„Der Schmerz als Weg in ein Anderes Leben“

movum 12/2018: Interview: MICHAE L MÜLLER

Die evangelische Theologin Cornelia Coenen-Marx über Laudato Si’, die Ökonomisierung der Natur und die Bibel als Auftrag für die Große Transformation.

Frau Coenen-Marx, die katholische Kirche hat mit „Laudato Si’“ eine beeindruckende Lehrschrift zur Verantwortung des Menschen für das gemeinsame Haus Erde herausgebracht. Wie sehen Sie die Initiative von Papst Franziskus? Er spricht von den Wunden an der Natur und an der Menschheit.

Cornelia Coenen-Marx: Laudato Si’ zeigt ganz klar, welche ethischen Konsequenzen aus der Freude an der Schöpfung und dem Lobpreis des Lebens folgen. Der Text ist nicht moralinsauer, sondern hellsichtig und mit klarer Kante.
In einer Passage, die mir sehr gefällt, zeigen die Autoren, wie wichtig es ist, Stadtlandschaften so zu gestalten, dass Flussufer, Parks und Plätze allen zugänglich sind, statt öffentliche Güter für wenige zu privatisieren. So entstehen auch wieder Trinkbrunnen, an denen sich alle bedienen können, ohne teures Trinkwasser kaufen zu müssen – das lässt die Hoffnung aufkeimen, dass auch die Bürgerinnen und Bürger von Evian in den französischen Alpen irgendwann wieder von ihrem eigenen Grundwasser trinken können, dass also dem Raubbau von Nestlé und anderen ein Ende gesetzt wird. Vergangenes Jahr stand in Athen, wo neben Kassel die documenta 14 stattfand, eine Telefonzelle, die zum Sauerstoffzelt geworden war – da konnte man sich vorbereiten auf eine Welt, in der auch die Luft privatisiert ist.
„Laudato Si’“ ruft in Erinnerung, dass die Allmende Grundlage für eine soziale Gemeinschaft ist, in der nicht einer des anderen Wolf werden muss, wie es der ausufernde Wettbewerb lehrt. Wenn der Markt auf alle Bereiche übergreift und auch die sozialen und die natürlichen Grundlagen des Lebens ökonomisiert werden, empfinden wir eine existenzielle Bedrohung, dann schlägt menschliche Autonomie um in Beziehungslosigkeit. Ich glaube, der Schmerz darüber kann der Impuls für ein anderes Leben sein. Der Apostel Paulus beschreibt diesen Schmerz als „Wehen“ – den Weg zu einem neuen Leben.

Wie ist das Verhältnis Ihrer Kirche zur Natur? Was zählt mehr: den Apfelbaum zu pflanzen oder sich die Erde untertan zu machen?
In der älteren Schöpfungserzählung, die von Adam und Eva erzählt, heißt es, Gott setzte uns Menschen in den Garten, „damit wir ihn bebauen und bewahren“ – eben Apfelbäume pflanzen! Der Auftrag, die Natur zu schützen und zu pflegen, ist das Gegenteil von Ausbeutung und Naturzerstörung – so wird ja das „untertan machen“ aus dem späteren Schöpfungsbericht oft verstanden. Aber dass wir uns dermaßen als „Herren“ der Schöpfung aufgeführt haben und noch aufführen, das entspricht auch dem priesterschriftlichen Schöpfungsbericht nicht wirklich.
Denn die Krone der Schöpfung nach den sechs Tagen, in denen Himmel und Meer, Pflanzen und Tiere erschaffen werden, ist dann am siebten Tag der Sabbat, der Ruhetag für Mensch und Natur. Der Mensch wird am sechsten Tag geschaffen, er ist Teil der Schöpfung und soll seinen Platz in ihr einnehmen. Aber das begreifen wir leider oft erst, wenn wir an die Grenzen stoßen.

Was wäre der wichtigste Beitrag der Kirchen, damit es zum dauerhaften Frieden mit der Natur kommt?
Der dauerhafte Frieden wäre die Rückkehr ins Paradies. Die vielen Dystopien in Büchern und Filmen zeigen aber, dass viele zurzeit eher das Gefühl haben, wir gingen auf die Apokalypse zu. Dass wir diese Ängste wahrnehmen, ohne zu resignieren oder zynisch zu werden, dass wir Mut machen, auch schmerzhafte Veränderungen anzugehen und dabei einen gelassenen Umgang mit Endlichkeit vorleben, das wäre ein wichtiger Beitrag der Kirche.

Heute steht die Umweltbewegung vor einer neuen Herausforderung. Sie muss konkret machen, wie eine sozial-ökologische Transformation aussehen kann. Ist ein tiefgreifender Wandel ohne eine soziale und ethische Grundlage überhaupt möglich und welche Rolle können dabei die Kirchen spielen?
In allen Veränderungsprozessen brauchen wir gemeinsame Werte als Grundlage für das Setzen von Prioritäten und für die schmerzhaften Entscheidungen, die damit verbunden sind. Und auch die Bereitschaft und Fähigkeit, beieinander zu bleiben, Seite an Seite, aufeinander zu achten und die Schwächeren, die Gebrechlichen und Verletzten mitzunehmen, ist eine Grundvoraussetzung für gelingende Transformation.
Die Exodusgeschichte mit der Wüstenwanderung erzählt davon – und auch von den Gefahren, die uns zurückfallen lassen. Dass die gemeinsame Anstrengung aus unterschiedlichen Quellen kommen kann – jüdischen und christlichen, humanistischen, bürgerlichen, sozialistischen und heute auch muslimischen –, das zeigt die Entwicklung des Sozialstaats in Deutschland. Die Religionsgemeinschaften sind aber noch etwas anderes als „Werteagenturen“ – sie sind Hoffnungs- und Erzählgemeinschaften, die Bilder, Vorbilder, Symbole und Rituale für Übergänge zur Verfügung stellen.

Der Klimawandel ist wahrscheinlich die größte Menschheitsherausforderung. Die Gefahren kennen wir seit 30 Jahren, doch der Klimaschutz kommt nicht voran. Beim Schutz von Wasser, Boden und Luft sieht es nicht viel besser aus. Wie erklären Sie sich, dass der Widerspruch zwischen Wissen und Handeln immer größer wird?
Im Bundestagswahlkampf 1961 versprach der damalige Kanzlerkandidat Willy Brandt den blauen Himmel über der Ruhr. Vor ein paar Tagen war ich mit dem Auto auf dem Weg nach Ennepetal – zwischen Hagen und Wuppertal – und erinnerte mich an die dreckige Luft, die ich früher bei Fahrten auf der B7 erlebte.
Nach 1990 wurde die Luft auch im Chemiedreieck um Bitterfeld wieder besser – zum Teil allerdings auch Ergebnis einer übergriffigen Industriepolitik durch die Treuhand. Wünschenswert bleiben demokratische Initiativen zur Verbesserung der Lebensqualität, wie das an Rhein und Wupper gelungen ist.
Was also ist seitdem passiert? Warum nutzen wir weiter Wegwerfplastik, obwohl wir sehen, wie wir die Meere zerstören? Ich habe den Eindruck, dass sich viele Bürgerinnen und Bürger angesichts der Komplexität der Globalisierungsprozesse, der Bilder und Informationen absolut überfordert fühlen.
Am Beispiel des Dieselskandals und des Kohleausstiegs sehen wir wie in einer Inszenierung, welche Konsequenzen das hat: Die Angst um Arbeitsplätze und die um Klima und Gesundheit fallen sich gegenseitig in den Schritt, Automobil- und Energiewirtschaft steuern trotz aller Expertise nicht rechtzeitig um und nationale Politik als steuerndes Element fällt aus Angst vor Stimmenverlusten nahezu aus.

Was muss geschehen?
Klare Verabredungen zum Beispiel über den Zeitpunkt des Kohleausstiegs wären hilfreich – die Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland hat das eben in einem Beschluss festgehalten. Dass weniger Wachstum und materieller Wohlstand mehr sein könnte, das spüren ja längst viele Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Tarifvertragsverhandlungen zeigen: Viele wollen mehr Zeit füreinander, mehr Qualität von Nahrung, Luft und Wasser, mehr Leben statt Funktionieren.
Auch eine Fülle zivilgesellschaftlicher Initiativen und Mut machende Start-ups geht in diese Richtung. Diese Art von bürgerschaftlichem Wissen und Engagement braucht politische Struktur und mutige Protagonisten, die sich über die machtvollen Profitinteressen, mit denen wir es zu tun haben, keine Illusionen machen und sich weltweit vernetzen.

Sie haben im Jahr 2012 wesentlich dazu beigetragen, dass es zum „Transformationskongress“ von Kirchen, Gewerkschaften und Umweltverbänden kam. Wie sehen Sie heute die damalige Initiative?
Die Aufgabe, vor der wir stehen, lässt sich nur in breiten Allianzen bewältigen. Es wäre schön, wenn der Prozess weiterginge – auch mit weiteren Partnern aus Kirchen und Religionsgemeinschaften, Wirtschaft und Zivilgesellschaft. Auch ein internationaler Kongress könnte ein nächster Schritt sein. Neben solchen Großveranstaltungen ist es wichtig, dass vor Ort, bei Akademietagungen oder Projekten alle Chancen zur Zusammenarbeit genutzt werden. Der Transformationsprozess, die Bewegungen brauchen jedenfalls stützende Organisationen, die mehr Atem haben als die jeweils aktuelle Politik. Die Kirchengemeinden vor Ort können dabei eine wichtige Rolle spielen, wenn sie den eigenen Umgang mit Energie und Arbeitsplätzen wirklich nachhaltig gestalten.