{"id":1224,"date":"2015-09-24T13:11:45","date_gmt":"2015-09-24T13:11:45","guid":{"rendered":"http:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=1224"},"modified":"2018-08-31T17:06:34","modified_gmt":"2018-08-31T15:06:34","slug":"menschsein-lebt-von-in-carnation","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=1224","title":{"rendered":"Menschsein lebt von In-Carnation"},"content":{"rendered":"<p><strong>1. Tr\u00e4ume \u00fcber den Wolken <\/strong><\/p>\n<p>\u201e\u00dcber den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein&#8230;\u201c, sang Reinhard Mey. Trotz Massentourismus im Flugverkehr sorgt der Traum vom Fliegen noch immer f\u00fcr Stimmung auf vielen Partys. \u00dcber den Wolken spazieren gehen kann man jetzt in Karlsruhe im Zentrum f\u00fcr Kultur und Medien. In der Ausstellung \u201eGlobale\u201c ist eine Wolke in einer riesigen Halle eingefangen. Wer auf die Emporen steigt, kann durch die Wolke hindurch in den lichten Raum dar\u00fcber gelangen. Ein kleines Gipfelerlebnis, das allerdings von Schwefelgeruch begleitet ist. Denn die Wolke wird k\u00fcnstlich aufgeblasen. Das Bild von Caspar David Friedrich, das am Eingang der Halle zu sehen ist, erinnert an die Faszination der Wolken an der K\u00fcste \u2013 der Text daneben aber macht deutlich, dass wir l\u00e4ngst in einer Natur leben, die von Menschen gemacht ist. Wir sind es, die die Welt erschaffen \u2013 die \u00d6kosph\u00e4re und die Infosph\u00e4re, in der wir leben. In anderen Ausstellungsr\u00e4umen kann man es k\u00f6rperlich erleben: Datenfl\u00fcsse umgeben den Besucher wie anderswo Str\u00f6me von Wasser oder Windb\u00f6en.<\/p>\n<p>Angesichts des Bev\u00f6lkerungswachstums, der Abholzung des Regenwalds, des Anstiegs der Treibhausgase wird die Menschheit auf Jahrtausende hin einen ma\u00dfgeblichen \u00f6kologischen Faktor darstellen. Geoengeneering und Optimierung des Klimas besch\u00e4ftigen Wissenschaftler genauso wie auf der medizinischen Ebene Biotechnologie und Gentherapie. Die naturwissenschaftlichen Entdeckungen und technologischen Entwicklungen, mit denen der Mensch Natur und Umwelt bis hin zum eigenen K\u00f6rper ver\u00e4ndert, haben sich in der Moderne so rasant beschleunigt, dass eine ganze Gruppe von Wissenschaftlern inzwischen vom \u201eAnthropoz\u00e4n\u201c spricht, vom Erd-Zeitalter des Menschen. Unsere Umwelt werde zur \u201eUnswelt\u201c. Diese Antropoisierung der Welt, die Aneignung der Welt durch den Menschen, biete die gro\u00dfartige Chance, die Erde zu \u201ehumanisieren\u201c, meint Christoph Schw\u00e4gerl in seinem Buch \u201eMenschenzeit\u201c.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a><\/p>\n<p>Wer die Gefahren des Umgangs mit der sauberen Atomenergie im Kopf hat, wer die Experimente mit der Umleitung von Fl\u00fcssen kennt, die aus W\u00fcsten bl\u00fchende Landschaften machen sollen, wird sich fragen, ob solche Vorstellungen nicht das Offensichtliche ausblenden, dass es Effekte des medizinischen und technischen Fortschritts gibt, die sich im Nachhinein als R\u00fcckschritt entpuppen k\u00f6nnen. Die These vom Zeitalter des \u201eAnthropoz\u00e4ns\u201c unterstelle, dass der Mensch nicht nur die Erde ver\u00e4ndere, sondern dass er auch verstanden habe, wie er sie ver\u00e4ndere und nach welchen Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten sie funktioniere, schreibt der Hannoveraner Philosoph J\u00fcrgen Manemann<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a>. Das aber sei keinesfalls der Fall. Das Problem sei vielmehr, \u201edass wir, wenn wir die Erde als Apfel betrachten, mit unserem Wissen gerade erst die Schale durchdrungen haben, mit unserem Verhalten aber bereits den Kern ver\u00e4ndern\u201c, sagt Manemann. <a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a>Deshalb gehe es heute in den Krisen von Technik und Wachstum gerade darum, bei aller Begeisterung f\u00fcr Forschung und Ver\u00e4nderung eben auch unser Nichtwissen zu reflektieren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>3. Die Antiquiertheit des Menschen <\/strong><\/p>\n<p>Das liegt insbesondere bei weitreichenden politischen Zukunftsentscheidungen auf der Hand. Hier m\u00fcssen auch Argumente einflie\u00dfen, die jenseits der Frage nach der \u201eMachbarkeit\u201c liegen &#8211; Fragen nach dem Nutzen einer neuen Technologie, nach ihrer sozialen W\u00fcnschbarkeit wie nach m\u00f6glichen Alternativen. Dass wir nicht alles machen d\u00fcrfen, was wir k\u00f6nnen, ist f\u00fcr viele B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger inzwischen eine selbstverst\u00e4ndliche Vorstellung geworden. Das Problem dabei ist, dass uns oft die sinnliche Anschauung \u00fcber die Konsequenzen unserer Entscheidungen fehlt \u2013 dass unsere Vorstellungskraft mit den technischen M\u00f6glichkeiten nicht Schritt halten kann. Wir sehen, wie der Wasserspiegel steigt und ganze Inselgruppen im Pazifik f\u00fcr immer von der Landkarte tilgen wird, wir erleben, wie die ersten Klimafl\u00fcchtlinge sich in andere Kontinente aufmachen und tun uns trotzdem schwer, diese Entwicklung als Folge unseres Lebensstils zu begreifen und globale politische Konsequenzen daraus zu ziehen. Wir k\u00f6nnen uns ausrechnen, welche Konsequenzen der Klimawandel noch zu Lebzeiten der n\u00e4chsten Generation haben wird, und tun uns trotzdem schwer, unsere Vorstellungen von Fortschritt und Wachstum, Ressourcenausbeutung und globaler Verantwortung zu \u00fcberdenken. G\u00fcnther Anders hat deshalb von der \u201eAntiquiertheit des Menschen\u201c und der Unf\u00e4higkeit zur Angst gesprochen &#8211; parallel zur Unf\u00e4higkeit zu trauern, die Alexander und Margarete Mitscherlichs in der Nachkriegszeit in Deutschland diagnostizierten. In beiden F\u00e4llen ging und geht es um den Aufruf, uns selbst und unser Leben in Frage stellen zu lassen und von falschen Wegen umzukehren. Mit der Schrift \u201eWie ein Riss in einer hohen Mauer\u201c hat die Evangelische Kirche in Deutschland im Sommer 2009 beschrieben, dass genau diese Haltung es ist, die Krisen \u2013 wie damals die Finanz- und Wirtschaftskrise &#8211; erst ausl\u00f6st. Wer den Riss in der Mauer, die ersten Anzeichen der drohenden Katastrophe \u00fcbersieht, vers\u00e4umt es, rechtzeitig umzusteuern.<\/p>\n<p>Der Prophet Jesaja, auf den der Gedanke vom Riss in der Mauer zur\u00fcck geht<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a>, sieht den Grund f\u00fcr die Fehleinsch\u00e4tzung darin, dass Menschen sich von Gottes Weg und Gebot entfernt haben und gerade deshalb nicht \u201emenschengem\u00e4\u00df\u201c leben. Wie gro\u00df die Differenz zwischen unserem Denken, Forschen und Entwickeln auf der einen Seite und unserer menschlichen Lebenswirklichkeit auf der anderen ist, erleben wir heute vielleicht am deutlichsten in der zunehmenden Beschleunigung von Arbeitsprozessen, aber auch von Entscheidungen. Viele sind kaum noch in der Lage, ihre dienstlichen Mails in angemessener Zeit zu beantworten, w\u00e4hrend global agierende Unternehmen gleichzeitig fordern, dass die Antwort m\u00f6glichst \u201ezeitnah\u201c rund um die Uhr erfolgen soll. Und die Geschwindigkeit, mit der Computer an den Finanzm\u00e4rkten in Millisekunden \u00fcber die besten Anlagem\u00f6glichkeiten entscheiden, ist f\u00fcr unsere Gehirne nicht mehr nachvollziehbar. Die Geschwindigkeit, in der heute im Netz ein \u201eShitstorm\u201c entsteht und auch wieder abebbt und die Skandalisierung eines Ereignisses in den Medien sind umgekehrt proportional zu der F\u00e4higkeit, Probleme, deren Symptome wir wahrnehmen und beklagen, politisch zu l\u00f6sen \u2013 vor allem dann, wenn die Fragen und L\u00f6sungen \u00fcber eine Legislaturperiode oder gar \u00fcber eine Generation hinaus gehen. Nachhaltigkeit wird zwar \u00fcberall gefordert und thematisiert, tats\u00e4chlich aber fehlt oft der Wille, die notwendigen und sicherlich streitigen demokratischen Prozesse einzuleiten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>4. Beschleunigung, Optimierung und Resonanzverlust<\/strong><\/p>\n<p>Der Soziologe Hartmut Rosa sieht in diesen Beschleunigungsprozessen die Ursache f\u00fcr eine wachsende Entfremdung und damit einen \u201eResonanzverlust\u201c,<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a> was Politik, aber auch Arbeit und Beziehungen angeht. Wer die Prozesse, die mit dem eigenen Leben verbunden sind, nicht mehr wirklich verfolgen und nachvollziehen kann, wer keinen Ansatz zur Teilhabe und Beteiligung mehr findet, findet sich in Einsamkeit und Ohnmacht wieder. Und tats\u00e4chlich erleben wir ja, welche sozialen Auswirkungen die Erwartungen von Mobilit\u00e4t und Flexibilit\u00e4t in der Arbeitswelt auf unsere Beziehungen haben: die Sehnsucht nach stabilen Familienverh\u00e4ltnissen w\u00e4chst genauso wie die nach \u201eHeimat\u201c \u2013 in einer Situation, in der es immer schwieriger wird, als Familien zusammen zu leben. Auch die viel gescholtene Politikverdrossenheit hat wohl mit den Lebensbedingungen der beschleunigten Moderne zu tun. Auch der Philosoph Hartmut B\u00f6hme macht deutlich, dass die Frage nach \u201eEntschleunigung\u201c eine Schl\u00fcsselfrage unserer Zeit geworden ist<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a>. Er erinnert daran, dass sich viele leiblich &#8211; seelische Prozesse nicht beschleunigen lassen: Das gilt f\u00fcr Schwangerschaften und die Entwicklung von Kindern genauso wie f\u00fcr unser Schlafbed\u00fcrfnis oder f\u00fcr Heilungsprozesse. Die viel gepriesene Zeit\u00f6konomie und die gesetzten Rhythmen unseres Lebens stehen in Spannung zueinander \u2013 auch deshalb hat die \u00d6konomisierung aller Lebensbereiche \u00fcber Arbeit und Wirtschaft bis hin zu Bildung und Gesundheitswesen ihre Grenzen. Ganz wie Natur und Umwelt unterliegt ist auch unsere eigene leib-seelische Wirklichkeit nur begrenzt planbar; ja, wer das eigene Leben dem Diktat von Zielsetzungen unterwirft, vers\u00e4umt es am Ende, so wie es das Gleichnis vom reichen Kornbauern erz\u00e4hlt.<\/p>\n<p>\u201eDie heutigen Versuche zur biologischen Optimierung des Menschen, aber auch die Programme zur Fitness-Steigerung geh\u00f6ren zu dem Megatrend, ein posthumanes Zeitalter zu kreieren. Denn der Organismus scheint zu tr\u00e4ge, zu langsam, zu widerst\u00e4ndig und auch zu grob f\u00fcr die hypertechnischen Welten der Zukunft\u201c, schreibt Hartmut B\u00f6hme. L\u00e4ngst \u201er\u00fcsten wir nach\u201c \u2013 mit Medikamenten, die das Gehirn je nach Bedarf beruhigen oder antreiben, aber auch mit den technischen M\u00f6glichkeiten des Computerzeitalters, mit denen wir inzwischen auch k\u00f6rperliche Handicaps ausgleichen k\u00f6nnen. Und wer wollte schon auf den Sprachcomputer f\u00fcr Sehbehinderte oder auf Prothesen f\u00fcr Sportler mit K\u00f6rperbehinderungen, wer auf k\u00fcnstliche H\u00fcftgelenke oder eine Herzklappe verzichten? Medizin und Technik werden als Erweiterung unserer M\u00f6glichkeiten wahrgenommen und auch das Handy in unserer Tasche oder das Navi im Auto sind ausgelagerte Teile unseres Ged\u00e4chtnisses geworden. Das alles kann aber nicht dar\u00fcber hinweg t\u00e4uschen, dass wir am Ende mit der Endlichkeit unserer Lebenszeit und der Begrenztheit unserer Ressourcen werden leben m\u00fcssen. Oder sollen wir uns wirklich in eine postbiologische Zukunft w\u00fcnschen, die das Wesen unserer Sterblichkeit ver\u00e4ndert, so wie es der Computerspezialist Ray Kurzweil imaginiert? Er meint, im 21. Jahrhundert werde eine Form der Intelligenz entstehen, die vom Leib des Menschen unabh\u00e4ngig sei; so k\u00f6nne der Inhalt eines menschlichen Gehirns ohne chirurgischen Eingriff gescannt und auf einen PC kopiert werden, der hinfort als \u201eMaschinenmensch\u201c weiter agiere. <a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a> In Zukunft also k\u00f6nnten wir unseren K\u00f6rper wechseln wie ein Kleidungsst\u00fcck.<\/p>\n<p>Menschen haben aber nicht nur einen K\u00f6rper, sie sind ihr Leib. Der K\u00f6rperleib des Menschen ist von seiner seelischen Entwicklung eben nicht zu trennen. In unserer Leiblichkeit sind wir grunds\u00e4tzlich mit der Erfahrung von Verletzlichkeit und Endlichkeit verbunden &#8211; im Blick auf uns selbst und auch im Blick auf andere. Die Erfahrung der eigenen Verletzlichkeit l\u00e4sst uns empathisch auf die Leiden anderer reagieren und erm\u00f6glicht auf diese Weise Beziehung und Solidarit\u00e4t. Auch die Erfahrungen der Liebe und des Miteinanders sind in unser K\u00f6rperged\u00e4chtnis eingeschrieben. Sich ganz auf das Menschsein einzulassen, ganz und gar menschlich zu handeln, hat deshalb immer auch mit Leiblichkeit zu tun. Nirgendwo wird das deutlicher als in der Menschwerdung Gottes, der Incarnation. Der \u201eKampf gegen den verwundbaren K\u00f6rperleib m\u00fcndet in die Entnaturalisierung des Menschen und f\u00fchrt schlie\u00dflich zur Verh\u00e4rtung, zur Abschottung gegen Leiden und Mitleiden\u201c, schreibt J\u00fcrgen Manemann.<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">[8]<\/a> Denn er ziele auf die Aufhebung der Kontingenz in Zeugung und Geburt, die die conditio sine qua non jeder Individualit\u00e4t sei.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>5. Gesch\u00f6pflichkeit, Achtsamkeit und Respekt <\/strong><\/p>\n<p>Die aktuellen ethischen Auseinandersetzung um Sterbehilfe und Fruchtbarkeitsmedizin bzw. Pr\u00e4implantationsdiagnostik spiegeln den alten Wunsch, Herr des eigene Lebens zu sein und \u201eschicksalhafte\u201c Probleme zu \u201ebeseitigen\u201c und lassen zugleich ahnen, was der Preis sein k\u00f6nnte: Verluste an Vielfalt, Beziehungsf\u00e4higkeit und achtsamem Respekt vor dem Leben. \u201eWie wird es um das Kind stehen, das mit einer \u201eBehinderung\u201c geboren ist?\u201c fragt John Rifkin. \u201eK\u00fcnftige Generationen k\u00f6nnten viel weniger tolerant gegen\u00fcber Menschen werden, die nicht technisch reproduziert sind und von den genetischen Standards und Normen des bioindustriellen Marktes mit seinen \u201eoptimalen Praktiken\u201c abweichen. Wenn dies gesch\u00e4he, k\u00f6nnten wir das kostbarste Geschenk \u00fcberhaupt verlieren: die F\u00e4higkeit des Menschen zur Empathie\u201c<a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\">[9]<\/a>.<\/p>\n<p>Der Respekt vor dem Anderssein der Anderen und die Achtung vor sich selbst in h\u00e4ngen aber eng zusammen. Es geht nicht zuletzt um die \u00dcberzeugung, dass jeder Mensch in seinem Sosein Gottes Ebenbild ist und damit auch die M\u00f6glichkeit hat, mit anderen gemeinsam Zukunft zu gestalten. Diese Haltung gibt Gelassenheit auch in Krisen, aber auch die Kraft der Hoffnung, aus der sich Ideen f\u00fcr neue Wege entwickeln. Zivilgesellschaftliche Bewegungen f\u00fcr Inklusion, Gastfreundschaft oder eine nachhaltige, \u00f6kologische Kultur zeigen uns die Richtung. Das Neue entsteht, wo Menschen tats\u00e4chlich den Menschen in den Mittelpunkt der Entwicklung r\u00fccken &#8211; nicht den \u201eneuen Menschen\u201c, der sich die Welt formt, sondern den von Gott geliebten Menschen, der die Sch\u00f6pfung als Teil des Ganzen achtsam h\u00fctet und bewahrt \u2013 und auch die eigene Gesch\u00f6pflichkeit ernst nimmt. Damit das gelingt, braucht es tats\u00e4chlich einen neuen Lebensstil, zu dem auch Zeiten der Entschleunigung geh\u00f6ren: zum \u201eDurchatmen\u201c und zum Austausch mit Freunden, zum H\u00f6ren auf die innere Stimme, zur Erinnerung an das, was uns tr\u00e4gt. Die zehn Gebote, auf dem Weg durch die W\u00fcste in die Zukunft zum ersten Mal aufgeschrieben, sind vielleicht aktueller als je : Wir sollen den Alltag unterbrechen, Abstand nehmen, den Sabbat halten, uns von den oberfl\u00e4chlichen (Wunsch)Bildern l\u00f6sen, immer wieder pr\u00fcfen, worauf wir wirklich vertrauen, und letztlich, bei allem Bedenken und Planen der eigenen Wege, auf Gottes Weisungen h\u00f6ren.<\/p>\n<p>Und dennoch werden Gebote von vielen als Einengungen empfunden, Beziehungen aus Fesselungen, Entscheidungen als Festlegungen, die unfrei machen.<a href=\"#_ftn10\" name=\"_ftnref10\">[10]<\/a> Tats\u00e4chlich sind unsere Optionen ins Unendliche gewachsen, mit ihnen aber auch die Entscheidungszw\u00e4nge und die Gefahr, sich in den eigenen Entscheidungen selbst zu verfehlen. In der F\u00fclle von Daten und Texten in der Infosph\u00e4re, die uns umgibt, geht vielen das Ger\u00fcst verloren, das n\u00f6tig ist, um Wissen von Meinung zu unterscheiden und Erfahrungen in ihre Kontexte einzuordnen. So wird alles gleich-g\u00fcltig. Auf diesem Hintergrund w\u00e4chst nun die Frage nach Werten, nach Kultur und Religion. Aber Werte sind nicht im Netz abrufbar; sie sind nicht beliebig w\u00e4hlbar, sondern sie wachsen in Erfahrungen und werden an Vorbildern gelernt. Es braucht darum Zeit, die eigene Orientierung zu entwickeln, zu begreifen und miteinander zu teilen \u2013 und das geschieht noch immer \u00fcberwiegend \u201eface to face\u201c, von Angesicht zu Angesicht, wo Menschen einander in die Augen sehen und sich aufeinander einlassen. Unter diesem Blick des Anderen werden wir erst zum Ich, da entsteht Individualit\u00e4t und mit ihr Verantwortung als die Kraft, Entscheidungen auch f\u00fcr das eigene Leben zu treffen. Diese Voraussetzung unseres Menschseins, die schon mit der biblischen Sch\u00f6pfungsgeschichte erz\u00e4hlt wird, ist nur um den Preis der Selbstverfehlung zu \u00fcberholen. Der \u201eneue Mensch\u201c, wie ihn die Bibel sieht, ist in Jesus Christus erkennbar: ganz h\u00f6rend auf die Stimme des Vaters, der \u2013 <u>auch<\/u> wenn wir selbst nun Wolken in die Welt setzen, Wolken, Luft und Winden gibt Wege, Lauf und Bahn &#8211; verletzlich und dabei voll heilender Liebe. Zu ihm und mit ihm sind wir unterwegs zu einer humanen Welt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h5><\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> C. Schw\u00e4gerl: Menschenzeit. Zerst\u00f6ren oder Gestalten? Wie wir heute die Welt von morgen erschaffen, M\u00fcnchen 2012<\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> J. Manemann, Kritik des Anthropoz\u00e4ns, Pl\u00e4dyer f\u00fcr eine neue Human\u00f6kologie, Bielefeld 2014<\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> A.a.O. S. 36<\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Jesaja 30, 8 \u2013 15<\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> Hartmut Rosa, Beschleunigung und Entfremdung, 2005<\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> Hartmut B\u00f6hme; Wollen wir in einem posthumanen Zeitalter leben? Geschwindigkeit und Verlangsamung in unserer Kultur, Berlin 2014<\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> Ray Kurzweil, Homo s@piens. Leben im 21. Jahrhundert- Was bleibt vom Menschen? K\u00f6ln 2001<\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> A.a.O S. 104<\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">[9]<\/a> J. Rifikin, Der embrynoale Marktplatz. Was ist der Mensch: Die Ethik der Genetik, in SZ, 14.\/15.\/16. 4.2001<\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref10\" name=\"_ftn10\">[10]<\/a> Vgl. F. Konersmann, Die Unruhe der Welt, 2015<\/h5>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1. Tr\u00e4ume \u00fcber den Wolken \u201e\u00dcber den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein&#8230;\u201c, sang Reinhard Mey. 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