Interviews

SWR2 Zeitgenossen: 28.03.2018

Cornelia Coenen-Marx, evangelische Theologin von Gohla Holger

Podcast: https://x.swr.de/s/uw1

Wollte man Cornelia Coenen-Marx mit einem einzigen Begriff beschreiben, würde „Einmischerin“ gut passen.In ihrer aktiven Laufbahn in Kirche und Diakonie ergriff sie immer wieder das Wort für Menschen in sozial schwierigen Situationen oder setzte schon früh Ideen um wie einen „Gemeindeladen“. Heute ist die Rheinländerin, die bei Hannover lebt, im sogenannten dritten Lebensabschnitt selbstständig tätig und thematisiert in Seminaren oder Einkehrtagungen die spirituelle Seite sozialen Handelns. Zudem berät sie soziale Organisationen oder publiziert über das „Geschenk des Älterwerdens“ und über „Aufbrüche in Umbrüchen. Christsein und Kirche in der Transformation“.
Diese Folge ist eine Audio-Datei aus der Serie des Podcasts, Zeitgenossen, die du hier downloaden und online anhören kannst.

 



Wir reden übers Sterben … 

… heute mit: Cornelia Coenen-Marx

Cornelia Coenen-Marx ist Pastorin, Autorin und Inhaberin der Agentur „Seele und Sorge – Impulse, Workshops und Beratung“. Sie hatte zuvor verschiedene Positionen in Kirche und Diakonie- u.a. als Gemeindepfarrerin, Leiterin eines diakonischen Unternehmens, Oberkirchenrätin für Gesellschafts- und Sozialpolitik bei der Evangelischen Kirche in Deutschland. Im September 16 wird ihr neues Buch „ Aufbrüche in Umbrüchen“ erscheinen; 2013 erschien „Die Seele des Sozialen“. Zu ihren derzeitigen Projekten gehören die „Diakonischen Pilgerreisen“; mehr dazu unter www.seele-und-sorge.de

1. Die beschäftigen sich mit (Ihrer) Endlichkeit.

Der Umgang mit Tod und Sterben gehört von Anfang an zu meinem Leben: als Kind im Pfarrhaus gehörte das Sterben der Urgroßtante, die meine Mutter pflegte, genauso dazu wie der Unfalltod von Freunden oder der meines Grundschulrektors am Heiligabend, der die Familienfeier jäh unterbrach, weil mein Vater zum Hausbesuch musste. Ähnlich ging es mir selbst noch in den 80er Jahren als Gemeindepfarrerin in einer Kleinstadt- und in der Leitung der Kaiserswerther Diakonie haben wir in einem begleiteten Palliative-Care-und-Ethikprozess daran gearbeitet, wie sich die Kultur in Krankenhäusern und Pflegeheimen ändern muss, damit wir in Würde sterben können. Denn so individuell sterben auch ist – schon meine Berufsbiographie zeigt, wie sehr wir dabei in gesellschaftliche Rahmenbedingungen eingebunden sind. Aber trotz aller beruflichen Erfahrungen, trotz vieler Projekte und Debatten- der Tod meiner Eltern und eine eigene Krankheitsphase vor zwei Jahren haben noch einmal etwas verändert: seitdem ist mir die eigene Sterblichkeit und Zeitlichkeit geradezu körperlich bewusst.

Welche Auswirkungen hat das auf Ihr Leben? Ich bin aus dem institutionellen Funktionieren ausgestiegen, setze meine Arbeitsschwerpunkte bewusster, gehe wieder öfter ins Kino und ins Theater und achte mehr auf die Stressgrenzen, die mein Körper mir signalisiert.

2. Viele haben Hemmungen oder auch Angst, mit anderen über das Sterben zu reden. Wie ist das bei Ihnen? Was hat sich verändert?

Ich habe keine Angst davor, weil ich lange mit dieser Berufsrolle gelebt habe – Pfarrerinnen und Pfarrer gehören zu denen, mit denen man darüber reden kann. Mir ist es aber wichtig, so über das Sterben zu reden, dass ganz klar ist: das ist eben nicht das Tabu, das wir den Profis überlassen müssen, sondern Teil des Lebens, das wir selbst gestalten. So darüber zu reden, haben mir meine eigenen existenziellen Erfahrungen geholfen.

3. Ihr Vorschlag für einen guten Satzanfang, wenn Sie mit jemandem über solche Dinge wie Sterben, Vorsorge u.ä. reden wollen: Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es entlastend ist, sich frühzeitig zu überlegen.

4. Wie ergänzen Sie diesen Satz der Künstlerin Candy Chang:
Bevor ich sterbe, möchte ich …
Noch einmal mit meinem Mann in den Nahen Osten reisen.

5. Was glauben Sie, kommt nach dem Tod? Wir werden leben- in der neuen Schöpfung, in Vielfalt, Frieden und Versöhnung. Mich leitet das Bild vom neuen Jerusalem, das sich auf den letzten Seiten der Bibel findet; die neue Stadt der offenen Tore. Ich verstehe das Leben als Reise dorthin.

6. Wenn Sie in der Sterbe- und Bestattungskultur in Deutschland/ der Schweiz etwas ändern könntest, was wäre das? Das Gesundheits- und Pflegesystem durchlässiger machen; Mehr Kirchengemeinden für Unterstützungsangebote in Palliativnetzwerken gewinnen, aber auch Angehörigen- und Familienzimmer, wie es sie in Hospizen gibt, in Altenheimen und Krankenhäusern einrichten! Vor allem aber: Das Bewusstsein schärfen, dass Abschiednehmen Zeit, vielfältige Rituale und Treffpunkte braucht, weil die überkommenen Rituale und ihre Bedeutung erodieren. Das geht alle an- auch Unternehmen, Schulen, Tageseinrichtungen für Kinder…Deshalb: Kompliment für Projekte wie „Sterben macht Schule“ (Hospiz Pusteblume) und für diesen Blog!

7. Ihr Beitrag zu unserer Sammlung „100 Songs übers Sterben“. Johann Sebastian Bach: „Bist du bei mir“ aus dem Notenbüchlein für Anna Magdalena Bach.

8. Und sonst noch? Die letzten Tage und Nächte am Sterbebett meiner Mutter im Appartement des Altenstifts gehören zu den intensivsten und schönsten meines Lebens: Auszeit, Klosterurlaub, tiefe Begegnung, Meditation und die Vögel am Morgen… Es entgeht uns Entscheidendes, wenn wir keine Zeit mehr zum Innehalten finden!


 

Braunschweig, im Mai 2016, für die Neuerkeröder Blätter

„Letztendlich kommt es immer auf die Begegnung an

Oberkirchenrätin a. D. Cornelia Coenen-Marx spricht über Herausforderungen und Chancen von Gemeinschaften in Diakonischen Einrichtungen.

Das Interview führte Katharina Heinemeier

1.Mit welchen Wünschen kommen Diakonische Einrichtungen zu Ihnen und was raten Sie ihnen?

Wir haben die Sozialwirtschaft wie einen Industriezweig entwickelt: Wir wollen effektiv sein. Ganz offensichtlich sind wir aber an einem gesellschaftlichen Bruch und wir spüren, dass es noch was anderes geben muss: Wir brauchen Achtsamkeit. Hier setzen die Fragen und Wünsche der Diakonischen Einrichtungen an. Der Clou wird sein, zu gucken, wie man im Rahmen sozialwirtschaftlicher Aufgaben, zum Beispiel in Verbindung zwischen professionellen und ehrenamtlichen Mitarbeitern, Freiräume für Achtsamkeit schaffen kann. Denn Zeitknappheit ist die größte Not in den Einrichtungen. Sie wird als besonders groß empfunden, weil sie auf die Motivation der Mitarbeitenden drückt. Weil man keine Beziehung mehr zu den Menschen herstellen kann. Es kommt in der Unternehmenskultur darauf an, daran zu arbeiten, dass Mitarbeitende die kleinen Freiräume, die es durchaus gibt, nutzen können und sich nicht erdrücken lassen, von dem Gefühl „ich komme hier nicht mehr vor“.

2. Welchen Stellenwert haben kleine Gemeinschaften in großen sozialen Unternehmen?

Ich versuche das mal etwas aufzufächern: Wir haben einmal die alten Traditionsgemeinschaften, die sich nicht mehr erneuern. Wo beispielsweise die jüngsten Diakonissen um die 50 Jahre alt sind, aber danach kommt niemand mehr nach. Diese Gemeinschaften sind so etwas wie die Hüter der Tradition. Das zweite sind Diakonische Gemeinschaften, die schon vor 30 oder 40 Jahren aus der gesamten Mitarbeiterschaft entwickelt wurden. Meist geben sie ihren Mitgliedern einen Raum, ohne viele Ansprüche, wo man sich einfach begegnen, auftanken, sich austauschen kann. Das Problem daran ist, dass diese Gemeinschaften oft zwar den eigenen Zirkel pflegen und den dort verbundenen Leuten gut tun, aber nicht mehr unbedingt Ausstrahlung in das Unternehmen haben. Ich finde es aber einen ganz wichtigen Aspekt, dass Gemeinschaften nicht nur „interne“ Wohlfühl-Inseln bilden, sondern auch schauen, was brauchen andere Menschen, um sich wohl zu fühlen. Dies gelingt besonders gut, wenn Gemeinschaften Brücken schlagen- ins Unternehmen und nach außen. Und beispielsweise die Mitarbeitenden in einem Unternehmen noch einmal ansprechen, um aktiv zu werden für Migrations-/Flüchtlingsarbeit oder ökumenische Projekte. Da sehe ich die Zukunft.

 

3. Was können diese Gemeinschaften innerhalb eines Unternehmens erreichen?

Gemeinschaften können so etwas wie ein Qualitätszirkel sein, indem sie sich ganz systematisch die Prozesse anschauen: Wo sind die offenen Fragen, die nicht sozialwirtschaftlich beantwortet werden? Nehmen wir mal die spirituelle Dimension, beispielsweise in der Seelsorge. Wie können wir in der Pflege auf diese Dimension achten oder was passiert, wenn ein Mitarbeiter im Unternehmen anfängt, wenn er aufhört? Wie bringen wir den Mitarbeitenden bei Einführungstagen oder Seminaren unsere Unternehmenskultur nahe? Lassen wir sie überhaupt ahnen, wo sie angekommen sind? Das wären aus meiner Sicht solche Fragen, die die Gemeinschaft angehen kann.

4. Die Diakonissen des Marienstiftes haben das Leben und die Arbeit über viele Jahre geprägt und eine Art Gründergeist mitgebracht. Welche Chancen sehen Sie darin, um das diakonische Profil auch in Zukunft zu bewahren?

Wir haben in Kaiserswerth über ganz lange Zeit in unseren Einführungsveranstaltungen, die alle Vierteljahr für alle neu hinzugekommenen Mitarbeitenden stattfanden, ein Gespräch mit einer Diakonisse integriert. Das trifft auf eine Sehnsucht und hilft zugleich bei der Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit. Denn jeder der heutigen Mitarbeitenden würde sich wünschen, mit mehr Zeit am Sterbebett zu sitzen, oder in einem Arbeitsrhythmus zu leben, wo auch das gemeinsame Essen Teil der Arbeit ist oder die Andacht am Mittag. Jeder weiß aber, dass dies in der heutigen Realität nicht umsetzbar ist. Wenn die Diakonissen erzählen, ruft dies einerseits bei den Zuhörern Sehnsucht hervor, andererseits möchte diesen Dienst aber auch niemand mehr leisten- denn zu Hause wartet ein Privatleben, oft Familie. Dann kommen die Überlegungen: Wie kann ich denn unter meinen heutigen Rahmenbedingungen solche Inseln schaffen? Das war immer der Höhepunkt dieser Willkommensveranstaltung. Ich kann das nur empfehlen – letztendlich kommt es immer auf die Begegnung an.

 

5. Welche Rolle spielen die Mitarbeitenden in diakonischen Einrichtungen?

Meine Erfahrung ist, dass der große Teil der Mitarbeitenden nicht kommt, weil es sich um ein christliches Haus handelt, sondern weil es ein Arbeitsplatz in der Sozial- und Gesundheitsbranche ist. Wir gestalten hier also gemeinsam Gesundheits- und Sozialwesen und es gibt christliche, muslimische, humanistische Motive.

Und dann gibt es Situationen, an denen man sich den ethischen Fragen stellen muss: Wie gehe ich um mit Frühgeborenen, mit Spätabtragungen, mit Patienten am Krankenbett? Hier ist meine Erfahrung aus Ethikzirkeln, wie wesentlich es ist, dass die unterschiedlichen Zugänge gehört werden. Wenn dabei auch die Tradition als eine lebendige Stimme der Erfahrung wahrgenommen wird, dann respektieren Mitarbeitende dies und empfinden es als einen Gewinn für das Unternehmen. Die Vehikel, über die so etwas läuft, sind Feste, Kirchenjahrrituale, die Unternehmensleitbildentwicklung, Qualitäts- und Ethikzirkel, in die die diakonische Tradition lebendig einfließen muss, damit sie nicht nur als Forderung des Trägers wahrgenommen wird. Bei allen Mitarbeitenden sollte das Gefühl geweckt werden: „Hier bin ich gut aufgehoben, mit dem was meine innere Motivation ist“.


Zum Thema Grenzen- handrianswall_Schottland

Die Seele des Sozialen

Bewusstseinswandel von Unternehmen und Gesellschaft in Zeiten der Demografie und Globalisierung

Interview mit Elisabeth Porzner-Reuschel zur Consozial 2014

Weit mehr als ein Jahrhundert ist vergangen seit die Diakonie gegründet wurde und Otto von Bismarck die Sozialgesetzgebung ins Leben gerufen hat. Seitdem hat sich der Sozialstaat kontinuierlich weiter entwickelt und war bis in die Zeiten des Wohlfahrtstaats erstaunlich stabil. In Folge des demografischen Wandels und der Globalisierung ändert sich dies jedoch seit Mitte der 80er Jahre mit der Wende, der europäischen Entwicklung und der Finanzkrise spürbar.

„In Zeiten, in denen die Staatsverschuldung hoch und Pflege nicht mehr nur eine Dienstleistung sein kann, ist zu überlegen, wie die Dinge neu zu ordnen sind“, so Oberkirchenrätin Cornelia Coenen-Marx, Evangelische Kirche in Deutschland Referentin. „Denn: Die soziale Arbeit hat sich von einer auf Aufopferung setzenden Dienstgemeinschaft zu einem auch nach unternehmerischen Kriterien geführten Dienstleister mit selbstbewussten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aus verschiedenen sozialen Kontexten entwickelt.“ Die Oberkirchenrätin: „Unter den knappen Rahmenbedingungen fordern die Umbrüche in der Pflege und bei der Inklusion ein völlig anderes Justieren .

„Um zu begreifen, was das bedeutet, müssen wir erst einmal feststellen, was die Ursprungsenergien der Diakonie waren und wie wir diese heute an anderer Stelle einbinden wollen. Es geht um Gemeinschaft, Spiritualität und ehrenamtliches Engagement. „Sicherlich sind Kirche und Staat gefordert, doch auch unsere Gesellschaft braucht ein neues Bewusstsein“, ist die Referentin überzeugt. „Wir werden wieder einen fürsorglicheren Umgang entwickeln müssen.“ Ehrenamtliches Engagement sei hier genauso gefragt wie Toleranz bei Konflikten, die dort entstehen, wo Menschen unterschiedlicher Herkunft und Kultur zusammenarbeiten.

Eine Tatsache wird bei diesen Veränderungen sicher helfen: Offensichtlich sehnen sich die Menschen gerade wieder nach diesen Werten. Cornelia Coenen-Marx stellt fest: „Viele haben einen deutlichen Wunsch nach Gemeinschaft, einem aktiven Miteinander und gegenseitiger Unterstützung. Auch der Wunsch nach spirituellen Erfahrungen hat zugenommen. Klöster werden wieder häufiger besucht, und auch im Westen erfreut sich der Buddhismus immer größerer Beliebtheit.“

Was bleibt: Es wird dennoch einer gewaltigen Überzeugungsarbeit und Kraft bedürfen, um diese Änderungen auf allen Ebenen zu initiieren – in der Unternehmensführung wie in Nachbarschaftsinitiativen. Cornelia Coenen-Marx: „Letztlich gehört auch Mut dazu, sich an diese Umstrukturierungen und Innovationen zu wagen! Wer es tut, wird aber auch neue Energien spüren!“