bringen mit der Lebenswelt- und Sozialraumorientierung von Kirchengemeinden, mit der Kenntnis der Orte und ihrer Geschichte. Manchmal m\u00fcssen wir uns ja selbst in Erinnerung rufen, welches Sozialkapital Gemeinden mitbringen \u2013 an Kontakten, Netzwerken und Beziehungen. Wir haben \u00f6ffentliche R\u00e4ume mit ungeheuren M\u00f6glichkeiten f\u00fcr Begegnungen, aber auch f\u00fcr Vermietungen. Gemeinden nehmen Fl\u00fcchtlinge auf und bieten Kirchenasyl, sie organisieren Tafeln und Mittagstische, an denen gemeinsam gekocht wird. In vielen F\u00e4llen sind die Kirchen die letzten \u00f6ffentlichen Orte, die zug\u00e4nglich sind, ohne Eintrittsgeld zu bezahlen. Wo wir sie nicht mehr brauchen und nicht mehr tragen k\u00f6nnen, kann es richtig sein, gemeinsam mit anderen eine Tr\u00e4gerstruktur zu schaffen, wie es bei \u201eKirche findet Stadt\u201c hier und da geschehen ist.<\/p>\n<p>Wichtiger noch als die Geb\u00e4ude sind dabei die sozialen Netzwerke. Kirchen sind Agenturen f\u00fcr Gemeinschaft, wie Rosemarie Henel sagt, die als AWO-Mitarbeiterin beim Thema Inklusion mit einer Kirchengemeinde zusammenarbeitet, sie sind ein \u201eCircle of support\u201c. Manche f\u00fcrchten inzwischen nicht zu Unrecht, dass Engagierte zum billigen Jakob eines \u00fcberforderten Sozialstaats werden. Tats\u00e4chlich konnte man bei manchen Berichten aus den Fl\u00fcchtlingslagern in diesen Tagen diesen Eindruck gewinnen. Und es mutete schon merkw\u00fcrdig an, wenn im Kontext der Einf\u00fchrung des Mindestlohns immer wieder betont wurde, dass die 8,50 Euro nicht f\u00fcr Ehrenamtliche gelten. Tats\u00e4chlich gibt es aber l\u00e4ngst eine Grauzone zwischen dem klassischen Ehrenamt und prek\u00e4ren Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnissen mit \u00dcbungsleiterpauschale, B\u00fcrgerarbeit und Minijobs. Langzeitarbeitslose und Rentnerinnen mit kleinen Renten geh\u00f6ren zu denen, die es sich nicht leisten k\u00f6nnen, nur f\u00fcr Ehre und Anerkennung zu arbeiten. Aber auch wer \u00f6konomisch nicht gut situiert ist, kann ein breites Netzwerk von Kontakten und eine vielf\u00e4ltige Erfahrung einbringen. Dabei spielen die sogenannten \u201ejungen Alten\u201c eine besondere Rolle. Sie sind h\u00e4ufig lange am Ort beheimatet, sie kennen die Schl\u00fcsselpersonen und sind oft sozial und oft auch politisch engagiert, bringen breite Lebenserfahrungen und sind damit Teil einer neuen, generationen\u00fcbergreifenden und gemeinwohlorientierten Bewegung. Sie sind es in diesen Tagen auch, die sich f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge engagieren, weil sie sich an eigene Fluchterfahrungen erinnern.<\/p>\n<p>Eine 80-j\u00e4hrige aus meiner Nachbarschaft, die lange auch im Kirchenvorstand war, engagiert sich seit Jahren f\u00fcr die internationalen G\u00e4rten, wo Einheimische und Zugewanderte auf ihren Parzellen Obst und Gem\u00fcse pflanzen und einander Wissen weitergeben. Oft wird auch zusammen gekocht und gegessen. Daraus erwuchs die Initiative, ab und an ad-hoc einen gemeinsamen Mittagstisch zu organisieren &#8211; mit Mahlzeiten aus aller Herren L\u00e4nder. Es braucht nicht viel f\u00fcr solche selbst organisierten Projekte: eigentlich nur tats\u00e4chlichen und ideellen Raum, wo Menschen ihre F\u00e4higkeiten einbringen, einander zuh\u00f6ren und Geschichten erz\u00e4hlen und tun, was sie immer tun \u2013nun aber gemeinsam. Kirchengemeinden tun gut daran, solche Projekte zu unterst\u00fctzen, gleich ob es um einen Garten geht \u2013\u00a0warum nicht auf Kirchenland? \u2013, um Hausaufgabenhilfe oder eine Integrationsklasse oder ganz einfach um das letzte Caf\u00e9 am Ort.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>7. Solidarit\u00e4t beginnt mit der Gastfreundschaft \u2013 in der Hoffnung auf Gottes neue Stadt<\/strong><\/p>\n<p>Wann immer ich in letzter Zeit an Quartierstagungen teilgenommen habe, wurden Karten gezeigt. Die Orte r\u00fccken neu ins Bewusstsein, mit ihrer Geschichte, ihrer Finanzierung, ihren Potenzialen. Vielen ist klar geworden: die Kirche geh\u00f6rt zum Quartier und sie pr\u00e4gt seine Geschichte und Atmosph\u00e4re mit \u2013 mit ihren Geb\u00e4uden, mit ihren Kl\u00e4ngen, aber eben auch mit ihren Menschen und mit deren Hoffnungen und Tr\u00e4umen und ihrem Einsatz f\u00fcr eine gerechte Welt. Dieses Kapital ist ganz sicher noch wichtiger als die kirchlichen Immobilien und wichtiger als die Kirchensteuer \u2013 aber alles zusammen bietet gro\u00dfartige Voraussetzungen, um Solidarit\u00e4t zu leben, neue Formen der Gemeinschaftlichkeit <em>f\u00fcr alle<\/em> zu unterst\u00fctzen. Dabei kann die Kirche \u2013 um es im Bild einer Filmproduktion zu sagen \u2013\u00a0Produzent oder Regisseur sein, sie kann aber auch Haupt- oder Nebendarsteller und sogar manchmal nur Komparse sein. Wichtig ist, dass sie in ihrer Motivation und ihrem Profil erkennbar bleibt\u201c<a href=\"#_ftn12\" name=\"_ftnref12\"><sup><sup>[12]<\/sup><\/sup><\/a>, hei\u00dft es in den 12 Kriterien der Gemeinwessendiakonie.<\/p>\n<p>Zu unserem Profil geh\u00f6rt es, nicht nur Heimat zu geben, sondern auch selbst unterwegs zu sein. Viele w\u00fcnschen sich, dass die Kirche im Dorf bleibt. Aber \u201ewir haben hier keine bleibende Stadt\u201c, wie es im Hebr\u00e4erbrief hei\u00dft, sondern \u201edie zuk\u00fcnftige suchen wir\u201c. Lange Zeit haben Christen sich selbst als Fremde in der Welt gesehen, als Peregrini, als Pilger. Das galt und gilt f\u00fcr die bedrohten Minderheitsgemeinden im r\u00f6mischen Reich, die ja gerade deshalb auf wechselseitige Gastfreundschaft angewiesen waren, genauso wie f\u00fcr die reformierten Fl\u00fcchtlingsgemeinden des 16. und 17. Jahrhunderts, die in ihren neuen St\u00e4dten von Anfang an diakonische Aufgaben \u00fcbernahmen. Wer selbst einmal Fl\u00fcchtling war, der wei\u00df, was andere brauchen, wenn sie bei uns Heimat suchen. Und wer selbst in Armut oder Krankheit auf Hilfe angewiesen war, der wei\u00df, welche Bedeutung die Diakonie der Kirche hat. Die Geschichte zeigt, dass die Kirche immer und immer wieder darum gerungen hat dieses Wissen nicht zu vergessen und sich nicht in der Suche nach Sicherheit abzuschotten.<\/p>\n<p>Die neue Stadt Gottes, zu der wir unterwegs sind, braucht keinen Tempel und keine Kircht\u00fcrme; in der Mitte steht das Lamm mit seinen Verwundungen und dem Siegeszeichen. Hier zeigt sich: die Opfer waren nicht umsonst, Tr\u00e4nen werden abgewischt, Schmerzen gestillt, blutige Kleider ausgewaschen, der Lebensdurst wird gel\u00f6scht, das besch\u00e4digte Leben beginnt neu. Wir sehen die V\u00f6lker von Osten und Westen, von Norden und S\u00fcden zu dieser Stadt pilgern, wir sehen sie durch die Tore gehen und durch die Stra\u00dfen wandern \u2013 in dem Licht, das von Gottes Thron ausstrahlt. Vieles von dem, was wir in der Offenbarung \u00fcber das neue Jerusalem lesen, ist die Erf\u00fcllung alter prophetischer Visionen. Es sind aber zugleich Bilder, die an die der letzten Tage erinnern.<\/p>\n<p>Wo wir die Hoffnung verloren haben, wo die Vision verblasst ist, da wird sie nun von au\u00dfen an uns heran getragen \u2013 von den Leidenden und Opfern. \u201eDas neue Jerusalem ist ein Versprechen, eine Herausforderung und eine Einladung, sich jetzt schon einzulassen auf das Leben in der himmlischen Welt, indem wir Barmherzigkeit leben und der Gerechtigkeit zum Durchbruch verhelfen, und damit daf\u00fcr sorgen, dass unsere irdischen St\u00e4dte etwas vom Glanz der himmlischen spiegeln. Auch wenn wir noch auf den neuen Himmel und die neue Erde warten \u2013 lasst uns anfangen, die neue Stadt zu bauen, die Stadt von Frieden und Gerechtigkeit\u201c, sagte Anthony Pilla, der katholische Bischof von Cleveland, 1993 in einer Rede \u00fcber die Kirche in der Stadt.<\/p>\n<p>30 Menschen m\u00fcsse man kennen, damit man sich in einer Stadt wirklich zu Hause f\u00fchlen kann, hei\u00dft es. Das wissen wir selbst von unseren Umz\u00fcgen und Reisen; das erfahren die Menschen, die als Migranten und Fl\u00fcchtlinge zu uns kommen. Dabei geht es nicht mehr darum, Menschen einfach nur zu integrieren &#8211; es geht vielmehr um eine Inklusion, bei der wir uns auch selbst verwandeln werden. Julia Kristeva, die ich schon einmal zitiert habe, vergleicht dazu die Geschichte der USA als eines Meltingpots von Zugewanderten mit den europ\u00e4ischen Gesellschaften von heute, allen voran mit Frankreich. Sie schreibt am Ende: Heute \u201eist es das Schicksal eines jeden, derselbe und der andere zu bleiben; ohne seine Herkunftskultur zu vergessen, aber sie relativierend, und zwar so weit, dass er sie nicht nur in die Nachbarschaft der anderen r\u00fcckt, sondern sie auch mit dieser ver\u00e4ndert\u2026 Vielleicht geht es letztlich darum, den Begriff des Fremden um das Recht auf Respekt unserer eigenen Fremdheit und \u00fcberhaupt des Privaten, das die Freiheit in den Demokratien garantiert, zu erweitern\u2026\u201c. Im Zuge dieser Entwicklung werde schlie\u00dflich auch der Zugang der Fremden zu politischen B\u00fcrgerrechten kommen. Das grundlegende Problem aber sei psychologischer, wenn nicht metaphysischer Art: es fehle ein gemeinsames Band, eine globalisierte Heilsvorstellung, abgesehen vom Wohlstand f\u00fcr alle. So seien wir gezwungen, mit ganz verschiedenen Werten und Moralvorstellungen zu leben. Einzig die universalen Menschenrechte und der wechselseitige Respekt vor Fremdheit und Schw\u00e4che k\u00f6nne uns in dieser Situation Leitschnur sein. Das scheint wenig und ber\u00fchrt doch die Grundlagen dessen, was nicht nur Europa, sondern auch unsere Kirche tr\u00e4gt. Wenn wir tats\u00e4chlich Gastfreundschaft \u00fcben, ohne alle an unsere Heimat und unsere Werte anzupassen &#8211; wenn wir im Auge halten, dass wir selbst noch unterwegs sind und dass auch unser Land sich wandeln muss, dann k\u00f6nnen wir entscheidend dazu beitragen, eine neue Willkommenskultur zu entwickeln.<\/p>\n<h5><\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Heinz Bude, Gesellschaft der Angst, Hamburg 2014<\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Jan Hendriks, Gemeinde als Herberge, 2001.<\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Hebr. 13, 2<\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Vgl. Christopher Wild, Royal Re-Entries, zum Auftritt in der griechischen Trag\u00f6die in: \u201eAnnemarie Matzke u.a.; Auftritte, Bielefeld 2015 (Der Trojanische Krieg bricht aus, weil Helena, die Frau des Menelaos, von Paris verf\u00fchrt wird.)<\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> Julia Kristeva, Fremde sind wir uns selbst, Berlin 1992<\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> Eph. 2, 19<\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> Kol. 3, 9-11<\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> Ex. 22,20<\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">[9]<\/a> Hiob 31, 13ff.<\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref10\" name=\"_ftn10\">[10]<\/a> Dietrich Bonhoeffer, Widerstand und Ergebung<\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref11\" name=\"_ftn11\">[11]<\/a> Eine aktuelle Studie der Bertelsmann-Stiftung h\u00e4lt fest (ich zitiere): \u201eDie Belastung der Kommunalhaushalte durch Sozialleistungen ist bundesweit unterschiedlich. Am geringsten ist sie in Baden \u2013W\u00fcrttemberg mit durchschnittlich 31 Prozent, am h\u00f6chsten in Nordrhein-Westfalen mit 43 Prozent. Zwischen den einzelnen Kommunen sind die Unterschiede teilweise eklatant: W\u00e4hrend die Stadt Wolfsburg (17 Prozent) und der bayerische Kreis Ha\u00dfberge (18 Prozent) nur einen kleinen Teil ihres Etats f\u00fcr Sozialleistungen aufwenden, machen die Sozialkosten in Duisburg, Wiesbaden, Eisenach und Flensburg mehr als die H\u00e4lfte des st\u00e4dtischen Haushalts aus.\u201c <a href=\"http:\/\/www.bertelsmann-stiftung.de\/de\/themen\/aktuelle-meldungen\/2015\/juni\/sozialausgaben-belasten-haushalte-der-kommunen-mit-bis-zu-58-prozent\/\">http:\/\/www.bertelsmann-stiftung.de\/de\/themen\/aktuelle-meldungen\/2015\/juni\/sozialausgaben-belasten-haushalte-der-kommunen-mit-bis-zu-58-prozent\/<\/a> Vom 8. Juni 2015.<\/h5>\n<p><a href=\"#_ftnref12\" name=\"_ftn12\"><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>eine Herberge am Weg: Gastfreundschaft als diakonische Tradition 1. Die neue Willkommenskultur Den starken Bildern kann sich keiner entziehen: Fl\u00fcchtlingsfamilien,&#8230; <a href=\"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=1228\">read more<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":564,"menu_order":96,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-1228","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/1228"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1228"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/1228\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1232,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/1228\/revisions\/1232"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/564"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1228"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}